30. Januar 2017

'Als der Tod die Liebe fand' von Mariella Heyd

Muss man gesund sein, um stark zu sein? Muss man zwingend fremde Welten erkunden, um Abenteuer zu erleben? „Als der Tod die Liebe fand“ beweist, dass man die stärkste Kraft aus den schwierigsten Situationen schöpft und sich die Wunder dieser Welt direkt vor den eigenen Augen abspielen.

Die 18-jährige Mila genießt ihr Leben, bis sie von ihrer Krebsdiagnose überrumpelt wird. Innerhalb weniger Sekunden steht alles auf dem Kopf. Alles, was zuvor ihrem Alltag Farbe verliehen hat, verliert plötzlich an Intensität. Mila merkt schnell: Der Krebs ist ein Egoist, der alles an sich reißt. Im Krankenhaus trifft sie auf Mikael, der ihr über die Widrigkeiten der Chemotherapie und die Eintönigkeit des Krankenhausaufenthaltes hinweghilft. Allerdings steckt in Mikael mehr, als Mila ahnt. Er ist kein Mensch. Er ist gekommen, um Mila mit sich zu nehmen.

Eine Mischung aus „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ und „Rendezvous mit Joe Black“.

Gleich lesen:
Für Kindle: Als der Tod die Liebe fand
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Freitag. Heute würde man sie endlich entlassen. Gestern hatte man ihr fest zugesagt, dass die Befunde der Knochenmarkspunktion noch vor dem Wochenende eintreffen würden. Es wurde Zeit, dass endlich wieder Normalität einkehrte. Jede Stunde im Krankenhaus zog sich trotz Internetzugang endlos in die Länge, und daran war nicht zuletzt das schrecklich langsame WLAN schuld. Außerdem hatte Milas Mutter zu guter Letzt ihrem Vater doch erzählen müssen, dass Mila im Krankenhaus lag – und warum. Natürlich hatte er sie daraufhin sofort mit ihrer Mutter und Emma im Schlepptau besucht. Erst eine geduldige Krankenschwester konnte ihn beruhigen und ihm klar machen, dass die Diagnose noch ausstand.
Heute war nur Dana da, um ihre Tochter abzuholen. Seit zwei Stunden warteten sie bereits mit gepackten Taschen auf die Arztvisite.
„Mom?“
„Hm?“
„Ich habe die Schule noch nie so sehr vermisst und ich schwöre, dass ich ab sofort mehr lernen werde und meine Noten wieder besser werden.“
„Na, da bin ich aber gespannt.“ Sie lächelte. „Ehrlich gesagt, hat mir der ganze Trubel hier gezeigt, dass es Wichtigeres gibt, als ein paar Zahlen auf Papier.“ Sie schob ihren Ärmel ein Stück nach oben und blickte auf die Uhr. „Wenn der Arzt gleich kommt, schaffen wir es noch zum Chinesen. Hast du Lust auf Frühlingsrollen und gebratene Nudeln?“, fragte Milas Mom und rieb sich vor Vorfreude über den Bauch.
„Und wie. Das Essen hier ist grauenvoll: Ungesalzen, ungewürzt und so weich gekocht, dass man es selbst ohne Zähne essen könnte.“
„Ich glaube, das ist auch der Sinn der Sache.“
Sie lachten.
Vor der Tür kündigte Gemurmel die Arztvisite an. Es klopfte kurz, dann traten sie ein: Doktor Akif, eine blonde Schwester, und ein kleiner Mann mit Halbglatze, schwarzem Resthaar und einer etwas zu kleinen, runden Brille. Im Gegensatz zu Doktor Akif wirkte er streng und schlecht gelaunt. Könnte glatt der Ehemann von der Schwester des Grauens sein. „Miss Barrow?“ Nein, der Weihnachtsmann. „Ja, das bin ich.“ Sie hob die Hand. Er sah sie ernst an, als wolle er prüfen, ob sie sich über ihn lustig machte. „Mein Name ist Professor Doktor Craig. Ich bin der Oberarzt und das“, er zeigte auf Doktor Akif, „ist Stationsarzt Doktor Akif. Ihn müssten Sie noch von der Punktion kennen.“ Er riss die Akte an sich, die die Krankenschwester in den Händen hielt, und überflog ein paar lose Blätter. Er wirkte nicht so, als hätte er sich auf die Visite und seine Patienten vorbereitet. Im Gegenteil: Er wirkte gestresst, hektisch und vor allem übermüdet. Ständig unterdrückte er ein Gähnen. „Na schön.“ Er schnalzte mit der Zunge. „Ich ordne MRT und eine Lumbalpunktion an zwecks ZNS-Prophylaxe. Haben Sie alles, Schwester?“ Er sah die blonde Krankenschwester skeptisch über seine Schulter hinweg an. Sie nickte und machte sich fleißig Notizen. Professor Doktor Craig würdigte Mila währenddessen keines Blickes. Er war einer dieser Ärzte, die in ihren Patienten nur Objekte sahen.
„Doktor Akif, wenn Sie wollen“, er drückte ihm die Blätter mit dem Befund in die Hand, „können Sie sich das genauer ansehen. Immunphänotypisierung, Zytomorphologie und -chemie haben wir noch nicht besprochen. Es läuft aber alles auf B-Zellen hinaus.“ Er wandte sich zum Gehen.
Zyto-was? B-Zellen? Von was redet er? Was soll das wieder für eine Punktion sein?
„Warten Sie!“ Milas Mutter sprang mit verschränkten Armen von der Fensterbank auf und der Oberarzt drehte sich irritiert nach ihr um.
„Ich habe kein Wort verstanden. Was hat meine Tochter? Kann sie nach Hause? Benötigt sie noch irgendwelche Medikamente?“ Sie wirkte völlig ratlos und auch ein wenig empört über die fehlende Empathie des Arztes.
Sichtlich überrascht schaute der Oberarzt Doktor Akif an. Der junge Stationsarzt wirkte überfordert und nestelte an seinen Kitteltaschen herum. Professor Doktor Craig legte verschwörerisch einen Arm um Doktor Akifs Schultern und drehte Mila und ihrer Mutter den Rücken zu. Die beiden flüsterten so leise miteinander, dass Mila kaum etwas verstand, außer: „Nein? Aber die Blutwerte...eindeutig...hat denn der Hausarzt nicht...unfassbar...“ Langsam wandte er sich wieder Milas Mutter zu, die unruhig mit den Füßen wippte.
„Mrs. Barrow.“ Seine Stimme nahm eine andere, weichere Stimmfarbe an, die einem bei einem Mann wie ihm einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ. „Ihre Tochter hat ALL, eine akute lymphatische Leukämie. Blutkrebs. Bis zu ihrer Entlassung wird noch einige Zeit vergehen. Wir werden zuerst ein paar Untersuchungen durchführen, um zu sehen, wie weit der Befall schon fortgeschritten ist. Anschließend folgt die Chemotherapie. Das genaue Vorgehen wird man in den kommenden Tagen mit Ihnen besprechen.“
Er wandte sich wieder der Schwester zu und zwickte ihr in den Arm. „Schreiben Sie auf, dass sich jemand darum kümmern soll.“
Doktor Akif stand schweigend hinter dem Oberarzt und nickte stumm den Boden an.
Er musste es gewusst haben.
Milas Mutter stand der Schock ins Gesicht geschrieben. Mit offenem Mund starrte sie den Arzt an. Professor Doktor Craig drehte sich um und verließ mit seinem Gefolge das Zimmer, während er der Schwester weitere Anweisungen gab, die sie mit roten Ohren in die Mappe übertrug. Obwohl sich Danas fassungsloser Blick in seinen Rücken bohrte, drehte er sich nicht mehr nach ihr um.
Das wars? Er erwähnt einfach so beiläufig, dass ich Krebs habe?
Mila wusste selbst nicht, was sie erwartet hatte, aber sicherlich nicht, dass man es so nebensächlich und überhaupt nicht einfühlsam erwähnte, als wäre einem nach dem Wocheneinkauf aufgefallen, dass man die Milch vergessen hatte. Mila konnte es nicht fassen. Alles in und an ihrem Körper fühlte sich taub an; unwirklich. Die Welt stand still. Selbst das Riesenrad im Zentrum Londons blieb für einen Moment stehen. Alle möglichen Emotionen rauschten durch ihren Körper und verpufften zu einem großen Nichts. Sie war leer und unfähig etwas zu fühlen.
Ich kann unmöglich Krebs haben.
„Doch hast du und wir werden das Beste daraus machen.“
Es war nicht ihre Mutter, die zu ihr sprach. In dem Moment, in dem der Arzt die Diagnose gestellt hatte, war er zum ersten Mal auf ihrer linken Schulter aufgetaucht: Milas Kampfgeist.
Er war eigentlich eine Sie. Eine weiße Nebelgestalt mit bockigen Hörnern und einem scharfen Dolch am Gürtel. Sie wirkte wie eine robuste Wikingerdame, der selbst die Gicht des rauen Meeres nichts anhaben konnte. Ein Kampfgeist eben.
Noch ignorierte Mila ihn. Es gab nichts zu kämpfen, wenn man nicht krank war.
Ich bin nicht krank.
„Ja, gut so. Lass dich nicht von ihm unterkriegen“, feuerte der Kampfgeist Mila an. Er konnte in Milas Kopf schauen und versuchte ihr Mut zu machen.
„Mom, hat er wirklich gesagt, dass ich Krebs habe?“
Sie nickte, noch immer starr vor Schreck.
„Und dass ich eine Chemotherapie bekomme?“
„Ja.“ Sie presste sich eine Hand vor den Mund und dicke Tränen rollten über ihre Wangen. Gerne hätte Mila ihre Mutter in den Arm genommen und getröstet, aber sie war krank und sie brauchte Trost. Alle anderen waren ab heute nur Zuschauer.

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