27. September 2016

'Schatten über Nicaragua' von Eddy Zack

Abenteuer in der Karibik - mit autobiografischen Farbtupfern.

Die kubanische Revolution hat Lateinamerika verändert. Fidel Castro und Che Guevara sind zu Volkshelden geworden. In ganz Mittel- und Südamerika kommt es zu kleineren und größeren Auseinandersetzungen, die Kuba zum Vorbild haben.

1961. Das Frachtschiff M/S Santa Cruz ist auf dem Weg nach Mittelamerika. Eric, Matrose, will in Nicaragua bleiben. Seit drei Jahren fährt er auf der Santa Cruz und ist regelmäßig in Corinto, einem Hafen an der Pazifikküste. In Corinto hat er Marta kennengelernt, eine Prostituierte aus dem Bordell Paraíso. Alle 2 – 3 Monate ist er für einige Tage bei Marta und beim letzten Treffen haben sie beschlossen, dass Eric in Nicaragua bleiben wird.

Als die Santa Cruz den Hafen von Corinto erreicht, ist gerade eine Revolution ausgebrochen. Eric und Marta geraten zwischen die Fronten.

Gleich lesen:
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Leseprobe:
Die M/S Santa Cruz dümpelte im schwachen Wellengang. Der Wind stand günstig, hielt das Schiff vier bis fünf Meter von der Pier entfernt. Zusätzlich hatte die Decksmannschaft Fender ausgebracht, sollte der Wind unerwartet drehen. Normalerweise liegen Schiffe höchstens einen Meter von der Pier entfernt.
Es war gegen vier Uhr morgens, beinahe Vollmond. Die Nacht war heller, als ein verregneter Oktobertag in Deutschland.
»Scheiße! Gestern um diese Zeit war es bedeckt. Ausgerechnet heute muss es so hell sein. Ist auf unserem Pott was zu sehen?«
»Totenstille. Die liegen bestimmt hinter der Bordwand in Deckung.«
Eric sah zu Marta. Trotz der gefährlichen Situation musste er grinsen. Sie sah komisch aus in ihrem blauen Overall. Er war ihr viel zu groß und um die Hüften hatte sie einen dicken Strick gebunden. Ihre langen Haare hatte sie unter einer Baseball Mütze versteckt.
»Auf der Brücke kann ich dunkle Schatten erkennen«, murmelte Charly.
»Der Alte geht auf Nummer sicher. Sie haben nicht alle Leinen draußen.«
»Logisch«, sagte Jan. Logisch war sein Lieblingswort. Damit beschrieb er alles, auch unlogische Situationen. Eric hatte mal zu ihm gesagt – wenn du irgendwann in die feuchte Grube fährst, sagst du auch nur – logisch.
»Okay, wir müssen los. Ist beim Schuppen am Ende der Pier was zu sehen?«
»Nein, nichts.«
Das Schiff hatte ganz am Ende der Pier nur mit den Vorleinen festgemacht. Der Käpt’n rechnete offenbar damit, unter Beschuss zu geraten. Sie würden dann die Leinen über Bord werfen müssen. Der Wellblechschuppen am Ende der Pier war so groß wie eine Garage. Im normalen Hafenbetrieb verwahrten die Schauerleute darin Werkzeuge und ihren Schnaps. Seit Revoluzzer das Kommando übernommen hatten, war nichts mehr normal. Revolution war ein großes Wort für das, was sich gerade im westlichen Teil Nicaraguas, der Provinz Chinandega abspielte. Etwa 100 Revolutionäre mit mehr Schnaps als Munition im Gepäck, hatten die rund 500 Regierungssoldaten aus der Provinz vertrieben und eine neue Republik ausgerufen. Revolutionen dieser Art gab es in Nicaragua alle paar Monate. Nicht nur in Nicaragua, in so ziemlich allen Ländern Mittel- und Südamerikas. Oft war es nur eine unter dem Deckmäntelchen Revolution verborgene Plünderung der Zivilbevölkerung. Die kubanische Revolution war ansteckend. Fidel Castro und Che Guevara waren zu den Leitbildern Mittelamerikas aufgestiegen, gleichzeitig zum Albtraum der USA.
Eric legte schützend einen Arm um Martas Schultern. Sie sah ängstlich zu ihm auf und drängte sich an ihn. Sie hatte auch allen Grund zur Angst. Sie verließ das Land illegal und die Maskerade mit dem Overall war notwendig, damit sie wenigstens die ersten Stunden an Bord überstanden, bevor jemand dahinterkam, dass sie kein Mann, kein Besatzungsmitglied war, sondern eine Frau. Waren sie auf hoher See – nun ja, kommt Zeit kommt Rat, wie man so sagt. Was sollte der Alte groß machen. Etwa wieder zurück in das von Krisen geschüttelte Land in einen Hafen, wo geschossen wurde? Bestimmt nicht. Dazu kam der Zeitverlust. Das war eine einfache Rechnung. Angenommen drei Stunden nach dem Ablegen auf hoher See findet man einen blinden Passagier. Dann drei Stunden zurück, Theater mit den örtlichen Behörden, die es in Corinto nicht mehr gab, und dann drei Stunden wieder zurück bis zur alten Position. Den Zeitverlust konnte man in Mark und Pfennig ausdrücken und das machte kein Kapitän freiwillig. Natürlich würde er toben wie ein wild gewordener Stier. Man verhielt sich dann, wie bei Schlechtwetter – suchte sich ein trockenes Plätzchen und wartete ab.
»Los jetzt«, sagte Roberto, den alle nur Robbi nannten. »Schlagen wir hier keine Wurzeln. Der Alte wartet nicht ewig. Sie haben die Gangway auf halber Höhe hängen. Sie erwarten uns. Gib Lichtzeichen, Charly.«
Charly drückte auf seine Taschenlampe. Kurz – lang, kurz – lang. Das internationale Anrufzeichen. Eine Weile passierte nichts, dann blinkte es von der Brücke der Santa Cruz einmal kurz zurück.
»Let’s go.«
Langsam setzten sie sich in Bewegung, Eric und Marta nebeneinander. Charly vorne weg, Robbi und Jan bildeten die Nachhut. Jan schwieg wie üblich. Der große Schweiger, so nannten sie ihn. Robbi redete auch wenig. In gefährlichen Situationen, wenn es darauf ankam, sprachen sie Englisch mit ihm. Sein Deutsch war lückenhaft, er war Brasilianer. Charly war ein großes Quatschmaul. Wenn von irgendwelchen verlausten Puffs zwischen Rio de Janeiro und Schanghai die Rede war, geriet er schnell ins Schwärmen und bestritt die Unterhaltung alleine. Erzählte von seinen erotischen Abenteuern, beschrieb ausführlich Titten und Ärsche der Mädchen und ihre sexuellen Fertigkeiten.
Marta sagte nichts und das war gut. Sie sprach nur Spanisch und jeder hätte sie sofort als Einheimische erkannt. Die vier Männer waren so gekleidet, wie sie vor Wochen an Land gegangen waren. Kaki-Hosen, bunte Hemden. Inzwischen sahen sie ziemlich abgerissen und verdreckt aus. Jeder trug ein in Packpapier gewickeltes Päckchen unter dem Arm.
Sie traten aus dem Schatten der Uferböschung und gingen im hellen Licht der Sterne über die schmale Pier auf die M/S Santa Cruz zu.
»Verdammte Scheiße«, sagte Charly. »Ausgerechnet heute muss Vollmond sein. Man könnte Zeitung lesen.«
»Du kannst überhaupt nicht lesen«, sagte Robbi.
»Du hast es gut, Nigger«, sagte Charly. »Dich kann man nicht so gut sehen.«
Robbi war kohlschwarz. Die Bezeichnung Nigger war in ihrem bordinternen Sprachgebrauch kein Schimpfwort. Er revanchierte sich meistens mit: »Rotärschiger Gringo.«
Sie hatten sich oft genug gegenseitig den Hintern gerettet und jeder wusste, wie es gemeint war.

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Mehr über und von Eddy Zack auf seiner Website.



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