16. November 2016

'Ein Leben lang sterben' von Luis Steiner

Ein Mensch ohne Wille ist wie eine Austernmuschel ohne Schale. Ich hatte es geschafft, den eigenen Willen zum Handlager zu machen, um gegen meine Krankheit in die Schlacht zu ziehen. Ironisch und selbstkritisch beschreibe ich den langen und teils qualvollen Weg von der ersten Diagnose Hepatitis C bis zur Verwirklichung meines Traumes.

Einiges ist auf der Strecke geblieben, aber meinen bissigen Galgenhumor habe ich behalten. Es war ein Tauschgeschäft zwischen tödlicher Krankheit und den Nebenwirkungen der Medikamente. Mein Wille geschehe. Ist es wirklich Blasphemie, wenn jemand versucht, sich seiner Krankheit zu widersetzen? Wie oft wurde mir gesagt, ich solle kämpfen und den Kopf hochhalten. Ich glaube auch nicht, dass Gott mir deswegen böse ist, weil ich dem Tod schon mehrmals von der Schippe gerutscht bin.

Ein autobiografischer Roman.

Gleich lesen: Ein Leben lang sterben

Leseprobe:
Die erste Nacht im Freien
Ich sprach zuerst meinem Navi ein dickes Lob aus. Schon in Bayreuth hatte es mich wie auf Schienen durch die Stadt geführt. Und nun auch hier, obwohl Regensburg um einiges größer ist. Und dann kam ich auf den legendären Donauradweg. Emotionswellen durchfluteten meinen Körper, als ich unten an der Donau entlangfuhr und auf die Walhalla blickte. Man musste hier schon höllisch aufpassen, denn der Weg war oft unbefestigt und der tiefe Kies tat sein Übriges, um einen vom Rad zu katapultieren.
Langsam verschwand die Sonne am Horizont und hüllte die Flusslandschaft in einen purpurnen Mantel. Ich hatte keine Lust mehr, noch bis Straubing zu fahren, wollte zudem ja immer schon mal im Freien übernachten, und das würde ich heute auch tun. Die meisten Radfahrer hatten schon längst den Donauradweg verlassen, saßen irgendwo unter Eichen oder Linden und tranken ihr kühles Bier, um anschließend ins gemachte Bett zu fallen. Hier draußen war es jetzt menschenleer, nur manchmal tuckerte ein Frachter die Donau hoch.
Ich stand mit meinem Rad oben am Damm, der Fluss war nur einen knappen Steinwurf von mir entfernt. Hier wollte ich mein Nachtlager aufschlagen. Es gab keinen besseren Ort weit und breit. Ob es da unten im hohen Gras, direkt am Wasser, auch Schlangen gab? Egal, wenn ich meinen Drahtesel runterschiebe, werde ich ein paarmal klingeln, vielleicht hilft es.

Jetzt stand ich da, im knietiefen Gras, mein Herz schlug um einiges schneller, ich war ziemlich aufgeregt. Zuerst befreite ich den Drahtesel von seiner Last. Die Mücken und andere herumschwirrende Plagegeister twitterten zum Happy Flash Mobbing. Jetzt hieß es, strategisch vorzugehen, der Feind sollte auf keinen Fall in meine Festung gelangen. Der Standort fürs Biwak stand schon fest, nur das Gras musste noch plattgetrampelt werden. Ich rollte in aller Ruhe das Zelt aus, zog die Fiberglasstangen durch die Ösen, fertig war’s. Natürlich komplett geschlossen. Die nächsten Handgriffe waren auch sehr schnell abgearbeitet. Die notwendigsten Sachen sowie Schlafsack, Trainingshose und Pullover befanden sich bereits vor dem Eingang und warteten nur noch darauf, ins Innere befördert zu werden. Ich entschloss mich, auch die zweite Tasche mit ins Zelt zu nehmen, man wusste ja nie, was sich hier herumtrieb. Um meine noch mückenfreie Festung nicht zu oft für die Quälgeister zu öffnen, erledigte ich gleich die große Abendtoilette.
So, das war auch geschafft. Schnell holte ich noch meine restlichen Sachen herein. Mit Schwung hechtete ich ins Innere und stellte fest, dass ich mit meiner Hüfte auf irgendetwas Hartem gelandet war. Blitzschnell zog ich den Reißverschluss des Moskitonetzes zu. Was war bloß das Harte am Boden? Eine Schlange konnte es nicht sein, da läge man weicher drauf. Verdammt, es war ein riesiger Stein, toll, und genau in der Mitte platziert, an meinem Schlafplatz. Ich versuchte, ihn ein bisschen zu bewegen, keine Chance. Um bequem zu schlafen, müsste ich noch mal raus und das Zelt auf eine andere Stelle setzen. Nein, das wollte ich mir mit Sicherheit nicht mehr antun. Auf einer Fläche von 80 mal 200 Zentimetern ein Minimum an Gemütlichkeit zu schaffen, ist schwierig, aber machbar.

Als ich alles so weit geordnet hatte, war ich kaputt. Ich schlüpfte in meinen Schlafsack, faltete mir aus der restlichen Wäsche und den Handtüchern ein Kopfkissen und machte es mir bequem. Die wichtigsten Sachen lagen griffbereit: links die Taschenlampe und rechts das Edelstahlrohr für ungebetene Gäste. Alles hatte also seinen Platz.
Die Mücken hatten mit meiner Schnelligkeit nicht gerechnet, und deshalb gab es leider kein Happy Flash Mobbing. Drei hatten es dennoch ins Zelt geschafft, aber ihre Freude war nur von kurzer Dauer. Ich stellte sie vor die Wahl: entweder selber rausfliegen oder tot rausgetragen werden. Sie wählten leider die bequemere Variante. Die anderen hingen mit langen Rüsseln draußen am Moskitonetz und glotzten mich begierig an.
Ich betrachtete den Sternenhimmel und dabei gingen mir die letzten Tage meiner Reise durch den Kopf. Meine Gedanken blieben an meiner dritten und vorläufig letzten Blaulichtfahrt hängen.

Im Kindle-Shop: Ein Leben lang sterben

Mehr über und von Luis Steiner auf seiner Website.



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