5. Juni 2017

'Das Leben im Zeichen der Buschbohne' von Elisabeth Duncan

Marietta kommt aus gutem Haus, hat Probleme aller Art immer an sich abprallen lassen und ist in den Augen ihrer Mutter eine klassische Versagerin. Keine Ausbildung, jahrelanges Kellnern und ein abgebrochenes Studium der Sozialpädagogik – das spricht alles nicht gerade für sie. Doch gefiel ihr im Studium so einiges nicht, und sie hat da ihre ganz eigenen Theorien, warum Sozialpädagogen diese Welt nicht besser machen können.

Marietta flüchtet zu Lucius, dem Mann mit dem Bauernhof, Selbstversorger und Marihuana-Produzent. Seit sie ihn kennt und liebt, pflückt sie lieber Tomaten und Buschbohnen, legt Wintervorräte an und verdient ihr Geld mit Kartenlegen. Da sind auch noch Kevin und Justin, zwei Jungs aus schwierigen Verhältnissen, Analphabeten und damit in den Augen der Gesellschaft ebenso klassische Versager. Und am Ende ist da immer wieder die Buschbohne, die der Beweis dafür ist, dass man die Früchte einer Pflanze nicht sehen kann, wenn man von oben draufschaut. Man muss sich schon auf Augenhöhe begeben.

Ein humorvoller Roman gegen die Oberflächlichkeit im Leben.

Gleich lesen: Das Leben im Zeichen der Buschbohne

Leseprobe:
Ich war sprachlos. Meine Mutter goss sich noch einen Likör ein. „Auch einen?“, fragte sie. Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich muss ja noch fahren.“
„Du wirst mich doch hier nicht alleine lassen mit diesem Elend?“
„Was ändert es, wenn ich hier bleibe, Mutter? Ich habe einen Hof zu bewirtschaften.“
„Das machen doch die zwei Jungs, dachte ich.“
„Ich habe auch einen Beratungstermin morgen vormittag und morgen nachmittag habe ich auch etwas vor. Außerdem kann ich die Jungs nicht mit der gesamten Arbeit alleine lassen.“
Meine Mutter schnaufte. Dann kippte sie ihren Likör runter.
„Jetzt stehe ich genauso da wie damals, als dein Vater starb. Es kann doch nicht wirklich wahr sein, oder? Es kann doch nicht sein, dass ich zwei Männer durch einen Herzinfarkt verliere und beide Männer mich im finanziellen Elend sitzen lassen?“
„Naja“, sagte ich. „Finanzielles Elend ist was anderes. Wenn du alles verkaufst, was Heinz gehörte, hast du trotzdem immer noch ein bisschen Geld übrig, und es wird bestimmt reichen, dir eine Wohnung zu suchen, sie einzurichten und ein paar Monate zu überbrücken.“
„Ja, und dann?“
„Und dann was?“
„Wie ist es mit der Witwenrente? Heinz hat nicht viel in die staatliche Rente eingezahlt. Meine Witwenrente beträgt 350 Euro.“
„Okay. Dann wirst du dir einen Job suchen müssen.“
„Das ist nicht dein Ernst!“, blökte sie. „Ich soll arbeiten gehen? Nach über dreißig Jahren Dasein als Hausfrau und Mutter? Als was soll ich denn arbeiten? Und auch wichtig, was glaubst du denn, was ich verdienen würde? Wahrscheinlich einen Betrag, für den man morgens nicht mal aus dem Bett aufstehen will.“
„Ja, Mutter, das ist aber das,was man normales Leben nennt. Alle müssen arbeiten. Dir blieb das bisher erspart, jetzt eben nicht mehr. Irgendwas wird sich schon finden.“
„Und soll ich demnächst im sozialen Wohnungsbau leben oder was? In einem Hochhaus am Ende, wo den ganzen Tag im Treppenhaus herumgeblökt wird von kleinen Kindern und die Leute alle Hartz IV kriegen?“
Ich räusperte mich.
„Mutter, ich will dir nicht zu nahe treten, aber schimpf lieber nicht über Menschen, die Hartz IV bekommen. Sie arbeiten nicht, gut, aber damit tun sie nichts anderes als du. Du hast auch nicht gearbeitet. Und wenn ich höre, dass du 350 Euro Witwenrente bekommst, gehe ich mal stark davon aus, dass du eine Aufstockung beantragen musst. Du wirst dann also auch Hartz IV beziehen.“
Meine Mutter wurde bleich.
„Ich hänge mich auf“, sagte sie.
„Nein“, sagte ich, und schüttelte den Kopf. „Das machst du nicht. Dafür hast du dich selbst viel zu lieb. Aber Tatsache ist, du musst jetzt ran. Du musst alles verkaufen was du zu Geld machen kannst. Vielleicht sogar Schmuck und Pelzmäntel. Wie auch immer, trenn dich von dem ganzen Kram. Du brauchst jetzt jeden Cent.“
„Ich kann mich doch nicht von meinem Schmuck und all meinen schönen Sachen trennen?“
„Doch, kannst du. Was ist mit deinem Auto?“
Sie heulte los. „Das ist doch ein Leasing-Wagen! Er wird nächste Woche abgeholt, ich kann die Raten doch nicht bezahlen.“
So war das an diesem Tag. Am Tag der Katastrophe Nummer zwei. Ich schaffte es gegen zehn Uhr abends, mich von ihr loszueisen und nach Hause zu fahren. Die Jungs lagen beide schon im Bett und ich beschloss, am nächsten Tag mit ihnen Pizza essen zu gehen. In den letzten Wochen war ich nur noch unterwegs, ließ sie mit so vielen Dingen alleine – das konnte so nicht weitergehen. Ich fühlte mich total erschöpft, aber ich wusste auch, dass das nicht von meinem Kartenlegen, der Arbeit auf dem Hof oder meiner Sorge um die alte Frau Wiegand kam. Nein, ich fühlte mich erschöpft, weil meine Mutter nicht wusste, wie es weitergehen sollte und weil ich mich für sie verantwortlich fühlte.

Im Kindle-Shop: Das Leben im Zeichen der Buschbohne

Mehr über und von Elisabeth Duncan auf ihrer Facebook-Seite.



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