14. Januar 2017

'Homali Sagina: Wie die Viecher' von Marie Wigand

Es passiert jeden Tag. Mütter werden ihrer Babys beraubt. Ohne Betäubung werden sie kastriert und gerupft. Sie leben in ihrem eigenen Dreck. Dicht an dicht. Ohne jede Privatsphäre. Sie werden bei vollem Bewusstsein gehäutet, geschlachtet und ausgenommen. Ich rede von den Tieren auf der Erde? Ja... aber dieses Mal rede ich auch von den Menschen auf Homali Sagina.

Nachdem immer mehr Menschen aus Lindas Umfeld vermisst gemeldet werden, ist auch eines Tages ihre Mutter spurlos verschwunden. Linda macht sich auf die Suche nach ihr und verliert plötzlich das Bewusstsein. Als sie wieder aufwacht, befindet sie sich in einem stinkenden Käfig. Ausgerechnet zusammen mit ihrem widerlichen Vorgesetzten Dr. Tristan Schönbeck. Nur Zufall, oder steckt da mehr dahinter?

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Leseprobe:
Linda fühlte sich ziemlich benebelt. Dennoch öffnete sie zögerlich die Augen. Sie hätte sie ebenso gut geschlossen lassen können, denn es war stockfinster. Verwirrt versuchte Linda ihre Gedanken zu sammeln. Sie erinnerte sich, dass sie im Schrebergarten umgefallen war. Vermutlich war sie wegen nervlicher Überlastung zusammengebrochen. Die Mitglieder von Jasons Detektivtruppe mussten Linda gefunden und den Krankenwagen gerufen haben. Das war es! Sie lag vermutlich im Krankenhaus und es war Nacht! Das würde die Dunkelheit erklären.
Allmählich wurde Linda etwas klarer im Kopf und sie stellte fest, dass sie in einem reichlich unkomfortablen Krankenhaus gelandet sein musste. Das Bett war alles andere als kuschelig und nirgends war ein leuchtender Schwesternrufknopf zu sehen. Ja! Linda wollte die Schwester rufen und wissen was passiert war. Etwas ungelenk drehte sie ihren Kopf in alle Richtungen, konnte aber einfach keinen roten Knopf erkennen. Vielleicht war sie ja auch erblindet?
„Hallo? Ist da jemand?“, fragte Linda etwas zögerlich.
Keine Antwort. Was war das überhaupt für ein komisches Material auf dem sie da lag? Es fühlte sich an, als würde sie auf einem Linoleumboden liegen. Wo war die verdammte Bettdecke? Linda fror ein bisschen und tastete nach allen Seiten. Überall konnte sie nur dieses hartgummiartige Material erspüren.
„Manno!“, maulte Linda und erhob sich auf alle Viere.
Vorsichtig krabbelte sie ein Stück nach vorne. Rums! Linda hatte sich den Kopf gestoßen.
„Autsch!“
Sie tastete was ihr da den Weg versperrte. Es war eine Wand. Ebenfalls aus dem hartgummiähnlichen Material. Linda verstand die Welt nicht mehr. Sie krabbelte kurz nach rechts an der Wand entlang, bis sie wieder auf eine Wand stieß. Auch dieser Wand folgte sie und stieß erneut auf eine Wand. Nachdem sie eine Weile tastend herumgekrabbelt war, ging ihr auf, dass sie im Kreis kroch und dass sie sich vermutlich in einem viereckigen Hartgummibett mit hohen Seiten befinden musste.
„Die hatten wohl Angst, dass ich herausfalle.“, überlegte Linda.
Sie stand auf. Kurz bevor sie sich gänzlich aufgerichtet hatte, stieß sie hart mit dem Kopf an eine Decke!
„Was ist das hier für ein verdammter Scheiß!?“, brüllte sie wütend.
Sie bemerkte, dass sie leicht hysterisch klang. Mit eingezogenem Kopf blieb sie stehen und tastete mit den Händen nach der Decke über ihr. Nirgends war ein Ausstiegsloch. Nun drückte sie mit aller Kraft gegen die Decke. Vielleicht war es ja ein Deckel? Der vermeintliche Deckel bewegte sich keinen Millimeter. Plötzlich kam ihr ein scheußlicher Gedanke! Möglicherweise war sie ja für mehrere Tage lang scheintot gewesen! Jetzt lag sie irgendwo lebendig begraben in einem Sarg! Ganz tief unter der Erde! Linda fing an so laut sie konnte nach Hilfe zu schreien. Wieder und wieder. Immer hysterischer. Sie warf sich gegen alle Seiten ihrer seltsamen Behausung, in der Hoffnung, dass sich irgendetwas bewegen würde. Linda weinte und jammerte dabei wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Irgendwann war sie völlig ausgepowert, heiser und sämtliche Knochen schmerzten. Resigniert ließ sie sich auf ihren Hintern fallen und begann erneut zu grübeln. Wahrscheinlich war das doch kein Sarg! In welchem Sarg konnte man schon fast aufrecht stehen? Und die wenigen geöffneten Särge die Linda bisher gesehen hatte, waren weitaus gemütlicher als ihre aktuelle Behausung! Meistens waren sie innen mit Seide verkleidet. Viel mehr als herumliegen konnte man darin auch nicht! Und in dieser komischen Kiste hier hatte Linda seltsamerweise relativ viel Bewegungsfreiheit.
Plötzlich fiel Linda auf, dass sie keinen BH trug. Ihre Brüste baumelten etwas mehr als gewöhnlich herum. Und überhaupt! Was war das für ein komischer Fetzen, den sie da am Körper trug? Fühlte sich an wie ein Nachthemd mit Spagettiträgern. Sehr grober Stoff. Ein bisschen wie ein Kartoffelsack. Mit großem Unbehagen wurde Linda klar, dass sie außer diesem Stofffetzen nichts anhatte. Keine Schuhe, keine Strümpfe, keine Unterhose!
Wo zum Geier war Svens Handy?! Wieso kam sie erst jetzt auf die Idee einfach jemanden anzurufen? Sie tastete ihren merkwürdigen Umhang ab, fand aber nichts was auf das Handy hindeutete. Linda stieß einen gotteslästerlichen Fluch aus. Ihre letzte Hoffnung war dahin. Sie fühlte sich völlig verloren und hatte keine Ahnung was das alles bedeuten sollte. Als sie erneut zu heulen anfangen wollte, ging ein Ruck durch die Kiste. Was würde jetzt passieren? Linda konnte sich nicht daran erinnern, sich jemals so allein und hilflos gefühlt zu haben.
Plötzlich wurde ihre Behausung an einer Seite angehoben und Linda rutschte nach unten gegen eine Wand. Die Wand gab nach und Linda kullerte heraus.
Sie riss den Kopf hoch und schaute sich argwöhnisch um. Linda befand sich in der Mitte eines orangefarbenen Raumes. Der Boden war aus irgendeinem Metall, jedenfalls glänzte er silbrig und fühlte sich kalt an. An einer Stelle zwischen den orangenen Wänden befand sich eine milchige Glaswand. Ungefähr zwei Meter breit. Linda drehte sich nach ihrer Kiste um. Sie war dunkelgrün und vom Material her wie Knete. Richtige Knete konnte es aber auch nicht sein. Es hatte sich sehr hart angefühlt. So wie Linda darin gewütet hatte, müsste die Kiste ziemlich verbeult sein, wenn sie aus Knete gewesen wäre. War sie aber nicht.
Da tauchte hinter der Kiste eine orangefarbene Gestalt in einem leuchtend blauen Gewand auf. Sie flog förmlich auf die Wand zu und drückte sie einfach auseinander. Blitzschnell war die Gestalt verschwunden und die Wand verschloss sich unverzüglich wieder von selbst. Linda starrte eine gefühlte Ewigkeit die Wand an der Stelle an, wo soeben dieses merkwürdige Wesen geisterhaft verschwunden war. Jetzt reichte es ihr aber endgültig! Wo zur Hölle war sie und was wurde hier gespielt? Träumte oder fantasierte sie etwa? Das konnte die einzig plausible Erklärung sein. Sie biss sich kräftig auf den Finger. Da es höllisch schmerzte verwarf Linda die Traum-Theorie wieder. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie am ganzen Körper zitterte wie Espenlaub. Linda hörte ein Kichern. Hysterisch und grell. Es dauerte eine ganze Weile bis sie verstand, dass das Kichern von ihr selbst kam. Warum zur Hölle lachte sie? Aufgrund der abstrusen Situation? Konnte man vor Angst lachen? Denn Angst war das Einzige, was Linda momentan empfand. Auf einmal ertönte ein Summen, eine Wand aus blauem Licht erschien und bewegte sich langsam auf Linda zu. Ihr Kichern verstummte. Was würde wohl passieren, wenn die Lichtwand sie berührte? Linda bekam noch mehr Angst, soweit das überhaupt möglich war. Sie sprang auf und versteckte sich hinter der großen Kiste. Ihr Herz raste so schnell, als wolle es ihr gleich aus der Brust springen. Lindas ganzer Körper war von Angstschweiß bedeckt. Die Lichtwand hatte sie jetzt fast erreicht. Vielleicht konnte Linda ja durch die orangene Wand entschlüpfen wie das merkwürdige Wesen von vorhin? Sie rannte auf die Wand zu und drückte sich dagegen. Nichts passierte. Mit ihren Händen versuchte Linda einen Spalt zu finden, den sie packen und aufziehen konnte. Nichts! Die Lichtwand erschien direkt hinter ihr. Linda drehte sich um und die Lichtwand ging durch sie hindurch. In diesem Moment ertönte ein kurzer schriller Ton. Sonst passierte nichts. Linda konnte sich auf ihren Puddingbeinen nicht mehr halten und ließ sich wieder auf ihr Hinterteil fallen. Noch einmal ertönte der schrille Ton. Als ein perfektes Abbild von Linda auf der Glaswand erschien, traute sie ihren Augen kaum!

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