31. Mai 2016

'Die Wolfselbin: Der Dämon' von Susanne Ferolla

In der Wasserfallstadt Thoran steht das Schicksal der jungen Wolfselbin Jerelin auf dem Spiel. Sie gerät mitten in eine uralte Fehde, die über das Schicksal ihrer Welt entscheiden wird. Helfen kann ihr nur ihr Menschenbruder Florin, ein Außenseiter – wie Jerelin. Doch Jerelin umgibt ein schreckliches Geheimnis. Als Florin es entdeckt, verschweigt er Jerelin die Wahrheit aus Angst, sie würde daraufhin ihre gemeinsame Heimat verlassen. Genau diese Angst muss er aber überwinden, als ein zum Dämon gewordener Kriegsherr hinter ihrer Seele her ist, um wieder zum Menschen werden zu können – oder Jerelin ist verloren …

Gleich lesen: Die Wolfselbin: Teil 1 Der Dämon (Fantasy-Roman)

Leseprobe:
Vor siebzehn Jahren im Hügelland von Koroth

Das Heulen der Wölfe raubte Abelka den Schlaf. So tief hatten sie sich noch nie ins Tal gewagt.
Die Dorfköter kläfften sich heiser.
Abelka schlang ihre Arme um Derk und lauschte seinem gleichmäßigen Herzschlag. Wie immer war er sofort eingeschlafen.
Ausgelassenes Lachen drang von den Ställen herüber.
Fulko war es gelungen, die Männer im Dorf aufzuhetzen und mit ihm nach den Pferden der Wolfselben zu suchen.
Als die Männer johlend zurückkehrten, ritt Fulko in einem schwarzen Sattel aus feinstem Leder. Er freute sich wie ein Kind über die kunstvollen Verzierungen. Stolz jagten sie die drei temperamentvollen Pferde über den Dorfplatz. Deren schweißnasses Fell glänzte im Schein der Fackeln, ängstlich bäumten sie sich auf, bis sie vor Erschöpfung aufgaben und sich in den Stall führen ließen.
Derk wollte keines der Pferde haben, das wertvolle Zaumzeug rührte er nicht an. Er hatte eine Weile zugeschaut, wie Fulko feierte und lachte, dann hatte er sich im Bett verkrochen.

Morgen würde sich Abelka das Trinkleder zurückholen.
Allein.
Derk und die anderen Fallensteller hatten sich schon vor dem Morgengrauen auf den Weg in den Wald gemacht.
Abelka wartete ab, bis die Nacht einem verschwommenen Grau wich. Ihren leichten Bogen fest in der Hand, die Pfeile in ihrem Köcher griffbereit, stahl sie sich aus dem Dorf. Wenn sie sich beeilte, war sie vor dem Höchststand der Sonne wieder zurück.
Sie verschmolz mit dem erwachenden Wald, wich den Hirten aus, die ihre Tiere zusammentrieben, und erklomm auf Umwegen die Hügel von Koroth.
In der kühlen Morgenluft hing bereits ein süßlich fauliger Hauch, der in den nächsten Tagen die ganze Umgebung verseuchen würde. Abelka umging das Plateau, auf dem die Toten lagen, und schlich sich durch das hohe Gras weit unterhalb daran vorbei.
Endlich schafften es die ersten Sonnenstrahlen über das Tlerúr-Gebirge, wo die Pforte zum Innern der Erde lag, die das Wasser des mächtigen Korothá verschlang. Ein unwirkliches Rot ergoss sich über die Hügel und brachte die verdorrten Halme zum Leuchten. Der letzte Ruf eines Käuzchens verhallte. In der Ferne pfiff ein Hirte nach seinem Hund, der kläffend die Herde zusammenhielt.
Abelkas Herz fing an zu klopfen. Weniger als ein Steinwurf von ihr entfernt hatte jemand die Nacht unter dem Dornengestrüpp verbracht. Die Zistrose glühte im Licht der aufgehenden Sonne.
Ihr war, als würde der Strauch sie ansehen, als wäre soeben etwas in ihm erwacht und öffnete die Augen. Ein Rauschen lag in der Luft, ein leises Knistern, als hörte sie heimliche Gedanken. Sie schüttelte den Kopf und schalt sich einen Dummkopf. Trotzdem beschlichen sie Zweifel, ob es richtig gewesen war, hierher zurückzukommen. Wäre der Verletzte noch am Leben, bräuchte er ihre Hilfe. Es gäbe niemanden, dem sie sich anvertrauen könnte. Einem Ji’harbi würde niemand helfen, egal was er zu sagen hatte. Auch Reija nicht. Bekäme Fulko spitz, was sie tat, würde er dafür sorgen, dass man sie bestrafte.
Noch war Zeit umzukehren, noch würde niemand sie im Dorf vermissen und Fragen stellen. Sie biss sich auf die Lippen und verfluchte ihre Neugierde. Göttin Dan hatte sie hierher geführt, ermutigte sie sich. Vielleicht wollte sie ihr etwas zeigen. Es würde die Göttin betrüben, kehrte sie aus Feigheit um.
Ein tiefes Knurren schreckte sie auf. Sie duckte sich. Blitzschnell zog sie einen Pfeil aus dem Köcher und spannte den Bogen.
Etwas Dunkles, das vorhin noch nicht da gewesen war, huschte hin und her.
Als Abelka näher schlich, entdeckte sie einen Köter, der an dem Rosengestrüpp erregt schnupperte. Er hatte Abelka längst bemerkt, hob den Kopf und fletschte die Zähne. Als sie nicht näher kam, beachtete er sie nicht mehr.
Abelka hoffte, dass er abziehen würde, doch der bittere Verwesungshauch, den selbst ihre Menschennase wahrnahm, berauschte ihn. Sein struppiges Fell sträubte sich, sein Knurren wurde lauter und bedrohlicher. Er zog immer engere Kreise vor den Ranken, bis er plötzlich mit klackenden Kiefern vorsprang, nur um im nächsten Augenblick wieder zurückzuweichen.
Ein faustgroßer Stein schnellte aus dem Strauch und streifte das Tier an der Seite.
Mit einem ohrenbetäubenden Kläffen machte es seiner Wut Luft. Ein zweiter, ein dritter Stein folgten, was den Hund umso rasender machte. Nicht mehr lange, und er würde angreifen.
Wut wallte in Abelka auf. Sie spannte den Bogen, fixierte die Brust des Köters und ließ die Sehne los.
Der Pfeil fand sein Ziel.
Winselnd brach der Hund zusammen, von einem kurzen, heftigen Krampf erfasst.
Ein erschrockenes Stöhnen drang aus dem Strauch.
Abelka erstarrte. Der Pfeil hatte sie verraten.

Im Kindle-Shop: Die Wolfselbin: Teil 1 Der Dämon (Fantasy-Roman)

Mehr über und von Susanne Ferolla auf ihrer Autorenseite beim Verlag.

30. Mai 2016

'Mein Herz für deine Liebe' von Danielle A. Patricks

Gibt es das Schicksal? Kann man vor ihm davonlaufen oder sich davor verstecken? Marika Schröder versucht es seit vielen Jahren, hat sie doch vor zehn Jahren einen schlimmen Verlust hinnehmen müssen. Seither existiert sie mehr, als sie lebt. Nicht einmal ihre beste Freundin, Anne Lenders, gelingt es, zu ihr durchzudringen. Timothy Smith, ein Freund der Familie Lenders, ergreift die Initiative, um ihr näher kommen zu können. Schafft er es mit seiner Hartnäckigkeit und Liebe, Marika aus ihrer Verzweiflung herauszuholen, sich dem Schicksal zu stellen und ohne Ängste in die Zukunft zu blicken?

Lesen Sie im Folgeroman von „Ein verrückter Antrag“ die Geschichte von Marika Schröder, der besten Freundin, Anne Lenders. Sie erfahren, wie es mit Familie Lenders weitergeht. Jedes Buch kann unabhängig gelesen werden, ohne den anderen Teil zu kennen.

Gleich lesen: Mein Herz für deine Liebe: Herzgeschichten

Leseprobe:
„Komm, Marika, ich brauche jetzt einen Kaffee und die Männer haben sicher auch Wichtiges zu besprechen.“ Damit packte Anne ihre Freundin am Arm und zog sie in die angrenzende Küche. Die Männer starrten ihnen nach und verschwanden selbst in Chris’ Arbeitszimmer.
„So, und nun erzähl mir, was zwischen dir und Tim vorgefallen ist. Und wage ja nicht, mich anzulügen. Als wir nämlich vorhin ins Wohnzimmer gekommen sind, sind die Funken nur so geflogen. Ich habe genau gesehen, wie ihr beide euch mit den Augen beinahe erdolcht hättet.“
Anne kannte ihre Freundin nur allzu gut. Sie konnte in ihrer Mimik lesen wie in einem Buch. Sie ahnte, dass Marika, seit sie sie kannte, Geheimnisse mit sich herumschleppte, über die sie nicht sprach. Sie mimte immer die Lustige, die Freundliche. Mit allen versuchte sie, gut auszukommen. Ihre vielen Männerbekanntschaften und Sexaffären störten Anne, aber sie hätte ihrer Freundin diesbezüglich nie einen Vorwurf gemacht. Irgendwie fühlte sie, dass Marika Probleme mit intensiven Bindungen haben musste. Obwohl beide so gut befreundet waren und sie sich alles anvertrauten, wusste Anne bislang nichts aus Marikas Vergangenheit. Sie hatte nie etwas erzählt. Dieses Thema war tabu. Vorhin, als sie Tim und Marika beobachtete, war ihr aufgefallen, dass beide ziemlich verärgert wirkten. Tim, der Casanova alle Ehre gereichte, ein Frauenheld ohnegleichen, verblendete alle Frauen mit seiner maskulinen Ausstrahlung und des unvergleichlichen Machoverhaltens. Dass Tim schon lange ein Auge auf Marika geworfen hatte, wusste sie aus verlässlicher Quelle – von Chris. Sie ließ ihren Blick daher nicht von Marika abschweifen und wartete mehr oder weniger geduldig, bis ihr die Freundin antwortete. Sie hatte Zeit und konnte ebenso hartnäckig sein wie Marika.
„Nun, erzähl schon, ich warte…“, Anne verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich lässig an die Küchentheke.
„Ach, nichts!“
„Was ist nichts?“, ließ Anne nicht locker.
„Himmel, bist du neugierig“, protestierte Marika, „Tim hat mich wieder einmal eingeladen. Er will mich um zwanzig Uhr abholen und hat mir gedroht, dass er mich findet, wenn ich nicht zu Hause bin.“ Marika zuckte mit den Schultern und hob beschwichtigend die Hände. „Er ist ein Arsch und er wird immer einer bleiben! Was bildet er sich eigentlich ein, wer er ist?“ Sie starrte auf den Fußboden, als wäre die Antwort dort unten zu finden …
„Warum weigerst du dich eigentlich so hartnäckig, mit ihm auszugehen. Er ist ein gutaussehender Kerl, der sogar ganz nett sein kann“, wollte Anne wissen.
„Ich habe auch meine Prinzipien! Eine davon ist, dass ich nicht mit Footballspielern und schon gar nicht mit Teamkollegen deines Mannes ausgehe. Ebenso wenig verabrede ich mich mit Familienangehörigen meiner Freunde.“
„So, so, du hast also Prinzipien“, spöttelte Anne ihrer Freundin nach. „Aber auch Prinzipien vertragen Ausnahmen …“
„Nicht meine!“
„Marika, ich merke doch, dass dir dieser Mann schon seit Langem unter die Haut geht. Du wirst in seiner Nähe ganz fahrig und hibbelig. So kenne ich dich sonst nicht.“
„Ich werde nicht fahrig und hibbelig. Er nervt mich einfach. Und das ist ein weiterer guter Grund, nicht mit ihm auszugehen! Außerdem möchte ich seine Eroberungsliste nicht auch noch erweitern.“ Marikas Gesicht war rot angelaufen, ob aus Ärger oder Verlegenheit, war nicht genau festzustellen.
„Ich sehe nach den Zwillingen, die sind mir schon wieder zu ruhig. Ach ja, und deine Schminkutensilien solltest du auch erneuern, seit deine Racker sie in den Händen hatten.“ Marika flüchtete aus der Küche.
Anne grinste breit. Sie hatte ihre Freundin ziemlich aus der Reserve gelockt, wie sie fand. Das war gut, sehr gut sogar. Denn wenn Marika die Fassung verlor, das gekünstelte Dauerlächeln sich verabschiedete, was nur sehr selten passierte, bekam man Einblick in eine sehr verletzliche Seele. Sie wollte ihrer Freundin so gerne helfen, aber dazu musste sie es erst schaffen, zur wahren Marika vorzudringen …

Marika war zu den Kindern geeilt, um der nervigen Diskussion aus dem Weg zu gehen. Es ärgerte sie, dass sie ihrer Freundin nichts vormachen konnte. Verlegen schloss sie für einen kurzen Moment die Augen. Dieser verdammte Tim ging ihr tatsächlich unter die Haut. Und das bereits seit dem ersten Zusammentreffen. Am liebsten hätte sie sich ihn damals, vor fast drei Jahren, auf einer Party gekrallt und wäre mit ihm auf und davon gelaufen. Aber er hatte ausschließlich Augen für ein dürres Model, das ohne Unterlass an seinem Arm hing. Nach fortgeschrittener Stunde verabschiedete sich das Pärchen. Kaum eine Stunde später tauchte er wieder bei der Gesellschaft auf, um sogleich mit ihr anzubändeln. Gleichzeitig flirtete er heftig mit Doris, einer Bekannten. Am liebsten hätte sie ihm eine gescheuert. Seit damals versuchte er es immer auf irgendeine profane Art und Weise, mit ihr ein Date zu vereinbaren. Daher mied sie ihn. Und das heute war sowieso die Frechheit schlechthin gewesen. Er hatte ihr doch tatsächlich gedroht. So eine Pfeife! Was bildete er sich denn ein, wer er war? Wären nicht die Zwillinge in ihrer Nähe gewesen, sie hätte lautstark einen Stapel Schimpfwörter von sich gegeben.
„Bis bald, Chris, und vergiss die Bücher nicht!“ Tim schlenderte aus Chris’ Arbeitszimmer und schnurstracks auf Marika zu, die auf dem Boden herumkrabbelte und mit den Kindern „Zusammenräumen“ spielte. „Und du vergiss nicht, dass ich dich heute abhole, zwanzig Uhr. Sei bitte pünktlich, ich habe eine besondere Überraschung für dich, Liebes.“ Tims Stimme hatte einen eigenartigen schnurrenden Unterton.
„Verzieh dich, ich gehe mit dir nicht aus und deine Überraschung kannst du dir sonst wohin stecken“, knurrte Marika. Sie warf ihm von unten einen mürrischen Blick zu. „Und dein LIEBES bin ich noch lange nicht!“
„Das werden wir sehen!“

Im Kindle-Shop: Mein Herz für deine Liebe: Herzgeschichten

Mehr über und von Danielle A. Patricks auf ihrer Website.

27. Mai 2016

'Per Deadline Mord' von Janette John

»Das Leben ist wie die Tastatur eines Klaviers. Entweder spielt es in leisen oder auch in lauten Tönen. Mal in Weiß, mal in Schwarz und mal irgendwo dazwischen.« Janette John

Stell DIR vor, ein geliebter Mensch ist krank
und nur EIN Spenderorgan rettet jetzt noch sein Leben!
Doch DIE Warteliste ist zu lang.
Was würdest DU tun?

Heidelberg 2001. Im Universitätsklinikum Heidelberg stirbt die Mutter zweier Kinder aufgrund eines angeborenen Herzfehlers. Das zu erwartende Spenderherz blieb aus.

Konstanz heute. Mitten am helllichten Tag fällt eine junge Studentin vom Konstanzer Münster. Alles deutet auf Selbstmord, wenn es nicht eine Reihe ähnlicher Fälle in den letzten Jahren deutschlandweit gegeben hätte. Die Frauen waren jung, rothaarig, feengleich und schön. Warum traf es gerade sie?

Deutschland heute. Zum Teil arme und mittellose Menschen sterben eines natürlichen Todes. Merkwürdig sind nur das Alter sowie die Todesursache. Waren sie womöglich Ersatzteillager für bessergestellte Todkranke?

Die junge Polizistin Nadine Andres und ihr Team geraten in die mafiösen Strukturen einer in Europa agierenden Vereinigung von Organhändlern. Mit solch einem Ausmaß an krimineller Energie hatten selbst sie nicht gerechnet. Besteht etwa eine Verbindung zwischen diesen scheinbar unterschiedlichen Ereignissen? Und wenn ja, worin?

Per Deadline Mord – ein beängstigender Thriller um Geld, Gier und Glauben.

Bisher erschienen:
»Mit mörderischem Kalkül: Bodenseethriller« (Kripo Bodensee 1)
»Per Deadline Mord: Bodenseethriller« (Kripo Bodensee 2)
Alle Bücher von Janette John können unabhängig voneinander gelesen werden.

Gleich lesen: Per Deadline Mord: Bodenseethriller (Kripo Bodensee 2)

Leseprobe:
»Flirtest du mit mir?«, fragte Nadine und bekam augenblicklich einen roten Kopf. Peinlich, wenn Daniel das mitbekommt. Hilfe, ich glühe. Erde, bitte öffne dich und verschlinge mich.
»Und wenn ja?«
»Wenn ja, würde ich dir sofort eine Abfuhr erteilen. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.«
Daniel verstummte und schien nachzudenken.
»Heißt das«, begann er unsicher, »du würdest nichts mit einem Kollegen anfangen?«
»Genau, das soll’s heißen. Ich halte nichts von einer Liebelei im Büro. Wird dann nur getratscht. Is nix für mich.«
»Aha«, beendete Daniel das kurze Gespräch und konzentrierte sich wieder auf die Fahrbahn.

Etwa nach einer halben Stunde hatten sie ihr Ziel erreicht. Manzell, ein Stadtteil von Friedrichshafen. Eigentlich ein unspektakulärer kleiner Vorort nur wenige Kilometer von der großen Stadt entfernt. Wäre da nicht seine berühmte Geschichte, wäre er wohl weniger bekannt.
In der Manzeller Bucht hatte sich die Luftschiffhalle für die Zeppeline befunden. Und genau hier hatte auch die Ära der berühmten Luftschifffahrt mit dem Erstaufstieg des Starrluftschiffs LZ 1 am 02. Juli 1900 begonnen. Weitere Fahrten mit neuen Luftschiffen waren gefolgt, bis zum unsäglichen Unglück am 06. März 1937, als LZ 129 Die Hindenburg bei der Landung in Lakehurst/USA in Flammen aufgegangen war und die zivile Langstrecken-Luftschifffahrt beendet hatte.
Das Haus von Professor Quast lag in einer dieser typischen Nachkriegssiedlungen mit altem Baumbestand, gepflegten Gärten und Häusern, denen man im Laufe der Jahrzehnte die Nostalgie der Vergangenheit abmodernisiert hatte. Einige von ihnen hatten hübsche Wintergärten, andere waren durch Anbauten vergrößert worden und neuen Familienumständen angepasst, und wieder andere schienen in Ruhe gelassen worden zu sein. Sie sahen aus wie eh und je. Nur ein paar der Häuser mussten weichen, um sich der Moderne unterzuordnen. Wie auch das Haus der Quasts. Sie bewohnten einen hässlichen weißen Kasten, mit Fenstern so klein, als wären es Schießscharten. Die Anlage war wie aus dem Ei gepellt. Der Rasen gemäht. Die Bäume getrimmt. Nichts wurde hier dem Zufall überlassen.
Die beiden Polizisten verließen das Auto und bewegten sich langsam auf das schwarze Tor zu. Die Straße war menschenleer. Wahrscheinlich waren alle arbeiten oder gingen einer Tätigkeit daheim nach.
Die Hausklingel wirkte schlicht und passte zum Rest des Hauses.

Im Kindle-Shop: Per Deadline Mord: Bodenseethriller (Kripo Bodensee 2)

Mehr über und von Janette John auf ihrer Website.

26. Mai 2016

'Aurora Sea' von Nadine Stenglein

Vor Jahren verschwand das Flugzeug, in dem Emmas Eltern saßen, spurlos über dem Meer. Eine Weile später wiederholt sich ein solches Ereignis. Emma wohnt seit dem Verlust ihrer Eltern bei ihrer Tante Mathilda auf Sylt und erhält plötzlich SMS-Nachrichten von einem gewissen Jamie, der behauptet Passagier der letzten Unglücksmaschine gewesen zu sein. Als sie Jamie später auf einer geheimnisvollen Insel trifft, die wie aus dem Nichts mitten im Meer auftaucht, erfährt sie, dass in den Tiefen des Meeres Gefahren lauern, die nicht nur ihr zum Verhängnis werden sollen. Zudem hat es sich der junge Evenfall, ein Meereswesen, in den Kopf gesetzt, Emma um jeden Preis zu seiner Gefährtin zu machen...

Gleich lesen: Aurora Sea: Romantic Fantasy Roman

Leseprobe:
Seit das Flugzeug meiner Eltern vor ein paar Jahren über dem Atlantik auf mysteriöse Weise verschwunden war, hegte ich ein gewisses Unbehagen dem Meer gegenüber. Nun ließ ich zum ersten Mal seit langer Zeit seine Wellen so nahe an mich herankommen, dass die auslaufende Gischt meine Füße überspülte. Ein Frösteln überlief meinen Körper und schien ihn mit Eiskristallen zu übersäen.
Nichts hatte sich geändert. Im Grunde wusste ich, dass ich dem Meer keine Schuld geben konnte, dennoch hasste ich es für sein Schweigen, für seine Unergründlichkeit und seine Weite, die ich früher geliebt hatte.
Ich war mir sicher, dass Mom und Dad zusammen mit den anderen Passagieren zu Gefangenen der Tiefen des Meeres geworden waren. Schon oft hatte ich davon geträumt. Nachtfantasien, in denen ich ihre aufgerissenen Münder sah, aus denen anstatt verzweifelter Schreie Wasserblasen stiegen, die mit mir zurück zur Oberfläche trieben. Jedes Mal versuchte ich bei Mom und Dad zu bleiben, nach ihnen zu greifen, sie mit mir zu nehmen, doch ich schaffte es nie. Der Meeresboden, in dem das Flugzeug feststeckte, hielt sie fest. Durch unsichtbare Seile waren sie mit ihm verbunden. Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke bis zum Kinn und blickte über das Meer hinweg in das Abendrot, das sich über dem Sylter Wattenmeer ausdehnte.
Als Kind war ich hier oft mit meinen Eltern zusammen zu Besuch bei meiner Tante Mathilda gewesen, bei der ich nun bereits seit fünf Jahren wohnte. Sie war die einzige Verwandte, die ich noch hatte, und ich war ihr mehr als dankbar, dass sie mich damals nicht in ein Heim gesteckt hatte, als meine Eltern verschwanden. Da war ich gerade vierzehn geworden. Ich biss mir auf die Zunge, um die Tränen zu unterdrücken.
Heute wäre Moms Geburtstag, den wir mit Sicherheit groß gefeiert hätten. Es war ein runder, ihr Vierzigster. Ich warf eine Kusshand Richtung Himmel, da hörte ich die Stimme meiner Tante hinter mir.
»Der Sand ist doch viel zu kalt, Emma!«
Sie hatte recht, also schlüpfte ich in meine weißen Turnschuhe, ging ein paar Schritte zurück und drehte mich zu ihr um. Sie stand, bepackt mit einem Korb voller Wäsche, auf der Holzveranda ihres kleinen blau gestrichenen Hauses mit den weißen Fensterläden. Für ein paar Sekunden hielt sie inne und blickte nachdenklich in meine Richtung.
Der Wind wirbelte ihre kurzen, blonden Locken durcheinander und umtanzte ihren zierlichen Körper. Mein Herz schlug schneller. Von weitem sah sie aus wie meine Mutter, die beiden hätten Zwillinge sein können. Ich liebte sie von ganzem Herzen. Sie war eine sanftmütige Person. Auch das hatte sie mit Mom gemein, wenngleich sie nach außen hin manchmal ein bisschen schroffer wirkte.
»Alles okay?«, rief sie schließlich.
Ich nickte, setzte ein Lächeln auf und winkte ihr, damit sie sich keine Sorgen machte.
»Ich helfe dir dann mit der Wäsche«, entgegnete ich und merkte, wie meine Stimme am Ende leicht kippte.
»Ist nicht viel. Das schaffe ich schon. Geh du lieber mal wieder nach Tinnum zu deinen Freunden. Würde dir guttun. Mel hat vorhin angerufen, sie vermisst dich schon«, gab sie zurück und verschwand dann nach drinnen.
Der Gedanke, mal wieder mit meiner Freundin zu quatschen, war nicht schlecht, doch heute blieb ich lieber allein und schickte den Wellen noch einen Geburtstagsgruß für Mom hinterher, den sie vielleicht sogar zu ihr tragen würden. Danach lauschte ich dem Tosen der See, während der Wind noch einen Tick kühler wurde und über mein langes, schwarzes Haar strich, als wolle er mich aufheitern.
Mein Blick verlor sich in den wogenden Wellen und plötzlich glaubte ich, es wieder zu hören. Diesen melancholischen und zugleich wunderschönen Gesang, der von der Gischt zu mir getragen wurde.
Ich atmete so leise wie nur möglich, aus Angst, ihn wieder zu vertreiben, und hielt ganz still. Dieses Mal war er intensiver als sonst und mir war, als wolle er mich anlocken. Ich war mir sicher, sicherer denn je, dass dieser Gesang real war. Ich hatte mir das nicht eingebildet. Nie. Schnell machte ich kehrt und rannte auf das Haus zu.
»Tante Tilli?«
Ich eilte durchs Haus, in dem mir jeder Winkel der liebevoll im Landhausstil eingerichteten Räume vertraut war. Schließlich fand ich Tante Tilli, wie ihre Freunde und ich sie gerne nannten, in ihrem Bügelzimmer zwischen roséfarbenen Bettlaken.
Sie blies sich eine ihrer Locken aus der Stirn und hob den Blick. In ihren wasserblauen Augen lag ein besorgter Ausdruck.
»Ist was passiert? Du bist ja ganz bleich.«
Ich ergriff ihre Hände. »Der Gesang. Er ist wieder da. Komm schnell!«
»Und ich dachte schon sonst was.« Tante Mathilda stellte das Bügeleisen ab und folgte mir mit einem Seufzen.
»Er ist lauter als sonst. Dieses Mal wirst du es auch hören, bestimmt. Ich bilde es mir nicht ein.«
Zurück am Strand hielt ich gespannt die Luft an, während wir zusammen lauschten. Tatsächlich ließ der mystische Gesang nicht lange auf sich warten. Nirgends zuvor hatte ich derart klare, helle und gleichzeitig traurigere Stimmen gehört.
Gespannt beobachtete ich meine Tante. Ihre Mimik wirkte angestrengt. Dann schüttelte sie den Kopf und lockerte sich. »Tut mir leid, Emma. Ich höre nichts außer dem gewohnten Rauschen des Meeres.«
Das konnte sie doch unmöglich überhören. Enttäuscht starrte ich sie an, aber ihr Blick war eindeutig. Sie vernahm nicht einen Ton.
»Das Meer hat dieses Lied, das du zu hören glaubst, wohl allein für dich geschrieben, Emma. Aber manchmal spielen uns auch die Sinne einen Streich.«
»Ich bilde es mir nicht ein!«, flüsterte ich, während meine Tante mir sanft über den Rücken strich.
»Wir sollten Dr. Morton anrufen. Ich meine, vielleicht sind auch die Tabletten dran schuld. Er hat ja gesagt, dass sie leichte Wahnvorstellungen hervorrufen können.«
Ich schüttelte den Kopf und ließ ein wenig Sand durch meine Finger rieseln. »Ehrlich gesagt hab ich noch keine einzige von diesen komischen Pillen geschluckt. Ich brauche sie nicht. Sie können mir Mom und Dad auch nicht wiederbringen.«

Im Kindle-Shop: Aurora Sea: Romantic Fantasy Roman


Mehr über und von Nadine Stenglein auf ihrer Website.

25. Mai 2016

'Ein verrückter Antrag' von Danielle A. Patricks

Wer macht denn gleich beim ersten Date einen Heiratsantrag und wer nimmt diesen auch noch an? Die Geschichte von Anne und Chris beginnt dort, wo andere aufhören ...

Anne, eine alleinerziehende Mutter, verdient ihr Geld in einem Nachtclub als Kellnerin und Tänzerin, um für sich und ihre vierjährige Tochter sorgen zu können. Mit Männern hat sie seit Sophies Vater nichts mehr am Hut. Sie meidet sie wie die Pest. Männer bringen nur Unglück, das hat sie selbst am eigenen Leib erfahren. Als sie von ihrem Chef gezwungen wird, sich mit einem Gast zu treffen, soll dies ihr Leben entscheidend ändern. Und als sie endlich glaubt das Glück gefunden zu haben, droht Gefahr aus der Vergangenheit …

Gleich lesen: Ein verrückter Antrag: Herzgeschichten


Leseprobe:
Anne war nicht erfreut, ihren Dienst als Tänzerin zu beginnen. Lieber servierte und bediente sie. Das Tanzen machte sie des Geldes wegen, um finanziell besser über die Runden zu kommen. Als sie nun von der Bühne eilte, hielt sie ihr Chef zurück.
„Anne, einen Augenblick“, stoppte er sie. „Du wirst im Separee vier erwartet.“ Bevor sie jedoch ein Wort dagegenreden konnte, bremste er sie.
„Ohne Widerrede! Du wirst da heute hineingehen. Verstanden? Das ist eine verdammte Anweisung. Und ich mache dich auf die letzte Vereinbarung aufmerksam – entweder du nimmst diese Einladung an oder ich feuere dich! Hast du mich verstanden?“
Max hatte sich in seiner vollen Größe von ein Meter achtzig vor ihr aufgebaut und drohte nun mit Händen und wilden Gebärden. Es war ihm völlig ernst. Er würde sie heute entlassen, wenn sie der Einladung dieses Kunden nicht nachkam. Heißer Zorn stieg in ihr auf. Mit ihren großen Augen starrte sie ihren Chef ungläubig an. Was passierte da gerade? Sollte sie einfach gehen, ihn ignorieren. Dann war sie den Job los. Sie brauchte das Geld. Sie brauchte den Job. Ohne ein Wort drehte sie sich abrupt um und rauschte Richtung Separees davon.
„Das Vierer“, hatte er gesagt.
Sie hasste das. Er hatte sie beinhart erpresst. Sie wollte das nicht. Sie war kein Flittchen. Das war sie nie gewesen und trotzdem hatte sie nun als alleinerziehende Mutter Verantwortung für ihre vierjährige Tochter zu tragen. Allein diese Bürde zwang sie, diese Erniedrigung in Kauf zu nehmen und in dieses verdammte „Vierer-Separee“ zu gehen.
Mit schweißnassen Fingern öffnete sie zaghaft die Tür. Zuerst mussten sich ihre Augen an den abgedunkelten Raum gewöhnen. Ein Riese mit breiten Schultern kam auf sie zu. Mit tiefer Stimme begrüßte er sie.
„Guten Abend. Danke, dass Sie meine Einladung angenommen haben. Ich heiße Christoph Lenders und bin Footballspieler“, stellte er sich förmlich vor.
„Guten Abend Herr Lenders, ich weiß, wer Sie sind. Schließlich ist das Footballteam ja öfter hier in dieser Bar“, knurrte sie mit schroffer Stimme.
„Nehmen Sie doch Platz, was darf ich Ihnen zu trinken bestellen? Champagner, oder einen Cocktail?“
Seine Stimme klang etwas unsicher oder kam es Anne nur so vor?
„Ein Glas Rotwein“, hielt sich Anne kurz und ließ sich auf der gemütlichen Bank nieder.
Chris holte an der Bar das gewünschte Glas Rotwein und für sich ein Bier. Er konnte es noch nicht fassen, die Eisprinzessin war wirklich gekommen. Zurück im Separee setzte er sich ihr gegenüber. Zu nahe wollte er ihr nicht treten. Er musste erst ihr Vertrauen gewinnen.
„Verzeihen Sie mir, Anne, ich darf Sie doch Anne nennen?“
Sie nickte nur kurz. „Sie denken sicher, was will der von mir?“, begann er vorsichtig. „Ich möchte Sie einfach kennenlernen, ich möchte Sie bitten, mir eine Chance zu geben, Sie kennenlernen zu dürfen.“
Er machte eine unbeholfene Bewegung, seine Stimme verriet Unsicherheit. Anne starrte ihn mit ihren großen braunen Augen an, ohne auf das Gesagte zu reagieren.
„Darf ich Sie heute einladen, mit mir essen zu gehen?“
„Das wird leider nicht möglich sein“, entfuhr es ihr, „ich habe bis circa ein Uhr Dienst.“
„Oh, das hab ich mit Ihrem Chef schon geregelt, er gibt Ihnen selbstverständlich frei.“
Entrüstet entfuhr ihr: „Was? Er gibt mir frei? Ohne mich vorher zu fragen, ob ich das überhaupt möchte?“
Erst jetzt hörte sie die Panik in ihrer Stimme. Sie rang merklich um Fassung. Auf wen sollte sie ihre Wut richten? Ihren Chef oder ihr Gegenüber?
Chris legte seine Hände auf die ihren, mit denen sie nervös am Tischtuch herumzupfte.
„Ich verspreche Ihnen, ich werde nichts tun, was Sie nicht wollen“, schwor Chris, ohne auf ihre Frage genauer einzugehen.
„Außerdem hat mir Ihr Chef ernsthaft gedroht, sollte ich Sie nicht fürsorglich behandeln. Er hält große Stücke auf Sie. Ich möchte mich mit Ihnen nur unterhalten, einfach reden, über Dinge, die Sie gerne mögen. Was Sie gar nicht mögen. Warum Sie hier arbeiten“, mit einer ausschweifenden Handbewegung deutete er an, dass er das Lokal meinte. „Ich möchte Sie nicht erschrecken. Keineswegs. Sie sind eine ausgesprochen hübsche Frau. Ich habe mich in Sie verguckt, als ich Sie das erste Mal gesehen habe“, gestand er. „Da haben Sie mir einen Wodka serviert. Ihre Augen wirkten traurig. Das war an dem Abend, als Sie einem anderen Gast, der Ihnen auf Ihren hübschen Po gegrabscht hat, den Champagner übergegossen haben“, grinste Chris nun breit. „Ihre Courage hat mir gefallen. Ich glaube, nein, ich weiß es, ab da konnte ich die Augen nicht mehr von Ihnen lassen. Ich möchte erfahren, was für ein Mensch Sie sind und warum Ihre schönen – warten Sie … „ er beugte sich weit über den Tisch, ganz nah an sie, damit er ihre Augen besser sehen konnte, „… Ihre bernsteinfarbenen Augen so traurig blicken.“
Dann lehnte er sich wieder gemächlich zurück. Seine Augen hielten sie fest. Warm und unergründlich.
Bei Anne, fasziniert von seiner tiefen und sympathischen Stimme, begann der Widerstand leicht zu bröckeln. Sie fühlte sich geschmeichelt. Jemand machte sich Gedanken um sie. Eine wildfremde Person machte sich um ihr Wohlergehen Gedanken. Doch meinte er es ernst? Meinte er es auch so, wie er es sagte und wie es sich für sie anfühlte? Sie war verwirrt.

Im Kindle-Shop: Ein verrückter Antrag: Herzgeschichten

Mehr über und von Danielle A. Patricks auf ihrer Website.

23. Mai 2016

'Seelenqual mit HappyEnd' von Heidi Dahlsen

Als würde mir die Diagnose manisch depressiv nicht bereits genug Probleme bereiten … nun kam auch noch Krebs hinzu.

Die Zeit schien stillzustehen … ich ergab mich in mein Schicksal voller Angst. Meine Gedanken kreisten zwischen Resignation und Hoffnung. Vertrauen in die Ärzte, die Liebe meiner Familie sowie ein besonderer Geburtstagsgruß ließen mich nicht verzweifeln, sondern positiv in die Zukunft schauen.

Langsam aber stetig ging es bergauf und heute kann ich sagen: „Meine Seelenqual hat ein HappyEnd gefunden, auch … weil ich mich nicht unterkriegen lasse.

Gleich lesen: Seelenqual mit HappyEnd



Leseprobe:
Die Sonne strahlt am Himmel, als möchte sie sich für den langen Winter entschuldigen. Ihre wärmenden Strahlen tun meiner Seele gut, ebenso das frische Grün der Bäume und Sträucher. Die Vögel zwitschern um die Wette, als würden sie im Wettstreit stehen … endlich ist der Frühling da.
An diesem wunderschönen Tag bin ich auf dem Weg zu meiner Gynäkologin … eigentlich nur zu einem ganz normalen Kontrolltermin.
Im Wartezimmer sitzen nur zwei Frauen, sodass abzusehen ist, dass ich die Praxis bald wieder verlassen werde.
So ist es dann auch.

Beim Ultraschall ist auf dem Bildschirm zu erkennen, dass sich die Zyste, die sich seit vielen Jahren an meinem rechten Eierstock befindet, in ihrer Größe und Struktur bedenklich verändert hat. Manchmal schmerzt es an dieser Stelle, aber das liegt nur daran, dass sie sich immer mal mit Flüssigkeit füllt und dann wieder entleert. Ansonsten hatte ich nie Beschwerden.
Bisher wurde mir gesagt, dass man Zysten in Ruhe lässt, solange sie klein und unauffällig bleiben. Ansonsten sollte unverzüglich gehandelt werden, weil sie schnell bösartig wuchern können. Deshalb weist mich meine Ärztin darauf hin, mich sofort operieren zu lassen.
Aufgrund meiner psychischen Probleme bin ich jedoch gar nicht fähig, umgehend eine Entscheidung zu treffen, geschweige denn in den nächsten Tagen ins Krankenhaus zur Operation zu gehen.
Also bitte ich um etwas Aufschub, den sie mir für drei Monate gewährt. Um die Dringlichkeit zu unterstreichen, drückt mir die Sprechstundenhilfe umgehend einen Zettel mit dem nächsten Termin in die Hand.

Vor vielen Jahren bekam ich die Diagnose: manisch depressiv.
Zurückzuführen ist dies auf die Gefühlsschwankungen, denen ich, solange ich denken kann, ausgesetzt bin.
Seit meiner Kindheit fühle ich mich ständig irgendwie „komisch“.
Aber … Wer weiß schon, wie sich „normal“ anfühlt?
Meine Eltern wollten kein Kind. Das weiß ich so genau, weil mir immer wieder gesagt wurde, dass ich nur entstanden bin, weil sie zu viel Langeweile hatten.
Wäre ich ein aufgeschlossenes, draufgängerisches Kind gewesen, hätte mir das sicher nicht viel ausgemacht. Aber leider war ich schon immer sehr schüchtern und ängstlich. Meine Eltern gaben mir keinen Halt. Sie waren froh, dass ich beizeiten sehr selbstständig war und nie auf die Idee kam zu widersprechen. Sie vermittelten mir mit Nachdruck, dass ich Erwachsenen Respekt entgegenbringen muss, egal wie diese sich mir gegenüber verhalten. Deshalb stellte ich niemals etwas in Frage.
Sowie ich laufen konnte, schubsten sie mich in die Welt hinaus. Und da stand ich nun … allein … ziemlich hilflos und meistens ratlos.
Deshalb fühle ich mich heute noch, sowie ich das Haus verlasse, als würde ich mich im luftleeren Raum befinden. Alles dreht sich um mich, ich nehme die Umgebung etwas verzerrt wahr. Natürlich nagt dieser Zustand an meinem Unterbewusstsein. Ich bin traurig, weil ich es einfach nicht schaffe normal zu sein. Das kann doch eigentlich gar nicht so schwer sein, denn alle anderen Menschen wirken doch sooo normal.
„Reiß dich zusammen und hab dich nicht so!“, war die Devise meiner Mutter und das tat ich dann auch.
Täglich ging ich mit diesem Vorsatz zur Schule, zur Berufsausbildung, zum Studium und danach zur Arbeit, denn ich wollte Bestleistungen bringen und war davon überzeugt, wenn ich mich nur genug anstrenge, würde ich viel mehr schaffen. Mein größtes Ziel war es, meine Eltern endlich mal stolz auf mich sehen zu können.
In meinen guten Phasen könnte ich die Welt verändern, bin voller Energie, sehe meine Zukunft positiv. Dann mache ich am liebsten alles auf einmal und schaffe sogar etwas, worüber ich mich freuen kann. Aber wann, wenn nicht in einer positiven Phase, sollte ich überhaupt etwas schaffen. Leider verausgabe ich mich meistens und bekomme umgehend die Quittung, sodass ich total erschöpft bin.
Während meiner langjährigen Therapien habe ich erfahren, dass ich meine Kräfte einteilen muss. Da ich ständig unter nervlicher Anspannung stand, lernte ich erst einmal mich zu entspannen und ruhig durchzuatmen.
Noch heute wechselt meine Stimmung mehrmals täglich von himmelhoch-jauchzend bis zu Tode betrübt.
Ich kämpfe dagegen an, das kostet jedoch sehr viel Kraft und ist auf Dauer kaum auszuhalten. Einen Mittelweg zu finden ist unglaublich schwer. Auch mein Leben hält viel Abwechslung bereit, sodass ich eben nicht einfach im Bett bleiben kann, wenn ich mich nicht wohlfühle. Dann sind meine Nerven bald so sehr strapaziert, dass ich Katzen huschen sehe, wo keine Katzen sind oder ich habe ständig das Gefühl, dass gleich etwas Schreckliches passiert. Außerdem drückt sich dies auch in Schmerzen in den unterschiedlichsten Körperteilen aus.
Unterdessen traue ich mich schon gar nicht mehr zum Arzt, denn jedes Mal, wenn ich lang anhaltende starke Rückenschmerzen oder Kopfschmerzen habe oder mir so übel ist, dass ich nichts essen kann und mein Magen ständig rebelliert, wurde mir nach gründlicher Untersuchung gesagt, dass wirklich alles in Ordnung sei. Das ist mir auf Dauer ziemlich peinlich.
Von dem jahrelangen psychosomatischen Durchfall, sowie ich irgendeinen Termin wahrnehmen musste, will ich gar nicht erst reden.
Es war und ist zum Verrücktwerden.
Bachblüten helfen mir dabei, mich etwas besser zu fühlen, sodass ich je nach meiner negativen Stimmungslage die entsprechenden Tropfen zu mir nehme. Bevor ich das Haus verlassen muss, darf ich die Notfalltropfen auf keinen Fall vergessen, denn die unterstützen mich dabei, wichtige Termine wie Arztbesuche, Amtsgänge oder bloß mal schnell einen Friseurtermin durchzustehen, ohne die Flucht ergreifen zu wollen. Oft begleitet mich mein Mann, denn seine Anwesenheit gibt mir Sicherheit.
Meine Freizeitaktivitäten beschränken sich auf alles, was man zu Hause erledigen kann. Ich lese viel, spiele mit meiner kleinen Enkelin und schreibe seit ein paar Jahren Bücher. Einzig und allein mit dem Hund und meinem Mann durch den Wald stromern, das gibt mir Kraft. Da wir dies seit Jahren tun, fühle ich mich im Wald unterdessen schon fast wie zu Hause.

Im Kindle-Shop: Seelenqual mit HappyEnd

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21. Mai 2016

'Vergessen? Ach wo!: Ein phantastisches Sammelsurium' von Ruth M. Fuchs

Wenn das ganz normale Leben auf die Welt der Elfen, Hexen und Kobolde trifft, liegen Alltägliches und Unglaubliches oft ganz nah beieinander.

In siebzehn Erzählungen zeigt Erkül-Bwaroo-Chronistin Ruth M. Fuchs, dass nicht nur der schrullige Elfendetektiv ihre Phantasie beflügeln kann: Ob nun eine Prinzessin mit Handy und Limousine sich eines Riesens erwehren muss, eine Badewanne ein Geheimnis hütet, ein Ökobestatter einen Kobold trifft, der Kühlschränke liebt oder eine Hexe einen Staubsauger zum Fliegen bevorzugt – der unverwechselbare Humor der Autorin entführt uns in zum Teil sehr moderne Fantasywelten und zeigt, dass das Genre viel mehr zu bieten hat, als epische Kämpfe und Weltenrettung.

Gleich lesen: Vergessen? Ach wo!: Ein phantastisches Sammelsurium


Leseprobe:
Siegfried besah sich stirnrunzelnd die Reihe Bücher vor ihm. Was er sah, gefiel ihm gar nicht. Nein, ganz und gar nicht. Er schwebte ein wenig höher. Aber auch hier sah es keinen Deut besser aus. Sorgenvoll schüttelte Siegfried den Kopf und seufzte abgrundtief.
„Was mach ich bloß, was mach ich bloß“, murmelte er, während er sanft wieder abwärts schwebte.
„Was ist denn los?“ Thaddäus kam hinter dem nächsten Regal hervor und setzte sich vor Siegfried auf die Hinterbeine. Neugierig blickte er zu ihm auf.
„Du siehst gar nicht gut aus“, stellte er kritisch fest. „So bleich und durchsichtig warst du noch nie! Da muss ja etwas Furchtbares passiert sein.“
„In der Tat“, nickte Siegfried. „Die Bücher wollen gelesen werden.“

Bücher wollen natürlich immer gelesen werden. Das ist der Sinn und Zweck eines Buches. Und um zu ermöglichen, dass viele Bücher von vielen Leuten gelesen werden, gibt es Bibliotheken. So wie diese, in der Siegfried lebte. Oder besser nicht lebte, denn Siegfried war tot. Er war sein Leben lang in dieser Bibliothek gewesen, die einst sein Großvater verwaltet hatte, bis dieser in Rente ging und Siegfried seine Arbeit übernahm. Zwischen den prächtig geschnitzten Regalen und den Büchern war er alt geworden. Hier war er eines Abends auch gestorben. Und dann hatte sein Geist es nicht fertig gebracht, sich von diesem ihm so lieben Ort zu trennen und er war einfach geblieben.
Dann hatte man aus dem Schloss, zu dem die Bibliothek gehörte, ein Museum gemacht und nun las keiner mehr in den Büchern, sondern starrte sie nur an, wenn mal wieder eine Touristengruppe durchgeführt wurde. Nur hin und wieder kam vielleicht mal ein ganz besonderer Mensch, der dann weiße Baumwollhandschuhe überzog, bevor er eines der Bücher auf den Lesetisch hob und ehrfürchtig darin blätterte. Aber das war viel zu selten der Fall und manche Bücher waren schon Jahrzehnte nicht mehr aus ihren Regalen gekommen. Das machte sie unzufrieden.
Siegfried hörte sie flüstern und klagen und sein Herz blutete. Wenn ein Buch besonders weinte, hob er es herunter und las selbst darin. Oder er legte es Thaddäus hin, damit der es las. Denn Thaddäus war eine Leseratte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er war ein stattliches Exemplar von einer Ratte, schlank, mit silbergrauem Fell und zartrosa Pfoten. Auch das Näschen war rosa. Und der Schwanz. Dass Ratten unbehaarte Schwänze haben, machte Thaddäus sehr zu schaffen. Er fand es nicht nur unschön, sondern richtiggehend peinlich. Sein Schwanz war ihm sogar so unangenehm, dass er sich, wann immer es möglich war, darauf setzte, damit er nicht gesehen werden konnte.
Thaddäus war ein eifriger und hingebungsvoller Leser. Jedes Buch, das er las, fühlte sich gleich besser. Auch Siegfrieds Lektüre schenkte den Büchern Wohlbehagen. Aber bei Tausenden von Büchern standen die beiden letztlich doch auf verlorenem Posten.
Siegfried konnte spüren, wie die Stimmung der Bücher immer trübseliger wurde und er konnte es auch sehen. Denn jedes Buch besaß eine Aura. Die von zufriedenen Büchern schimmerte in warmen Farben von Gelb bis zu hellem Rot. Doch nun verloren die Auren an Glanz, wurden blau, grünlich, grau oder drifteten gar in Richtung Schwarz. Natürlich holte Siegfried letztere sofort aus dem Regal und begann zu lesen, aber es wurden immer schneller immer mehr. Er musste sich eingestehen, dass er und Thaddäus nicht mehr nachkamen.
Wäre es möglich gewesen, dass Geister weinen, Siegfried hätte bittere Tränen vergossen. Er liebte diese Bücher in ihren Leder- und Leineneinbänden, die schlichten genauso wie die mit Goldschnitt, mit handschriftlichen Vermerken, in Frakturschrift oder mit Bildern geschmückt. Und egal ob Folio-, Quart-, Oktav-, oder Sedezformat – jedes einzelne Buch hatte einen Platz in Siegfrieds Herzen.

„Ach, Thaddäus, wir werden sie verlieren“, seufzte Siegfried eines Tages, als er wieder einmal in seinem Lesesessel saß und ein Buch mit fast schwarzer Aura auf dem Schoß hielt. „Ich weiß mir keinen Rat mehr. Schon bald wird eines dieser wunderbaren Bücher sterben und zu Staub zerfallen. Und wir werden es nicht verhindern können.“
„Kopf hoch, Sigi!“ Die Ratte hatte es sich mit einem ähnlich betrübten Buch auf dem Tischchen neben dem Sessel bequem gemacht. „Wir dürfen nicht aufgeben. Wir müssen einfach noch schneller lesen.“
„Mach dir nichts vor. Zwei Leser sind zu wenig. Wir brauchen Hilfe. Kannst du nicht ein paar deiner Verwandten bitten ...“
„Das wird nichts bringen.“ Thaddäus begann, verlegen mit dem Fell auf seinem Bauch zu spielen. „Es ist nämlich so, dass ich, nun, um genau zu sein, etwas aus der Art geschlagen bin.“
„Lesen die anderen Ratten nicht gern?“ Siegfried war erstaunt. Es wollte ihm schon zu Lebzeiten nicht recht eingehen, dass es Wesen gab, die nicht gerne lasen.
„Na ja, eigentlich ist es sogar so, dass sie ...“ Thaddäus war diese Sache sogar noch peinlicher als sein rosa Schwanz, „genaugenommen überhaupt nicht lesen können. Ich habe wirklich alles versucht, es ihnen beizubringen“, beteuerte er sofort mit Nachdruck. „Aber irgendwie war die Frage, wo es was zu fressen gibt, immer viel wichtiger ...“
„Ich verstehe“, sagte Siegfried und machte dabei ein Gesicht, als ob er überhaupt nichts verstand. „Oh edler Herr, wenn es gestattet, zu solch später Stunde Euch zu stören ...“
Siegfried und Thaddäus fuhren beide erschrocken herum. Aus dem Schatten des Bücherregals für Romane trat ein Mädchen hervor. Sie trug ein bodenlanges Kleid aus burgunderfarbenem Samt mit geschlitzten Ärmeln und mit Stickereien aus Goldfäden verziert. Darunter war ein beigefarbenes Unterkleid aus feinstem Leinen sichtbar. Ihr dunkles Haar wurde hinten von einer kleinen, goldgewirkten Kappe zusammengehalten und fiel ansonsten lose bis zu ihrer Taille herab. Sie war blutjung und strahlend schön.
Zutraulich kam sie näher heran und lächelte Siegfried zu.
„Bitte vergebt mir, wenn ich so kühn die Frage wage: Ist Euch Romeo bekannt? Aus dem Hause Montague? Wenn Ihr es wisst, sagt an, wo sein Verbleib, edler Herr und edle ...“ Das Mädchen zögerte, als es Thaddäus betrachtete. „Ratte? Für wahr, eine Ratte! Iiiiiigitt!“
Mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen wich es zurück.
Thaddäus erlebte eine solche Reaktion nicht zum ersten Mal. Trotzdem erschrak er seinerseits zutiefst. Hastig vergewisserte er sich, dass sein Schwanz nicht zu sehen war und kauerte sich dann zusammen in dem verzweifelten Versuch, so auszusehen, als sei er nur eine niedliche kleine Maus.

Im Kindle-Shop: Vergessen? Ach wo!: Ein phantastisches Sammelsurium

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20. Mai 2016

'Gefuehlslooping' von Heidi Dahlsen

Diese Geschichte gibt einen Einblick in eine psychiatrische Klinik, in der die Patienten mit den Dämonen ihrer Vergangenheit abzurechnen sowie ihren kleinen Verrücktheiten umzugehen lernen.

Unter anderem wird diese Lebensgeschichte erzählt:
Was macht eine Mutter, wenn sie nach Hause kommt und diesen „Brief“ ihres Kindes vorfindet?
„Ich bin sterben! Such mich nicht! Dir wünsche ich noch ein sorgenfreies Leben.“
Nach dem ersten Schock versucht sie das unermessliche Gefühlschaos, das die Borderline-Störung bei ihrer Tochter anrichtet, zu ordnen. Es folgt ein jahrelanger, zäher Kampf, der bis zur geistigen und körperlichen Erschöpfung reicht. Am Ende kommt die Mutter zu der unbefriedigenden Erkenntnis, dass sie für ihre Tochter eigentlich nichts weiter tun kann, als selbst die Nerven zu behalten. Das ist jedoch fast unmöglich.

Gewürzt ist die Handlung mit einer Prise ganz normalen Wahnsinns, der so manches Mal nur mit etwas Humor zu ertragen ist.

„Gefühlslooping“ ist der 3. Band der Serie „Alles wird gut …“ und die direkte Fortsetzung von „Ein Hauch Zufriedenheit“. Der Leser begleitet Lydia während ihrer Psychotherapie.

Gleich lesen: Gefuehlslooping (Alles wird gut ... 3)

Leseprobe:
Lydia fährt langsamer als es die erlaubte Höchstgeschwindigkeit zulässt. Das ist sonst eigentlich überhaupt nicht ihre Gewohnheit, aber heute hat sie es nicht eilig, ans Ziel zu kommen.
„Worauf habe ich mich nur eingelassen?“, fragt sie sich immer wieder in Gedanken und überlegt krampfhaft, welche der vielen Ausreden, die ihr mit Leichtigkeit zugeflogen sind, wohl am Glaubhaftesten erscheint, damit sie sich doch noch vor der Therapie drücken kann.
„Mein innerer Schweinehund will mich wirklich mit allen Mitteln davon überzeugen, dass ich kneife. Nichts da“, ruft sie sich zur Ordnung. „Lydia! Du ziehst das durch!“
Sie atmet tief ein und hofft, dass sich bald alles zum Guten wenden wird.
Als sie ihr Auto auf dem Parkplatz abstellt und sich umsieht, ist sie erleichtert, denn die Klinik ist in einem modernisierten Gutshaus untergebracht und wirkt von außen eher wie ein Kurhaus. Nur ein kleines Schild neben dem Eingang weist darauf hin, welche Behandlungen im Inneren durchgeführt werden. Sie wundert sich etwas darüber, dass kein einziges Fenster vergittert ist.
Die wildesten Vorstellungen über psychiatrische Einrichtungen hatten ihre Fantasie im Vorfeld scheinbar etwas ausufern lassen. Sie schmunzelt, als sie sich an einen Albtraum erinnert, in dem sie in einer Gummizelle laut schreiend vergebens auf Befreiung wartete. Die Zwangsjacke entwickelte ein Eigenleben und schnürte ihr die Luft ab, sodass sie schweißgebadet und voller Panik erwacht war.
„Scheinbar alles nur halb so schlimm“, denkt sie erleichtert. „Hoffentlich.“
Nachdem der Termin für den Beginn ihrer Therapie in der Psychiatrie feststand, überkamen sie ständig Zweifel, ob die denn wirklich nötig sei. Deshalb ist es ihr nicht leicht gefallen, ihre Koffer zu packen, und sie ist etwas stolz auf sich, weil sie die Anreise durchgehalten hat.
Auch das Aufnahmegespräch mit der Psychologin lief ziemlich harmlos ab. Eigentlich wollte sie sich nur einen ersten Eindruck verschaffen und schnell wieder nach Hause fahren. Da sie aber davon überzeugt war, dass der zweite Anlauf auf keinen Fall einfacher werden würde, fragte sie spontan nach, ob sie bleiben dürfe. Sie wunderte sich selbst über ihren Mut und hoffte im selben Moment, diesen Entschluss nicht bereuen zu müssen. Die Ärztin bot ihr an, vorerst in einem Doppelzimmer einzuziehen. Das wollte Lydia eigentlich auf gar keinen Fall und dachte kurz über die Vor- und Nachteile nach. Sie fühlte sich etwas hin- und hergerissen, denn sie konnte nicht einschätzen, wie `gefährlich´ die andere Frau ist.
Als diese ihr jedoch vorgestellt wurde, zerstreuten sich ihre Zweifel, denn sie machte einen ziemlich normalen und friedlichen Eindruck und stellte sich gleich selbst mit den Worten vor: „Hallo. Ich bin Elfi und muss jetzt zur Therapie. Richte dich erst mal häuslich ein. Wir können uns nachher ausführlich unterhalten.“
Sie verließ den Raum, und Lydia war froh, sich erst einmal in Ruhe umschauen zu können.
„Elfi scheint einen seltsamen Humor zu besitzen“, denkt sie. „Ich will hier auf keinen Fall häuslich werden. Und das ist auch gut so, denn sonst würde ich nicht alles dafür tun, die Therapie schnell zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen, und müsste sonst ewig hierbleiben.“
Lydia legt ihre Sachen in den Schrank und stellt ihren Laptop auf den Schreibtisch am Fenster. Hoffnungsvoll schaut sie auf das Display ihres Handys und muss feststellen, dass weder ein Anruf noch eine Notfall-SMS eingegangen ist. Sie ist etwas enttäuscht, weil somit kein Grund für sie vorliegt, umgehend wieder nach Hause zu fahren.
Nachdem sie fertig ausgepackt hat, geht sie nach draußen, um sich die Außenanlagen anzusehen und ist erfreut, als sie einen idyllischen See erblickt, an den sich ein Park anschließt.
Ihre erste Aufregung hat sich unterdessen gelegt. Sie fühlt sich eigentlich ganz gut.
„Vielleicht kann ich meinen seit langem gefassten Vorsatz, wenigstens ab und zu zu joggen, hier umsetzen.“
Sie geht zum See und setzt sich auf eine Bank. Als sie ihren Blick schweifen lässt, bemerkt sie, dass sie allein ist und ist froh darüber. Vor der Konfrontation mit den anderen Patienten graut ihr. Wieder kommen Zweifel auf, und sie würde am liebsten fluchtartig die Klinik verlassen. Sie ist so sehr in Gedanken versunken, dass sie hochschreckt, als sie angesprochen wird.
„Darf ich mich zu dir setzen?“, fragt eine etwa vierzigjährige Frau. „Wenn ich störe, kannst du es ruhig sagen. Dann setze ich mich wo anders hin.“
„Nein, nein“, antwortet Lydia schnell. „Ja, natürlich können Sie sich zu mir setzen. Ich bin vorhin erst angekommen und weiß noch nicht so recht … wie …“
Die Frau grinst. „Dass du die Neue bist, musst du nicht betonen. Das sieht man dir an.“ Lydia wird rot. „Keine Angst“, sagt die Frau und winkt lässig ab, „hier guckt in den ersten Tagen jeder so, wie du jetzt. Das gibt sich. Und über dein Verhalten musst du dir an diesem Ort absolut keine Gedanken machen. Wo, wenn nicht hier, kannst du sein, wie du schon immer sein wolltest?“
„Dürfen wir eigentlich zusammensitzen und uns unterhalten?“, fragt Lydia.
Die Frau lacht. „Wenn es nicht erlaubt wäre, hätte man um den See herum nur einzelne Stühle in großem Abstand aufgestellt. Die gemütlichen Bänke verführen uns ja regelrecht dazu, miteinander zu plaudern.“
„Dann bin ich ja beruhigt.“
Lydia wird schwindlig. Schweißperlen treten auf ihre Stirn. Schnell wischt sie diese weg.
„Bist du freiwillig hier?“, fragt die Frau.
„Mehr oder weniger“, antwortet Lydia.
„Tja, manchmal bleibt einem nichts anderes übrig. Du solltest dich von Anfang an daran gewöhnen, dass sich fast alle duzen.“ Sie streckt Lydia ihre Hand entgegen und stellt sich vor. „Ich bin Karin.“
„Lydia.“
Eine Weile beobachten sie die Schwäne und Enten, die auf dem See schwimmen.
Da Lydia das Schweigen etwas unangenehm ist, stellt sie fest: „Es ist ja ganz schön hier draußen.“
„Drinnen wird es dir auch bald gefallen“, antwortet Karin und stupst sie aufmunternd an.
„Das kann ich mir nicht vorstellen“, erwidert Lydia.
„Glaube mir, es ist nicht so schlimm, wie du es dir vielleicht vorstellst. Die Therapeuten sind freundlich und verständnisvoll. Was willst du mehr?“
„Ich wäre lieber zu Hause und würde arbeiten“, sagt Lydia wehmütig.
„Das glaube ich dir. Dabei würdest du dich bestimmt wohler fühlen.“ Lydia nickt. „Und, wo hat dich dein bisheriger Lebensstil hingeführt?“, fragt Karin. Lydia zuckt mit den Schultern. „Siehst du, es ist doch nicht so einfach. Deine Welt kommt bald wieder in Ordnung, wenn du dich nicht allzu sehr gegen die Therapie sträubst.“
Lydia ist erfreut, als sie Elfi kommen sieht.

Im Kindle-Shop: Gefuehlslooping (Alles wird gut ... 3)

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19. Mai 2016

'Der Kommissar und sein Alien' von Gerd Hoffmann

Für Kommissar Förster scheint es ein Tag wie jeder andere zu werden, als er zu einem Tatort gerufen wird. Doch am Opfer gibt es einige Verletzungen, die sich auch der anwesende Gerichtsmediziner nicht erklären kann. Und es bleibt nicht bei diesem einen Opfer. Erst die Bekanntschaft mit einer Frau, die sich als waschechtes Alien entpuppt, führt Förster den tatsächlichen Ernst der Lage vor Augen. Gemeinsam gelingt es dem Alien und dem Kommissar, die drohende Gefahr für die Menschheit zu beseitigen. Doch nun ist die Außerirdische auf der Erde gestrandet und damit steht Kommissar Förster vor ganz anders gearteten Problemen.

Dieser Band ist die komplette Ausgabe aller sieben Kurzromane, die in dieser Reihe erschienen sind.

Gleich lesen: Der Kommissar und sein Alien: Komplette Ausgabe

Leseprobe:
Der Kommissar hatte die halbe Nacht überlegt, ob er seinem Vorgesetzten den Namen nicht einfach verschweigen sollte. Niemand hätte ihm einen Vorwurf machen können. Aber er konnte es einfach nicht. Er konnte nicht dabeistehen und zulassen, dass ein Mensch ermordet wurde. So hatte er Konitzki den Zettel mit Namen und Adresse des potentiellen Opfers direkt am Morgen übergeben. Konitzki hatte sich sofort an die Arbeit gemacht, die Person abholen und unter Polizeischutz stellen lassen. Nun saß Förster an seinem Schreibtisch und starrte Löcher in die Luft, während sein Kollege, um irgendetwas zu tun, die Tafel mit den Hinweisen studierte.
»Hast du noch etwas von deiner Alien-Freundin gehört?«, erkundigte sich Bungert.
Förster schüttelte den Kopf. Nach einer Weile brach er das Schweigen.
»Meinst du, ich habe das Richtige getan? Wenn sie nicht mehr auftauchen sollte, dann sind wir höchstwahrscheinlich geliefert!«
Bungert schnaubte nur verächtlich durch die Nase.
»Ich bin mir sicher, die hat uns verarscht. Selbst wenn ich mittlerweile akzeptiere, dass sie ein Marsmensch ist, so glaube ich noch lange nicht an die bevorstehende Apokalypse. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass sie hinter den ganzen Morden steckt und uns nur ein wenig an der Nase herumführen will.«
Förster sah seinen Kollegen zweifelnd an.
»Ich weiß nicht, ob ich mir wünschen soll, dass du recht hast. Wobei ich auf die Apokalypse durchaus verzichten könnte.«

Ihren Gedanken nachhängend saß die Frau, um die sich das Gespräch zwischen Bungert und Förster drehte, am Decksteiner Weiher auf einer Bank und fütterte verbotenerweise die Enten. Sie machte sich Vorwürfe, dass sie dem Kommissar am gestrigen Abend diese Adresse gegeben hatte. Andererseits hatte sie ihn wieder und wieder auf die Konsequenzen hingewiesen und er war weder ein kleiner Junge, noch war sie sein Kindermädchen.
»Du scheinst die Rolle des Beobachters sehr frei auszulegen. Du sabotierst das Spiel.«
Es überraschte Mirelle nicht im geringsten, dass nun neben ihr ein großer, schwarzhaariger Mann auf der Bank aufgetaucht war. Sie hatte schon damit gerechnet, denn da sie bereits wusste, dass das fünfte Opfer verschwunden war, würde es der Spieler erst recht wissen. Es war schließlich seine Aufgabe, darüber Bescheid zu wissen.
»Ich sabotiere es nicht, ich mache es nur interessanter«, gab Mirelle ungerührt zurück.
»Es ist nicht deine Aufgabe, das Spiel interessanter zu machen. Du glaubst doch wohl nicht, dass du mich irgendwie aufhalten kannst - aus welchem Grund du dies auch immer versuchen solltest.«
Für Unbeteiligte hätte die dunkle Stimme kühl und unaufgeregt geklungen, aber Mirelle konnte aus ihr eine Spur Ärger heraushören. Sie verfütterte das letzte Stückchen trockenes Brot an eine besonders gierige Ente, stand von der Bank auf und wandte sich ihrem Gesprächspartner zu.
»Ich versuche bestimmt nicht, dich aufzuhalten. Das Spiel langweilt mich einfach nur und ich würde es vorziehen, wenn wir irgendwo anders ein neues Spiel starten würden. Vielleicht mal eins, in dem es um wirkliche Herausforderungen geht und das nicht nur rein destruktiv aufgebaut ist.«
Ein dröhnendes Gelächter war die Antwort auf ihren Vorschlag.
»Du scheinst dir wirklich etwas aus diesem erbärmlichen Felsbrocken zu machen. Aber gewöhn dich mal lieber nicht zu sehr an diesen Anblick, denn in ein paar Tagen ist von ihm nicht mehr viel übrig. Nur noch ein wenig kosmischer Staub. Und noch etwas, nur damit du informiert bist: Glaube ja nicht, ich wüsste nicht, mit wem du Gespräche geführt und wen du über meine Ziele informiert hast.«
Im nächsten Augenblick war Mirelles Gesprächspartner verschwunden. Der letzte Satz hatte die Frau mehr als alle vorhergegangenen unterschwelligen Drohungen beunruhigt. Mirelle warf noch einen Blick auf den Weiher, dessen Bild eine idyllische Ruhe ausstrahlte. Seufzend wandte sie sich ab und machte sich auf den Weg ins Polizeipräsidium.
Sie würde versuchen zu retten, was noch zu retten war. Aber sie war sich fast sicher, dass Förster und seine Kollegen mit diesem törichten Versuch, das fünfte Opfer zu retten, die Erde zum Untergang verurteilt hatten.

Bungert stand gerade in der Kaffeeküche, als er in seinem Rücken eine vertraute Stimme hörte.
»Wo ist Ihr Kollege? An seinem Platz ist er nicht.«
Der Polizist drehte sich zu Mirelle um und fixierte sie mit einem etwas spöttischen Blick.
»Können Sie ihn denn nicht mit Ihren speziellen Alienfähigkeiten aufspüren?«
Die Frau bedachte ihn nur mit einem ärgerlichen Blick und wandte sich ab.
»Er ist mal für kleine Jungs und wird gleich wieder am Platz sein«, rief ihr Bungert noch hinterher.
Als Förster aus dem Waschraum trat sah er sich Mirelle gegenüber, die an der Wand lehnte, ihre Arme verschränkt hatte und ihn wortlos und eindeutig verärgert anblickte.
»Sie waren also tatsächlich dümmer, als ich angenommen hatte«, begann sie die Gardinenpredigt. »Ich gratuliere Ihnen zu dieser Entscheidung. Und so, wie ich die eher bescheiden verteilte Intelligenz in diesen Räumen mittlerweile einschätzen muss, würde ich sagen, dass wahrscheinlich ungefähr ein Dutzend Menschen wissen, wo sich das potentielle fünfte Opfer jetzt aufhält. Liege ich mit der Annahme ungefähr richtig?«
Förster musste ihr zustimmen. Außer Konitzki, Bungert und ihm wussten noch mindestens weitere zehn Personen von dem Aufenthaltsort - die Polizisten eingerechnet, die zum Schutz abgestellt worden waren. Als er ihr dies mitgeteilt hatte, schüttelte sie nur verzweifelt den Kopf.
»Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf - obwohl Sie auch auf diesen Rat sicher nichts geben werden - dann ziehen Sie die Polizisten von diesem Ort ab. Wenn der Spieler den Ort herausfindet - und er wird ihn herausfinden, wenn er es darauf anlegt - dann werden ihn diese Wachen bestimmt nicht daran hindern können, die Zielperson zu ermorden. Und statt einer Leiche haben Sie dann auf einmal sieben oder acht Opfer.«

Im Kindle-Shop: Der Kommissar und sein Alien: Komplette Ausgabe

Mehr über und von Gerd Hoffmann auf seiner Facebook-Seite.

18. Mai 2016

'Ostfriesland Connection: Drogen Sex Mord' von Harald H. Risius

Aurich - ein beliebter Touristenort und eine vermeintlich friedliche Kleinstadt im Herzen Ostfrieslands, zeigt seine dunkle Seite. Die Nähe zur Nordsee und den Niederlanden macht sie zu einem idealen Standort für die Russenmafia. Sex und Drogen gehören zum täglichen Geschäft.

Meike, eine junge Studentin gerät ins Getriebe des Bösen. Eine traumatische Kindheit in Armut und der Wunsch nach einem guten Leben sind die Triebfedern, einmal den großen Coup zu landen. Sie lässt sich auf einen riskanten Drogenhandel ein und verstrickt sich in den Machenschaften der Mafia ...

Hinni und Renate werden auf einem Segeltörn von Groningen nach Greetsiel unfreiwillig zu Drogenschmugglern. Mit Erschrecken stellen sie fest, dass sie und ihre Yacht benutzt wurden. Besteht eine Verbindung zu der Leiche, die in einem Kanal gefunden wird? Helmut Brunner und Susi Wildtfang, die beiden Kommissare, tappen lange im Dunkeln, aber schließlich kann Hinni den entscheidenden Tipp geben ...

In der Reihe „Sail & Crime“ mit Hinni und Renate erschienen auch: „Regatta mit Nebenwirkungen“, „Kreuzfahrt in Gefahr“, „Mord mit Risiken“ sowie die beiden Segelromane „Leinen los Pack’ mers“ und „Palmen an Backbord“. Alle Titel lassen sich auch unabhängig voneinander lesen.

Gleich lesen: Ostfriesland Connection: Drogen Sex Mord (Sail and Crime 7)

Leseprobe:
‚Wenn der Kerl nicht so verdammt gut im Bett wäre.’
Meike Gerjets lässt sich schwer atmend auf den Rücken fallen. Ihre Wangen glühen, der gesamte Körper befindet sich in Aufruhr. Das Herz rast. ‚Wie schafft er das nur? Zweimal hintereinander und jedes Mal so ... so toll für mich!’
Langsam beruhigt sich ihr Atem und die Hitze ebbt ab, die eben noch ihren Körper durchströmte. Sie zieht die Bettdecke über ihre Brust, dreht sich auf die Seite und linst vorsichtig zu Flores van Bloom, der nackt neben ihr auf dem Bauch liegt. Sein Gesicht ist ihr zugewandt, unter dem strubbeligen blonden Haar aber kaum zu erkennen. Sie betrachtet seine muskulösen Arme, die sie eben noch so kraftvoll gehalten hatten, während er mit harten Stößen in sie eindrang.
„Du bist der Beste“, flüstert sie ihm zu und streicht versonnen über seinen Rücken.
„Du machst mich eben scharf.“ Er gibt das Kompliment zurück. „Welches Mädchen hat schon so einen geilen Body wie du? Lass noch einmal sehen ...“
Er schlägt ihre Decke zurück und betrachtet sie mit dem Blick des Frauenkenners. Kurz streichelt er ihr blondes halblanges Haar, dann gleitet sein Finger über die Nase auf ihre Lippen und bleibt dort liegen. „Lass mich rein“, bittet er, und als Meike folgsam ihren Mund öffnet, dringt er mit seinem Zeigefinger zwischen ihre Zähne.
„Nicht beißen, bitte!“
Sein Finger tastet ihre Lippen entlang und dringt dann wieder in ihren Mund.
„Jetzt lutsch mich, sauge mich in dich hinein!“
Meike zieht seinen Finger tief in ihren Mund und genießt das Kitzeln, als er ihren Gaumen und die Zunge abtastet. Leider nur kurz, abrupt zieht er den Finger hinaus, um gleich darauf ihre volle Brust zu streicheln. Interessiert beobachtet sie, wie ihre Brustwarzen sofort wieder steif werden.
„Lass das, Flores“, bittet Meike. „Ich bin noch ganz benommen.“
„Du bist so schön und sexy“, flüstert er, krault über ihren flachen Bauch und lässt seine Hand dann tiefer gleiten.
„Flores, bitte!“, flüstert Meike. „Wenn du mich so streichelst, dann ... dann ...“
„Dann wirst du wieder spitz, stimmst?“, grinst Flores und versucht mit seinem Finger in sie einzudringen.
„Ja!“, haucht Meike. „Aber gibt mir etwas Zeit, ich muss erst wieder zu mir kommen.“ Sie drückt ihre Beine zusammen und schaut neugierig auf seinen Unterleib. „Ich wundere mich nur, dass du schon wieder kannst. Wo nimmst du das nur her?“
„Eine geile, immer bereite und feuchte Muschi, und ein kleiner Joint“, grinst Flores, „damit klappt es fast immer. Bleib liegen, ich hol Kaffee und baue uns eine Tüte.“
Während Flores aufsteht und in die Küche geht, schaut Meike interessiert auf seinen wohlgeformten Hintern. Das Spiel seiner straffen Gesäßmuskeln erregt sie im Moment mehr als die Berührung des Fingers, den er eben erst in sie hineinzustecken versuchte.
Oder liegt es einfach an dem Haschisch, das sie vorher geraucht hatten? Eigentlich wollte Meike nie etwas mit Drogen zu tun haben und bevor sie Flores kennenlernte, hatte sie nur selten gekifft und nicht einmal eine normale Zigarette geraucht. Aber dann ließ er sie während einer Party, die er mit seinen Freunden feierte, an einem Joint ziehen. Sie hatte einige Red Bull mit Wodka getrunken, war entsprechend angetörnt und machte einfach mit. „Hasch ist harmlos“, hatte er behauptet, „warte ab, was mit dir passiert.“
Es passierte dann mit voller Wucht.
Ein nie erlebtes Körpergefühl durchströmte sie und der darauf folgende Dreier mit Flores und seinem Freund bescherten ihr überwältigende Orgasmen. Sie verspürte zum ersten Mal in ihrem Leben wirkliche Lust und genoss ausgiebigen Sex - nicht zu vergleichen mit den Erlebnissen, die sie vorher mit den Jungs aus der Schule hatte. Seitdem kann sie kaum genug bekommen.
Auch jetzt, nachdem er sie bereits zweimal zum Höhepunkt getrieben hat, fühlt sie sich schon wieder bereit. Durstig trinkt sie den Kaffee, den er ihr auf den kleinen Tisch neben dem Bett stellte und zieht an dem Joint. Erneut durchströmt ihren Körper ein Gefühl der Wärme, der Lust und die Sehnsucht nach zärtlichen, erotischen Berührungen, die sie erzittern lassen. Sie greift seine Hände, legt sie auf ihre Brust und öffnet die Beine. „Komm, ich will dich noch einmal.“

Im Kindle-Shop: Ostfriesland Connection: Drogen Sex Mord (Sail and Crime 7)

Mehr über und von Harald H. Risius auf seiner Website.

17. Mai 2016

'Lebt wohl, Familienmonster' von Heidi Dahlsen

Seit frühester Kindheit musste ich in meiner Familie gegen reale Monster kämpfen. In diesem Buch beschreibe ich, welche Auswirkungen der jahrelange Kampf auf mein bisheriges Leben hatte und wie ich es geschafft habe, mich von den Dämonen meiner Vergangenheit erfolgreich zu befreien.

Lesermeinung: "Heidi Dahlsen schreibt nicht einfach nur Bücher, sondern füllt diese mit Lebensgeschichten. Für sie ist das Schreiben eine Form des Verarbeitens ihrer Erlebnisse. Sie möchte aufwecken und wachrütteln, die Menschen sensibilisieren und mit Vorurteilen gegenüber psychischen Erkrankungen aufräumen. Sie wünscht sich, dass von diesen Krankheiten betroffene Menschen von der Gesellschaft toleriert, akzeptiert und vor allem in die Gesellschaft integriert werden. Bei allen in ihre Bücher gepackten Emotionen, Informationen und Abrechnungen gelingt es ihr noch, den Leser zu unterhalten."

Gleich lesen: Lebt wohl, Familienmonster

Leseprobe:
Krippenspiel
Es wurde nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich nur aus Versehen entstanden bin.
Meine Eltern mussten bis zu ihrer Hochzeit im Sommer 1959 bei meinen Großeltern in der Nähe von Leipzig wohnen. Und weil meine Oma nicht gut im Verteilen von Arbeiten war, sondern lieber alles alleine erledigte, hatten mein Vater und meine Mutter einfach zu viel Freizeit, in der ihnen scheinbar keine angenehmere Beschäftigung einfiel, als mich zu erschaffen.
Kurz vor meiner Geburt zogen meine Eltern in eine eigene Wohnung und hatten dann wahrscheinlich keine Langeweile mehr, denn für Geschwister reichte es nie – leider.
Im Alter von sechs Monaten wurde ich in die Gesellschaft anderer Knirpse eingeführt und besuchte täglich die Kinderkrippe. Erinnern kann ich mich an diese Zeit nicht mehr. Auch nicht daran, dass wir in der Krippe alle in einer Reihe sitzend gleichzeitig aufs Töpfchen machen mussten bzw. sollten. Ob sich das nun negativ oder positiv auf meine Entwicklung ausgewirkt hat, sei dahingestellt, denn ich weiß ja nicht, wie sich die Dinge entwickelt hätten, wenn es anders gewesen wäre.
Mein Mann hat als Kind nie eine Krippe oder einen Kindergarten von innen gesehen. Da kann ich nur sagen, dass das nicht so gut war, denn er hat unter anderem nie gelernt, wie man richtig isst.
Unsere Erzieherinnen ermahnten uns immer: „Schön am Rand anfangen, denn in der Mitte ist das Essen sehr heiß.”
Mein Mann fängt heute noch einfach mittendrin zu löffeln an und brubbelt dann jedes Mal leise vor sich hin: „Mensch, ist das Zeug wieder heiß. Da verbrennt man sich ja die Schnauze”, und hofft, dass ihn niemand verstanden hat.
Seine Mutter würde jetzt sofort ausrufen: „Mein Achim nimmt solche Wörter nicht in den Mund!”
Ha! Wenn die wüsste ...
Es sei ihm verziehen, denn solange die Zunge glüht, hat man große Schmerzen und kann leicht die Beherrschung verlieren. Hätte er eine Kita besuchen dürfen, wüsste er so etwas. Aber leider ...
Gelobt wurde ich oft, weil ich schon immer gut aß, und zwar alles, was mir angeboten wurde. Meinen Teller füllte die Köchin in der Kita Tag für Tag zuerst, und sobald sie um den Tisch herum war, hatte ich bereits alles restlos weggeputzt und bekam zur Belohnung den zweiten „Schlag”.
„So ist es fein. Du musst immer schön aufessen, damit du groß und stark wirst”, sagte sie zu mir.
Wer gibt Erwachsenen eigentlich das Recht, kleine Kinder so zu belügen? Wenn ich wenigstens groß geworden wäre. Aber leider ...
Nach heutiger Erkenntnis weiß ich, dass damals auf diese eigentlich nur gut gemeinte Art und Weise mein bleibendes Übergewicht angelegt wurde.
Meine Mutter nutzte meinen Appetit schamlos aus, denn sie drückte mir bereits im zarten Alter von einem halben Jahr ein Brötchen in die Hand, klemmte mich damit in eine Sofaecke und ging dann erst einmal in Ruhe einkaufen. Als sie nach Hause kam, saß ich immer noch so da und war auch schon satt.
Wenn ich schrie, wurde ich an das offene Fenster gestellt, damit ich reichlich frische Luft bekam und dann wurde geduldig abgewartet, dass ich von selbst damit aufhörte. Kuscheleinheiten würden ein Baby nur verweichlichen, meinte meine Mutter öfter.
Sie verzichteten auf ihre Konzertbesuche genauso wenig wie auch auf Feiern mit ihren Freunden, sondern übten sich sehr früh darin, mich allein zu lassen. Wahrscheinlich sollte das meine Selbstständigkeit fördern.

Nach meinem dritten Geburtstag kam ich in den Kindergarten. Es gefiel mir ganz gut. Ich hatte andere Kinder zum Spielen, wurde unterhalten und beschäftigt.
Nur, wenn es früh schon hieß: „Heute wollen wir turnen”, kullerten Tränen unaufhaltsam meine Wangen hinunter. Bewegung war noch nie mein Ding, ungeschickt quälte ich mich über die Runden.
Das Essen schmeckte auch hier ganz lecker, sodass meine kindlichen Rundungen weiterhin gut versorgt wurden.

In meiner Kita-Gruppe gab es kleine Mädchen, die sahen so niedlich aus. Sie hatten langes, manche sogar lockiges Haar mit bunten Schleifchen darin. Bei mir reichte ein kleiner Kamm, um die spärliche Frisur zu richten.
Dass mit meinem Aussehen etwas nicht stimmt, wurde mir bald von einem Freund deutlich klargemacht. In der Malstunde saß mir der sonst ganz nette Olaf gegenüber und war in sein Bild sehr vertieft. Er sah immer mal hoch, musterte mich ganz genau und malte angestrengt weiter.
Als er fertig war, drehte er sein Kunstwerk zu mir um und sagte: „Gucke mal, das bist du ARSCH MIT OHREN.”
Dieser Vorfall muss sich bis zu meiner Mutter rumgesprochen haben, denn er brachte mir kurz vor dem Schulanfang noch eine Ohrenkorrektur ein. Bei dieser OP dachte ich, man will mich schlachten. Erst wurde mein Kopf geschoren, dann schnallten mich zwei Schwestern auf der Liege fest. Äther war ein unbeliebtes Narkosemittel, das ich durch ein Sieb einatmen musste. Ich brüllte wie ein Stier. Eine Schwester fragte mich nach meinem Namen. Das wunderte mich etwas. Vielleicht waren sie sich nicht sicher, ob das richtige Kind auf der Schlachtbank lag?!? Leider war ich zu feige und schon zu schwach, sie mit der Nennung eines anderen Namens in Verwirrung zu bringen und mir einen Aufschub zu gewähren. Das wäre ein Spaß geworden, aber sicher nur ein einseitiger. Die OP habe ich überlebt. Meine Ohren liegen seitdem eng am Kopf. Schöner bin ich dadurch nicht geworden, na ja, zumindest konnte ich nicht mehr wegen der Segelohren gehänselt werden. War meine Frisur bis dahin schon dürftig, hatte ich bis zum Schulanfang das Aussehen eines wild gewordenen Handfegers angenommen. Da riss auch mein niedliches Outfit von der Nürnberger Großtante nichts mehr raus. Die Erinnerungs-Fotos sind wirklich der Hit.
Eingereiht wurde ich neben einer Sylvia, die ständig den Finger in der Nase hatte. Und damit nicht genug – diese Sylvia wurde auch noch meine Banknachbarin.
Wahrscheinlich habe ich von Anfang an auf die Lehrerin den Eindruck gemacht, mich von allen Kindern am wenigsten gegen dieses unsaubere Mädchen zu wehren.
Nur gut, dass popeln nicht ansteckend ist.

Im Kindle-Shop: Lebt wohl, Familienmonster

Mehr über und von Heidi Dahlsen auf ihrer Website.

13. Mai 2016

'Torch ages: Drachenherz' von Mackenzie Sturm

»Für die meisten Menschen war die Gefahr durch Drachenwesen längst in Vergessenheit geraten. Für uns war sie realer denn je.«

Die 16-jährige Merlina ist der jüngste Spross einer sagenumwobenen Familie: dem McArthur Clan. Der hat es sich seit Zeiten der Tafelrunde zur Aufgabe macht, die Menschheit vor den Drachen zu beschützen. Seit Jahrhunderten sind die Drachen nun ausgerottet, aber eine neue Art bedroht die Menschheit.

Nur darf diese nichts davon wissen – ein Problem, mit dem sich Lina immer öfter konfrontiert sieht, seit sie mit ihrem Dad ins malerische Vogtland gezogen ist. Als sie den mysteriösen Iron Heart kennenlernt, ahnt sie jedoch nicht, dass ihre Welt bald völlig aus den Fugen gerät. Denn auch Iron hat ein dunkles Geheimnis ...

Gleich lesen: Torch ages: Drachenherz (Torch ages Urban Fantasy 1)

Leseprobe:
In mitten der Flammenbrunst blieb er stehen und nach einer leichten Kopfbewegung seinerseits drängten die Flammen nach außen, als würden sie plötzlich von den Wänden angezogen. Sie gehorchten ihm willig. Und vor nicht ganz 24 Stunden hätte man das von mir auch noch behaupten können.
Wie vor den Kopf gestoßen taumelte ich zurück, weiter in die heißen Flammen hinein. Der Schock saß so tief, dass ich sogar die drohende Gefahr um mich herum für einen Moment vergaß. Wie konnte ich so blind gewesen sein, wo ich doch mein Leben lang darin ausgebildet wurde, sie zu erkennen und aufzuspüren? Aber bisher war alles nur schnöde Theorie gewesen. Das hier war die Praxis. Die Wirklichkeit. Und ich hatte versagt. »Verdammte Kacke, du bist ein Torch!«
Mein Ausruf entlockte ihm ein Schmunzeln. Der anfängliche Schock, mich hier zu sehen, hatte sich verflüchtigt. »Und du gehst in einem brennenden Haus spazieren, als wäre es ein Museum!«, konterte er trocken. Seine Hand fing Feuer, doch er schüttelte es einfach ab, als wäre es ihm lediglich lästig. Ich konnte es nicht fassen. Der Junge, mit dem ich den gestrigen Abend verbracht hatte; bei dem ich Schmetterlinge im Bauch bekommen hatte; er war ein Fake, wie sein Zippo. Es gab nur diesen Kerl vor mir. Ein Mutant. Ein Torch.
Ich wusste was zu tun war.
Ich hatte den Überraschungsmoment auf meiner Seite, denn er rechnete wohl nicht damit, dass ich angreifen würde. Blitzschnell wirbelte ich mit ausgestrecktem Bein um meine eigene Achse. Mein Hacken traf seine Schläfe und die Wucht ließ ihn einen Schritt zurücktaumeln. Leider verlor ich dabei meine Armbrust.
Sofort setzte ich nach, doch er blockte meinen Tritt gekonnt mit dem Unterarm ab und griff bereits nach meinem Bein. Ich zog es gerade noch rechtzeitig zurück, ehe er es packen konnte. »Du hast mich belogen!«, schrie ich und teilte aus.
Meine Faust ging daneben. Blitzschnell wich er aus, tauchte im nächsten Moment hinter mir auf und zog an meinen Haaren. Nicht sehr fest, nur so dass ich den Kopf in den Nacken legen musste. Seine Stimme klang dicht neben meinem Ohr. »Nein. Ich habe dir nur verschwiegen, wer ich bin. Genau wie du!«
Dass er sich mit mir verglich, machte mich noch wütender. Ich stieß einen Kampfschrei aus und rammte meinen Ellenbogen mir voller Wucht zurück. Er keuchte auf, stoppte meinen Arm aber, bevor ich ihn ernsthaft verletzen konnte.
Sofort versuchte ich ihm das Knie wegzutreten, doch er drehte sich weg, ehe ich ganz ausgeholt hatte. Es war zum Verrückt werden. Er wich jeder meiner Attacken spielend aus, als wüsste er schon im Voraus was ich tun würde.
Sowie den nächsten Schlag, den er abfing. Seine langen Finger hatten meine – im Vergleich dazu winzige – Faust fest umschlossen und ließen sie nicht mehr frei. Keuchend versuchte ich mich herauszuwinden. Auch er atmete schwer und in seinen Augen lag ein unnatürliches Funkeln. »Hast du dich jetzt genug ausgetobt?«
»Hast du dir mein Vertrauen erschlichen, damit du mich leichter töten kannst?«, fauchte ich ihn an.
Das Feuer loderte auf. Flammen zügelten bis zur Decke, als wäre es plötzlich wütend auf mich. Ohne ihn ganz aus den Augen zu lassen, wagte ich einen Blick. Um uns loderte ein brüllendes Inferno, doch mehr als eine warme Brise spürte ich nicht. Er hatte eine Blase um uns gebildet, dich mich von dem Feuer trennte. Aber er konnte sie jeder Zeit platzen lassen.
»Typisch, ihr McArthur denkt immer, ihr steht im Mittelpunkt der Welt, aber das hier geht dich nichts an.«
In der Sekunde riss ich mich los. Blinde Wut erfasste mich und genau das war vermutlich mein Fehler, denn während ich wie wild um mich schlug (ich hatte jegliche Kampftaktik vergessen), bewegte er sich ruhig und taktisch. Nur eine Minute später landeten wir wieder in derselben Haltung. »Hör auf damit, Lina«, forderte er. »Hier fliegt gleich alles in die Luft.«
Wieder hustete ich. Zwar hielt er irgendwie die Flammen von mir fern, doch der Rauch drang ungehindert zu uns durch und hatte sich wahrscheinlich schon für immer in meine Lungen gebrannt. Aber ich war eine McArthur. Wir gaben nicht auf.
»Kann dir doch egal sein!« Wieder machte ich mich los, doch diesmal nicht um ihn zu schlagen, wie er erwartet hatte. Ich sprang über einen brennenden Balken, rollte mich gekonnt ab und richtete mich blitzschnell wieder auf, die Armbrust in der Hand. Sie zielte direkt auf sein Herz.

Im Kindle-Shop: Torch ages: Drachenherz (Torch ages Urban Fantasy 1)

Mehr über und von Mackenzie Sturm auf Twitter.

11. Mai 2016

'Der Taugenichts' von Heidrun Böhm

Die Autorin schildert am Anfang dieser Geschichte ihr Kindheitserlebnis mit ihrem Vater. Als sie neun Jahre alt war, hat sie ihn zum ersten und einzigen Mal in ihrer Kindheit gesehen. Erst als sie erwachsen war, lernte sie ihren Vater wirklich kennen. Die Geschichte, die ihr ihre Mutter später über ihre Ehe erzählte, hat sie nun niedergeschrieben. Es ist die Geschichte, einer mutigen Frau, die ihre Kinder vor einem Taugenichts bewahren wollte.

Mama hatte eine wichtige Arbeit im Krankenhaus. Sie arbeitete im Büro und war die Ernährerin der Familie, was Ende der fünfziger Jahre noch nicht alltäglich war. Für mich war das selbstverständlich, ich kannte es nicht anders. Einen Vater hatte ich nicht. Zumindest wurde nicht über ihn geredet.

Gleich lesen:
Für Kindle: "Der Taugenichts" bei Amazon
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Die Frau war alt, sie hatte graue gelockte Haare blauen Augen und ein Gesicht, in dem sich viele Falten wie ein Spinnennetz ausbreiteten. Ihr Nachname war Seitz. An ihren Vornamen kann ich mich nicht erinnern.
Mama sagte: „Für dich heißt sie Frau Seitz.“ Und wenn Mama das sagte, war es unumstößlich. Das Haus, in dem Frau Seitz mit ihrem Mann wohnte, war ein altes schiefes Eckhaus, direkt an der Hauptstraße, nicht weit von unserer Wohnung entfernt.
Wenn der Kindergarten zu Ende war, holte Frau Seitz mich ab und nahm mich mit zu sich nach Hause. Dann spielte ich dort mit meiner Puppe oder mit meinem Teddybären.
Später, wenn Mama Feierabend hatte, holte sie mich bei Frau Seitz ab.
Mama hatte eine sehr wichtige Arbeit im Krankenhaus. Sie arbeitete im Büro und war die Ernährerin der Familie, was Ende der fünfziger Jahre noch nicht alltäglich war. Für mich war das selbstverständlich, ich kannte es nicht anders. Einen Vater hatte ich nicht. Zumindest wurde nicht über ihn geredet.
Aber ich hatte einen Opa, der offenbar verhindern wollte, dass ich verhungere.
Ich war ein mageres Kind, und er verlangte von mir, den Teller stets bis zur letzten Kuttel leer zu essen. Kutteln mochte ich nicht. Lieber mochte ich die kleinen Schokoladetafeln, die ich nur selten bekam, und die Opa in den Taschen seiner weiten Hosen verbarg.
Opa arbeitete beim Wach und Schließdienst. Das war auch eine wichtige Arbeit. Er erklärte mir, seine Hosentaschen seien weit, da er darin die Schlüssel aufbewahren musste. Mit den Schlüsseln musste er abends die Fabriktore abschließen, damit kein Einbrecher in die Betriebe kam.
Wenn er mit der Arbeit fertig, und alle Türen verriegelt waren, holte er mich mitunter bei Frau Seitz ab. Hatte er sein Gehalt bekommen, ging er mit mir zum Bahnhofskiosk und kaufte mir eine kleine Tafel Schokolade. Sie war in dunkelrot glänzendem Papier mit einer goldenen Aufschrift verpackt. Das Papier bewahrte ich auf, und legte es ans Fenster im Kinderzimmer, des alten Hauses in dem wir wohnten. Es glitzerte wenn die Sonne darauf fiel.
Das gefiel mir. Als ich sechs Jahre alt war, zogen wir um in ein neues Haus, in dem wir uns alle wohlfühlten. In der Schule wurde mir hin und wieder die Frage gestellt: „Was macht dein Vater?“ Ich antwortete so, wie meine Mutter und Opa es mir erklärt hatten: „Ich habe keinen Vater.“ Meist war die Angelegenheit damit erledigt, und ich dachte nicht länger darüber nach. Bis zu jenem Tag, an dem ich nach dieser lästigen Frage wieder meine gewohnte Antwort abgab, und eine Klassenkameradin empört sagte: „Das gibt es nicht, jeder Mensch hat einen Vater.“ Ich wusste nicht, was ich mit diesem Hinweis anfangen sollte, und entschied mich, mit Mama darüber zu reden.
Mama wusste alles, Mama konnte alles. Wenn sie Zeit hatte, würde sie mir gewiss erklären was das bedeutete. An diesem Tag stritten Mama und Opa, als ich nach Hause kam. Sie standen sich in der Küche gegenüber. Opa brüllte: „Du wirst dich nicht mit ihm treffen! Was will er hier bei uns? Du weißt doch, dieser Taugenichts will nur unser Geld. Er hat erfahren, dass wir ein eigenes Haus haben, er denkt, wir sind vermögend. Er begreift nicht, dass wir nun Schulden haben. Er wird dich wieder belügen und betrügen, wenn du dich mit ihm einlässt!“
Mama nahm ihre Jacke von der Garderobe, und ging ohne zu antworten zur Haustür. Ich hatte Angst, große Angst. Wohin wollte Mama? Was war passiert? Warum war Opa so wütend? Mama sollte zu hause bleiben, so wie sie es jeden Tag tat! Ich wollte nicht alleine sein, mit meinem Opa, dessen Gesicht wutverzerrt war.
„Mama nimm mich mit!“ kreischte ich. Opa versuchte, mich zurückzuhalten, aber ich war schneller. Ich drückte mich durch die Tür, rannte hinter Mama her. Als meine Mutter begriff, dass sie mich nicht abschütteln konnte, nahm sie mich bei der Hand und sagte: „ Nun haben wir beide ein Geheimnis, Aber das darfst du niemanden verraten, weder dem Opa noch deinem Bruder. Wir treffen uns mit deinem Vater.“

Im Kindle-Shop: Der Taugenichts Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Heidrun Böhm auf ihrer Website.