9. Februar 2017

'Eine magische Weltgeschichte: Die acht Zepter' von Marco Wagner

Ohne jede Erinnerung erwacht ein junger Mann auf Ethon, dessen fantastische Welt durch den ›Rat der Propheten‹ mit Hilfe von sieben magischen Zeptern gelenkt wird.

Über die Zeitalter hinweg kam es immer wieder zu Machtmissbrauch und Katastrophen, was zum fortschreitenden Verfall des Lebensraumes geführt hat. Hineingeworfen in diese fremde Welt gerät der junge Mann in die Suche nach dem legendenumwobenen ›Eisernen Zepter‹, in das die einheimischen Bewohner von Ethon auf unterschiedliche, rätselhafte Weise ihre Hoffnung setzen.

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Leseprobe:
Aura
Es war wie das Erwachen nach einem sehr langen Schlaf mit der dunklen Erinnerung geträumt zu haben, ohne genau zu wissen, wovon.

Ein schroffes Felsgewirr umgab mich und je mehr mein Blick über die Landschaft schweifte, wunderte ich mich. Zwei Monde standen am Nachthimmel und beleuchteten eine ausgedehnte Fläche ringsumher, die nur aus Felsblöcken bestand. Vereinzelt traf das Auge einen knorrigen Baum; etwas weiter entfernt begrenzte ein kleiner Wald das Sichtfeld. Ganz in meiner Nähe plätscherte ein Bach vorüber, in dessen Wasser sich das silberne Mondlicht spiegelte. Der eine der beiden Monde, der ganz flach am Horizont stand, war nicht mehr als eine schmale Sichel, während der andere, im Zenit, schon sein letztes Drittel erreicht hatte. Es roch nach sonnigem Stein, und die kahlen Blöcke strahlten eine angenehme Wärme aus. Nach einer Erinnerung an diesen Ort suchend blieb ich stehen, um in die Nacht hinein zu lauschen. Keines der Sternbilder, die ich erblickte, kam mir auch nur annähernd bekannt vor, kein Nord- oder Südstern, der mir eine Richtung hätte zeigen können. Nur das eindringliche Murmeln des Baches zu meiner Linken, als wollte mir dieser ein Geheimnis anvertrauen, in einer Sprache, die ich nicht verstand.

Woher ich kam? Ich wusste es nicht. Wohin ich gehen sollte, was ich überhaupt hier tat? Ich wusste es nicht. Wer ich war, wie ich hieß, oder, ob ich überhaupt einen Namen hatte, was ich bisher in meinem Leben getan und erfahren hatte – von alldem wusste ich nichts. Aber dunkel erinnerte ich mich an eine Welt, in der es auch Flüsse und Bäume und Steine gab, eine Welt, die sich im regelmäßigen Wechsel von Jahreszeiten um sich selbst und um eine Sonne drehte; eine Welt mit nur einem Mond am gestirnten Nachthimmel.

Ein langgezogenes Brüllen, wie das eines Löwen, riss mich aus meinen Gedanken und lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf die Umgebung. Eine aufrechte Gestalt kam in meiner Richtung über die Felswüste gerannt, selbst schwarz, wie der kleine Wald im Hintergrund, und daher nur zu erahnen. Jetzt machte das Wesen ein paar größere Sprünge von Stein zu Stein, die es ganz in meine Nähe brachten. Ich sah, wie es bei jedem Sprung zwei schwarz gefiederte Schwingen ausbreitete, die es ihm erlaubten, kleine Strecken durch die Luft zu gleiten.
Mit einem Ruck blieb es drei Schritte vor mir stehen und blickte mir gerade entgegen, so wie ich ihm. Die Erscheinung wirkte vom Kopf bis zum Unterleib beinahe menschlich, die einer jungen Frau vielleicht, abgesehen von dem dunklen Federkleid, das den Körper vollständig bedeckte. Die Beine aber waren die eines Laufvogels, mit Krallen statt der Zehen und direkt hinter den Armen befanden sich Flügel.
Einen Moment sah ich in ihre Augen mit leuchtend goldener Iris, bevor sie mit einer raschen Kopfbewegung hinter sich blickte. Ich folgte der Bewegung mit den Augen und erkannte ein Tier von der Art eines Löwen, aber ebenfalls geflügelt. Kein Zweifel: Es hatte mich nun auch entdeckt, denn es schien zu stutzen und zu überlegen, ob es sich auf mich stürzen, oder lieber bei seinem bisherigen Opfer bleiben sollte.
Ich überlegte auch: Ob es geflügelte Löwen gibt und ob ich mich vor ihnen fürchten müsste. Ich überlegte, ob ich mich fürchten müsste? Ja, ich fragte mich das ernsthaft, doch bevor ich zu einem Ergebnis gekommen war, hörte ich eine sanfte Stimme neben meinem Ohr: „Lege den Arm um meinen Nacken und halte dich fest. Er kann heute nicht fliegen.“
Ohne weiter zu zögern oder zu fragen tat ich, wie die Vogelfrau gesagt hatte und fühlte mich im nächsten Augenblick von ihr im Rücken gepackt. Wir machten einige ungelenke Sprünge, dann stürzte sie sich mit mir über die schroffe Kante eines haushohen Felsabbruchs hinab. Nach einer kurzen Zeit des Fallens segelten wir lautlos über die Geröllfelder einer Schlucht. Hinter uns dröhnte das wütende, Mark und Bein durchdringende Brüllen des Löwen, der uns offenbar nicht weiter folgen konnte.

„Das Gelände fällt etwas ab“, hörte ich jetzt meine geflügelte Retterin sagen. „Das ist gut, denn sonst kämen wir nicht weit.“
Ich fühlte, wie sich gleich darauf ihre Muskeln bewegten: Sie tat einige kräftige, gleichmäßige Flügelschläge, bevor sie einige Augenblicke mit mir still dahinglitt. Dann schlug sie wieder mit den Flügeln, während ich mich krampfhaft festhielt und gleichzeitig versuchte, sie möglichst nicht zu sehr in ihren Bewegungen zu behindern. Allein mein Körpergewicht machte das Fliegen bestimmt schon schwer genug.
Als ich gerade an ihrem Hals vorbei zurückblicken wollte, bemerkte ich plötzlich eine seltsame Veränderung: Ihr Gefieder war nicht mehr dunkel wie vorher, sondern wurde zusehends grauer bis es schließlich fast schneeweiß war. Sie hörte auf mit den Flügeln zu schlagen; wir glitten noch ein kleines Stück und landeten dann ziemlich unsanft auf einer großen flachen Felsplatte. Nachdem ich mich aufgerafft hatte, blieb meine geheimnisvolle Begleiterin immer noch reglos liegen. Besorgt beugte ich mich über sie – und sah in das Gesicht einer alten Frau.
War das denn möglich? Sie konnte doch nicht in so kurzer Zeit so gealtert sein! Ich schaute an mir selbst hinunter: Mein Hemd, die lederne Weste, die helle Hose aus Tuch, die schwarzen, ledernen Stiefel – alles unverändert, ebenso wie meine nackten Arme und Hände. Gott sei Dank!
Aber was war mit der Vogelfrau?
Sie schlug die Augen auf und richtete sich mühsam in eine sitzende Stellung auf, die geschmeidigen Flügel halb über dem Rücken zusammengefaltet.
„Du hast mir wahrscheinlich das Leben gerettet, und ich kenne noch nicht einmal deinen Namen“, begann ich.
„Aura. Ich heiße Aura. Wohl wegen des goldenen Lichts, das meine Augen in der Dunkelheit ausstrahlen“, antwortete sie.

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