4. Oktober 2016

'Das Attentat: Die Akte Perm' von Detlev Crusius

Am 14. September 2008, dem Geburtstag des russischen Präsidenten Medwedew, stürzt in unmittelbarer Nähe der Stadt Perm am Ural ein Flugzeug der Aeroflot-Nord ab. Bereits am Tag nach dem Absturz ranken sich wilde Gerüchte um das Unglück. Hat die Technik versagt, waren die Piloten betrunken und übermüdet? Hatten tschetschenische Terroristen die Boeing entführt und der Absturz war in Wahrheit ein gezielter Abschuss der russischen Luftwaffe?

Nach einer wahren Begebenheit ...

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Leseprobe:
Die Stadt
Perm hat knapp eine Million Einwohner. Die Stadt, ihre Bewohner bezeichnen sie gerne als die östlichste Großstadt Europas, hat fünf Vororte. Sakamsk mit etwa zweihundertfünfzigtausend Einwohnern ist der größte davon und eine kleine Stadt. Sakamsk liegt direkt an der Kama und am gegenüber liegenden Ufer sieht man den Flughafen Bolschoje Sawino. Die Kama ist an dieser Stelle je nach Jahreszeit zweieinhalb Kilometer breit und mündet in die fünfhundert Kilometer entfernte Wolga. Geht man den Fluss abwärts, erkennt man durch den Dunst die Schornsteine, Öfen und Rohrleitungen der Nizhny Refinery, eine Raffinerie gigantischen Ausmaßes. Der Baubeginn war 1958 und seitdem wird ständig erweitert. 1991, dem Jahr des Zusammenbruchs der Sowjetunion und der Geburtsstunde der russischen Oligarchie, ging sie in Privatbesitz über und wurde in Luk Oil AG umbenannt.
Das beim Produktionsprozess anfallende Gas fackelte man früher ab und die lodernden Flammen waren für die Bewohner das weithin sichtbare Zeichen, dass es dem Oblast Perm und der Stadt wirtschaftlich gut ging. Heute wird das Gas zur Erzeugung von Fernwärme verwendet. Gut ging es der Region auch immer deshalb, weil Moskau weit weg war. Die von Moskau entfernter liegenden Regionen Russlands haben sich traditionell ein hohes Maß an Eigenständigkeit bewahrt. Während der Zarenzeit sagten die Sibirier - der Himmel ist hoch und der Zar ist weit. Das sagen sie heute noch, obwohl der Zar inzwischen anders genannt wird.
Das Denkmal auf dem Oktober-Platz mitten in Perm zeigt auch einen Zaren der Vergangenheit - Lenin.
Zur Sowjetzeit wurden im Oblast viele Rüstungsbetriebe errichtet, die auch heute noch Vollbeschäftigung garantieren. Munition und Raketentreibstoff werden produziert, Raketen für Baikonur und die Armee, eine Panzerfabrik gibt es und das, was unter einigen mächtigen Erdhügeln geschieht, kommentieren die Bewohner Perms nur hinter vorgehaltener Hand. Man munkelt von chemischen und bakteriologischen Waffen. Nicht ohne Grund war Perm und die Region um Perm zur Zeit des Kalten Krieges verbotene Zone. Eine beliebte Legende sagt, man habe zu Sowjetzeiten die Existenz der Stadt zwar nicht verleugnet. Auf sämtlichen Landkarten soll Perm aber weit abseits seiner tatsächlichen geografischen Lage verzeichnet gewesen sein.

Der Absturz
Der Name des Chefpiloten auf dem Flug der Boeing 737-500 von Moskau nach Perm war Rodion Medwedew. Seine Freunde zogen ihn manchmal mit seinem Namen auf, sagten Herr Präsident zu ihm. Sein Kopilot hing zusammengesackt in den Sitzgurten. Daneben, eingeklemmt zwischen Pilotensitz und Fenster, hing mit dem Kopf nach unten Paulina, eine Stewardess. Auf ihrer rotblauen Bluse hatte sich ein Blutfleck gebildet, der immer größer wurde. Ihr Herz pumpte noch und Blut quoll rhythmisch mit jedem der immer langsamer werdenden Herzschläge aus dem Einschussloch.
Es war ein ungewöhnlich ruhiger Flug gewesen. Es hatte keine Betrunkenen gegeben und auch mit dem Essen schienen alle zufrieden zu sein. Alkohol ist an Bord oft ein Problem, denn auf Reiseflughöhe herrscht in der Kabine ein Druck, der etwa einer Höhe von zweitausend Metern entspricht. Viele Fluggäste wissen nicht, dass Alkohol in dieser Höhe viel schneller wirkt, als am Boden.
Vor einer halben Stunde hatten Terroristen das Kommando übernommen, und während der ersten Minuten den Chefsteward erschossen. Das geschah im hinteren Teil der Kabine, in der Pilotenkanzel hatte man das nicht bemerkt. Dann hatten zwei der Terroristen die Kanzel gestürmt. Der Mann hinter Rodion hatte mit ruhiger Stimme gesagt: »Wir haben gerade den Steward erschossen. Und jetzt ganz ruhig bleiben, Brüderchen.«
Es war eine demonstrative Hinrichtung.
Sofort danach hatten sie die wie gelähmt in ihren Gurten hängenden Passagiere mit Kabelbindern gefesselt und die Reisepässe eingesammelt. Der Mann, der Rodion die kalte Mündung seiner Pistole ins Genick drückte, sagte das alles in einer sehr ruhigen Art, so als lese er die Wetteraussichten der nächsten Tage vor.
Er war in der Pilotenkanzel geblieben und hatte Rodion, den Co-Piloten und Paulina weiter mit vorgehaltener Waffe bedroht. Etwa zehn Minuten nachdem sie den Steward erschossen hatten, kam einer der Entführer in die Kanzel und sie flüsterten in einer fremden Sprache. Daraufhin drückte der Mann dem Co-Piloten die Pistole ins Genick und drückte ab. Eine Wolke feiner Blutblasen spritzte aus seinem Mund über die Instrumente. Die Stewardess drehte sich zur Wand, presste die Fäuste vor die Augen und schrie hysterisch. Der Mann schoss ihr in den Rücken, und sie stürzte zwischen Bordwand und Sitz des Co-Piloten und blieb dort eingeklemmt hängen.
Alles ging ganz selbstverständlich vor sich, ohne jede Hektik. Der Mann hinter Rodion handelte, als sei er in seinem Leben nie einer anderen Tätigkeit nachgegangen, als Flugzeuge zu entführen und Menschen aus nächster Nähe in den Kopf zu schießen.
Die Entführer verwendeten offenbar Spezialmunition mit geringer Durchschlagskraft. Diese Projektile töten, durchschlagen aber nicht den Körper und beschädigen womöglich die Bordwand.
Einige Male kam einer der Entführer aus der Kabine und flüsterte mit dem Mann hinter Rodion, der offenbar das Kommando hatte. Die Männer trugen keine Masken, machten keinen Versuch, ihre Gesichter zu verbergen und Rodion wusste, was das zu bedeuten hatte.
Als sie sich dem Kontrollbereich des Flughafens von Perm näherten, sagte er: »Brüderchen, wir ändern gleich den Kurs. Tue einfach, was ich dir sage.«
Einige Minuten später nannte er Rodion den neuen Kurs und folgsam drehte der das Rad der Steuerung und die Maschine kippte leicht zur Seite. »So ist es gut, Brüderchen. Jetzt weiter mit dem neuen Kurs.«
Nur wenige Minuten später tauchten rechts und links direkt neben der Pilotenkanzel zwei Abfangjäger der russischen Luftwaffe auf. Sie flogen so dicht neben der Boeing, dass Rodion die Gesichter der Piloten erkennen konnte. Der Terrorist hatte das Funkgerät abschalten lassen, und Rodion hatte weder zum Tower noch zu den beiden Kampfpiloten Funkverbindung. Der Pilot der MiG auf der Steuerbordseite winkte und gab ihm Zeichen mit der Hand, deutete mit dem Daumen nach unten. Rodion sollte zurück zum Flughafen fliegen und dort landen, signalisierte er damit.
Rodion nahm die rechte Hand vom Steuerrad, machte eine Handbewegung zu ihm, wollte nur sein Bedauern ausdrücken, dass er der Anweisung nicht folgen konnte. Der Terrorist hieb ihm den Pistolenlauf seitlich auf das Ohr, nicht so stark, dass er die Kontrolle über die Maschine verloren hätte, nur schmerzhaft.
»Brüderchen, lass den Blödsinn. Kurs halten«, sagte er. Er sprach mit südrussischem Akzent.
Rechts sah Rodion die näher kommenden Hochhäuser von Perm. Der neue Kurs führte in Richtung des Industriegebietes, sehr dicht an den Häusern vorbei.
Die beiden MiGs drehten ab. Nur Sekunden später flog wieder eine MiG schräg hinter ihnen und Rodion sah einen Feuerstrahl, dann einen zweiten. Auch die zweite MiG war jetzt wieder links von ihnen, und Rodion sah mehrere Raketen.
Das Licht im Cockpit erlosch. Rodion spürte einen heftigen Schlag und die Boeing schüttelte sich. Ergeben ließ er den Steuerknüppel los und lehnte sich zurück. Die Instrumente vor ihm flackerten einen Moment wild und erloschen dann. Schwerfällig kippte die Maschine zur Seite und Rodion sah Hochhäuser, Felder und Bäume auf sich zustürzen. Er dachte an seine Tochter, die gerade zwei Wochen alt war. Er war bei der Geburt dabei gewesen und hatte sie eine Stunde nach der Geburt mit seinem Handy fotografiert. Wie gerne hätte er das Handy hervorgezogen und das Bild betrachtet. Dann war nur noch eine grelle Warnsirene, die Kabinentür flog auf und eine Wand aus Flammen fegte durch die Kanzel.

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Mehr über und von Detlev Crusius auf seiner Website.



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