27. Februar 2017

'Michael Lindqvist: Herz aus Stein' von Jo Hess

Band 6: Michael und Konstantin haben sich von den schrecklichen Ereignissen in Neuseeland kaum erholt, als ein ungewöhnlich grausamer Mord in einer verfallenen Villa alle Anzeichen eines übernatürlichen Ursprungs zeigt. Auf der Suche nach Hinweisen, verschwindet Konstantin. Verzweifelt wendet sich Michael an seinen Mentor Pater Henry. Gemeinsam entdecken sie Konstantin im Keller der Villa umgeben von steinernen Statuen. Er hat keine Erinnerung an die vergangenen Stunden und ist seltsam apathisch.

Die Horror-Serie {ML}
Michael Lindqvist {ML} ist ein Student, der sich nach einem tragischen Schicksalsschlag dazu entschließt, neben seinem Studium Monster zu jagen. Die Buchserie ist in einzelne, jeweils in sich abgeschlossene Geschichten unterteilt. Nebenher existiert ein fortlaufender Handlungsstrang, der sich durch alle Bände zieht.

Gleich lesen:
Für Kindle: Michael Lindqvist: Herz aus Stein
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Die Frau ließ das Haus nicht aus den Augen. Eigentlich sollte sie nach ihrem Hund sehen, der schon seit einer Weile nicht mehr aufgetaucht war. Doch sie traute sich nicht, dem Haus den Rücken zuzuwenden. Sie überlegte, ob es den Jack Russell Terrier gefressen hatte, was natürlich ein unsinniger Gedanke war.
„Xaverl?“, rief sie.
Kleine Äste knackten, als ein Sperling aus einem Strauch flog und sie zuckte zusammen. Der Hund kam nicht. Sie lauschte auf das leise Rascheln der Zweige im Wind. Ihr Blick fiel auf das schmutzige, gelbe Schild, das an einer rostigen Kette hing und auf welchem Unbefugten der Zutritt zum Gelände verboten wurde.
„Xaverl, komm her“, rief sie laut, doch noch immer war nichts von dem Jack Russell zu sehen. Sie ließ ihren Blick über die alten Mauern schweifen, denen die vielen wechselnden Jahreszeiten übel mitgespielt hatten. Farbe und Verputz waren größtenteils abgeblättert, einige Dachschindeln waren eingebrochen oder fehlten gänzlich und überall um das Haus herum lag Unrat. Sie nahm an, Jugendliche oder Obdachlose würden hier manchmal eine Nacht verbringen. Warum das jemand tun sollte, war ihr jedoch schleierhaft. Das Haus war böse.
Sie wusste, es war dumm, so etwas zu denken, denn wie konnten ein paar alte Steine böse sein? Doch sie hatte schon so manches Gerücht über dieses Gebäude gehört.
Sie stütze sich an einem Baumstumpf ab, zog einen ihrer bunten Gummistiefel aus um die Seidenstrumpfhose wieder gerade zu rücken und wischte sich danach schwer atmend den Schweiß von der Stirn. Eigentlich hatte sie immer eine angebrochene Packung Luckys in der Tasche ihrer Schürze, doch ausgerechnet heute Morgen war ihr ein Glas Eingemachtes aus der Hand gerutscht und auf der Anrichte explodiert wie eine Bombe. Der halbe Inhalt war auf ihrer Lieblingsschürze, der gelben mit den lilafarbenen Chrysanthemen darauf, gelandet, und sie hatte die Schürze zusammen mit ihrer Hose und der frischen Bluse in die Wäsche werfen müssen. Als sie die neue Schürze angezogen hatte - die, die sie jetzt trug und abgrundtief hasste, da sie ein Geschenk ihrer grauenvollen Schwiegermutter war - hatte sie vergessen, die Zigaretten einzustecken. Dabei hätte sie jetzt nichts lieber getan, als sich auf diesen Baumstumpf zu setzen, eine Lucky anzuzünden, das schlimme Haus zu beobachten und darauf zu warten, dass dieser schreckliche Terrier wieder zurückkam.
„Xaverl, komm hier“, rief sie noch lauter.
Ein Motor startete knallend und sie zuckte erneut zusammen. Als das Brummen des Fahrzeugs immer leiser wurde und schließlich verklang, beruhigte sich auch ihr Herzschlag. Unbewusst wischte sie ihre verschwitzten Hände an ihrer Schürze trocken. Scharf sog sie die kalte Luft ein und ließ sie mit einem tiefen Seufzer wieder entgleiten. Natürlich passierte ihr das ausgerechnet heute, wo der Rinderbraten bereits im Ofen war und sie mit Xaverl nur eine kleine Runde hatte drehen wollen, damit er seine Wurst nicht wieder im Garten ablegte. Sie sah auf ihr Handgelenk und stellte fest, dass sie zu allem Überfluss auch noch vergessen hatte, ihre Armbanduhr anzulegen. Nach ihrer Schätzung suchte sie mindestens schon dreißig Minuten nach dem Hund und langsam machte sie sich wirklich Sorgen. So lange war er noch nie fortgeblieben. Der kleine Terrier war zwar ein Wildfang, der mehr schlecht als recht folgte, jedoch war er immer nach einer angemessenen Zeit wieder zu ihr zurückgekommen.
Sie ging noch ein paar Schritte näher an das Gebäude heran und duckte sich wie aus Furcht vor einem Schlag, als sie in dessen Schatten trat. Was ihr am meisten Angst an dem Haus machte, waren die Fenster und die Figuren. Die Fenster, weil keines davon zersprungen oder eingeworfen war. Die Figuren, weil sie Steinfiguren im Allgemeinen nicht mochte. Und diese waren besonders unheimlich. Es gab unzählige dieser Statuen. Sie standen, saßen und lagen auf dem Dach des Hauses, in eigens für sie errichteten Buchten in der Mauer, oder waren bereits herabgestürzt und lugten aus dem Gras.
Seit sie vor über zwanzig Jahren hierhergezogen waren, lag die Präsenz des Hauses wie ein schwarzer Fleck auf ihrer Seele. Von ihrer Terrasse aus konnte sie nur einen Teil des Daches sehen, doch ihr eigenes Haus war am Ende einer Sackgasse und sowohl mit dem Auto, als auch zu Fuß, führte kein anderer Weg in die Stadt, als an diesem Horror-Gebäude vorbei. Seit Jahren schon fragte sie sich, wie es wohl im Inneren aussehen mochte. Manchmal lag sie nachts wach, besonders, wenn ihr Mann Hubert laut schnarchend und furzend den Schlaf der Gerechten schlief, und sie trotz der Ohrenstöpsel nicht einschlafen konnte. Dann kratzte sie all die Fantasie zusammen, die sie aufbringen konnte und lief in Gedanken durch die vielen Räume. In ihrer Vorstellung war alles wie neu, der Marmorboden glänzte, frische Blumentöpfe zierten den Aufgang der breiten Stufen und ganz oben stand der frühere Eigentümer des Hauses und sah sie mit begehrendem Blick an. Manchmal gelang es ihr, während dieser Fantastereien einzuschlafen. Doch meist war ihre Vorstellungskraft zu Ende, bevor sie den Treppenabsatz und somit den stattlichen Gentleman erreicht hatte, dem das Haus laut Wikipedia einst gehörte und der immer noch darin spukte. Laut ihrer Nachbarin, nicht Wikipedia. Und der einzige Mann in ihrem wirklichen Leben, lag noch immer schnarchend neben ihr und fasste sie schon lange nicht mehr an.
„Verdammt seist du, kleiner Köter“, sagte sie und stieg unter den bedrohlichen Blicken der Steinfiguren über das Betreten verboten Schild hinweg. Langsam ging sie auf das Haus zu und sah sich dabei immer wieder schuldbewusst um. Sie war nicht dazu erzogen worden, das Gesetz zu brechen. Und ein „Betreten verboten“ Schild hieß, sie beging gerade Hausfriedensbruch. Zumindest glaubte sie das. Erneut schaute sie auf ihre nicht vorhandene Armbanduhr. Bestimmt war es längst Mittagszeit und eigentlich sollte sie nach dem Braten im Ofen sehen. Ihr Mann und die Kinder würden bald vom Fußballplatz zurück sein und dann ein ordentliches Mittagessen erwarten. Die Jungen hatten sowieso immer Hunger und ihr Mann wollte erstmal ein kaltes Bier. Und das Bier stand noch in der Vorratskammer. Zur Bestätigung hörte sie aus dem Ort die Kirchenglocken läuten und nickte. Zwölf Uhr, noch eine halbe Stunde bis das Essen auf dem Tisch stehen sollte. Das Geläut verstummte und sie blickte direkt auf das große Holztor, das ins Innere des Hauses führte. Vorsichtig legte sie ihre Hand auf den goldenen Türgriff.
„Xaverl?“, wisperte sie, räusperte sich und rief nochmal lauter nach dem Hund.
Von drinnen hörte sie ihn einmal kläffen. Ihr Herz schlug schneller. Wahrscheinlich fand der dumme Hund allein nicht wieder heraus. Manchmal hatte sie das Gefühl, der Hund war ein aufsässiges, drittes Kind um das sie sich kümmern musste. Und nun musste sie ihn wie eine gute Mutter aus diesen verfallenen Mauern befreien. Noch einmal atmete sie tief durch und drehte den Griff. Wider erwarten öffnete die Tür sich ganz leicht. Ein Geruch nach Moschus drang aus dem Inneren und sie zog irritiert ihre Augenbrauen zusammen. In dem Gebäude war es kühl und dunkel. Sie wollte nicht hineingehen, obwohl sie sich schon immer gefragt hatte, wie es darin wohl aussehen würde.
„Xaverl, komm her“, sagte sie in einem - wie sie hoffte - selbstbewussten Ton.
Wieder kläffte der Hund. Diesmal weiter weg. Es klang, als wäre er im Keller. Für einen kurzen Moment genoss sie noch einmal die winterliche Sonne auf ihrem Rücken, dann atmete sie tief durch und trat ein.

Im Kindle-Shop: Michael Lindqvist: Herz aus Stein
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Jo Hess auf ihrer Website.



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