27. Januar 2017

'Tränen waren gestern' von Christl Friedl

Die Autorin Christl Friedl hatte bereits seit 17 Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater, als er verstarb. Erst nach seinem Tod konnten sich zwei Halbschwestern, nach 57 Jahren, endlich kennenlernen. Der Vater hatte es zeitlebens verstanden, den Kontakt erfolgreich zu unterbinden. Durch Einsicht alter Unterlagen, zu denen sie vorher nie Zugriff hatte, musste die Autorin erfahren, was für ein Mensch ihr Vater wirklich war.

Einen genialen Lügner und Betrüger, so nannte ihn der Anwalt, der die Schwestern in der Nachlassangelegenheit vertrat. Aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse konnten sie dem, zu ihrem Bedauern, nicht widersprechen. Gezwungen durch diese Ereignisse, blickt die Autorin nun auf ihr Leben zurück, erinnert sich an die schmerzlichen, traurigen, aber zum großen Teil auch lustigen Momente ihres Lebens. Der Leser darf sie durch ein Jahr mit vielen Höhen und Tiefen begleiten. Ein Jahr, in dem sich die Schwestern immer besser kennenlernen und zusammen den Kampf um späte Gerechtigkeit aufnehmen.

Ein spannender und ehrlicher Rückblick auf eine ungewöhnliche Lebensgeschichte, mit der sie Menschen, die sich in ähnlichen Situationen befinden, Mut machen möchte, niemals aufzugeben. Es gibt immer einen Weg aus dem Dunkel zurück ins Licht ...

Gleich lesen:
Für Kindle: Tränen waren gestern: Was dich nicht umbringt, macht dich stark
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Vor elf Jahren sind wir von der bayerischen Metropole München nach Markt Schwaben gezogen, wurden von allen Nachbarn sehr herzlich aufgenommen und haben uns vom ersten Tag an heimisch gefühlt. Wir haben ein kleines Häuschen mit ebenso kleinem Garten gemietet, für das wir wesentlich weniger bezahlen als in München für unsere beiden Mietwohnungen zusammen. Natürlich ist auch genug Platz für das Wichtigste überhaupt vorhanden, eine „Werkstatt“ für meinen Mann. Aufgrund der großen Beliebtheit ist das Leben in der bayerischen Metropole in den letzten Jahrzehnten immer teurer und für „Otto Normalverbraucher“ fast nicht mehr bezahlbar geworden. Wir können jetzt hier, zumindest in unseren Augen, eine wesentlich höhere Lebensqualität genießen. Wir, das sind …

… die absolute Nummer 1
Mein Mann Werner, der mit 67 Jahren seinen wohlverdienten Ruhestand, bei bester Gesundheit, absolut genießt. Der, wie seine geliebten Motorräder, topfit und gut in Schuss ist. Der sich aufgrund seines fröhlichen und ausgeglichenen Wesens seine Jugendlichkeit erhalten hat und dem sein Rentenalter tatsächlich niemand abnimmt. Der aufgrund seiner diversen Späßchen nicht nur bei Kindern und Hunden sehr hoch im Kurs steht. Der mich nicht zuletzt, entgegen meinem ursprünglichen Vorhaben, niemals zu heiraten, dann im Laufe unserer gemeinsamen Jahre (wohl eher unfreiwillig) davon überzeugt hat, diesen Schritt doch noch zu tun. Bereits seit einigen Jahrzehnten hieß es bei uns: tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert. Bis ich eines Tages in seiner Gegenwart ein gewisses Kribbeln, das ich jedoch erfolgreich zu unterdrücken wusste, nicht mehr verleugnen konnte. Liebe auf den tausendsten Blick? Während der Feier zu meinem 40. Geburtstag am Unterschleißheimer See kamen wir uns dann schließlich unaufhaltsam näher. Der Genuss von etlichen Gläsern Jack Daniels mit Cola war daran nicht ganz unschuldig und ließ die Hemmschwelle gewaltig sinken. Der Gedanke, dass wir Jahre später heiraten würden, ist jedoch unter Garantie bei keinem von uns beiden aufgekommen. Unser Motto war wohl eher: „Ein bisschen Spaß muss sein.“ Aber oft kommt es im Leben anders, als man denkt, und das ist, aus heutiger Sicht, nun wahrlich nicht das Schlechteste. Hoch lebe Jacky Cola.
Nie werde ich den entsetzten Blick meiner Freundin und ihren Satz „Das kann ja wohl jetzt nicht dein Ernst sein“ vergessen, als ich ihr davon erzählte. In der Zwischenzeit hat sie ihre Meinung allerdings zu hundert Prozent revidiert. Stimmt doch, Isy, oder? Weder wir noch einer unserer gemeinsamen Freunde hätte uns damals mehr als zwei, höchstens drei Monate gegeben. Ja, in der Tat bedienen wir wohl beide perfekt das Klischee: Gegensätze ziehen sich an. Ersetzt man jedoch das Wort „Gegensätze“ durch das Wort „Ergänzungen“, wird man schnell feststellen, dass gerade diese das Salz in der Suppe sein können. Er, der langhaarige „harte“ Biker. Ich, die mehr oder weniger solide Perfektionistin mit den langen lackierten Fingernägeln. Er, der eingefleischte Hardrock-Fan. Ich, mit meinem Faible für Howard Carpendale. Country Music allerdings lieben wir beide. Ich muss gestehen, dass sich mein Musikgeschmack seinem inzwischen stark angepasst hat. So freuen wir uns jetzt schon sehr auf die Konzerte von Rammstein im Juli und Boss Hoss im November dieses Jahres.
Er, der eingefleischte Frühaufsteher, frei nach dem Motto „Der frühe Vogel fängt den Wurm“. Ich, der Nachtmensch und absolute Morgenmuffel. Den Satz „Der frühe Vogel kann mich mal“ könnte ich da schon eher unterschreiben. Er, der unverbesserliche Optimist. Ich mit meiner oft doch eher pessimistischen Einstellung. Er, der absolute Chaot und unverbesserliche Schlamper, der, auch wenn er die Augen noch so weit aufmacht, keinen Dreck sehen kann. Ich, die ordnungsliebende „Sauberfrau“, der „gute“ Freunde des Öfteren heimlich die Dekoration in der Wohnung umgestellt haben, nur um zu testen, wie lange es dauert, bis ich es bemerken würde. Das erklärt auch, warum wir uns einige Jahre nicht dazu durchringen konnten, unsere beiden Wohnungen aufzugeben, um zusammenzuziehen. Innerlich hatte ich mich nach unserem Umzug auf eine extrem konfliktreiche Zeit eingestellt. Aber auch das kam, wie so vieles bei uns, anders, als ich dachte. Kompromisse heißt das Zauberwort, mit dem alles machbar ist. Eines unserer diversen „Erlebnisse“ ist mir dabei besonders im Gedächtnis haften geblieben und hat, nicht nur in unserem Freundeskreis, für spontane Lachanfälle gesorgt. Samstags ist bei mir schon seit jeher Hausputz angesagt. An diesem speziellen Samstag hatte ich meinen Mann gebeten, in unserem Haus für Sauberkeit zu sorgen, da ich den ganzen Tag unterwegs sein würde. Wie ich ja bereits wusste, kann er Dreck nicht unbedingt als solchen erkennen. Daher hatte ich ihn vorsichtshalber darauf hingewiesen, nicht zu vergessen, das Sieb im Abfluss des Waschbeckens im Badezimmer zu säubern. Als ich das Bad am Abend betrete, strahlt mir das Sieb in fast überirdischem Glanz entgegen. Ganz im Gegensatz zum Rest des Waschbeckens, das noch so schmutzig war wie am Morgen. Seine Erklärung „Du hast nur vom Sieb, nicht vom ganzen Waschbecken gesprochen“ muss man sich langsam auf der Zunge zergehen lassen. Leute, Leute, da versteht man die Welt nicht mehr. Spätestens seit diesem Zeitpunkt hatte ich gelernt, dass Männer in der Tat sehr genaue und detaillierte Anweisungen brauchen.
Missverständnisse dieser Art gibt es bei uns im Hause seit diesem Tag nicht mehr. Ja, er ist schon sehr speziell, mein Angetrauter. Als er während eines Besuchs auf dem Flohmarkt ein sehr schönes altes Keramikschild mit der Aufschrift „Bitte im Sitzen pinkeln und Klodeckel schließen“ findet, freut er sich wie ein Schneekönig. Umgehend bringt er es an der Wand hinter unserer Toilette an und ist dann ungelogen der absolut Einzige, der sich nicht an diese Aufforderung hält. Die Funktionalität der sich automatisch schließenden Toilettendeckel, auf die er ausdrücklich besteht, hat er anscheinend bis heute nicht richtig verstanden. Denn diese schließen in der Tat nur automatisch, wenn man ihnen wenigstens einen winzigen Stups mit dem Finger gibt. So manche Logik hinter seinen „Taten“ kann verstehen, wer will, ich auf jeden Fall nicht. Natürlich darf ich nicht versäumen, hier meine absolut liebste „Ergänzung“ ganz besonders hervorzuheben. Im Gegensatz zu mir, die kochen immer mehr oder weniger als notwendiges Übel betrachtet hat, ist er ein begnadeter Koch. Er liebt es, neue Sachen auszuprobieren, und ich darf seine leckeren Werke fast jeden Tag genießen. Ich koche nur noch, wenn ich wirklich Lust darauf verspüre. So ungefähr ein- bis zweimal im Jahr. Somit gibt es in unserem Haus eine unausgesprochene Aufteilung der Zuständigkeiten. „Mann“ ist für das zuständig, das ihm auch Spaß macht. Einkaufen und kochen. „Frau“ ist für den Schmutz zuständig. Nein, Entschuldigung, falsch ausgedrückt. Also, was ich damit meine, ist, „Frau“ macht den Schmutz natürlich weg. Zuständig für das Vorhandensein sind natürlich (fast) ausschließlich „Mann“ und Hund. Unter anderem liebt es mein Mann, mit einem seiner vier Bikes auf eines der, besonders im Sommer, zahlreich stattfindenden Motorradtreffen zu fahren. Mein Ding ist das noch nie wirklich gewesen. Da wir aber beide der Meinung sind, dass gewisse Freiräume einer Beziehung nur zuträglich sein können, hatten wir damit eigentlich nie ein Problem. Eigentlich. Es war noch ziemlich zu Beginn unserer Beziehung, als ich ihn eines Samstags gegen Mittag vor der Fleischtheke eines Supermarktes fragte, was wir denn dieses Wochenende essen wollen. Nicht nur ich, auch der Metzger blickte ihn erwartungsvoll an. „Was du essen willst, weiß ich nicht. Ich fahre in zwei Stunden ins Allgäu auf ein Motorradtreffen.“ Was soll ich sagen. Die absolut perfekte Antwort auf meine Frage. Noch nicht so abgeklärt wie heute, bin ich daraufhin vor der Theke ganz spontan ein wenig ausgeflippt. Die erschrockenen Blicke des Metzgers wanderten zwischen uns hin und her. Wahrscheinlich auch für ihn ein nicht unbedingt alltägliches Erlebnis. Mit den Worten: „Dankeschön, jetzt bin ich bereits vollkommen bedient. Der Einkauf hat sich gerade im Moment erledigt“, ließ ich den armen Mann stehen und verließ den Supermarkt mit wehenden Fahnen. Schweigend, etwas verdattert und ohne meinen Gefühlsausbruch auch nur ansatzweise verstehen zu können, folgte mir mein Mann zum Ausgang. Die Diskussion im Anschluss muss ich wohl nicht weiter ausführen. Mit etwas Fantasie kann sich das zumindest jede Frau sehr gut vorstellen. Müßig zu erwähnen ist es wahrscheinlich auch, dass das nicht die letzte Diskussion dieser Art geblieben ist. Aber steter Tropfen höhlt ja bekanntlich den Stein.
Heute erfahre ich von seinen geplanten Exkursionen mindestens ein bis zwei Wochen vorher. Er hat seinen Spaß und ich genieße das „freie“ Wochenende. Machbar ist das natürlich nur durch gegenseitiges Verständnis und Vertrauen. Das ist bei uns beiden, Gott sei Dank, auch heute noch in höchstem Maß vorhanden.

Im Kindle-Shop: Tränen waren gestern: Was dich nicht umbringt, macht dich stark
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Christl Friedl auf ihrer Facebook-Seite.



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