21. Januar 2017

'Das Licht von Ios' von Frank Morsbach

Andreas Harnach, Immobilienmakler und Bauunternehmer mit äußerst umstrittenen Geschäftsgebaren und festem Glauben an die eigene Integrität, wird in immer stärkerem Maße terrorisiert. Was relativ harmlos mit Sachbeschädigung beginnt, empfindet er schließlich als unmittelbare Bedrohung seines Lebens. Wer steckt dahinter? Ein geschäftlicher Konkurrent, der zu Mafia-Methoden greift?

Und welches Spiel spielt die geheimnisvolle, attraktive, kluge und letztlich spröde Journalistin Vera, der er völlig verfällt und dabei vom oberflächlichen Macho zum beinahe sympathischen und empfindsamen Menschen wird? Und was hat das alles mit einem fünf Jahre zurückliegenden Mordfall zu tun?

Der zunächst selbstbewusste Harnach jedenfalls verfällt durch den sich ständig steigernden Druck zu einem psychischen Wrack, bis er zuletzt doch noch zum entscheidenden Schlag ausholt, der alles auflöst und klärt.

Gleich lesen:
Für Kindle: Das Licht von Ios: Kriminalroman
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Wolf betrachtete das Bild. Er war seit mehr als zehn Jahren glücklich verheiratet und in seine Frau noch immer so verliebt wie am ersten Tag. Was empfand er beim Anblick einer 45-jährigen Frau mit Sonnenhut? Sie sah vollendet normal aus - weder hässlich noch besonders schön. Ihre Augen und ihre etwas spitze Nase waren eher klein, ihre Lippen recht schmal und ihre Augenfarbe lag irgendwo zwischen blau und grau. Sie war schlank und feingliedrig, und der Sonnenhut verlieh ihr eine poetische Note: ein Mensch, der nicht aufgehört hatte, mit kindlichem Ernst die Erfüllung seiner Träume einzufordern.
War es das alte Lied? Waren es die 6 Millionen und die Siebentausend, die er nicht hatte retten können? Nur so viel wusste er: Es ging um mehr als nur um das Häkchen, das man hinter einen Namen auf einer Liste setzte.
Wie sich alles zugetragen hatte, stand ihm klar vor Augen. Es war wie so oft Gier gewesen. Der Skrupellose hatte die Idee, und der Ängstliche wollte cool sein. An der Schwelle von Phantasie zu Realität muss er sich gefragt haben: Was mache ich hier? Aber alles war besprochen und geplant, und da musste er es durchziehen. Als sie sich abwandte, hat er zugeschlagen. Sie ist zusammengebrochen, hat dann - verwirrt und in panischer Angst - versucht davonzukriechen, aber er hat immer wieder zugeschlagen. Angeekelt von dem Blut und überrascht darüber, dass es so lange dauerte. Wahrscheinlich war er verärgert darüber, dass sie so langsam starb.
Es war feige, hinterhältig und erbärmlich, ein Verbrechen eben. Verbrechen und Verbrecher waren immer feige, hinterhältig und erbärmlich, nie groß und interessant. Das wusste Wolf. Er war schließlich schon lange genug dabei.
Wer der eine war, stand ohne jeden Zweifel fest. Aber nicht die kleinste Spur hatte zu dem anderen geführt. Fast fünf Jahre lang tappte Wolf im Dunkeln, aber er schloss den Fall nicht ab, in keinerlei Hinsicht. Manchmal, wenn er mit ihr spazieren ging, hatte er plötzlich das Bild vor Augen, das er jetzt in den Händen hielt. Gelegentlich musste er sogar lesen, wie einer der Mörder die Früchte seiner Tat unbehelligt genoss. Das schmerzte ihn geradezu körperlich.
Dann aber las er das Interview, in dem eindeutig etwas falsch war. Hier sagte jemand die Unwahrheit, und dafür gab es nun unendlich viele mögliche Gründe und nicht nur den einen, auf den es Wolf ankam. Trotzdem hatte er, seiner Intuition folgend, zu recherchieren begonnen und tatsächlich Anhaltspunkte gefunden, die in die erhoffte Richtung wiesen, auch wenn sie noch Lichtjahre von einem wirklichen Beweis entfernt waren. Er ordnete die Beschattung an, die aber noch keinerlei Ergebnisse gebracht hatte. Der Mann gab sich keine Blöße. Wenn er es wirklich war, dann musste er alles vollkommen verdrängt haben. War das überhaupt möglich, hatte sich Wolf gefragt, dann aber an SS-Verbrecher gedacht, die später ein ganz normales Leben geführt hatten. Sie hatten als geachtete Mitglieder der Gesellschaft gelebt, die freundlich waren, wenn man ihnen begegnete, freundlich, gesund und ausgeschlafen.
Wolf stand jetzt vor der Entscheidung. Entweder er ließ es sein, was ohne Zweifel für alle am einfachsten und bequemsten war, oder er ging aufs Ganze.

[…]

Er zog sich um, packte seine Tasche und öffnete die Tür zu ihrem Arbeitszimmer, wo sie saß und schrieb.
„Ich gehe laufen“, sagte er, „und danach in die Sauna.“
„Ich muss auch noch einmal weg“, entgegnete sie.
Er trat neben sie und küsste sie auf die Wange.
„Ich werde so gegen zehn wieder zu Hause sein.“
„Dann bin ich auch wieder da.“ Sie blickte nicht von ihrem Manuskript auf. Obwohl sie mit ihm sprach, blieb sie auf ihre Arbeit konzentriert. Sie war in diesem Moment nicht bei ihm.
„Also, bis heute Abend“, sagte er, aber als er schon in der Tür stand, rief sie plötzlich: „Arno, komm doch bitte noch einmal her."
Sie hatte sich umgedreht, lächelte ihn an, und er ging zurück an ihren Tisch, bekam einen zärtlichen Kuss auf den Mund, ein freundliches Ciao und machte sich nun endgültig auf den Weg.

[…]

Auf alle Fälle traf es sich gut, dass Manni und er die Einzigen waren, die noch in die Sauna gingen.
„Und?“ fragte Wolf, als sie einmal alleine vor sich hin schwitzten.
Grabert verzog das Gesicht.
„Was du da von mir willst... - An der Grenze der Legalität ist zurückhaltend ausgedrückt. Und das Geld. Woher soll ich das nehmen?“
Wolf schwieg.
„Und du bist sicher?“
„Er hat selbst nie einen Hehl daraus gemacht. Seine Arroganz war einzigartig. Alles an ihm hat mir gesagt: ‘Was willst du denn? Ich war’s, aber du kriegst mich nicht.’“
„Das macht dir immer noch schwer zu schaffen.“ Manni grinste.
„Kann sein“, sagte Wolf und stand auf.
„Ich geh jetzt raus.“
„Ich auch“, sagte Grabert und schloss sich ihm an.
Als sie sich im Außengelände abtrockneten und der Himmel über Cronenberg ein tiefes, dunkles Blau angenommen hatte, nahm Wolf den Faden wieder auf:
„Ich glaube nicht an Profis“, begann er. „Es ist nicht gerade einfach für einen Normalbürger, an einen Profi zu kommen.“
„Du würdest es anders machen?“ fragte Grabert.
„Natürlich. Ein Bekannter, zu dem der Kontakt mittlerweile praktisch abgerissen ist und dem das Wasser bis zum Halse steht.“
„Sie sind zusammen in die Schule gegangen?“
„Drei Jahre lang: Sexta, Quinta, Quarta.“
„Und wenn es doch ganz anders war?“
„Du meinst: der ominöse Einbrecher? Dann liege ich eben falsch.“
Grabert zögerte, er fixierte einen Punkt vor sich auf dem Steinboden und schien nachzudenken.
„Wer A sagt, muss auch B sagen“, drängte Wolf.
„Das ist ja fast schon Erpressung“, konstatierte sein Vorgesetzter.
Wolf grinste, und Grabert klopfte ihm auf die Schulter.
„Was würdest du eigentlich machen, wenn wir nicht alte Freunde wären?“
„Dann wäre alles viel schwerer, Manni.“
„Ich werde sehen, was ich tun kann“, sagte Grabert, „aber jetzt wird’s mir kalt.“
Nachdem Grabert gegangen war, blieb Wolf allein zurück.
Er blickte nach oben. Der Himmel war sternenklar. Ihn überkam ein kurzer, aber heftiger Anflug romantischer Gefühle, die er in dieser Nacht noch einmal würde ausleben können. Wie es auch kam: Er würde nie aufgeben. Nie!

Im Kindle-Shop: Das Licht von Ios: Kriminalroman
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Frank Morsbach auf seiner Website.



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