11. Januar 2017

'Michael Lindqvist: Den Tod im Blut' von Jo Hess

Band 5: Eine Serie grausamer Morde führt Michael und Konstantin nach Neuseeland. Ohne Waffen und mit der Ungewissheit, ob ihr Freund Ben hinter allem steckt, oder ob sie wieder auf ihren Erzfeind, den Werwolf Karsten Berghoff treffen, müssen sie sich das erste Mal ohne die Rückendeckung des Priesters Henry Cavill dem Kampf gegen einen bestialischen Killer stellen.

Die Horror-Serie {ML}
Michael Lindqvist {ML} ist ein Student, der sich nach einem tragischen Schicksalsschlag dazu entschließt, neben seinem Studium Monster zu jagen. Die Buchserie ist in einzelne, jeweils in sich abgeschlossene Geschichten unterteilt. Nebenher existiert ein fortlaufender Handlungsstrang, der sich durch alle Bände zieht.

Gleich lesen:
Für Kindle: Michael Lindqvist: Den Tod im Blut - Band 5 {ML}
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Nachricht von Emma
„Wie bekomme ich das verdammte Ding an?“
Hilflos starrte ich auf das Display, das mir drei Nachrichten anzeigte. Hektisch tippte ich auf die Mitteilungen. Nichts geschah.
„Ich hasse Technik.“
Frustriert schleuderte ich Konstantins iPad auf die Couch. Ich sah mich schuldbewusst um, obwohl ich wusste, er war nicht zu Hause. Ich wählte seine Nummer und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte.
„Mensch, Konsti, warum gehst du so lange nicht ran?“, begrüßte ich ihn ungeduldig.
„Ich bin mit Julian bei meinem Bruder. Wir haben mit ihm einen Film angesehen“, sagte er und ich fühlte mich gleich schuldig, weil ich ihn so angefahren hatte.
„Wie geht es Korbinian?“
„Gut. Als ich mit ihm gesprochen habe, hatte ich den Eindruck, als würde er mir wirklich zuhören. Zumindest eine Zeitlang.“
Korbinian lag nun schon seit über einem Jahr in der Reichmann Klinik. Er machte nur langsame Fortschritte und wir waren nicht sicher, ob er jemals wieder ein normales Leben würde führen können. Ich war schon lange nicht mehr bei ihm gewesen. Jedesmal, wenn ich ihn besuchte, erinnerte mich das an meinen Bruder. Und deshalb suchte ich immer nach einer anderen Ausrede, um Konstantin nicht begleiten zu müssen.
„Hör zu, Konsti, es gibt da etwas, bei dem ich deine Hilfe brauche. Emma hat angerufen. Es gibt Neuigkeiten aus Neuseeland. Kannst du nach Hause kommen?“
Ich hörte den Fernseher im Hintergrund leiser werden und eine Tür zufallen.
„Erzähl es mir am Telefon, ich würde gerne noch etwas bleiben.“
Ich dachte, ein paar Stunden mehr oder weniger, würden nichts ändern.
„Ich möchte es dir lieber sagen, wenn du hier bist. Komm, sobald du kannst.“
Ich beendete das Gespräch mit Grüßen an Korbinian und Julian, warf dem iPad einen finsteren Blick zu und ging auf mein Zimmer.

Zwei Stunden später ließen sich Konstantin und sein Freund auf das Sofa fallen und mein Cousin drückte mir einen Pappbecher mit heißem Kaffee in die Hand.
„Lebkuchen-Latte. Mit Grüßen von der grünen Meerjungfrau“, sagte er.
Mit einem Blick auf das Logo des Pappbechers erklärte ich:
„Wusstest du, dass Sirenen ursprünglich nicht die Kuschel-Meerjungfrauen waren, die Disney so gerne zeigt, sondern mörderische Vixen, die durch die obszöne Position ihrer Beine, also in dem Fall, ihrer Schwänze, Seefahrer in ihr Verderben locken wollten? Legenden nach hat dieses grüne Fräulein zahlreichen Fischern das Leben gekostet.“
„Mein Cousin ist das wandelnde Wikipedia für unnützes Wissen.“
„So unnütz ist das gar nicht“, sagte Julian und Konstantin sah ihn stirnrunzelnd an.
„Ach?“
„Wenn man Seefahrer ist“, vollendete er den Satz und lachte.
„Ha-Ha, ihr seid so komisch“, nuschelte ich.
„Also“, sagte mein Cousin und klopfte mir auf den Oberschenkel, „was gibt’s?“
Der Besuch bei seinem Bruder hatte ihm sichtlich gut getan und es tat mir leid, ihm die Stimmung verderben zu müssen. Ich nahm einen Schluck von der Papp-Vixe und schloss für einen Moment die Augen. Der süße Geschmack des Winters füllte meinen Mund aus.
„Schon wieder fast Weihnachten. Die Zeit fliegt dahin“, sagte ich und hörte mich dabei an, wie meine Mutter.
„Michael?“, sagte mein Cousin gedehnt.
„Was?“
„Was sind die Neuigkeiten?“
Ich seufzte, trank noch einen Schluck und sagte:
„Emma hat erzählt, es gibt eine Mordserie, die sich von der Südinsel hinauf auf die Nordinsel zieht. Sie hat mir einen Artikel geschickt. Der geht nur nicht auf.“
Ich nahm das iPad und legte es meinem Cousin auf den Schoß.
„Alter, du bist so Neunzehnhundertneunzig. Ich meld dich mal im Apple Laden für einen Workshop an.“
„Leck mich, Mann. Ich brauch das Technikzeug nicht.“
“Das merkt man. Auch wenn du es nicht willst, mein Freund, die Welt will es.“
„Jetzt lass ihn in Ruhe, Konstantin und mach die Nachrichten auf“, mischte sich Julian ein. Ich war immer noch skeptisch, ob es eine gute Idee gewesen war, Julian in unser geheimes Leben als Monsterjäger einzuweihen. Mir wäre es lieber gewesen, Konstantin hätte ihn nach Hause geschickt. Aber ich hielt den Mund. Mein Cousin rief die Nachricht von Emma auf und hielt sie mir unter die Nase. Der Artikel zeigte ein Bild von einem wundervollen Strand. Nicht so wundervoll waren die zwei schwarzen Planen, unter denen die Opfer lagen.
„Whatipu’s Blood Tragedy, two victims still unidentified. Killer leaves no trace.
Grace McKnetta, a long term resident at Whatipu Beach and both owners of the camping side, Ella Neal and Piatu Gogona are in a state of shock: `They should have been save here`, Gogona said," las Konstantin in etwas eingerostetem Englisch vor.
„Das bedeutet, es gab zwei Tote am Strand, die nicht identifiziert werden können und es gibt keine Spuren vom Killer“, fasste ich nochmal zusammen.
„Note eins“, sagte Julian.
Ich ignorierte seinen Kommentar.
„Du denkst, das war Berghoff, oder?“, fragte Konstantin und ich nickte.
„Emma denkt das auch. Allerdings weiß sie nicht, dass Ben damals von Berghoff verwundet wurde und auch infiziert sein könnte. Und ich wollte es ihr nicht am Telefon sagen. Sie meint, die Morde begannen schon vor einigen Monaten auf der Südinsel und zogen sich immer weiter hinauf. Die beiden Opfer in Whatipu sind scheinbar die letzten von elf Toten. Die Polizei vertuscht alles, so gut es geht. Emma konnte über Kontakte einiges über den Zustand der Opfer in Erfahrung bringen und geht davon aus, dass es ein Werwolf war.“
„Emma hat Kontakte, die in Polizeiunterlagen Einsicht haben? Wow. Na los“, sagte Konstantin, „lass uns buchen. Das Wetter hier ist sowieso beschissen. Und in Neuseeland ist im Moment Sommer, richtig?“
Verwundert sah ich meinen Cousin an. Normalerweise gerieten wir immer in Streit, sobald ich Berghoff nur erwähnte.
„Julian sagt, man kann vor seinen Problemen zwar davonlaufen, jedoch holen sie einen immer wieder ein. Daher ist es besser, man bereitet sich darauf vor und stellt sich ihnen.“
„Aha. Tut dir gut, dein Julian.“
Der küsste meinen Cousin stolz auf die Wange. Ich schmunzelte, schloss die Augen und trank meinen Kaffee.
„Hör auf so dämlich zu grinsen“, sagte Konstantin selber grinsend.
„Werdet ihr euch nicht vermissen? Wir werden wahrscheinlich lange fort sein.“
„Darüber haben wir schon gesprochen. Wenn es sehr lange dauert, komme ich in den Weihnachtsferien nach.“
„Ich halte das für keine gute Idee“, warf ich ein.
„Natürlich nicht“, murmelte mein Cousin und verdrehte die Augen.
„Es ist viel zu gefährlich für ihn.“
„Wenn wir Berghoff sofort finden und kalt machen, bleiben wir sowieso nicht lange.“
Verliebt sah er Julian an. Eifersucht loderte in meinem Inneren. Auf die Liebe, die ich zwischen den beiden spüren konnte und darauf, wie viel Zeit sie zusammen verbrachten. Und nun war Julian sogar ein Teil von Korbinians Leben. Mehr als ich. Dabei war das meine eigene Schuld.
„Es könnte auch Ben sein“, sagte ich, um das Thema wieder auf den Punkt zu bringen. „Wir wissen nicht, ob er von Berghoff angesteckt wurde. Was ist übrigens mit Anna?“, fragte Konstantin unerwartet und ich verschüttete fast meinen Kaffee.
„Was?“
„Du hast schon verstanden. Du kannst ihn schlecht mitnehmen.“
Damit spielte er auf den Knochen an, den ich seit Monaten als Talisman mit mir herumtrug. Ich hätte ihn längst verbrennen müssen, damit Anna’s Seele endlich erlöst wurde und von dieser Erde verschwinden konnte. So oft hatte ich mir vorgenommen, zurück zum Teich zu fahren, in dem Anna festsaß, mich bei ihr zu entschuldigen und den Knochen zu vernichten. Nur kam mir jedes mal etwas dazwischen oder ich vergaß es. Außerdem spendete mir der Knochen eine Art von Geborgenheit, die ich nicht erklären konnte. Von außen betrachtet war ich ein verrückter Perverser. Niemand konnte nachvollziehen, wie es sich angefühlt hatte, als ich Anna’s Geist in mir beherbergte, und wie einsam ich mich fühlte, seit sie wieder fort war. Mit dem Knochen hatte ich das Gefühl, nicht allein zu sein. Wenigstens ein bisschen.
„Du bist noch immer in Anna verknallt, oder?“
„So ein Quatsch, Alter. Ich bin nicht in einen Geist verliebt“, sagte ich und spürte, wie ich rot wurde.
„Genau, ganz offensichtlich nicht. Du weißt schon, dass sie dich in eine weiße Jacke stecken, wenn sie dich am Flughafen mit einem Knochen in der Tasche erwischen und du ihnen sagst, dass er der Liebe deines Lebens gehört?“
„Halt die Klappe, Mann.“
„Ist sie eigentlich hier?“
„Was? Nein, wieso?“
„Der Knochen hielt sie in dem Teich. Wenn du ihn hast, müsste sie demnach hier sein.“
Mein Magen zog sich zusammen bei dem Gedanken daran, wobei Anna mich schon beobachtete haben würde, wenn sie tatsächlich immer bei mir war. Konstantin bog sich vor Lachen und machte Wichs-Bewegungen mit seiner Hand.
„Wovon sprecht ihr da eigentlich?“, fragte Julian.
„Gar nichts“, sagte ich und sah Konstantin finster an, „buch lieber unsere Tickets.“
Ich lief in mein Zimmer und schloss die Tür. Seufzend setzte ich mich aufs Bett und holte meinen Talisman aus der Hosentasche. Ich drehte den kleinen Knochen hin und her, atmete tief ein und legte ihn neben mich.
„Anna?“
Eine Gänsehaut breitete sich auf meinen Armen aus. Nichts geschah.
„Anna, wenn du hier bist, zeig dich bitte. Es tut mir leid, dass ich deinen Knochen behalten habe. Wenn du sauer bist, versteh ich das. Bist du hier?“
Aus dem Wohnzimmer ertönte ein Poltern und ich zuckte heftig zusammen. In meinem Zimmer bewegte sich nichts. Erleichtert und gleichzeitig enttäuscht, steckte ich den Knochen wieder ein. Zurück bei den anderen setzte ich mich schmollend auf das Sofa.
„Ach, komm schon. Sei doch nicht beleidigt“, sagte Konstantin und legte mir einen Arm um die Schultern.
„Ist ganz normal mit einem Knochen zu mastur…“
„Konstantin, Schluss damit“, schalt ihn Julian.
Mein Cousin sprang auf, salutierte vor ihm und rief:
„Ja, Herr Lehrer.“
„Du bist ein schlimmer Junge.“
Spielerisch zog Julian ihn am Ohr und ich musste schmunzeln.
„Hast du die Tickets bekommen?“, fragte ich.
„Yes, Sir. Wir fliegen in zwei Tagen.“
„Also seid ihr Weihnachten definitiv nicht hier“, meinte Julian.
Konstantin nahm ihn in die Arme und küsste seine Stirn.
„Wenn wir solange bleiben müssen, kommst du wie besprochen nach.“
Mir war Weihnachten egal. Früher waren unsere Familien immer schon vormittags zusammen gekommen und hatten miteinander gekocht. Wir hatten oft die ganzen Feiertage zusammen verbracht. Doch seit Nick ermordet worden war und Korbinian in der Klinik lag, gab es kein Weihnachten mehr für uns. Ich war froh, wenn ich nicht bei meinen Eltern am Tisch sitzen und in traurigem Schweigen eine vertrocknete Gans herunterwürgen musste.
Niedergeschlagen sah ich aus dem Fenster. Ich betrachtete die graue Wolkendecke und den feinen Nieselregen. In ein paar Tagen würde ich in der Sonne stehen, in einem Land am anderen Ende der Welt. Ob ich die Sonne würde genießen können, stand jedoch noch keineswegs fest. Immerhin waren wir auf der Suche nach einem Mörder. Und entweder würden wir dabei erneut auf Berghoff treffen oder der beste Freund meines toten Bruders war ebenfalls ein Werwolf und killte irgendwelche Leute. Ich hatte kein Problem damit Berghoff kalt zu machen. Nur was ich tun würde, wenn Ben sich als der gesuchte Killer herausstellen sollte, das wollte ich mir nicht vorstellen.

Im Kindle-Shop: Michael Lindqvist: Den Tod im Blut - Band 5 {ML}
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Jo Hess auf seiner Website zur Buchreihe.



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