18. Januar 2017

'Der letzte Schwan' von Henri Pose

Als Privatdetektiv arbeitet er unter dem Pseudonym David Brügge und kennt sich aus im Hamburger Nachtleben. Seine Freundin, die ehemalige Stripperin Shirley, hat er beim Besuch eines Nachtclubs kennengelernt. Sein neuer Auftrag: Für einen im Sterben liegenden Immobilienmogul soll er dessen verschwundene Tochter finden.

Die Polizei ist fest davon überzeugt, dass die junge Frau weggelaufen ist, doch ihr Vater glaubt an eine Entführung. Gemeinsam mit Shirley macht sich Brügge auf die Suche. Eine Spur führt ins Drogenmilieu. Doch als die beiden einer großen Intrige auf die Schliche kommen, geraten sie plötzlich selbst in die Schusslinie …

Gleich lesen:
Für Kindle: Der letzte Schwan: Ein Hamburg-Krimi
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Leseprobe:
Zum ersten Mal sah ich Shirley in einem Strip Club namens Charming Flamingo. Ihre Schicht begann dort um halb elf und ich war bereits seit zwei Stunden dort.
Zwei Stunden meines Lebens hatte ich zwischen Männern verbracht, die ihren Ehefrauen vorgaukelten, sie wären gerade beim Bowling oder mit ihren Jungs in der Kneipe. Stattdessen fristeten sie ihre Freitagabende in jenem Etablissement unter der Autobahnauffahrt und steckten Frauen, die ihre Töchter sein könnten, Spielgeld in die Tangas. Neben mir versuchte gerade ein Greis mit Beatmungsgerät verzweifelt, auf die Bühne zu krabbeln, als der Song stoppte. Die Brünette rutschte die Metallstange herunter und verbeugte sich, die Lautsprecher knackten und Shirley wurde angekündigt. Der DJ, der wahrscheinlich in irgendeinem Hinterzimmer saß und beim Wechseln der CDs fernsah oder womöglich zu den Bildern der Sicherheitskameras masturbierte, sagte: »Und hier kommt, worauf wir alle gewartet haben: Shirley!«
Die Männer grölten und klatschten, einige pfiffen, doch ich blieb ruhig. Ich wusste gar nicht so recht, warum ich überhaupt hier war. An jenem Tag hatte ich meine Ermittlungen zum Selbstmord eines Anwalts beendet und war nach dem Gespräch mit seiner Ehefrau etwas aufgewühlt gewesen, weshalb ich mich für ein schnelles Bier in meiner Stammkneipe entschieden hatte. Auf dem Weg vom Parkplatz dorthin hatte mich der Türsteher des Flamingos angesprochen: »Die Show heute Abend wird der Hammer. Fünfzehn Euro Eintritt sind ein Witz, versprochen.«
Also hatte ich nur die Schultern gezuckt und mir den Stempel geholt. Das Bier war warm, die Kundschaft unerträglich, aber wenigstens war die Musik laut genug, um Gespräche unmöglich zu machen.
Während die anderen Männer sich um die halbkreisförmige Bühne tummelten, saß ich zurückgelehnt im Clubsessel und nippte an einem Bier, das ich nicht wirklich trinken wollte. Zum Gitarrensolo von Sweet Morphine kam Shirley langsam hinter dem roten Samtvorhang hervor und ging mit kreisenden Hüften auf die Bühne. Sie war klein und zierlich, hatte lockiges blondes Haar und bewegte sich so anmutig, wie ich es nie zuvor gesehen hatte. In ihren Augen lag der Glanz einer Frau, die ihr Schicksal akzeptiert hatte und nun versuchte, das Beste daraus zu machen. Doch noch etwas schwang darin mit, sobald sie begann zu tanzen: Hoffnung.
Nach ihrer Show sah ich keinen Grund mehr zu bleiben, also erhob ich mich, während sie sich verbeugte, und ging auf tauben Beinen in Richtung Ausgang. Kurz bevor ich dort ankam, öffnete sich direkt daneben eine Tür mit der Aufschrift Personal. Heraus kam ein fülliger Mann Anfang dreißig. Er trug ein Karohemd, das sich über dem Bierbauch so sehr spannte, dass man befürchtete, sein Bauchnabel könnte einem ins Gesicht springen. Der zurückgehende Haaransatz und die geröteten Augen ließen ihn erschöpft wirken. Er sah mich an und mit einem Mal klärte sich sein Blick. Der Mann rief mich bei meinem Namen und ich fuhr herum: »Kennen wir uns?«
»Ja, klar«, sagte er. »Weißt du nicht mehr? Wir waren zusammen in der Schule! Ich bin es, Timo.«
Es stellte sich heraus, dass ich tatsächlich mit ihm zusammen zur Schule gegangen war, bloß hätte ich ihn niemals wiedererkannt. Einen Moment redeten wir über die guten alten Zeiten, die nie so gut gewesen waren wie wir nun behaupteten, dann bot er an, mich herumzuführen. Timo nahm mich mit durch die Tür fürs Personal und führte mich einen schummrigen Gang entlang. Durch eine offene Tür erhaschte ich einen Blick auf einen Umkleideraum, wo halbnackte Blondinen hektisch vor beleuchteten Spiegeln umherhuschten. Gegenüber vom Hintereingang des Separees befand sich eine Tür mit der Aufschrift Chef. Timos Büro war ein rechteckiger weiß tapezierter Raum, in dem es, wenn man den Nikotinflecken an der Decke und den Brandlöchern im Teppich glaubte, keine Aschenbecher gab. Der Röhrenmonitor summte mit dem Kühlschrank um die Wette, während das dumpfe Wummern des Basses aus dem Hauptraum die Wände zittern ließ. Gefüllt war der Raum außerdem mit einem Tapeziertisch, auf dem eben jener Computer, ein Drucker und stapelweise Ausdrucke zu finden waren, und zig Aktenschränken, einem Fernseher, einem zerschlissenen Sofa und ein paar Postern und Kalendern, welche die ansonsten kahlen Wände bedeckten.
»Das ist mein Büro«, sagte er und rieb sich die Hände. »Nicht schick, aber immerhin muss ich nicht an der Stange tanzen, sage ich immer.« Er lachte nervös und bedeutete mir, auf dem Sofa Platz zu nehmen.
»Priester!«, stieß ich hervor.
»Was?«
»Ich habe überlegt, wie wir dich früher genannt haben. Bei Timo hat es schon Klick gemacht, aber wir haben dich immer nur Priester genannt.«
»Ach ja, stimmt. Ich habe es tatsächlich geschafft, den Spitznamen zu behalten. Ich hab nie eine meiner Tänzerinnen auch nur unzüchtig angeguckt – keusch wie eh und je.« Priester klopfte sich in einem Anflug gespielten Stolzes auf die Brust.
»Wie kommst du zu deinem … Etablissement?«, fragte ich nach einem Moment des Schweigens.
»Ich nenne es ein Tanzlokal. Unter einem Strip Club stellt man sich landläufig einen Schuppen vor, wo ein Haufen Osteuropäerinnen für fünfzig Euro tanzen und für hundert blasen – meine Mädels nicht. Wir sind seriös«, erklärte Priester, gestand mir dann aber zu: »Klar, vom Ding her ist es ein Strip Club oder – wie ich zu sagen pflege – eine erfolgreiche Kreuzung aus Bungalow und Neonröhre unter der Autobahnauffahrt plus nackte Frauen.«
Damit war er geschickt meiner Frage ausgewichen, aber ich stellte sie kein zweites Mal, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass er hiermit seinen Traum lebte. Klar, genug Kerle streben tatsächlich genau das hier an. Aber in der Realität war Priester kein cooler Pimp, sondern ein autodidaktischer BWLer in einem abgewrackten Büro, der stets von nackten Frauen umgeben war, aber sie nicht mal richtig anschauen durfte, ohne sich eine Anklage wegen sexueller Belästigung einzufangen. Solche Klagen sind tatsächlich üblich in jenen Strip Clubs und Bordellen, wo man sich nicht mit der Faust, sondern mit dem Arbeitsvertrag auf ein Gehalt einigt. Außerdem war dieser Job so weit von seinem eigentlichen Traum entfernt wie nur irgend möglich.
In der Schule hatten damals alle gedacht, Priester würde Profi-Fußballer werden. Eine Knieverletzung war ihm dazwischengekommen – seitdem hinkte er und hatte deutlich zugenommen. Mit seinem Ersparten aus der Zeit, in der er auf seine Profikarriere vorbereitet worden war, hatte er nach dem Unfall das Flamingo eröffnet, wie er mir später stolz erklärte. Er habe sich alles selbst erarbeitet und selbst die Namen der Tänzerinnen stammten von ihm – Priester dachte tatsächlich, Showgirls wäre ein guter Film.
Von jener Begegnung an saßen wir mindestens einmal die Woche in seinem Büro und machten die Nacht durch. Priester fing am späten Nachmittag an zu arbeiten und machte meist erst um acht Uhr morgens Schluss. Er saß da in seinem Büro und machte die Buchführung, schaute ab und zu auf die Sicherheitskameras und telefonierte mit Lieferanten, Kollegen und Scouts, die nach Tänzerinnen suchten. Sein Büro wirkte bei näherer Betrachtung weder klein noch sonderlich schäbig – es war zweckmäßig. Der erste Eindruck war vermutlich dahergekommen, dass ich Tierfellteppiche, Marmor und Nappaledersessel erwartet hatte. Aber Priester trug ja auch Jeans und Hemd statt Pelzmantel und Filzhut – die Zeiten schienen sich entweder geändert zu haben oder Hollywood hatte mich schon immer belogen.
Doch Priester war zufrieden mit seinem Leben. Er hatte ja alles, was er brauchte: Ein Auto, eine Frau, eine fast abbezahlte Eigentumswohnung und einen Job, der ihm gefiel.
Ich lag also des Öfteren auf dem Sofa in seinem Büro rum, sah ihm beim Arbeiten zu und ließ seinen Alltag an mir vorbeifließen. Ab und an kamen Securitys oder der DJ rein, aber alles in allem war es ein ruhiger Job. Ich lag da und rauchte und Priester klackerte auf seiner Tastatur und wir redeten so über dies und jenes. Nur nie über Frauen. Jegliche sexuelle Anspielung schien an seinem Arbeitsplatz tabu zu sein.
Früher hatte ich Priester nie wirklich gemocht. Seine bevorstehende Profikarriere und all die Mädchen, die sich die Schädel einschlugen, um seine Spielerfrau zu werden, hatten ihn überheblich werden lassen. So hart es auch klingen mag: Der Unfall hatte ihn auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht. Man sollte meinen, Strip Club-Besitzer wären nicht mehr als frauenfeindliche Paviane, die irgendwo gelernt hatten, Mercedes zu fahren. Aber tatsächlich war Priester der klassische mittelständische Unternehmer: Er fuhr einen Passat, zahlte seinen Tänzerinnen einen fairen Lohn und sogar Steuer. Seine Mitarbeiter mochten ihn – das merkte ich vor allem an dem einen Abend, als eine Tänzerin hereinkam und aufgelöst erzählte, dass ein Kunde sie beim Private Dance grob angefasst hatte. Priester schickte sofort die Security los, tröstete die Tänzerin und gab ihr für den Rest des Abends frei. Er schaffte zu jeder Zeit den Spagat zwischen familiärem Umgang und Professionalität. Eben deswegen, weil Priester Job und Privatleben strikt trennen wollte, bot er mir in fast drohendem Tonfall an, den Hintereingang zu benutzen.

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Mehr über und von Henri Pose auf seiner Website.



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