1. November 2016

'Michael Lindqvist: Das Schweigen der Mauern' von Jo Hess

Band 4: Michael und Konstantin sind verzweifelt. Immer wieder verschwinden Jugendliche spurlos. Die einzige Verdächtige ist ein junges Mädchen, mit dem all die Vermissten vorher gesehen wurden. Als die beiden Monsterjäger herausfinden, welch abscheuliche Bestie tatsächlich hinter all den Entführungen steckt, brauchen sie einmal mehr die Hilfe des Priesters Henry Cavill.

Die Horror-Serie {ML}
Michael Lindqvist {ML} ist ein Student, der sich nach einem tragischen Schicksalsschlag dazu entschließt, neben seinem Studium Monster zu jagen. Die Buchserie ist in einzelne, jeweils in sich abgeschlossene Geschichten unterteilt. Nebenher existiert ein fortlaufender Handlungsstrang, der sich durch alle Bände zieht. Dabei geht es um die Jagd nach dem Werwolf Karsten Berghoff, dem Michael im ersten Band begegnet. Michael kämpft gegen klassische Monster wie Werwölfe, Vampire, Geister und Dämonen. Jedoch wird es in den folgenden Teilen auch unterschiedliche Figuren aus Legenden oder eigene Erfindungen des Autoren geben.

Gleich lesen:
Für Kindle: Michael Lindqvist: Das Schweigen der Mauern - Band 4 {ML}
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Das fremde Mädchen
„Ich kann mich nicht an die letzten Worte erinnern, die ich zu ihr gesagt habe. Das ist das Schlimmste.“
Melanies Vater zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Der Rauch strömte zusammen mit seinem Atem aus seiner Nase. Die blaue Packung lag neben der Kaffeetasse und eine letzte Zigarette schaute daraus hervor. Blicklos starrte er sie an, dann zuckte er zusammen, als wäre er aus einem bösen Traum gerissen worden. Er schob die Packung in meine Richtung und hob fragend seine Augenbrauen. Ich lehnte dankend ab. Roland Schubeck stand auf, schlurfte zum Herd und goss sich Kaffee nach. Er blieb ans Spülbecken gelehnt stehen und rauchte seine Zigarette mit drei weiteren tiefen Zügen zu Ende. Den Stummel drückte er im Spülbecken aus.
„Sie hat mich angelächelt, bevor sie aus der Tür gegangen ist.“
Er sah mich an und begann zu weinen. Fluchend ging er aus der Küche und ich hörte im Flur eine Tür knallen. Ich blieb mit Melanies Mutter zurück. Sie wischte ihre stummen Tränen mit einem Stofftaschentuch aus dem Gesicht und trank einen Schluck von ihrem Kaffee.
„Unsere größten Sorgen waren immer die Drogen und der Alkohol. Viele in ihrem Alter trinken bereits. Wir dachten, jetzt, in der Pubertät, da müssen wir besonders auf Drogen und Alkohol achten.“
Sie nahm sich die letzte Zigarette, knüllte die Packung zusammen und legte sie in den Aschenbecher auf dem Tisch. Genau wie ihr Mann blies sie den Rauch aus der Nase. Dann schnäuzte sie sich und betupfte ihre Augen mit dem Taschentuch.
„Wir waren so froh, als sie diese neue Freundin mit nach Hause brachte. Vorher hatte sie immer allein in ihrem Zimmer gesessen und nur gemalt. Dann kam dieses Mädchen und sie wurden beste Freundinnen. Mein Mann und ich fanden beide das Mädchen nicht sympathisch. Nur wir waren so froh, dass Melanie endlich jemanden gefunden hatte, mit dem sie spielen wollte.“
Der Vater kam zurück und setzte sich. Er betrachtete die zerknüllte Packung im Aschenbecher. Dann zog er eine neue Schachtel aus seiner Hemdentasche und steckte sich eine Zigarette an.
Konstantin kam herein. Er war in Melanies Zimmer gewesen und hatte dort nach Hinweisen gesucht. Scheinbar hatte er etwas gefunden, denn er legte ein paar Hefte auf den Tisch und setzte sich neben mich.
„Das sind Melanies Tagebücher. Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir sie mitnehmen? Mit etwas Glück können wir darin finden, was die Mädchen vorhatten, als sie gestern Nachmittag fortgegangen sind.“
Die Eltern nickten stumm. Wir standen auf und überließen sie ihren trüben Gedanken.
„Hast du schon eine Idee, was hier los sein könnte?“, fragte Konstantin, während er in den alten BMW einstieg, den wir diesmal fuhren.
Ich kletterte auf den Beifahrersitz und zog meine nasse Jacke aus. Es regnete seit Tagen und der graue Himmel schlug mir aufs Gemüt. Müde rieb ich mir die Augen und beobachtete den Nieselregen auf unserer Frontscheibe.
„Ich weiß nicht. Es muss mit diesem Mädchen zu tun haben. Alle Eltern haben von einer neuen Freundin berichtet, bevor ihr Kind verschwand“, sagte ich.
Konstantin lehnte seinen Kopf gegen die Stütze und schloss die Augen.
„Seltsam ist nur, dass niemand weiß, wie dieses Mädchen heißt oder wo es wohnt. Wie können Eltern nur so sorglos sein?“
„Keine Ahnung. Lass uns mal zur Schule fahren. Wir können zumindest die anderen Kinder befragen“, schlug ich vor.
Konstantin gähnte, startete den Wagen und fuhr aus der Einfahrt des kleinen, gelben Hauses, in dem die Schubecks wohnten. Die Vorhänge waren zugezogen und trotz des trüben Tages brannte in keinem der Fenster das Licht. Melanie Schubecks Eltern waren das vierte Paar, dem wir in den vergangenen zwei Monaten einen Besuch abgestattet hatten.
Wir stellten den BMW auf dem Lehrerparkplatz ab und stiegen aus. Der Pausenhof lag verlassen da und auf dem Asphalt hatten sich große Pfützen gebildet. Schnell liefen wir zur Eingangstür und fluchten, als wir diese verschlossen vorfanden.
„Scheiße“, fluchte ich.
Konstantin sah auf seine Uhr. Es war viertel vor zehn. Er zuckte mit den Schultern. Neben der Tür war ein Klingelknopf und ich drückte dreimal lange darauf. Durch das Glas der Tür konnte ich sehen, wie ein Mann auf dem Flur erschien. Stirnrunzelnd betrachtete er uns, bevor er aufsperrte.
„Wer sind Sie?“, fragte er wenig freundlich.
„Müller und König von der Kripo München. Wir möchten die Klassenkameraden von Melanie Schubeck befragen“, sagte Konstantin und hielt dem Hausmeister seinen gefälschten Polizeiausweis unter die Nase.
Obwohl wir bereits seit einigen Wochen mit falschen Pässen, unterschiedlichen Fahrzeugen mit ungültigen Kennzeichen und manchmal sogar in Verkleidung arbeiteten, hatte ich mich immer noch nicht an die vielen Lügen gewöhnt. Mir wurde jedes Mal vor Angst ganz schlecht und mein Puls schoss in die Höhe. So wie jetzt. Es kostete mich viel Mühe, den forschenden Blicken des Hausmeisters nicht auszuweichen. Murrend machte er Platz und ließ uns ein. Wir folgten ihm die hellen Gänge entlang und ich dachte daran, wie ich selbst als Schüler von einem Klassenzimmer zum nächsten gelaufen war. Es war noch gar nicht lange her, aber das Schicksal hatte mir in der Zwischenzeit mit einem brutalen Arschtritt die Sorglosigkeit der Jugend aberkannt.

Im Kindle-Shop: Michael Lindqvist: Das Schweigen der Mauern - Band 4 {ML}
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Jo Hess auf seiner Website zur Horror-Serie {ML}.



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