3. Januar 2017

'Spheres: Hope and Fear' von Jason Darkstone

Im Sommer 1998 wird in den USA eine junge Frau entführt. Im Winter 2013 wird der Österreicher Josef Winter verdächtigt, etwas mit dem Verschwinden eines Mädchen zu tun zu haben. Zwei Ereignisse, getrennt durch Zeit und Raum und doch untrennbar miteinander verbunden ...

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Leseprobe:
Sommer 1998
Der jungen Frau war jegliches Zeitgefühl abhanden gekommen. Weder wusste sie, wie spät es war, noch welcher Tag. Sie konnte auch nicht annähernd erkennen, wie lange sie hier war.
Nun, die panische Angst, die sie anfangs empfunden hatte, war inzwischen einer stillen Resignation gewichen.
Während sie die Zeit vorher immer wieder versucht hatte, sich aus ihrer Lage zu befreien, döste sie nun meist einfach vor sich hin. Von Zeit zu Zeit schreckte sie hoch, entweder durch ein Geräusch, oder wenn er sie weckte, um ihr etwas zu Essen zu bringen.
Längst hatte sie aufgegeben mit ihm zu reden, es war zwecklos. In all der Zeit hatte er nicht ein Wort zu ihr gesagt. Stets hatte er ihr nur gedeutet zu schweigen.
Anfangs wollte sie es nicht akzeptieren und hatte panisch versucht zu ihm durchzudringen, doch die Konsequenz war stets, dass er sie für etliche Stunden knebelte. Wenn sie einige Stunden nicht versucht hatte durch die Knebel zu ihm zu sprechen, entfernte er sie wieder. Ohne dabei etwas zu sagen. Fast so, als wollte er sie dressieren.
Zu Beginn war sie überzeugt, dass er sich an ihr vergehen würde, sie meinte es in seinem Blick zu sehen, doch bisher hatte er sie nicht angerührt.
Die meiste Zeit war es so finster, dass man nicht einmal Schemen erkennen konnte. Lediglich, wenn er da war, schaltete er eine kleine Lampe ein, die in vier Meter Entfernung von ihr auf dem Boden stand, für sie allerdings unerreichbar.
Der Raum war fast leer. Eine dünne Matratze, auf der sie lag, oder saß. Ein eiserner Ring, der im Holz stabil eingearbeitet war. Ein Seil, das an diesem Ring befestigt war, ebenso um ihre linke Hand.
Sitzen, oder liegen, lediglich das konnte sie. Aufstehen war unmöglich. Ein kleines Tablett, gerade noch in ihrer Reichweite. Hier stellte er immer Essen und Wasser ab. Wortlos.
Zumindest ließ er danach für kurze Zeit das Licht angeschaltet.
Außerdem eine Schüssel für die Notdurft, die er regelmäßig leerte. Eine weitere Schüssel mit Wasser, daneben ein Stück Seife und ein Schwamm.
Nach längeren Phasen der Resignation und stillen Verzweiflung versuchte sie auch immer wieder, einen klaren Gedanken zu fassen. Während sie zuerst vor allem zu rekonstruieren versuchte, wie sie in diese Lage gekommen ist und wo sie in etwa sein könnte, dachte sie dann darüber nach, wie sie es hier wohl rausschaffen sollte.
War man auf der Suche nach ihr? Sicher. War schon jemand nahe daran, sie zu finden. Anfangs hatte sie so gedacht, doch mit der Zeit schien es ihr eher unwahrscheinlich.
Worum ging es ihm? Ging es um Geld?
Das war gar nicht abwegig, ihre Eltern waren ziemlich vermögend. Sie wünschte sich, dass es um Geld ging, denn natürlich würde bezahlt werden und dann wäre die Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass man sie auch wieder freiließe.
Ihre Befürchtung war aber, dass es nicht um Geld ging und auch keine Absicht bestand sie frei zu lassen. Und selbst wenn es um Geld ging, zweifelte sie, dass ihre Freiheit Plan ihres Entführers war. Es machte ihm überhaupt nichts, dass sie sein Gesicht sah. Sie versuchte, dass sie nicht aufgrund dieses logisch scheinenden Gedankens in Panik geriet. Aber immer wieder tauchte die naheliegende Schlussfolgerung in ihr auf: »Wenn er das Geld hat, geht der kein Risiko ein. Der bringt dich um und versenkt deine Leiche in irgendeinem Tümpel.«
Dazu passend hatte sie an ihm auch nicht das geringste Mitgefühl für sie entdecken können.
Aber was, wenn es gar keine Lösegeldforderung gab?
Was wenn er einfach ein Psychopath war, der Freude an dem empfand, was er machte?
Es sprach einiges dafür. Sie hatte das Gefühl, dass es ihm Spaß machte. Dass er es genoss, die Macht über sie zu haben und sie glaubte, Lüsternheit in seinem Blick zu sehen. »Vielleicht bildest du dir das nur ein«, versuchte sie sich selbst beruhigend einzureden.
Wenn er doch wenigstens mit ihr sprechen würde. Sie konnte diese Stille und das Schweigen nicht mehr ertragen. Weder redete er mit ihr, noch war es ihr erlaubt zu sprechen. Nicht mal mit sich selbst durfte sie reden, auch das verbat er ihr. Lediglich wenn sie ganz leise flüsterte, dann merkte er es nicht. Das tat sie auch immer wieder, weil sie einfach irgendeine Stimme hören musste, um nicht ganz den Verstand zu verlieren.
Dazu wippte sie auch meist etwas, um sich zu beruhigen. Hin und wieder dachte sie, dass sie wie eine Verrückte aussehen musste, aber das war wohl ihr geringstes Problem.
Zusätzlich zur Stille kam diese, nicht enden wollende, Dunkelheit.
Sollte es die Absicht des Entführers sein, dass sie für immer in diesem Loch bleibt?
War es das, was er wollte? Dass sie hier einfach langsam verreckte?
Wieso sagte er nicht einfach, was er wollte? Ich will das Geld deiner Eltern. Ich will über dich herfallen, warte aber noch auf einen günstigen Moment. Ich will eigentlich nur, dass du hier langsam den Verstand verlierst und dann bringe ich dich um und vergrabe dich im Wald, wo schon einige Mädchen wie du vergraben liegen.
Aber im Moment war es offensichtlich sein Wille, dass er es ihr nicht sagte. Und es war sein Wille, dass sie schwieg.
Am liebsten würde sie einfach losbrüllen, doch sie wusste, dass es nur wieder ein paar Stunden Knebel bedeuten würde.
»Ich muss hier weit weg von anderen Menschen sein«, dachte sie, »denn er kann es riskieren, dass ich ein paar Minuten laut schreie. Hier wird mich niemand hören.«
Immer wieder bemühte sie sich, an die Zeit vor ihrer Entführung in diese Hölle zu erinnern, vor allem an die Zeit unmittelbar zuvor.
Es war ein wunderschöner Tag. Natürlich war es auch gut möglich, dass sie das nur deshalb so empfand, weil im Vergleich zu ihrem jetzigen Zustand wohl alles wunderschön war. Sie hatte den ersten Ferientag und war einmal unverschämt lange im Bett liegen geblieben. Später hat sie in aller Ruhe gefrühstückt, Schinken mit Ei.
Im Anschluss hatte sie einen kleinen Einkaufsbummel mit ihrer Mutter unternommen. Sie hatte ein schönes Kleid gefunden, ihre Mutter hatte es ihr dann gekauft.
Am Abend war sie dann mit ihren zwei besten Freundinnen ausgegangen, so ein Kleid, musste ja schleunigst ausgeführt werden. Mein Gott, dachte sie. Ich habe immer noch das Kleid an. Inzwischen zwar es schmutzig und verschwitzt, aber immer noch dasselbe Kleid. Sie ging den Abend weiter in Gedanken durch. Sie haben gelacht, herumgealbert, zu ABBAs Dancing Queen getanzt und zu weiß Gott was sonst noch.
Sie ließen sich gegen zwölf von Thomas Strong, einem Bekannten, nach Hause bringen, wobei sie gleich bei ihrer Freundin mit ausgestiegen ist, um die restlichen paar Meter zu Fuß zu gehen. Am liebsten würde sie sich selbst dafür verfluchen.
»Ach lass nur«, hatte sie zu Thomas gesagt, »die paar Schritte tun mir gut.«
Fakt war natürlich, dass sie Thomas nicht sonderlich mochte und dass es ihr unangenehm gewesen wäre, mit ihm alleine ihm Auto zu fahren. Fakt war natürlich auch, dass es wohl das geringere Übel gewesen wäre.
Schließlich schlenderte sie die Nebenstraße entlang, die zum Anwesen ihrer Eltern führte. Als sie sich erinnerte, wie zufrieden und glücklich sie damals war, traten ihr Tränen in die Augen. Fünf Minuten vor dem Eingang des elterlichen Anwesens muss es dann pas-siert sein. Sie hörte ein Auto herannahen und wurde von den Scheinwerfern so stark geblendet, dass sie überhaupt nichts erkennen konnte. Autotüren wurden aufgerissen, worauf sie energische Schritte hörte. Der Schrecken fuhr ihr in die Glieder, als sie erkannte, dass die beiden Männer, die auf sie zugingen, Masken trugen. Sie wollte weglaufen, doch einer der Männer ergriff sie von hinten und drückte ihr ein Tuch auf den Mund. Sie verspürte einen stechenden Geruch, wollte instinktiv die Luft anhalten und sich gleichzeitig los-reißen. Doch sein Griff war eisern. Sie bildete sich im Nachhinein ein, dass sie die geflüsterten Worte: »Ganz ruhig Mädchen, wir tun dir nichts.« hörte, ehe sie tief einatmen musste und das Bewusstsein verlor. Nun, dachte sie sich bitter. Das hast du dir wohl wirklich eingebildet, in Anbetracht, dass du hier auch nicht nur das geringste Mitgefühl zu spüren bekommst.
Ihr Kerkermeister hatte nicht das geringste Interesse daran, sie irgendwie zu beruhigen.
Als sie später zu sich kam, durchfuhr sie eine Woge der Panik. Sie konnte sich kaum bewegen, offensichtlich war sie gefesselt in einem Kofferraum. Sie wollte um Hilfe schreien, bemerkte aber, dass sie geknebelt war und nur grunzende Laute hervorbrachte. Zuerst versuchte sie einige Zeit, trotz der Knebel, auf sich aufmerksam zu machen und probierte gefesselt herumzustoßen, um Lärm zu erzeugen. Als sie erkannte, dass es völlig sinnlos war, hörte sie damit auf und versuchte nachzudenken. Sie begann sich auf das zu konzentrieren, was sie wahrnehmen konnte. Sie war in einem Kofferraum eines offensichtlich ziemlich großen Autos eingeschlossen. Der Wagen schien ziemlich rasant zu fahren.
Alles, auch ihre Entführung vorher, schien ziemlich durchdacht zu sein. Aber lange konnte sie sich nicht konzentrieren. Einerseits kämpfte sie mit Angst und Panik, andererseits wirkte das Betäubungsmittel wohl immer noch nach.
Immer wieder verlor sie das Bewusstsein, daher war es unmöglich zu sagen, wie lange sie fuhren. Einige Zeit später war es offensichtlich, dass sie auf einem holprigen Weg entlang fuhren. Mein Gott, durchfuhr es sie. Wo bringen mich diese Männer hin? Und was haben sie mit mir vor? Tränen stiegen ihr in die Augen. Die verschiedensten Szenarien zogen durch ihre Gedanken. Sie konnte sich nicht erinnern, vorher in ihrem Leben schon eine solche Angst ver-spürt zu haben. Ängstlich weinte sie und schlief irgendwann wieder ein.
Als sie wieder erwachte, wurde der Kofferraum geöffnet und eben jener Mann war zu sehen, der sie nun hier festhielt.
Offensichtlich hielt er seine Maske nun nicht mehr für notwendig.
Er war unscheinbar, obwohl er sehr groß und kräftig schien. Ein kantiges Gesicht hatte er, kurze Haare und er hatte sich wohl ein paar Tage nicht rasiert.
Den zweiten Mann sah sie nie wieder.
Als er sie an den Händen rauszog, versuchte sie sich zu wehren, doch durch die Fahrt und die Betäubungsmittel war sie so geschwächt, dass es ein jämmerlicher Versuch blieb, von ihren Fesseln mal ganz abgesehen. Der Mann sah sie ernst an und schüttelte den Kopf.
Er schleifte sie durch mehrere Räumlichkeiten und in eben den Raum, den sie seither nicht verlassen hat.
Dort warf er sie auf eine Matratze, wo er sie vorerst wieder eine Zeitlang gefesselt auf ihrem Bauch liegen ließ. Einige Zeit später kam er, löste ihre Fesseln und seilte sie an. Danach nahm er die Knebel ab.
Sie musste husten. Nachdem sie sich ihr Hustenreiz beruhigt hatte, sah sie ihn flehend an und sagte so ruhig, wie es ihr möglich war: »Bitte tun sie mir nichts.« Der Mann sah sie an, als wollte er etwas sagen, legte aber nur, mit einem Lächeln, den Zeigefinger auf seine Lippen. »Was haben sie mit mir vor?«, fragte sie und konnte sich kaum die Tränen zurückhalten. Noch einmal legte der Mann seinen Zeigefinger auf seinen Mund. »Bitte, sie müssen mir doch wenigstens sagen, was sie mit mir vorhaben. Wenn es um Geld geht, werden meine Eltern bestimmt zahlen. Aber bitte …«. Blitzschnell drückte der Mann seine Hand über ihren Mund, so dass nur noch unverständliche Laute hervorkamen. Mit der anderen Hand tastete er nach dem Knebel, den er ihr anlegte, und sehr fest anzog. Er fesselte ihre Hände wieder hinter dem Rücken und ließ sie für Stunden so liegen.
Danach erleichterte er ihre Position wieder, nahm die Fesseln und die Knebel ab und seilte sie wieder an. Diesmal wagte sie kein Wort zu sagen, um nicht wieder diese sehr unangenehme Stellung ertragen zu müssen.

Im Kindle-Shop: Spheres: Hope and Fear

Mehr über und von Jason Darkstone auf seiner Website.



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