12. Oktober 2016

'Flammender Abgrund' von Gabriele Popma

Was sie sucht, ist Ruhe.
Was sie findet, ist eine Wahrheit, die ihr den Atem raubt.

In ihrem Haus in Arizona will die junge Deutsche Jessica Abstand von ihren Problemen gewinnen. Als sie sich in den charismatischen, aber undurchsichtigen Herumtreiber David verliebt, hängt ihr Himmel voller Geigen. Doch dann findet sie einen alten Brief ihrer Mutter, der ihr Liebesglück jäh zerstört und ihre Welt auf den Kopf stellt.

Bei der Suche nach der Wahrheit sieht sie sich unvermittelt in einer gefährlichen Auseinandersetzung, bei der ihre eigenen Familienmitglieder in vorderster Front stehen. Und dann ist da auch noch die Sache mit ihrem Vater …

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Leseprobe:
„Glaubst du, er kommt wieder?“
David saß im Bett und beobachtete mich beim Ausziehen. „Soll er doch“, brummte er. „Ich freue mich schon darauf.“
Ich zog mein langes T-Shirt mit dem AC/DC-Motiv auf der Vorderseite bis auf die Schenkel hinunter, wohl wissend, dass David es nicht lange an seinem Platz lassen würde. Dann kuschelte ich mich eng an ihn. Ganz wohl war mir bei dem Gedanken nicht, dass Marc möglicherweise wiederkam. Es war ein beunruhigendes Gefühl, dass er einen Schlüssel zu meinem Haus hatte. Wie zur Bestätigung meiner Befürchtungen begann es in der Ferne dumpf zu grollen.
David hob den Kopf. „Ein Gewitter. Hoffentlich kommt mal ein bisschen Regen. Wäre wirklich nötig.“
Es war eine seltsame Atmosphäre. Während wir uns liebten, kam das Gewitter immer näher und begleitete uns mit gewaltigen Donnerschlägen. Bei einem besonders lauten Krachen ging das Licht aus. Mit einem Schrei fuhr ich hoch.
„Alles in Ordnung, mein Schatz“, beruhigte David mich. „Wahrscheinlich hat ein Blitz die Stromversorgung lahmgelegt. Kein Grund zur Sorge.“
„Ich bin nur von dem Schlag erschrocken.“ Nackt wie ich war, trat ich ans Fenster und beobachtete das Spektakel. Blitz um Blitz zuckte über den schwarzen Himmel und erleuchtete die Wolken, die drohend über dem Land lagen. David trat hinter mich und schlang seine Arme um mich, während dicke Regentropfen an der Scheibe zerplatzten.
„Als ich klein war, habe ich mich immer vor Gewittern gefürchtet“, gestand ich. „Marc prophezeite mir ständig, dass der nächste Blitz ganz sicher unser Haus treffen würde. Ich bin dann meistens zu Chris ins Bett gekrochen, und er hat mich getröstet.“
„Ich bin also nicht der erste Mann, bei dem du im Bett liegst?“
„Wenn ich mich richtig erinnere, liegst du eher in meinem“, korrigierte ich und schmiegte mich an ihn.
„Erzähl mir von deinem Freund“, bat er mich.
„Jetzt?“, fragte ich überrascht. Dann zuckte ich mit den Schultern. „Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich lernte ihn kennen, als ich neunzehn war und verliebte mich bis über beide Ohren in ihn. Dachte ich zumindest. Wir waren vier Jahre zusammen. Ich plante unsere Hochzeit und mir fiel gar nicht auf, dass er zu diesen Plänen gar nichts sagte. Und dann war Schluss. Ich erwischte ihn mit einer Anderen und wir trennten uns im Streit. Seitdem bin ich solo.“
„Jetzt nicht mehr“, murmelte David an meinem Hals.
„Nein, aber unsere Beziehung hat keine Zukunft.“
„Möchtest du nicht hier bleiben?“
„In Amerika?“ Der Gedanke war so neu für mich, dass ich David erstaunt ansah. Es war für mich immer klar gewesen, dass dies nur ein kurzer Besuch war und ich bald wieder nach Deutschland zurückkehren würde. Aber was wartete dort auf mich? Ich hatte keine Arbeit, keinen Mann, der mich zurück erwartete, nur meine Familie und einige Freunde. Ich beschloss, die Idee, dass ich mein Leben radikal ändern und in den USA bleiben konnte, nicht sofort zu verwerfen. Noch wurde ja keine Entscheidung von mir verlangt.
Das Gewitter verzog sich, aber der Regen steigerte sich zu einem harten Staccato. „Komm wieder ins Bett“, flüsterte David hinter mir. „Es wird langsam ungemütlich.“ Ich drehte mich gerade zu ihm um, als wir es hörten. Ein schabendes Geräusch kam von unten. Ich erschrak. Es konnte doch nicht wahr sein! Sollte Marc es wirklich wagen? Unverfroren genug war er sicherlich. Mir stockte der Atem. Auch wenn es nur mein Bruder war, kroch eine kalte Angst in mir hoch.
Davids Miene nahm einen grimmig entschlossenen Ausdruck an. Im Flackern eines Blitzes schimmerten seine Augen eiskalt. Er knipste seine Taschenlampe an, schlüpfte schnell in seine Jeans und ging dann zu seiner Seite des Bettes, um ein Päckchen aus dem Nachttisch zu holen, das er nachmittags hineingelegt hatte. Mir blieb vor Schreck der Mund offen stehen, als ich in dem fahlen Lichtschein sah, was er da auswickelte.
„David“, flüsterte ich heiser. „Was willst du denn mit einer Pistole?“
„Ist manchmal ganz nützlich, wenn man so durch die Gegend zieht“, brummte er grimmig und begann, den Revolver zu laden.
„Du spinnst wohl?“, fuhr ich ihn an. „Leg das Ding weg.“
„Dein Bruder ist nicht ganz ungefährlich.“
„So ein hirnrissiger Quatsch! Marc ist vielleicht nicht gerade ein umgänglicher Typ, aber doch nicht gefährlich. Wehe, wenn du anfängst, hier im Haus herumzuballern wie ein verkappter Wild-West-Sheriff.“ Ich war wütend und dabei völlig fassungslos über Davids Kaltblütigkeit. Diese Reaktion war absolut übertrieben. Amerikaner hatten vielleicht eine gesteigerte Affinität zu Waffen, aber ich würde das nicht erlauben. Ich hielt seinen Arm krampfhaft umklammert, bis er einlenkte.
„Gut, weil du es bist. Aber mein Messer nehme ich mit. Er ist selber schuld, wenn er was abkriegt.“
Stumm und mit gemischten Gefühlen sah ich zu, wie er sich das lange Fahrtenmesser an seinen Gürtel schnallte. Ich sah hier einen völlig veränderten David. Er hatte die Kiefer fest zusammengepresst und im Licht der Taschenlampe wirkten seine Augen kalt und erbarmungslos. Die Entschlossenheit in seinem Gesicht machte mir mehr Angst als der Gedanke an Marc.
„Du bleibst hier“, befahl er mir, als ich nach meinem Bademantel griff.
„Aber ich …“
„Bitte Jessica“, schnitt er mir das Wort ab. „Ich weiß, er ist dein Bruder, aber ich bin sehr vorsichtig mit Leuten, die mitten in der Nacht bei anderen einbrechen. Bruder hin oder her, ich will, dass du hier bleibst.“
Ich nickte, doch ich dachte nicht daran, mich zu fügen. Wenn wirklich Marc hier umhergeisterte, war es meine Sache, ihm die Tür zu weisen. Mit Davids aggressiver Methode war ich nicht einverstanden. Und wenn ich noch so viel Angst vor einer Konfrontation hatte, mit meinem Bruder konnte ich gut allein fertig werden.
Automatisch drückte ich auf den Lichtschalter und stöhnte, als nichts geschah und ich nach wie vor in absoluter Dunkelheit stand. Als ich tastend um die Ecke bog und vorsichtig meinen Fuß auf die erste Treppenstufe setzte, sah ich das Licht von Davids Taschenlampe unter mir suchend umherhuschen. Plötzlich fiel der schwache Schimmer auf eine große Gestalt. Keinen Sekundenbruchteil später klapperte die Lampe auf den Boden und erlosch, als David sich auf den Mann stürzte. Ich schlug mir beide Hände vor den Mund, um nicht laut aufzuschreien.
Vergeblich versuchte ich, das Dunkel zu durchdringen. Ich wollte wissen, was da unter mir vor sich ging. Marc hatte wirklich Nerven, hier noch einmal aufzutauchen. Hoffentlich ließ David sich nicht zu unnötigen Gewaltakten hinreißen.
Stufe für Stufe tastete ich mich nach unten. Ein Stuhl fiel scheppernd um. Ein Mann stöhnte. Wo war nur das verdammte Licht? Es machte mich wahnsinnig, dass ich nichts sehen konnte und nur bedrohliche Geräusche hörte. Als jedoch die Deckenlampe unvermittelt direkt über mir aufleuchtete und alles in gleißendes Licht tauchte, erschrak ich derart, dass ich für einen Moment die Augen schloss. Als ich sie wieder öffnete, glaubte ich, Eiswasser würde durch meine Adern rinnen. Fassungslos starrte ich auf die kämpfenden Männer vor mir. Die Szene wirkte wie eingefroren, ich sah nur das Messer in Davids Hand, mit dem er blitzschnell auf seinen unter ihm liegenden Gegner einstach. Ich konnte den Mann nicht sehen, doch sein Schmerzensschrei ließ mich erstarren. Diese Stimme kannte ich nur allzu gut. Mein eigener Schrei, der mir laut und unnatürlich schrill in den Ohren gellte, riss David auf die Beine. Schwer atmend sah er mich an, das blutige Messer in der Hand, während sich sein Opfer stöhnend auf dem Boden wälzte. Davids Unterlippe war aufgeplatzt und blutete. Doch ich empfand kein Mitleid mit ihm. Im Gegenteil. Ich stürzte die restlichen Stufen hinunter und stieß ihn grob beiseite, als ich mich neben meinem Bruder auf die Knie fallen ließ.
„Chris! Verdammt noch mal, was tust du denn hier?“

Im Kindle-Shop: Flammender Abgrund

Mehr über und von Gabriele Popma auf ihrer Website.



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