11. November 2016

'Deckname Nikita' von Eddy Zack

Moskau - Dezember 1990, wenige Wochen nach der Wiedervereinigung. Zufällig erfährt ein Mitarbeiter der Britischen Botschaft von einem geplanten Putsch gegen Gorbatschow. Einer der Putschisten ist Oleg Kirillowitsch.

Doch wer ist Oleg? Ist er ein Steinzeit-Stalinist oder tschetschenischer Terrorist? Handelt er im Auftrag eines westlichen Geheimdienstes?

Paul Bachmann, pensionierter Mitarbeiter des BND, soll nach Moskau reisen und herausfinden, was die Putschisten planen.

Gleich lesen: Deckname Nikita: die Kaukasus-Verschwörung




Leseprobe:
Moskau 1990
1. Britische Botschaft

Man kann nicht behaupten, Bradley Dixon hätte eine herausragende Position in der Botschaft bekleidet. Er stand am Publikumsschalter, nahm Visaanträge entgegen, prüfte die Vollständigkeit der vorgelegten Unterlagen und, soweit möglich, deren Echtheit. Für russische Verhältnisse hatte er ein fürstliches Einkommen, welches ihm gestattete, in der Moskauer Damenwelt den spendablen Gentleman zu spielen. Zumindest wie Russinnen ihn sich vorstellten. Sein Äußeres war very british, wie er gelegentlich vor sich hin murmelte, wenn er sich abends im Spiegel prüfend musterte, bevor er das Haus verließ und zu seiner Verabredung eilte. Hochgewachsen, schlank, Schnurrbart, immer Anzug mit Weste, oft Fliege, gerollter Regenschirm, notwendiges Attribut des Gentleman in London auf der Bond Street. Auf den Bowler verzichtete er. In den ersten Tagen seines Dienstes in Moskau waren ihm halbwüchsige Kinder gefolgt und hatten Gemeinheiten gerufen, wie er aus ihrem Gelächter schloss.
Seit gut einem Jahr war er in Moskau stationiert. Seine schöne Gattin Carolyne hatte es vorgezogen, in London zu bleiben. Sie entstammte der britischen High Society, ihre familiären Wurzeln reichten bis Heinrich VIII zurück, eher noch weiter, wie ihr Herr Vater sehr herablassend und sehr nebenbei andeutete. Er saß im Unterhaus, ein Hinterbänkler, ohne erkennbares politisches Profil. Er hätte problemlos heute den Torys, morgen der New Labour angehören können, niemand hätte es bemerkt, nicht einmal er selbst. Wohl deshalb hatte er weitreichende Beziehungen zu allen politischen Schattierungen. Ihm hatte Bradley auch seinen lukrativen Job im diplomatischen Dienst zu verdanken, wobei er den Verdacht nicht los wurde, sein geschätzter Herr Schwiegerpapa wollte ihn möglichst schmerzlos und möglichst weit von der britischen Insel fernhalten. Moskau schien ihm geeignet. Bradley bedauerte das nicht, im Gegenteil. Er fühlte sich pudelwohl in Moskau.
Carolyne machte nicht die geringsten Anstalten, ihm in den Hort des Bösen zu folgen, wie Präsident Reagan Moskau einmal genannt hatte. Der wahre Grund, weshalb sie es vorzog in London zu bleiben, war wohl dieser Mann, zu dem sie eine enge Beziehung pflegte, wie der Chef der Security Bradley in verzweifelt um geschäftsmäßige Kühle bemühten Tonfall zu erklären versuchte.
»Wir mischen uns nicht gerne in die familiären Angelegenheiten der Mitarbeiter des diplomatischen Dienstes ein, Bradley, im Gegenteil, ich hasse Gespräche dieser Art. Aber Sie kennen die Vorschriften, ich muss Sie ansprechen. Wir sind keine Moralapostel, es geht ausschließlich um die Sicherheit des Auswärtigen Dienstes, auch um Ihre. Bringen Sie die Sache in Ordnung.«
Zum Szenarium gehörte allerdings auch Irina, Bradleys Geliebte in Moskau. Über bizarre Querverbindungen hatte Carolyne von ihrer Existenz erfahren. Nicht Bradley brachte jetzt die Sache in Ordnung, wie der Mann von der Security gefordert hatte, sondern Carolyne.
An jenem bewussten Tag im Dezember 1990, neun Tage vor Weihnachten, kippte sein Wohlbefinden abrupt ins Gegenteil. Der Trennungsstreit zwischen Carolyne in London und Bradley in Moskau, dieser simple Tatbestand, zog sich jetzt über mehrere Monate hin und heute früh hatte ihm Carolynes Anwalt per Botschaftspost den gerichtlichen Antrag auf Scheidung zugestellt. Der Brief lag geöffnet auf seinem Schreibtisch, als er gegen 8:30 ins Büro kam. Aus unerfindlichen Gründen hatte der Anwalt den Brief an die Botschaft geschickt, nicht an seine Privatanschrift. Trotz des Zusatzes auf dem Umschlag – persönlich und zu Händen von … – wird jeder Brief in der Poststelle der Botschaft erst durchleuchtet und dann geöffnet. Er konnte ja mit Anthrax verseuchtes Papier oder eine Splitterbombe enthalten.
In einem Ausbruch finsterer Entschlossenheit hatte Bradley um 9 Uhr Carolynes Anwalt seine Zustimmung zur Scheidung über den Ticker der Botschaft zukommen lassen. Um 9:30 hatte er dem Anwalt erneut getickert, dass er seine Zustimmung zurückzöge. Wenige Minuten später bekam er die Antwort – einmal zugestimmt ist unwiderruflich. Schließlich sei er Beamter und Jurist und man könne deshalb halbwegs rationales Handeln von ihm erwarten.
Frustriert verzog er sich mit einer Cola Dose, die Whisky enthielt, in den Kopierraum. Auf dem Weg zurück in den Schalterraum roch ein Kollege seine Alkoholfahne und gemeinsam marschierten sie wieder in den Kopierraum. Einige Minuten später schloss sich ihnen ein weiterer Kollege an. Bradley wollte seine Frustrationen hinunter spülen und seine Kollegen unterstützten ihn mitfühlend. Der Kopierraum war häufig Ort vertraulicher Gespräche, weil alle davon ausgingen, dort werde man nicht abgehört. Darüber hinaus war die Abgeschiedenheit geeignet, im Fall einer unerwarteten Magenverstimmung unbeobachtet einen stimulierenden Schluck Whisky zu sich zu nehmen. Anschließend ging man mit einem Pfefferminz unter der Zunge zurück an seinem Arbeitsplatz.
Um 11:30 Uhr machten sie sich zu dritt zu einem verfrühten Lunch in das Restaurant des International auf und Bradley berichtete weitere Details seiner wiedererlangten Freiheit. Völlig überflüssig. Sie hatten es noch vor ihm von einer geschwätzigen Frau der Poststelle erfahren. Informationen dieser Art verbreiten sich ähnlich schnell, wie sich die Nachricht vom Ausbruch des Dritten Weltkrieges verbreitet hätte. Gemeinsam beschlossen sie, aus gesundheitlichen Gründen den Dienst für Merry Old England zu beenden, und nicht in die Botschaft zurückzukehren.
Vom Hotel International wechselten sie mit mehreren Russen des Ministeriums für Kommunalwirtschaft, die den Abschluss eines spektakulären Korruptions-Deals feierten, in die Wohnung eines der Russen, der – wie er wortreich erklärte – größere Mengen Wodka, Whisky und Cognac aus ähnlichen Geschäften bevorratete. Sie kannten den Mann von gelegentlichen Banketts, der russischen Variante eines gigantischen Besäufnisses. Er bewohnte eine winzige Wohnung in einer Seitenstraße der Ulitsa Leninskaya in einem selbst für Moskauer Verhältnisse trüben Bau, dessen Außenfront an die Mauern eines Zuchthauses der deutschen Kaiserzeit erinnerte. Bradley meinte, im achten Stock befand sich die Wohnung, genau wusste er es später nicht mehr. Die sparsam eingerichtete anderthalb Zimmerwohnung des Gastgebers – Gennadi oder Sergej? – so ähnlich jedenfalls, reichte gerade für zwei Personen. Jetzt drängelten sie sich zu acht in der winzigen Bude. Nach Abmessung und Inhalt zu urteilen, war der Kühlschrank das wichtigste Möbelstück.
Irgendwann erwischte Bradley der bei solchen Ereignissen unvermeidliche moralische Kater, und er erzählte seinen Saufkumpanen weitere Einzelheiten dieser verdammten Shlyukha in London, was die russische Variante einer Bordsteinschwalbe ist. Sie hörten aufmerksam zu, obwohl sie es schon wussten, klopften ihm demonstrativ kameradschaftlich auf die Schultern, gaben ihm Ratschläge für die Zukunft. Wie erfreulich – sagten sie -, nun habe er das Joch der Ehe abgeschüttelt. Frei von angestaubten britischen Moralvorstellungen läge ihm jetzt das Moskauer Nachtleben zu Füßen. Der Gastgeber, er hatte tatsächlich enorme Mengen Alkohol bevorratet, füllte immer wieder Bradleys Glas, selbst dann, wenn es noch nahezu voll war. Die Russen schütteten ungefähr die dreifache Menge Schnaps runter, die Bradley schaffte. Was sie für Gründe hatten, sich dermaßen zu besaufen, wusste er nicht, aber ein Russe braucht keinen besonderen Anlass. Die Zustände seines geliebten Mütterchen Russland bieten ausreichende Voraussetzungen für umfängliche Besäufnisse zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Erwähnenswert ist noch, dass Bradley über das Telefon der Garderobiere im International Irina angerufen und ihr wortreich erklärt hatte, er stehe ihr nun vollständig zur Verfügung. Sie war ein großartiges Mädchen mit nur einem Schwachpunkt – ihre Nationalität. Russin – das sah man in der Botschaft nicht so gerne und hatte schon Grund für allerlei unerquickliche Diskussionen geliefert. Eine ferne, wenn auch flatterhafte Gattin mit familiären Wurzeln, die tief in die snobistische Londoner High Society reichten, war ihnen lieber, als eine kleine Russin, die als Verkäuferin im Kaufhaus GUM ihr kärgliches Brot verdiente, und von der man nicht wusste, ob es Querverbindungen zum KGB gab. Bisher hatte Bradley ihre vorgeschriebene Sicherheitsüberprüfung durch den Service verhindern können, zumindest glaubte er das. Er hatte die Adresse einer älteren Frau im selben Wohnblock angegeben, deren Name auch Irina war. Eine billige Lüge, die jederzeit platzen konnte.
Es ging in den Abend. In der Zwischenzeit hatten sie sich mit einer versalzenen Suppe gestärkt, Boretsch, wie Bradley sich später mühsam erinnerte. Irgendwann brach dann doch so etwas wie Selbsterhaltungstrieb bei ihm durch, und er erklärte seinen Saufkumpanen, dass er eine nächtliche Verabredung habe und nun gehen müsse. Sie begleiteten ihn zum Fahrstuhl, bedauerten lautstark die Frau, um die es sich nach ihrer Überzeugung handeln musste, denn er sei ja wohl nicht mehr zu sexuellen Betätigungen auf dem Kanapee in der Lage. Damit lagen sie richtig. Bradley hatte Mühe, halbwegs geradeaus zu laufen.

Im Kindle-Shop: Deckname Nikita: die Kaukasus-Verschwörung

Mehr über und von Eddy Zack auf seiner Website.



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