3. Mai 2017

'Kein Ring, kein Kuss: Eine (fast) unmögliche Liebe in Israel' von Mark Hollberg

Eigentlich hatte sich Daliah, die Neueinwanderin aus dem Iran, einen Mann aus ihrem Kulturkreis gewünscht. In einem israelischen Kibbuz trifft sie auf den kühlen Norddeutschen, dessen Hebräisch ebenso schlecht ist wie ihr Englisch. Verwunderungen auf beiden Seiten sind an der Tagesordnung und so langsam und auf leisen Sohlen kommt die Liebe zu Daliah und Berenod, wie sie den jungen Mann nennt.

Der Autor Mark Hollberg entführt den Leser auf eine Zeitreise ins Heilige Land, denn seine Geschichte beginnt mit der Ankunft in Tel Aviv im Jahre 1979 und endet erst viele Jahre später nach einer überraschenden Begegnung in New York wieder im Land Israel. Aus einer geplanten Weltreise entwickelt sich eine zarte und kuriose Liebesgeschichte zwischen dem abenteuerlustigen Bernd und der scheuen Neu-Israelin Daliah aus dem Iran, für die ein Kuss vor der Ehe undenkbar ist. Der Leser erkundet zusammen mit Berenod das alltägliche Kibbuzleben, lernt Irachmiel, Hannah und die alte Miriam aus Berlin kennen, lächelt über die täglichen Missverständnisse zwischen den beiden Helden dieser Geschichte und begleitet Berenod und Daliah nach Haifa, Tel Aviv und Jerusalem. Und so ganz nebenbei erfährt man eine Menge über das kleine Land am Mittelmeer und seine Bewohner.

Gleich lesen: Kein Ring, kein Kuss: Eine (fast) unmögliche Liebe in Israel

Leseprobe:
Egged ist die größte Busgesellschaft in Israel und erreicht mit hochmodernen Bussen den allerletzten Winkel des Landes. Jede Stadt hat ihren Egged Busbahnhof, der ausgeschildert und gut erreichbar ist. Der Egged Busbahnhof von Tel Aviv ist sogar mehrstöckig und gilt heute als der größte Busbahnhof der Welt. Täglich werden hier Tausende von Bussen abgefertigt, die wie die Bahn nach festen Fahrplänen fahren.
Ein ganz spezielles Verkehrsmittel für Reisen in Israel ist das Scherut. Ein Scherut ist ein Sammeltaxi, das auf einer festen Strecke mit festen Abfahrplätzen fährt, jedoch keine Haltestellen unterwegs kennt. Hat der Fahrgast sein ungefähres Ziel erreicht, bittet er unbürokratisch um einen Halt und steigt aus. Umgekehrt geht es genauso: Man macht ein Handzeichen, das Scherut hält schnell an und man steigt zu. Scheruts sind heute Kleinbusse mit bis zu 10 Sitzen und bedienen praktisch alle Zielorte im Nah- und Fernverkehr. Der Fahrer wartet solange, bis das Fahrzeug voll ist und startet dann die Fahrt. Einen festen Fahrplan für diese Art zu reisen in Israel gibt es nicht. Haben die Fahrgäste es eilig und wollen nicht warten, bis der letzte Platz besetzt ist, teilen sie sich die Fahrtkosten für diesen Platz.
Daliah als Kind des Orients bevorzugte Reisen mit dem Bus oder mit dem Scherut, die Eisenbahn wäre ja wohl viel zu langsam und gefährlich. Ich wusste wirklich nicht, warum die Fahrt mit einer israelischen Eisenbahn gefährlich sein sollte und machte folgenden Kompromissvorschlag: Hin nach Tel Aviv mit der Bahn, zurück mit dem Egged Bus. Daliah lächelte tatsächlich und war einverstanden. Wir marschierten also zum Bahnhof, lösten zwei einfache Hinfahrten am Schalter und warteten am Bahnsteig auf den Zug aus Naharija, der auch pünktlich in den Bahnhof einfuhr. Israel ist ein unkompliziertes und zeitweise lässiges Land, aber Busse und Bahnen fahren gewissenhaft nach den ausgehängten Fahrplänen. Und siehe da: Die Fahrt mit der gemütlichen Eisenbahn mit gelegentlichem Ausblick auf das Meer gefiel Daliah ganz gut; sie guckte ständig aus dem Fenster, wie die Landschaft gemächlich an ihr vorbeirauschte, stemmte ihre Ellenbogen auf die schmale Fensterbank und drückte auch mal aus Scherz an der Scheibe ihre Nase platt. Der Zug war überhaupt nicht voll, nur hin und wieder sahen wir ein paar vereinzelte Fahrgäste, die es sich in den Abteilen bequem machten. Dafür sind die Busse immer gerammelt voll und hin und her gehen kann man auch nicht.
Nach anderthalb Stunden erreichten wir die Großstadt Tel Aviv und mussten uns erst mal orientieren. Überall Menschen, hupende Autos, weiße Häuser, mehrspurige Straßen und herrliche Boulevards mit Modeboutiquen, Supermärkten, brechend vollen Straßencafés und gewaltigen Verwaltungsgebäuden. Ich kannte Tel Aviv nur von meiner Ankunft und war seither nicht mehr hier gewesen. Jerusalem ist zwar die Hauptstadt Israels, aber Tel Aviv ist das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum. Daliah zeigte auf ein imposantes Gebäude, in das Hunderte Menschen rein und raus liefen.
»Histadrut«, sagte sie.
Die Histradut ist der Dachverband israelischer Gewerkschaften, hat eine eigene Bank, Unmengen von Immobilien, eine eigene Krankenkasse und ist untrennbar mit dem Staat Israel verbunden und verflochten. Noch in den 60er Jahren waren etwa 30% aller israelischen Arbeitnehmer im Wirkungsbereich der Histadrut beschäftigt. Ein Gigant, der 1994 komplett umgebaut wurde und dadurch viel an Einfluss einbüßte. »Da müssen wir hin?«, fragte ich und schaute gleichzeitig auf Irmis Zettel, auf dem die Adresse unserer Dachorganisation stand.
»Lo«, antwortete Daliah. Nein, wir müssen da lang.
So schlenderten wir die berühmte Dizengoff Street entlang, passierten den Dizengoff Square, kreuzten die Frishman Street und erfreuten uns an der Vielfältigkeit des Stadtlebens. Wir Landeier hatten nicht allzu oft die Gelegenheit, eine pulsierende Metropole zu besuchen und machten sogar einen Abstecher zum Strand, wo Daliah vor Freude in die Hände klatschte, als sie das Mittelmeer sah. Das war auch das einzige Mal, dass sie meine Hand losließ, ansonsten ging sie immer ganz dicht neben mir und zeigte immer unauffällig auf Paare, die so ähnlich aussahen wie wir. Also europäisch-orientalisch. Dabei umklammerte sie mit der freien Hand meinen Arm und drückte sich fest an mich.
Endlich erreichten wir das Gebäude unserer Dachorganisation, die theoretisch unseren Kibbuz verwaltete. Theoretisch, weil die meisten Entscheidungen doch vor Ort von den Mitgliedern der Siedlung getroffen wurden, nur eben nicht das Management der Sprachschüler. Ich kam mir vor wie in einem deutschen Finanzamt, als Daliah und ich in der riesengroßen Eingangshalle standen. Überall geschäftige Menschen, Treppen, Fahrstühle, Bürotüren mit Nummern und Namen und glücklicherweise alles zweisprachig. Hebräisch und Englisch. Ich staunte mehr als Daliah, hatte sie doch bei ihrer Einwanderung ähnliche Bürotürme durchlaufen müssen. Unverzagt ging sie zur Auskunft und brachte unser Anliegen vor.

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Mehr über und von Mark Hollberg auf seiner Facebook-Seite.



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