7. Oktober 2016

'Umwege zum Glück' von Gabriele Popma

Hals über Kopf verliebt sich die Studentin Corinna in den sympathischen Draufgänger Sandie, doch es ist eine Liebe ohne Zukunft. Als Corinna feststellt, dass sie ein Kind erwartet, hat sie Sandie bereits aus den Augen verloren.

Einige Jahre später: An der Seite des ehrgeizigen Geschäftsmanns Robert führt Corinna ein ruhiges, harmonisches Familienleben. Da kreuzen sich ihre und Sandies Pfade erneut. Zu Sandie war das Schicksal weniger freundlich. Nach einem schweren Schicksalsschlag hat er jeglichen Lebensmut verloren und sich zu einem bitteren Zyniker entwickelt. Als Corinna eine Entscheidung trifft, deren Konsequenzen sie nicht einschätzen kann, gerät ihr Leben komplett aus den Fugen.

Und wieder muss sie sich entscheiden ...

Gleich lesen: Umwege zum Glück

Leseprobe:
Corinna langweilte sich. Natürlich war es genauso gekommen, wie sie befürchtet hatte. Astrid hatte sie zwar ihren Freunden vorgestellt, aber gleichzeitig die ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Seit einer Stunde sprach sie mit einigen Kolleginnen über die neueste Mode und mit den Männern über Politik. Corinna beneidete ihre Schwester, wie sie es schaffte, über all diese Dinge zu sprechen, als wäre sie der absolute Insider. Dabei wusste sie, dass Politik Astrid herzlich wenig interessierte, doch kein anderer schien es zu bemerken.
Corinna hatte bisher nur ein wenig mit dem Gastgeber geplaudert, einem netten blonden Mann namens Reinhold, der bemüht war, sich um alle Anwesenden persönlich zu kümmern. Sie hatten einige höfliche Floskeln ausgetauscht und er hatte zweimal betont, wie sehr er sich freue, Astrids Schwester kennenzulernen. Bevor er sich wieder anderen Gästen zuwandte, bat er sie noch, sich wie zu Hause zu fühlen.
Doch Corinna war dem Trubel nicht gewachsen. Alle anderen Leute schienen sich untereinander zu kennen. Keinem schien es besonders aufzufallen, dass da ein Mädchen war, das sich verzweifelt bemühte, Anschluss zu finden, und zu schüchtern war, um sich einfach in die Menge zu stürzen und so zu tun, als würde sie dazu gehören. Alle, bis auf Einen. Zweimal hatte Corinna schon den Blick eines jungen Mannes aufgefangen, der sie interessiert zu mustern schien. Er war größer als die meisten anderen hier und trotz der frühen Jahreszeit schon braun gebrannt. Corinna fühlte, wie sie unter dem Blick der tiefblauen Augen leicht errötete und wandte sich schnell wieder dem Tisch mit den Getränken zu.
„Darf ich dir etwas einschenken?“ Die Stimme hinter ihr klang tief und ungemein sympathisch. Corinna wusste, ohne sich umzudrehen, wer sie angesprochen hatte. Und prompt fühlte sie, wie Geist und Inspiration sie verließen und nur ein leeres Gehirn zurück blieb.
„Ja, gerne“, sagte sie nur und kam sich dabei unwahrscheinlich fade vor.
„Was willst du denn?“ Langsam schob sich ein freundlich lächelndes Gesicht so in ihr Blickfeld, dass sie nicht ausweichen konnte.
„Äh, was will ich denn?“ Oh Mann, Corinna, stell dich nicht so verdammt blöde an, schalt sie sich heftig. „Am liebsten eine Cola.“ Ja, das war schon etwas besser.
„Cola. Jawohl, die Dame, Cola kommt sofort.“
Während er ihr aus einer Zwei-Liter-Flasche die braune Flüssigkeit in ein Glas goss, legte sich Corinnas Nervosität ein wenig. Als sie ihr Getränk in Empfang nahm, was sie schon so weit, dass sie ihr Gegenüber ebenfalls freundlich anlächeln konnte. „Danke.“
„Bist du allein hier?“ Sein Blick hatte fast etwas Mitleidiges.
„Ja, das heißt, nein.“ Corinna schloss kurz die Augen, um sich zu sammeln, bevor sie sich noch mehr blamierte. „Ich bin mit meiner Schwester hier. Astrid.“
Er zog die Augenbrauen hoch. „Astrid ist deine Schwester? Hätte ich nicht gedacht.“
„Ja, das glaube ich dir. Niemand hält uns für Schwestern. Wir sind sehr unterschiedlich. Nicht nur äußerlich.“
„Du fühlst dich wohl ein bisschen einsam, wie?“
Corinna wollte schon heftig verneinen, da hörte sie Astrid im Kreis ihrer Freunde fröhlich lachen. Das versetzte ihr einen Stich, der sie ehrlicher antworten ließ, als sie eigentlich wollte. „Ja, ein bisschen. Weißt du, ich kenne hier niemanden.“
„Und du findest nicht so leicht Anschluss wie deine großartige Schwester?“
Corinna nickte. „Genau. Wie du selbst festgestellt hast, ist sie eben großartig. Im Gegensatz zu mir“, fügte sie mit leichter Bitterkeit hinzu.
Ihr Gesprächspartner musterte sie nachdenklich. „Wie heißt du eigentlich?“
„Corinna. Corinna Stadler. Und du?“
„Alexander. Wegener“, fügte er noch hinzu, wohl, weil Corinna ihm auch ihren Nachnamen genannt hatte. Er musterte sie nachdenklich, dann grinste er frech. „Komm doch mal kurz mit.“
„Wohin?“
„Lass dich überraschen. Ich will dir etwas zeigen. Na komm schon, nicht so schüchtern.“
Er nahm Corinna einfach bei der Hand und zog sie ins Badezimmer. Sorgfältig schloss er die Tür?
„Und was soll ich hier?“ Corinna fragte sich kurz, ob ihre neue Bekanntschaft sie hier verführen wollte, aber so wirkte Alexander nicht auf sie.
„Wart’s ab.“ Er fasste sie bei den Schultern und drehte sie herum, so dass sie geradewegs in den Spiegel sah. „Was siehst du?“
„Mich.“ Corinna hatte keine Ahnung, was er von ihr wollte.
„Nein, so leicht mache ich es dir nicht. Ich fragte nicht, wen du siehst, sondern was.“
Ein merkwürdiges Spiel. Doch Alexander schien einen bestimmten Zweck damit zu verfolgen. Corinna spürte ein leichtes Kribbeln im Bauch. Eigentlich war er genau ihr Typ. Er war mindestens einen halben Kopf größer als sie und Corinna war schon größer als die meisten Mädchen hier. Als sie wieder in den Spiegel sah, begegneten ihr die klaren, dunkelblauen Augen, die ihr schon vorher aufgefallen waren. Alexander hatte dichte, blonde Haare, die eigentlich mal wieder gekämmt werden mussten und einen Schnurrbart, der einen leichten Stich ins Rötliche hatte. Seine markanten Gesichtszüge flößten ihr ungewollt Vertrauen ein und sie fragte sich, warum dieser Junge, den sie auf Mitte Zwanzig schätzte, sie angesprochen hatte.
Er merkte, wie sie ihn im Spiegel musterte und trat einen Schritt zurück. „Du sollst nicht mich anschauen, sondern dich“, grinste er. „Also, was siehst du?“
In einem Anflug von Galgenhumor antwortete Corinna ihrer Stimmung entsprechend: „Eine kleine graue Maus.“
„Wirklich?“ Alexander drehte sie zu sich um und betrachtete sie, als hätte er sie gerade zum ersten Mal gesehen. „Komisch, ich sehe etwas ganz anderes.“ Er drehte sie wieder zum Spiegel. „Willst du wissen, was?“
Corinna nickte beklommen. Sie wunderte sich, was jetzt wohl kommen würde.
Alexander setzte sich auf den Rand der Badewanne und verschränkte die Arme vor der Brust, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen. „Ich sehe ein junges Mädchen, vielleicht neunzehn Jahre alt.“
Corinna nickte.
„Ungefähr, na ja, 1,75 groß.“
„1,76.“
„Prima, habe ich doch nicht schlecht geschätzt. Hey, ich glaube, du bist größer als Astrid, kann das sein?“
„Ja, aber nur drei Zentimeter. Das fällt nicht auf.“
„Trotzdem. Das hast du ihr schon mal voraus.“ Er sah sie von oben bis unten an. „Das Mädchen, das ich hier sehe, ist ein bisschen schüchtern und sie hält sich für unscheinbar, was sie unsicher macht. Das sehe ich in ihren Augen. Es sind übrigens schöne Augen. Ich mag braune Augen. Die haben so etwas Zärtliches.“
„Du spinnst ja.“ Corinna musste lachen. „Außerdem sind sie mehr grün als braun.“
„Sei ruhig. Ich bin noch nicht fertig. Weiterhin sehe ich wundervolle dunkle Haare.“ Er stand auf, um eine Strähne durch seine Finger gleiten zu lassen. „Es sind sehr feine und dünne Haare.“
„Viel zu dünn. Man kann nichts damit anfangen, außer sie einfach herunter hängen zu lassen.“
„Viele Mädchen wären froh über so feine Haare, die ganz weich und locker auf die Schultern fallen. Das Mädchen im Spiegel trägt kein Make-up.“ Corinna erinnerte sich daran, wie Astrid sie zu Lippenstift und Lidschatten hatte überreden wollen und überlegte kurz, ob sie hätte nachgeben sollen. Doch Alexander hatte seine Worte anscheinend nicht als Kritik gemeint. „Aber sie hat es auch nicht nötig“, fuhr er fort. „Ihre Augen sind groß und ausdrucksvoll, jede Farbe würde sie verschandeln, und ihre Wangen brauchen kein Rouge, um gesund zu wirken. Das Mädchen hier hat eine schmale, gerade Nase und eine reine, glatte Haut. Jetzt verrate mir, warum sollte sie eine kleine graue Maus sein?“
Corinna blickte überrascht in den Spiegel. So hatte sie sich noch nie betrachtet. Sie war schon immer froh gewesen, dass ihre Haare nicht fetteten und ihre Wangen nicht glänzten. Sie wusste, dass sie ausdrucksstarke Augen hatte. Sie amüsierte sich immer, wenn Astrid mit Kajalstift und Mascara bewaffnet ewig vor dem Spiegel stand und an ihren Augen herum malte. Trotzdem würde sie sich nicht unbedingt hübsch nennen. Fragend sah sie Alexander an.

Im Kindle-Shop: Umwege zum Glück

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