31. Mai 2017

'Wir wollten nur Dich' von Paula Henkels

Erbanlagen lassen sich nicht weglieben.
Das weiß ich heute. Das weiß meine ganze Familie heute. Doch ehe wir das begriffen haben, mussten so viel Schmerz, Entsetzen und Erschütterung ertragen werden.

Wie es begann, als wir endlich den sechs Monate alten Adoptivsohn in die Arme schließen konnten, ihm stets alle Liebe der Welt schenkten, und wie es 31 Jahre danach endete, können Sie hier nachlesen.

Gleich lesen: Wir wollten nur Dich: Traum und Albtraum Adoptivkind

Leseprobe:
Am 2. Dezember 1984 versetzte mich ein Anruf von Frau Meier in helle Aufregung. Wir sollten zu ihr kommen, wenn möglich schon am nächsten Tag. Es gebe einen sechs Monate alten Jungen namens Benjamin, der zeitnah untergebracht werden müsse. Er sei von seiner Mutter zwei Tage und Nächte unversorgt in der Wohnung zurückgelassen worden. Zum Glück habe die Großmutter das Jugendamt verständigt, nachdem sie vergeblich versucht hatte, in die Wohnung der Tochter zu gelangen, in der ihr Enkel aus Leibeskräften schrie. Die Mutter sowie der viel ältere Vater hätten ein Alkoholproblem.
Da die Mutter schon einmal ein Kind im Stich gelassen habe, stehe außer Frage, dass Benjamin wohl das gleiche Schicksal ereilen würde. Das erste Kind war der Mutter damals ebenfalls entzogen worden.
»Ich glaube, dass ich Ihnen mit dem Kind etwas Seltenes bieten kann. Und sollten Sie bei Benjamin das Gefühl haben, ›dieses oder keines!‹, haben Sie ein Pflegekind«, sagte der grauhaarige Dutt abschließend.
Mein Herz raste wie nach einem Marathonlauf. Benny, wie ich ihn in meinen Gedanken schon nannte, schien ein Kind zu sein, das wir auf Dauer behalten konnten. Ohne mit Horst zu sprechen, sagte ich unser Kommen einfach zu.
Es bedurfte meiner ganzen Überredungskunst, Horst zu überzeugen mitzukommen. Er wollte nicht noch vor unserem Urlaub ein Kind aufnehmen. Zähneknirschend ging er schließlich doch zum vereinbarten Termin mit. Noch im Paternoster des Jugendamtes versuchte er mir klarzumachen, dass der Zeitpunkt nicht ungünstiger sein könnte.
»Denk nur mal daran, wie viel Arbeit wir vor Weihnachten haben? Da bleibt keine Zeit, sich um einen Säugling zu kümmern. Von unserem Urlaub ganz zu schweigen, wie soll das gehen? Soll ich vielleicht einen Hänger anschaffen, wenn wir auch noch einen Kinderwagen mitnehmen müssen? Du musst verrückt sein, wenn du denkst, ich würde bei so einem Blödsinn mitspielen.«
»Sei nicht so grantig, noch haben wir das Kind ja nicht«, versuchte ich ihn zu beruhigen.
Als wir die Tür zu Frau Meiers Zimmer öffneten, leuchteten uns die größten blauen Augen an, die ich jemals gesehen habe. Das kleine Kerlchen hatte blonde Haare und strahlte uns, nein, falsch, strahlte Horst an und streckte ihm, ohne dass überhaupt ein Wort gewechselt worden war, seine Ärmchen entgegen. Es schien so, als ob er sagen wollte, auf euch habe ich gewartet. Sein Strahlen ließ mich sogar über sein verschmiertes Gesicht, die ärmliche Kleidung und den ramponierten Buggy hinwegsehen. Ich war hin und weg. Wie es Horst ging, konnte ich nicht einschätzen, da er ohne zu zögern auf den Kleinen zuging, um ihn aus dem Buggy zu befreien und ihn auf seinen Arm zu nehmen.
»Na, das scheint ja mal Liebe auf den ersten Blick zu sein«, schmunzelte Frau Meier.
Als ob der kleine Wicht diese Aussage bekräftigen wollte, legte er die Ärmchen um Horsts Hals und schmiegte sein schmuddeliges Gesichtchen an die Wange meines Mannes. Das war so ein herzergreifender Anblick, dass ich ohne zu fragen ein Foto machte. Dabei schossen mir vor lauter Rührung Tränen in die Augen und ich wusste, dieses Kind wollte ich. Klar war aber auch, wie schwer es sein würde, Horst begreiflich zu machen, dass wir trotz vieler Arbeit in der Weihnachtszeit und gebuchtem Urlaub Benny übernehmen konnten.
Die Dame mit dem grauen Dutt bemerkte natürlich, dass ich Feuer und Flamme war, Horst aber sehr zögerlich blieb, auch wenn er nicht verbergen konnte, wie angetan er von dem Knirps war. Wir bekamen den Rat, in jedem Fall unsere Entscheidung zu überschlafen. Sollte sie zu Benjamins Gunsten ausfallen, müssten wir zuvor seine Mutter kennenlernen, da ihr laut Gesetz ein Besuchsrecht zustand.
Frau Meier verschwieg uns auch nicht, dass bei Benjamin durch die Alkohol-krankheit der Eltern im Laufe seiner Entwicklung psychologische Behandlungen notwendig werden könnten. Im Alter von sechs Monaten lasse sich nie voraussagen, ob Kinder alkoholgeschädigter Eltern einen Schaden erlitten hätten, der sich später zeigen würde.
Diese Warnung war für mich damals kein Kriterium, um mich davon abzuhalten, das Würmchen aufzunehmen.
»Ich bin überzeugt«, sagte ich, »dass wir ein so junges Kind durch eine liebevolle Erziehung so formen können, dass Erbanlagen keine Rolle mehr spielen.«
Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Horst fassungslos war. Er verstand nicht, warum ich über seinen Kopf hinweg Meinungen rausposaunte, über die wir nie gesprochen hatten, doch ich ließ mich davon nicht beeindrucken und fuhr fort: »Den Begriff ›schwer zu händelndes Kind‹ hat unsere Tochter schon von Geburt an gepachtet. So etwas kann es kein zweites Mal geben. Benjamin wirkt vollkommen anders als unsere Tochter. Susi war von Anfang an schwierig. Die ersten vier Jahre ihres Lebens hat sie uns Nacht für Nacht auf Trab gehalten. Fröhlichkeit war für sie im Kleinkindalter ein Fremdwort. Und als Tommy auf die Welt kam, wurde alles noch schlimmer. Sie war von Eifersucht zerfressen, bildete sich ein, ich würde Tommy mehr liebhaben als sie. Dabei war dies nicht der Fall. Im Gegenteil, Tommy forderte von uns nie so viel Aufmerksamkeit wie Susi. Aber Kinder die einen ständig fordern, hören vielleicht manchmal eher Worte wie: ›jetzt ist aber mal Schluss‹, als Kinder, die nur pflegeleicht sind. Ich bin jedenfalls froh, dass wir mit der Zeit unserer Großen mit viel Liebe beibringen konnten, dass sie genauso geliebt wird wie ihr Bruder und die Zeiten der Feindlichkeit vorbei sind.« Ich warf erneut einen Blick auf den Jungen. »Dagegen wirkt Benjamin ruhig, lieb, fröhlich, zutraulich und anschmiegsam. Und das, wo wir ihm doch vollkommen fremd sind. An die Macht der Gene glaube ich nicht.«
»Frau Lange, da muss ich Ihnen widersprechen, mit liebevoller Erziehung allein können Sie vererbte Gene nicht aus dem Weg räumen«, dämpfte Frau Meier meine Zuversicht.
Heute weiß ich, dass ich besser mal an die Macht der Gene geglaubt hätte.

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Mehr über und von Paula Henkels auf ihrer Facebook-Seite.



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