2. Juni 2017

'Der Maulwurf aus Moskau' von D.W. Crusius

Martin arbeitet in der streng geheimen Entwicklungsabteilung der Air-Sliver in Wien, die in das lukrative Drohnen und Lenkwaffengeschäft einsteigen will. Sein richtiger Name ist Vladimir, er ist Russe und er arbeitet für den russischen Geheimdienst.

Doch wer sind tatsächlich seine Auftraggeber? Immer tiefer gerät Martin alias Vladimir in einen gefährlichen Sog aus Spionage und Gegenspionage, und bald weiß er selbst nicht mehr, für wen er arbeitet.

Gleich lesen: Der Maulwurf aus Moskau

Leseprobe:
Der Gefangene P37 saß zusammengekauert auf einem Holzschemel. Er war unbekleidet. Es war nicht wichtig. Nichts war wichtig, nicht einmal der Tod.
Ein kleiner Raum, etwa zwei Mal zwei Meter. Kahle, schmutzig-graue Betonwände, sehr hoch, vier Meter. Es stank nach Abwasser und Fäkalien. Durch ein vergittertes Loch weit oben drang diffuses Licht. Der hölzerne Schemel war mit breiten, eisernen Winkeln am Boden befestigt.
Totenstille.
Wie lange saß er dort? Minuten, Stunden, Tage? Es gab keine Zeit mehr. Er zitterte am ganzen Körper, seine Finger waren von Kälte blau verfärbt. Er klemmte die Hände unter die Achseln, um sie zu wärmen. Er musste pinkeln. Der Urin lief warm an seinen Beinen hinunter, tropfte auf den Zementboden.
Nicht grübeln, den Kopf abschalten wie ein zu lautes Radio. An etwas Schönes denken, an Moskau, den winterlichen Gorki-Park, fröhliche Menschen. Zwischen den Büschen und Bäumen türmen sich hoch aufgeschüttete Berge aus Schnee. Auf den zugefrorenen Teichen drehen mit dicken Pelzmützen und Handschuhen vermummte Schlittschuhläufer kunstvolle Pirouetten.
Seine Gedanken verselbstständigten sich und er ist im sommerlichen Alexandergarten, nicht weit vom Kreml. Auf den Bänken sitzen alte Leute, reden, scherzen miteinander.
Neben ihm geht eine Frau. Er erkennt sie am Parfüm, es ist Tatjana. Die Moskowiterinnen benutzen es großzügig, schweben auf Duftwolken. Er sieht die schmusenden Paare auf dem Rasen und legt einen Arm um Tatjana. Glücksgefühl erfasst ihn, er lächelt, will sie an sich ziehen, ihr ins Haar greifen.
Eine Stimme riss ihn zurück in die Wirklichkeit; eine tote Stimme, geschlechtslos.
»P37, wie oft haben Sie Ihre Kontaktperson getroffen?«
»Einmal in der Woche … das habe ich doch schon so oft gesagt«, flüsterte er.
Keine Antwort. Diese wie alle Fragen hatte er unzählige Male beantwortet. Wie oft sie ihn verhört haben, wusste er nicht, auch nicht, wie lange er jetzt im Untersuchungsgefängnis saß. Hätte man ihm gesagt, es wäre einen Monat – er hätte es geglaubt. Auch ein Jahr. Erst verliert man seine Würde, dann die Zeit.
»War es ein Mann oder eine Frau?«
Immer wieder dieselben Fragen.
»Meistens eine Frau.«
»Deutsche, Amerikaner? Sprachen die Personen mit Akzent?«
»Deutsche … glaube ich.«
»Aus Dresden?«
»Ich weiß nicht. Sächsischer Akzent.«
Es kamen keine weiteren Fragen und er versuchte, zu seinen Tagträumen im sommerlichen Park zurückzukehren, zu Tatjana. Es gelang ihm nicht. Er faltete seine Hände und legte die Zeigefinger aneinander, wollte an Moskau denken. Die Zeigefinger waren für Moskau, die Mittelfinger für Sankt Petersburg, Ringfinger für die Reise mit Tatjana auf die Krim ans Schwarze Meer. Damals, während seines ersten Lebens, vor dem Gefängnis. Seine Finger waren so etwas wie Erinnerungsstützen, Krücken, mit denen er sich von einem Universum in ein anderes versetzte.
Die Daumen waren für seine Mutter. Wenn er sie fest aneinanderdrückte, dachte er an sie. Wenn er dabei die Augen schloss, erinnerte er sich so deutlich an seine Mutter, als stände sie neben ihm. Er glaubte, ihre Hand zu spüren, wie sie ihm über den Kopf streicht, und er ist noch ein kleiner Junge. Er sieht sie vor sich mit ihren dicken Filzstiefeln, die sie im Winter auch in der Wohnung trägt. Die Heizung funktioniert nicht gut, der Fußboden ist sehr kalt.
Er sieht ihren bunten, knöchellangen Rock, das Kopftuch in die Stirn gezogen mit einem dicken Knoten unter dem Kinn, eine wattierte Jacke um die Schultern. Sie klopft an die Tür der Nachbarin. In den Wald wollen sie fahren, Pilze sammeln. Lange Strecken müssen sie in Trambahn und Bus sitzen, zigmal umsteigen. Oder sie fahren auf einen weit entfernten Schwarzmarkt außerhalb Moskaus, von dem man sich erzählt, es hätte gestern dort Hühner, Tomaten, Kartoffeln oder sonst etwas Gutes gegeben.
Seiner Mutter und der Nachbarin hatte er eine kleine Ecke im Gemeinschaftskeller abgezweigt, wo sie Holzfässer mit Sauerkraut aufbewahrten, die hölzernen Deckel mit einem Stein beschwert. Im Keller standen viele solcher Fässer und die blubbernden Gase des Gärprozesses drangen über die Kellertreppe in den Flur, zogen bis unter das Dach. Drückte er die Daumen gegeneinander, roch er Sauerkraut.

Im Kindle-Shop: Der Maulwurf aus Moskau

Mehr über und von D.W. Crusius auf seiner Website.

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