10. Oktober 2016

'Das Geheimnis des Nordsterns' von Karin Seemayer

Ein Mann zwischen Pflicht und Gefühl.
Eine Frau, die ihren Weg sucht.
Eine Liebe über alle Grenzen.

Sommer 1904. In dem Seemann Peer Svensson hat die gefeierte Opernsängerin Sarah ihre große Liebe gefunden. Nun steht ihre gemeinsame Zukunft in San Francisco auf unsicherem Boden. Denn Peer zieht es aufs Meer, ins heimatliche Schweden - und er kehrt nicht wieder. Nur mühsam findet Sarah in ihr altes Leben in den feinen Kreisen der Gesellschaft zurück, bis ein Erdbeben die Stadt in Schutt und Asche legt. Hals über Kopf folgt sie dem Nordstern, dem Symbol ihrer Liebe, und macht sich auf den Weg in das beschauliche Mollösund. In dem alten Fischerdorf will sie Peer finden und die Wahrheit über sein Verschwinden ans Licht bringen - nicht ahnend, dass ein unheilvolles Familiengeheimnis seine dunklen Schatten vorauswirft …

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Leseprobe:
San Francisco, April 1905
Das Publikum stand. Rhythmisches Klatschen füllte den Saal der Grand Opera.
Sarah verneigte sich und lächelte in den dunklen Zuschauerraum. Irgendwo dort unten saß ihre Tochter Anne, aber sie konnte keine Gesichter erkennen. Neben ihr drehte und wendete sich ihr Partner, der Tenor Renato Russo, der die Rolle des Caravadossi gesungen hatte.
Was für ein eitler Fant er doch war. Es fehlte nur, dass er Handküsse in den Zuschauerraum warf. Prompt trat er einen Schritt vor, hob beide Hände an die Lippen, breitete sie aus und verzog seinen Mund zu jenem Lächeln, das ihm den Ruf als Herzensbrecher eingebracht hatte. Das kollektive Seufzen der Damen zog durch den Saal.
Was sie wohl sagen würden, wenn sie wüssten, dass Renato Russos bürgerlicher Name Jack Tuttle war und er eine Frau und zwei Kinder hatte?
Aber darin stand sie ihm in nichts nach. Auch sie trennte das Leben, das sie als Operndiva Emilia Rossi führte, streng von der Privatperson Sarah Tanner. Es war ein Zugeständnis an die Familie ihres verstorbenen Mannes. Undenkbar für die Witwe des Eisenbahnbarons Arthur Tanner, sich auf einer Bühne zu zeigen, selbst wenn es die der Grand Opera war.
Der Vorhang fiel und hob sich kurz darauf ein viertes Mal. Sarah strahlte Renato an, er verbeugte sich vor ihr, ergriff ihre Hand und hauchte einen Kuss darauf. Das Publikum begann zu trampeln. Es glaubte ihnen das Liebespaar, und wahrscheinlich würde die Presse wieder Vermutungen darüber anstellen, ob sie auch in Wirklichkeit ein Paar waren.
„Das war nicht schlecht, Liebste, vielleicht ein bisschen zu schrill in den Höhen“, raunte er ihr zu, als er sich wieder aufrichtete.
Sarah schluckte. So ein Mistkerl. Doch das konnte sie ebenfalls. „Ja, an deinen Höhen musst du wirklich noch arbeiten“, gab sie zuckersüß zurück.
Seine Miene gefror, er warf ihr einen mörderischen Blick zu. Sarah verwandelte das Grinsen in ihrem Gesicht in ein Lächeln. Viel lieber hätte sie die Tosca mit David Cameron gesungen, aber die Theaterleitung wollte sichergehen und hatte den Caravadossi mit Russo besetzt. Seine Auftritte garantierten einen Erfolg, zumindest bei den Damen, während man bei ihr nicht wusste, wie das Publikum ihren ersten Auftritt nach über einem Jahr Abwesenheit von der Bühne aufnehmen würde.
Russo führte Sarah nach vorn zum Rand der Bühne. Gemeinsam verneigten sie sich. Schließlich traten sie zurück, und der Vorhang senkte sich zum letzten Mal. Immer noch klatschten die Leute.
Die Premiere war ein Erfolg, soviel war sicher. Wie viel davon auf sie zurückzuführen war und wie viel auf ihren Partner, darüber würden sich die Kritiker und die Presse auslassen. Immerhin hatte sie für Vissi dʼarte Szenenapplaus bekommen.
Es war das erste Mal, dass sie die Arie wieder für die Öffentlichkeit gesungen hatte, seit ihrem Schiffbruch und dem daraus folgenden viermonatigen Zwangsaufenthalt auf dem Robbenschoner Victory.
Sie hatte sich vorgestellt, Peer säße unter den Zuschauern. Vor einem Jahr, auf eben jenem Robbenfänger, hatte sie die Arie für ihn gesungen. Damals hatte sie zum ersten Mal wirklich begriffen, wie Floria Tosca gefühlt hatte, als sie mit ansehen musste, wie man ihren Geliebten folterte.
Peer war nicht ihr Geliebter gewesen, als der Steuermann ihn vor ihren Augen halbtot geprügelt hatte.
Noch nicht.
Am nächsten Morgen stand ein riesiger Kamelienstrauß auf dem Tisch in ihrem Salon. Sarah verdrehte die Augen. Ausgerechnet Kamelien, wie originell. Die konnten nur von Horatio Stoll, dem Direktor der Grand Opera kommen. Die dazugehörige Karte bestätigte ihre Vermutung. „Großartige Leistung, liebste Emilia! Die Kritiker überschlagen sich vor Begeisterung.“
Neben der Vase lagen die neuesten Ausgaben des San Francisco Calls und des Examiners.
„Emilia Rossi ist wieder da. Die gefühlvollste Tosca, die es je gab“, lautete die Schlagzeile des Calls. Auch der Examiner lobte ihren Auftritt und erging sich, wie erwartet, in Spekulationen über sie und Renato Russo.
Vielleicht ist die Liebe die Ursache für das gefühlvolle Spiel der schönen Emilia?
Schon länger wird vermutet, dass es mehr als nur die Leidenschaft für die Musik und die gemeinsame Arbeit ist, was die dunkelhaarige Diva und den glutäugigen, gut aussehenden Tenor verbindet. Kenner der Grand Opera erinnern sich noch an den großartigen Auftritt der beiden in La Traviata, kurz vor dem geheimnisvollen Verschwinden von Emilia „La Rossi“ für mehrere Monate.
Bei dem gestrigen Auftritt spielten sie das Liebespaar mehr als überzeugend. Emilias Eifersuchtsausbruch im ersten Akt war hinreißend, und ihre Interpretation der Vissi dʼarte rührte das Publikum zu Tränen, ebenso wie Russo mit der wundervollen Arie E lucean le stelle …
In diesem Stil ging es über eine ganze Seite, garniert mit einer Zeichnung von ihr und Russo in enger Umarmung.
Sarah verdrehte die Augen. Typisch für den Examiner.
Nichtsdestotrotz: Sie hatte es geschafft! Sie hatte bewiesen, dass sie wieder eine große Rolle singen konnte.
Sie legte die Zeitungen zurück und griff nach der Post. Eine Einladung zum Barbecue bei ihrer Tante Alice, ein Brief von ihrem Onkel.
Keine Nachricht von Peer.
Seit fünf Monaten war er nun fort. Seine Briefe waren immer unregelmäßig gekommen, unterwegs geschrieben und von den Häfen auf seinem Weg nach Hause abgeschickt.
Die letzte Nachricht hatte sie aus Rio de Janeiro erreicht. Sein Schiff, die Emma Rodge, hatte Kap Hoorn bei gutem Wetter in Rekordzeit umrundet. Es ging ihm gut, aber sie fehlte ihm.
Sie vermisste ihn ebenfalls.
Sein Gesicht verblasste zunehmend in ihrer Erinnerung.
Oh, sie erinnerte sich an Details. An seine Augen, die grün waren wie der Pazifik vor San Francisco, an den leichten Aufwärtsschwung seiner Mundwinkel, an die energische Linie seines Kinns, doch diese Einzelheiten fügten sich immer schwieriger zu einem Gesamtbild zusammen.
Irgendwann würde sie sein Gesicht nicht mehr herauf beschwören können.
Dafür waren andere Erinnerungen umso lebendiger. Seine Stimme, dunkel, weich, ein klein wenig heiser. Sein Geruch nach Salz und Meer und frischem Holz, das in der Sonne trocknete. Das Gefühl von Sicherheit, wenn er sie umarmte.
Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihre Gedanken.
„Mr David Cameron“, meldete Emily, ihr Hausmädchen, und dann stürmte er auch schon in ihren Salon. Seine Erscheinung beherrschte sofort den Raum. Groß war er, sein Brustkorb gewaltig, und sein Bauchumfang stand dem nur wenig nach. Er sah aus wie ein veritabler Bass, tatsächlich aber war er der talentierteste Heldentenor, den das Grand Opera House je gesehen hatte. Und nicht nur das. Dave war ihr bester Freund, ihr schärfster Kritiker, ihr Mentor, und dies seit ihren ersten Auftritten am Grand Opera House.
„Hast du die Kritiken gelesen? Ich sagte doch, du warst gut!“ Er schloss sie in die Arme und küsste sie rechts und links auf die Wangen.
„Renato meinte, ich sei in den Höhen zu schrill gewesen.“
„Ein wenig, aber das macht nichts. Dafür hattest du wesentlich mehr Ausdruck als früher, da fallen kleine Fehler nicht auf. Im Übrigen führe ich das auf deine Nervosität zurück. Morgen wird es besser sein.“
„Ach Dave, ich liebe dich.“
Er ließ sie los und musterte sie mit schief gelegtem Kopf. „Hast du wegen der Bemerkung von Russo die Premierenfeier so früh verlassen?“
„Nein, ich war müde.“
Sie log. Müdigkeit war es nicht gewesen, sondern Überdruss. Das Gerede und die geheuchelten Glückwünsche ihrer Kollegen waren ihr auf die Nerven gegangen. Wie oft hatte sie an diesem Abend „Ich freue mich ja so für dich“ von Leuten gehört, die sich nichts sehnlicher gewünscht hatten, als sie versagen zu sehen. Nicht, dass so etwas neu für sie war. Neid gehörte zum Theater wie die Schminke, die Perücken und die Kostüme. Der Neid der Kollegen war ein Beweis für Erfolg.
Sie hatte es auf die Anspannung vor der Premiere geschoben, dass sie sich nicht wirklich freuen konnte. Doch das Gefühl der Leere wollte auch jetzt nicht weichen. Der Erfolg schmeckte schal wie abgestandener Champagner. Vorsichtig ließ Dave sich auf einen Stuhl sinken und zog sie auf seinen Schoß.
„Er fehlt dir immer noch, nicht wahr?“
Sie lehnte sich an ihn. „Mehr denn je. Es wird immer schlimmer statt besser.“
„Schade, dass ich ihn nicht kennengelernt habe.“
David war für ein halbes Jahr in Europa auf Tournee gewesen. Er hatte sogar in der Mailänder Scala gesungen, etwas, worum Sarah ihn glühend beneidete.
„Ich glaube, er würde dir gefallen.“
Mit Sicherheit hätte er Peer gemocht. Ob es umgekehrt der Fall gewesen wäre? Sie bezweifelte es. Dave gehörte zu den Männern, die sich nicht für Frauen interessierten. Natürlich durfte das niemals an die Öffentlichkeit dringen. Nicht zuletzt deshalb zeigte sie sich oft mit ihm und widersprach nicht, wenn Gerüchte aufkamen, sie wären ein Paar.
Seine Karriere wäre ruiniert, wenn jemals herauskäme, dass er eine Affäre mit einem Tänzer des Ballettensembles führte.
Sarah seufzte. Warum war es nur so schwierig mit der Liebe? Dave und José, die ihre Liebe verbergen mussten. Peer und sie, deren Leben nicht zusammenpassten. Sie hatte gehofft, er würde länger bleiben. Was sie sich erträumt hatten, war, dass jeder sein Leben weiterführte, so wie die Albatrosse, die einander treu waren und sich immer wieder trafen. Doch Albatrosse trafen sich auf einer Insel. San Francisco war keine Insel. Sarah stand als „Emilia Rossi“ im Licht der Öffentlichkeit, ihre Liebe zu einem einfachen Matrosen hatte die Aufmerksamkeit der Presse auf sie gelenkt, die sich in hämischen Kommentaren erging. Ihre Freunde und ihre Verwandten hatten ihn mit freundlicher Nachsicht behandelten und ständig durchblicken lassen, er könne nur eine vorübergehende Episode in Sarahs Leben sein.

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Mehr über und von Karin Seemayer auf ihrer Website.



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