26. April 2014

'Das Trüffelschwein: Auf Gottes dunklen Pfaden' von Stefan M. Fischer

Eine skurrile Krimi-Komödie.

Der Mittvierziger Horst-Johann Doblinger gründete die Detektei ‚Das Trüffelschwein‘, um dem Hartz4 zu entfliehen. Neben seiner Arbeit steht er auf Damen jenseits der sechzig, den FC Bayern und seine Secondhand-Gummipuppe ‚Franziska Beckenbauer‘.

Sein erster größerer Fall führt ihn auf Gottes dunkle Pfade. Pfarrer Max Dominikus erhält immer wieder mysteriöse Botschaften, die im Zusammenhang mit gestohlenen Marien-Statuen stehen. Doblinger ahnt dabei noch nicht, dass das mehr mit ihm zu tun hat, als ihm lieb sein kann.

Gleich lesen: "Das Trüffelschwein: Auf Gottes dunklen Pfaden" von Stefan M. Fischer

Leseprobe:
Ich stand mit nackten Füßen im Flur vor meiner Schlafzimmertür, an die ich mit Großbuchstaben »Horst-Johanns-Spielwiese« gekritzelt hatte, und erwartete eine aufregende Zeit. Die kiwigrüne Bondage-Gesichtsmaske saß etwas eng. Die neutraleren und etwas größeren waren leider ausverkauft. Hoffentlich würden meine Haare, die ich vorhin endlich mal wieder schwarz gefärbt hatte, nicht darunter leiden. Es fühlte sich an, als hätte ich meinen Kopf in Frischhaltefolie eingeschweißt. Aber die dehne ich mir schon noch aus, dachte ich mir und versuchte, mein Franck-Ribéry-T-Shirt über meine Wampe zu ziehen. Ohne Erfolg. Ich nahm mir vor, mal wieder ein paar Pfunde abzuspecken. Als Stammtischbruder und mit meinen 45 Jahren würde es aber wohl kein Six-Pack mehr werden. Zumal ich eine selbstdiagnostizierte Sport-Allergie hatte. Wenigstens fühlte ich mich mit dem Shirt ungemein sportlich. Dafür saß meine Schiesser-Baumwollunterhose wie angegossen. Einen Dobermann hatte ich mir dort aufdrucken lassen. Lizbeth sollte schließlich vorgewarnt sein, und ahnen, dass sie es mit einem richtig großen Knochen zu tun bekommen würde.
Die Peitsche lag auch recht gut in meiner Hand, als wäre sie wie für mich geschaffen. Noch ein Blick durch die offen stehende Küchentür. Auf dem Tisch lag neben der Packung fürs Haarefärben die aufgerissene Packung aus dem Sexshop. Das Bondage-Set für Novizen. Neben dem Stuhl lagen meine Jeans und die gestrickten Socken meiner Mama. Die hätte ich am liebsten anbehalten, die Fliesen waren bitterkalt. Aber das wäre vielleicht zu abtörnend gewesen. Schon das Ribéry-T-Shirt dürfte für meine Gespielin grenzwertig sein. Naja, wenige Augenblicke, und ich würde mich ohnehin im warmen Bett mit meiner neuen Flamme wälzen und unsere Fleischeslust im Deckenspiegel bewundern können. Einmal tief durchatmen. Mmhhh! Es roch nach meinem selbst kreierten Mittagstisch: Mozzarella mit Putenbrust und Asiasoße. Mit einer Messerspitze Nougatcreme verfeinert, für die herbe Note. Es erotisierte mich. Gut so! Ich war bereit.
Einen Moment lang überlegte ich, ob ich am Türrahmen kratzen sollte. Die Bestie, die Beute witterte. Aber das wäre vielleicht etwas zu gewollt. Also riss ich ohne Kratzen die Tür auf und stellte mich breitbeinig in den Rahmen. Auf meinem Bett lag Lizbeth, eine steinalte Frau, geknebelt und gefesselt. Ihr graues, lichtes Haar war anscheinend vor einigen Jahrzehnten das letzte Mal gekämmt worden. Gegen die Falten in ihrem Gesicht dürfte der Mariannengraben wie geliftet wirken. Sie glich mehr einer Mumie als einem Menschen. Man könnte meinen, ich hätte sie mit Riechsalz wieder zum Leben erweckt, dabei hatte ich sie in einem Sexshop kennen gelernt. Sie bat mich, ihr die Gebrauchsanweisungen einiger Bondageartikel vorzulesen, weil sie ihre Lesebrille im Altersheim vergessen hatte.
Ich hoffte, die Leinen hielten, nicht dass Lizbeth den Mundknebel verschlucken und daran ersticken würde. Das Set war extrem billig, wahrscheinlich Made in Taiwan. Ich befürchtete, dass mich dieses Experiment dann ins Gefängnis bringen würde. An die Schlagzeilen im Bayerwald Echo wollte ich erst gar nicht denken. Mittvierziger Bayern-Fan quälte liebenswerte Uroma beim Sado-Maso zu Tode! Die Leute könnten glauben, ich sei pervers.

Ich schätzte sie auf 75. Lizbeth war sehr wahrscheinlich schon weit über 97, aber ich redete mir lieber die 75 ein, weil sie mir mit 97 einen Tick zu alt wäre. Aber trotz ihres stattlichen Alters fand ich sie wunderschön. Auch wenn sie etwas mehr Fleisch an den Knochen hätte haben können. Aber ich stand auf Frauen, denen man ihr Leben ansah. Mit den jungen Dingern, die über Laufstege staksten und in einem früheren Dasein als Hühnchen-Knochen geboren worden waren, konnte ich so gar nichts anfangen. Ich wollte eine Frau, die im Leben mehr gesehen hatte, als ein Maßband, die Gewichtsanzeige auf der Waage und das Grün an den Fingern, wenn sie sich hinter den Ohren kratzte. Ich wollte Lizbeth und sie war nach langer Zeit mal wieder eine Frau, die mich wollte. Zumindest ausprobieren. Ich musste mich erst bewähren. Da ich mir mit ihr eine Zukunft vorstellen konnte und ihr gerne bis ans Lebensende sämtliche Packungsbeilagen vorlesen würde, wollte ich mein Bestes geben. Auch wenn ich in Sachen Bondage ein Novize war. Hoffentlich enttäuschte ich sie nicht. Durch ihre Erfahrung durfte sie sicher schon das ein oder andere Erlebnis gehabt haben. An dem Rollator, der ihr als Gehhilfe diente und der neben dem Bett stand, waren ein dutzend Einkerbungen zu sehen. Vielleicht die Anzahl ihrer Liebhaber? Mehr und mehr verunsicherte mich das Gefühl, es hier mit einer anspruchsvollen Lady zu tun zu haben, die ich nicht damit befriedigen könnte, ein bisserl mit meinem Hundeknochen zu wedeln. Wenn ich die Leistung nicht bringen würde, die sie mal gewohnt war, wäre ich möglicherweise nicht als ihr Liebhaber bis ans Lebensende geeignet. Ich spürte, dass meinem kleinen Horst-Johannes meine Unsicherheit zu schaffen machte und er, wie ich, den Glauben an sich verlor. Daher entschloss ich mich, uns mit Viagra zu stärken. Also zog ich die Tür wieder zu und holte mir aus der Küche einen blauen Entwicklungshelfer. Die Viagra hatte ich nämlich gleich mitgekauft.

Um sicher zu gehen, schluckte ich noch eine zweite Pille. Nur blöd, dass es eine gute Stunde dauern würde, bis die Wirkung einsetzte. Aber ich konnte sie ja dafür so lange auspeitschen. Das würde Lizbeth sicher imponieren. Ein Grund mehr, nun doch Mamas Socken anzulegen. So, erledigt. Also auf ein Neues!

Ich trat ein und schwang die Peitsche. Das sah wahrscheinlich etwas unglücklich aus, aber fürs erste Mal sicherlich passabel. Sie schaute mich mit rotunterlaufenen Augen an, so, als würde sie um Gnade betteln.
»Es gibt kein Entrinnen!« Ich schickte den Worten ein Brummen hinterher und machte zwei Schritte auf sie zu. Ein wenig fühlte ich mich wie Darth Vader. Die Macht ist mit mir! Noch einmal schwang ich die Peitsche. Indiana Jones hätte das sicher nicht besser gekonnt.
»Du kannst ...« Mich unterbrach das Läuten meines Handys. Ich musste mir eingestehen, dass der Klingelton der Situation nicht gerade angemessen war. Dj-Ötzis »Ein Stern, der deinen Namen trägt.«
Als ich sah, dass das Display »Mama« anzeigte, überlegte ich einen Moment, es einfach weiter klingeln zu lassen. Aber dann stünden mir wieder Hundstage ins Haus. Sie rief nur an, wenn es etwas Wichtiges gab. Ich deutete meiner Gespielin an, dass ich da ran gehen musste.
»Tut mir fürchterlich leid, Lizbeth. Es dauert auch nur einen Moment.«
Dass das Gespräch nicht lange dauern würde, lag an der spartanischen Art meiner Mama. Sie kam immer schnell auf den Punkt, ohne Einleitung. Ich nahm die gefühlte Frischhaltefolie vom Kopf und drückte auf Annehmen.
»Sag mal, was host du dir denn wieder für nen Mist eifollen lassen?«
Im ersten Moment wusste ich nicht, was ich denn nun schon wieder angestellt haben sollte. »Hm? Was meinst du?« Ich setzte mich. Das Gezappel meiner Gespielin versuchte ich zu ignorieren.
»Du hast a Detektei gegründet? Hä?«
»Hat die Chamer Zeitung darüber berichtet?«
»Wos?! Das steht auch noch in da Zeitung?!«
»Öhm …«
»I hab in meiner Küche an Typen sitzen, dem der Kater entlaufen is. Und den Herrn Sohn will er um Hilfe bitten.«
»Ah. Ja. Ok. Das ist doch toll.«
»Toll? I geb dir gleich toll. Wieso gibst du da meine Adresse an? Bürscherl, wenn du net in fünf Minuten auf der Matte stehst und des wieder in Ordnung bringst, dann ..«
»Ja, Mama. Aber ich kann grad nicht.« Ich blickte zu meiner Mumien-Muse, deren Blicke in mir unbehagliche Gefühle auslösten. Lizbeth schien sich daran zu stören, dass ich hier gerade etwas Geschäftliches zu besprechen hatte. Dabei dachte ich immer, dass Geschäftsmänner eine anziehende Kraft auf das weibliche Geschlecht ausüben würden.
»Wenn du dich net sofort auf den Weg machst, dann mach i mich auf n Weg. Und glaub mir, das wird dann hässlich. Sehr hässlich.« Anders als ihr Stimmorgan, das wie ein Orkan daherkam, war ihr zierlicher Körper eher ein laues Lüftchen. Trotzdem war ich mir sicher, dass ich mich nicht darauf einlassen wollte.
»Ja, Mama. Ich komme gleich.« Ich legte auf und atmete einmal kräftig durch. Meiner Gespielin musste ich jetzt etwas zum Zeitvertreiben geben.
»Du«, sagte ich ihr mit schmusiger Stimme, »ich bin in einer halben Stunde wieder hier. Versprochen.« Und damit es ihr nicht zu langweilig werden würde, legte ich ihr die aufgeschlagene »Ein Herz für Tiere« vor die Nase. Den Artikel mit den Eisbären Flocke und Rasputin, die das Bad im Meerwasser genossen, dürfte sie abkühlen. Ich deckte sie noch mit meiner geliebten FC-Bayern-Bettwäsche zu und als ich ihr zum Abschied einen Kuss auf die runzlige Stirn gab, flatterten tausende Schmetterlinge in meiner Wampe. Es fiel mir schwer, sie hier liegen zu lassen und ich war tatsächlich versucht, hier zu bleiben. Aber dann hätte ich bald meine Mama hier. Und das würde sehr hässlich werden. Ein Massaker unter Schmetterlingen sozusagen.
»Tschüss, Lizbeth-Mausi« hauchte ich ihr zu.
»Hm! Hm! Hm!«, stöhnte sie zurück.
Dann machte ich mich daran, meine Jeans in der Küche einzusammeln. Irgendwie war da dann doch eine gewisse Vorfreude, denn man benötigte meine Hilfe. Ein entlaufener Kater! Das wäre zwar kein richtiger Fall. Eher eine Fingerübung, zumal es kein Problem wäre, den einzufangen. Und wenn ich auf dem Rindermarkt einen Mäusetanz aufführen müsste. Aber ja, ich freute mich darauf.

Ich zog meine Wohnungstür zu und grübelte einen Moment, ob ich mit meinem VW-Bus zu Mama fahren sollte, aber den Kilometer konnte ich zu Fuß zurücklegen, zumal es sich dort so schlecht parken ließ. Und den VW-Bus, den ich vor Jahren vor der Schrottpresse gerettet hatte, wollte ich auch nicht über Gebühr strapazieren. Zudem schien der Tag aus einem Bilderbuch gefallen zu sein. Ein paar Schäfchenwolken grasten auf der strahlend blauen Himmelswiese. Ein sommerlicher Windhauch trug mich wie eine zwei Zentner leichte Feder die Stufen hinab. Die Liebe ließ mich schweben. Da bot sich der Fußmarsch regelrecht an.

Als ich über den Steinmarkt marschierte, wurde mir plötzlich heiß und kalt zugleich. Mir war eingefallen, dass ich ja zwei blaue Pillen eingeworfen hatte. Ich schaute auf die Uhr. Es blieb mir eine dreiviertel Stunde Zeit, dann wäre eine Marmorplatte im Vergleich zu meinem Horst-Johannes eine Schaumstoffmatratze. Ich ging flotteren Schrittes und spielte in Gedanken durch, wie ich den Typen schnellstmöglich losbekommen könnte. Auch durfte ich mich nicht zu lange von meiner Mama über mein Liebesleben ausfragen lassen. Insgeheim musste ich schmunzeln. Wie aufregend das alles doch war! Mein Leben fühlte sich in diesem Moment so spannend an, wie eine Tatort-Folge. Und ich, ich war der verliebte Schimanski. Es würde nicht lange dauern und die Chamer wüssten, dass in ihren Reihen ein zukünftiger Star-Detektiv lebte, der als legitimer Nachfolger meiner geliebten Miss Marple gehandelt würde.

Ich klingelte bei meiner Mama. Theresa Baumgartner. Ihr Namensschild hatte bereits einen Riss. Es klickte in der Lautsprecheranlage.
„Ja?“, grunzte sie.
Ich war noch immer in diesem Gefühl, der berühmt berüchtigtste Tatort-Kommissar der Fernsehgeschichte zu sein und sagte deshalb auch: „Schimanski!“
„Wer?“
Leider erkannte sie mich nicht. „Ich bins. Horst-Johann. Mach auf.“

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Mehr über und von Stefan M. Fischer auf seiner Website.

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