6. Mai 2017

'Mord in Appeldorf: Kommissar Puhvogels erster Mordfall' von Dee Rajf

Als am Nachmittag dieses Tages die Bibliothek aufgesperrt wird, stolpert eine Leserin, die im Obergeschoss nach einem Buch von Eugen Roth sucht, über eine Leiche. Eigentlich nur Beine einer Leiche, vom Knie abwärts, aber das kann man erst gar nicht sehen, denn die schauen unter einem Buchregal hervor.

Die Polizei wird gerufen von Frau Henningsdorf, der zuständigen Leiterin der Bibo. Kommissar Willibald Puhvogel eilt aufgrund dessen zur Ermittlung in die Bibliothek. Schnell wird klar: Das wird eine größere Sache. Krankenwagen, Leichenwagen sowie die Spurensicherung werden geordert. Die Bibo bleibt an diesem Tag geschlossen.

Da Kommissar Puhvogel ja schon am Morgen an einem anderen Tatort war, an dem eine Leiche ohne Beine vorgefunden wurde, scheint der Zusammenhang klar zu sein. Der Bürgermeister hatte den Oberkörper und hier waren die Beine. Zumindest ein Teil davon. Aber warum? Nachdem man in der Pathologie die Leiche zusammengesetzt hat, entpuppt diese sich als Mitarbeiterin des ortsansässigen Gesundheitsamtes. Halb Appeldorf ist verdächtig, denn mit der Frauenleiche hat es etwas Groteskes auf sich, was Kommissar Puhvogel und seine Kollegen nach der Entdeckung erstmal schlucken macht.

Die Verhöre, die Reihe der Verdächtigen, wollen scheinbar gar nicht enden und der Grund für diesen Mord scheint ein unlösbares Rätsel zu sein, bei dem viel Fingerspitzengefühl gefragt ist. Wird Kommissar Puhvogel das Verbrechen aufklären und Appeldorf wieder sicher machen?

Gleich lesen: Mord in Appeldorf: Kommissar Puhvogels erster Mordfall (Ammerlandkrimi)

Leseprobe:
Mord in Appeldorf – Gruseliger Fund
Als Bürgermeister Georg Klausen am Morgen aufwacht, staunt er nicht schlecht, als eine fremde Frau, ziemlich tot aussehend, in seinem Bett liegt. Auf der Seite, wo normalerweise seine Frau liegen würde. Er ruft die Polizei, die in Person von Wachtmeister Peter Petersen anrückt, um den Sachverhalt zu klären. Fast gleichzeitig kommt der Notarzt, aber der kann dann auch nur noch den Leichenwagen bestellen. Der Bestatter Konrad Kistenmacher wiederum bekommt einen großen Schreck und wird bleich wie ein fettarmer Käse, als er die Leiche sieht. Als er die Beine der Toten nicht vorfindet fragt er, was der Notarzt denn gemacht hätte, dass er das nicht bemerkt habe.
Der wiederum meinte, dass ganz offensichtlich der Patient nicht mehr in eine stabile Seitenlage hätte gebracht werden müssen, und so hätte er die Decke eben nur bis zum Bauch zurück geschlagen. Dass der untere Teil der Decke platt wie eine Flunder war, hatte er übersehen. Tot wäre eben tot!
Das sieht nun Konrad Kistenmacher, der Bestatter, ganz anders, denn die Todesursache könnte ja auch durch das Abtrennen der Beine geschehen sein und überhaupt… warum hat der Bürgermeister angeblich von alldem nichts mitbekommen? Wo denn seine Frau wäre und das würde man doch merken, wenn einem eine Frau ohne Unterleib ins Bett gelegt wird!
Tja, da muss der Klausen sich am Kopf kratzen. Mit so viel Aufregung am Morgen nach der Feier zur Begrüßung des neuen Zukunfts-Stadtmarketing-Managers Theobald Löffel hatte er nicht gerechnet. Der Alkohol hat wohl seine Sinne verwirrt, denn er kann sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wie er überhaupt heimgekommen ist. Geschweige denn ins Bett. Immerhin hatte er eine Schlafhose an und Socken. Und wie, um Himmels willen, kommen die ganzen Damenklamotten in sein Schlafzimmer?

Ein Fall für Kommissar Willibald Puhvogel und seinen Hund Apollo, der sogleich die Spusi herzitiert sowie eine Soko Torso auf die Beine stellt, denn noch steht nämlich nicht fest, wer die Tote überhaupt ist. Der Bürgermeister behauptet zumindest, diese Dame nicht zu kennen.
Während seiner Amtszeit hatte er schon einmal mit einem Mord zu tun, aber bei einem Fall wie diesem fällt man doch aus allen Wolken, oder nicht? Ein schier unlösbarer Fall für Kommissar Puhvogel, denn der oder die Täter haben mit einer solchen Akribie gearbeitet und scheinen der Aufklärung immer einen Schritt voraus zu sein. Den einen oder anderen Verdächtigen gibt es wohl, aber niemandem kann auf den Plotz etwas nachgewiesen werden. Nichteinmal durch Indizien. Wo keine Indizien, da auch keine Verurteilung. Ja, nicht mal zur Aufnahme eines Prozesses kann es da kommen bei einem Verdächtigen. Dieser Fall wird ihm wohl ein paar graue Haare einbringen. Das ist eine total verflixte Kiste, das glaubt man ja gar nicht. Und man kann ja auch nicht einfach jemanden einsperren, nur um sagen zu können, man hätte den Täter gefangen, wenn man selber nichtmal davon überzeugt ist. Im Gegenteil würde Puhvogel das nur schlaflose Nächte bringen und so einer war er ja auch nicht. Bei ihm galt die Devise: Im Zweifel für den Angeklagten. Da ist es wurscht, wenn er Zweifel an so einigen Aussagen hat, die sich leider (noch) nicht widerlegen lassen. „Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher“, ist sein weiterer persönlicher Grundsatz.
Was sich da bei den Ermittlungen alles so offenbart, geht zum Teil über jede Kuhhaut. An einigen Stellen steigt Kommissar Puhvogel nicht mehr durch, wer da mit wem was hat oder gemacht hat und manch einer hat noch ganz anderen Dreck am Stecken. Aber im Großen und Ganzen sind die Appeldorfer doch ein nettes Völkchen.

Bestatter Konrad Kistenmacher
Konrad Kistenmacher, fünfunddreißig Jahre alt, hat schon als ganz junger Bub gewusst, dass er mal was mit Leichen zu tun haben wollte und wurde oft verspottet, weil er sich auf Friedhöfen rumgetrieben hat. Seine Haare, die rabenschwarz sind, trägt er bis zu den Schultern gelockt und gegelt am Kopf. Außerdem sieht man ihn fast immer in dunklem Anzug mit weißem Hemd und Krawatte. Und wenn er mal zivil trägt, dann fast auch nur schwarz-weiß. Er wäre sowas Ähnliches wie ein Pastor, nur für die Toten, sagt Konrad immer, denn er behandelt sie mit Respekt und spricht sogar mit ihnen, denn er ist sicher, dass sie ihn teilweise noch hören können.
Vor einer Weile, da war mal eine Frau da mit ihrem Mann, da hatte er die Oma dreimal aufbahren müssen, weil die das nicht geschafft hatten, von A nach B zu kommen. Weil immer etwas dazwischen kam. Na, jedenfalls kamen die eines Morgens ganz früh bei ihm an. Er hatte schon (wieder) alles vorbereitet. Die Oma lag schön aufgebahrt auf dem Bett und er ließ die beiden allein mit der Oma. Fast, denn Konrad hat eine Kamera in dem Raum eingebaut, nachdem er schon Fälle von Leichenraub und Leichendurchsuchung miterleben musste. Da hatte man ihm die weiße Decke mit Spitzenbesatz unter der Leiche weggemopst oder geschaut, ob Schwiegermutter tatsächlich einen Leberfleck am Po hat, wie immer gesagt wurde. – Na jedenfalls hatte die Oma ein ganz aufmerksames Gesicht. Schien fast zu lächeln, als die Frau ihr über die Wangen strich und auf die Stirn küsste. Sie legte der Oma einen Blumenstrauß zwischen die Hände und las ihr eine Art Gedicht vor. Danach sprach sie noch – nein flüsterte – mit ihrem Mann und auf einmal wirkte die Oma abwesend. Abweisend. Sie hatte genug und ihr Gesichtsausdruck verriet, es würde nun reichen und dass sie nun jetzt gehen wolle, und die beiden, die könnten nun auch gehen. Die Frau sagte: „Schau, die Oma hat jetzt genug“, und dann verabschiedeten sie sich.
Konrad ist noch nicht verheiratet, obwohl es mit seinen fünfunddreißig Jahren auch an der Zeit wäre, wenn er Familie gründen wollte, aber warum nur machten viele Frauen einen Rückzieher, wenn er ihnen von seinem Beruf erzählte, wobei viele Menschen ihn ja schon kannten in oder aus der nicht so großen Stadt. Wenn dann jemand Neues kam, war das eine willkommene Abwechslung, denn er war schließlich kein Heiliger und hatte auch kein Keuschheitsgelübde abgelegt.
So kam es dann, dass er oft nur Freundinnen für eine kürzere Zeit hatte. Oft scheiterte es auch daran, weil er quasi, wie ein Arzt, rund um die Uhr erreichbar sein musste. Und wollte. Zwar hatte er eine Sekretärin und zwei fest angestellte Mitarbeiter für das Drumherum, aber die wollten auch mal Feierabend haben und der, dem der Laden gehörte, war schließlich er. Hieß es ja auch: selbständig – ständig und selbst!
Eines Tages lernte Konrad die Neu-Appeldorferin Martina Schrupper kennen aus dem Gesundheitsamt, als er da mal was brauchte in Sachen, ob der Tote eine anzeigepflichtige Erkrankung gehabt hätte oder hatte. Der Weg führte an diesem Tag über Martina, die wohl auch grad solo war.
Ganz zufällig, dass sie sich mal an der Krokusweide trafen auf ein Eis oder zur gleichen Zeit im Eiscafé saßen. Zufällig natürlich! Oder aber spontan zu einer Wanderung aufbrachen (Nur nicht zu weit weg, ich muss immer erreichbar sein, sagte Konrad dann meist).
Ein anderes Mal war es eine Verabredung zum Tanzen, wobei festgestellt wurde, dass er tanzte wie ein Stockfisch und dann stellte sich die Frage, wo denn der nächste Tanzkurs stattfinden würde, aber da machte er dann einen Strich. Er konnte nur auf einer Beerdigung tanzen und das würde reichen. Meinte Konrad. Entweder jemandem gefiel sein Solo-Tanzstil oder er oder sie sollte es lassen.
Die Gelegenheiten für solcherart Unternehmungen waren selten und wenn es mal abends passte, fuhren sie nach Remels zum See, um dort zu baden. Die Menschen bemühten sich wohl, nicht zu unpassender Zeit zu sterben, denn in den Zeiten, in denen er mit Martina zusammen war, wurde er nur selten zurückgepfiffen und das eine oder andere Mal konnte er auch die Arbeit an einen seiner Mitarbeiter dirigieren.
Als er nach dem Mord dann in der Leiche auf den zweiten Blick Martina Schrupper erkannte, wurde ihm schlecht vor den Augen, das kann man gar nicht beschreiben. Vor ein paar Tagen hatten sie nämlich einen Streit gehabt, weil Martina immer öfter mit einem gewissen Herrn telefonierte und behauptete, da sei nichts dran, er könne ihr glauben. Da hatte er gemerkt, dass es für ihn inzwischen doch mehr geworden war als nur eine Freundschaft und es gab ihm einen Stich zwischen die Rippen.
Es war das erste Mal, dass er sich öffentlich vergessen hatte. Fast öffentlich, denn sie hatten im Wagen gesessen und er wollte Martina nicht aussteigen lassen, ohne die Situation geklärt zu haben. Diese wiederum meinte bockig, dass sie aber müde sei und morgen auch früh rausmüsse und er solle sich verpissen. Wie das so ist im Leben – wenn man aufgebracht ist, sagt man Sachen, die man eigentlich gar nicht so meinte. Liebe macht eben plemplem.

Im Kindle-Shop: Mord in Appeldorf: Kommissar Puhvogels erster Mordfall (Ammerlandkrimi)

Mehr über und von Dee Rajf auf ihrer Website.



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