2. Juni 2017

'Nugruum: Im Bann dreier Welten' von Selena M.

Mehr als 130 Jahre ist es her, seit das Volk der Enedeth mit einer Flotte vor Keshenja landete, um das Land einzunehmen. Doch nach der 'Schlacht, die keine war', schenkte man den Enedeth eine Provinz im Süden des Landes, auf dem sie sich ansiedeln dürften. Narosh, der seit seiner frühen Kindheit in ChanDe aufwuchs, erweckte das Interesse und Mitgefühl von MeddjnShijien, die ihn als jungen Mann aus dem Gefängnis befreite. Mit ihr und zahlreichen Fürsprechern erreichte Narosh schließlich Rang und Namen und führt seitdem das Freiwilligenheer in Keshenja gemeinsam mit der Raumwanderin Vivien.

Als Malesh, Vorsitz des Hohen Rates, Narosh zu sich bittet, ahnt dieser noch nicht, welche Rolle ihm in wenigen Tagen in der Magier-Akademie zufallen wird. Düstere Vorahnungen begleiten ihn auf dem Weg zu Meddjn, Magierin der Obersten Stufe, ausgesprochen von ihrer Tochter, der er Begleitschutz bieten soll. Als Meister Theráen vom Gelehrtenrat mit zwei Artefakten für eine genauere Untersuchung zu den Magiern kommt, wendet sich das Schicksal zum Schlechten. Ein Fluch, der Meddjn und Travnéel befällt, zwingt Narosh zu raschem Handeln. Ratlos ob dieser ausweglosen Situation entschließt man sich zu dem Wagnis einer Reise, die nicht nur für Narosh eine Erfahrung der ganz besonderen Art wird.

Aus den Chroniken von Aneth - Band 4.

Gleich lesen: Nugruum: Im Bann dreier Welten (Aus den Chroniken von Aneth 4)

Leseprobe:
Wir beeilten uns. Weshalb Vivien so plötzlich dorthin wollte, konnte ich allenfalls erahnen. Wieder gemahnte ich mich daran, dass sie als Menschenfrau oftmals überstürzt handelte. Immerhin schienen Noál und Malesh die Situation recht gut unter Kontrolle zu haben, sonst stünde der Berg nicht mehr vor uns. Allzu weit entfernt war es ebenfalls nicht. Etwa knapp eine Meile in nordöstliche Richtung hin zum Grenzgebirge, deren Ausläufer im Landesinneren leicht abflachten. Hier jedoch ragte das Felsgestein in die Höhe mit lediglich den Steilklippen im Süden als natürliche Grenze, welche die schäumende Brandung des LakražNal in Schach hielten.
Das Anwesen schien wie eine einzige großflächige, grüne Oase, außerhalb blieb der Boden staubtrocken. Ein paar vereinzelte Pinien, strohige Grasbüschel, rauer Sand, der unter den Stiefeln knirschte. Schon von weitem konnten wir Nyrián und den jüngeren Gelehrten erkennen, die je links und rechts postiert am Eingang zur Höhle warteten. Allzu besorgt sahen sie nicht aus.
Diesen eigentümlichen Gleichmut teilten sich die Enedeth mit den Keshenjanea. Das Helle Volk nannte es Leben, wir Schicksal, und gleichgültig, wie wir es nannten, wir nahmen hin, was wir nicht ändern konnten. Konnten wir etwas ändern, kämpften wir, und seit etwa hundertfünfzig Jahren sogar Seite an Seite.
Vivien interessierte Gleichmut herzlich wenig. Der Höhleneingang war doppelt so hoch wie sie, und breit genug, um zu dritt bequem nebeneinander gehen zu können. Ohne die beiden zu beachten, rauschte sie an ihnen vorbei, ohne auch nur daran zu denken, sich über die neuesten Entwicklungen zu informieren. Den teilnahmslosen Gesichtern nach zu urteilen, gab es auch nicht viel Neues.
Wie ein anhänglicher Schatten folgte ich ihr. Im Gegensatz zu den Keshenjanea störte das Wilde Volk sich nicht weiter an den dunklen, finsteren Gängen einer Höhle, dem staubigen Geruch, dem Moder und unwegsamen Geröll. Ohnehin lag es meines Wissens nur an ihrer penetranten Eitelkeit, weswegen sie Höhlen mieden. Allzu viel Dreck und Schmutz schien ihnen geradezu körperliche Schmerzen zu bereiten. Nachdem ich Malesh Bericht gelesen hatte, glich es in meinen Augen geradezu an ein Wunder, wie er es mehr als einen Tag lang unter einem Berg ausgehalten hatte, ohne den Verstand zu verlieren.
Von Vivien wusste ich, dass ihr etwas Staub, Dreck und Geröll ebenfalls nichts ausmachte, solange sie von ekligen Tieren verschont blieb. Die Hast, mit der sie nun durch den Gang eilte, lag allerdings vor allem in ihrer Furcht um Noál begründet. Helle Schlieren zogen sich an den Wänden entlang, schimmerten im typisch bläulichen Schein der Che~Lenja, und erleichterten das Vorankommen.
Dieses Gebirge war alt. Selbst ich konnte dies an den Schichten der Sedimente erkennen, mit denen die Höhlenwände geziert waren. Der LakražNal hatte ebenfalls zur Korrosion des Felsgesteins durch Jahrtausende hindurch beigetragen. Allein die Meister der Gesteine und Reijiesh wussten, wie stabil diese Höhle war, denn sie waren es auch gewesen, die sie mit Meddjns Hilfe erschaffen hatten.
Nach einigen Windungen hielt Vivien derart abrupt an, dass ich fast in sie hineingelaufen wäre. Über ihre Schulter hinweg sah ich eine dunkle Gestalt, die auf einem Schemel hockte, tief vornübergebeugt und mit dem sanft glimmenden Schwert Fár~Nashjienáll lose in der Armbeuge. Die Spitze zeigte nach unten, der Griff hingegen stand beunruhigend nahe in Schulterhöhe.
„Da bist du ja, Vivien“, hörte ich die Stimme des Mehedan, der daraufhin laut sein Buch zuklappte, ohne sich umzudrehen. Vivien eilte zu ihm und kniete vor ihm nieder. Zärtlich küsste sie ihn, legte das Buch zu Boden und strich ihm über den blonden Haarschopf.
„Schneller ging es nicht. Sogar zwei Phiolen habe ich getrunken, damit ich dir beistehen kann. Mit tut jeder Knochen weh.“
„Warum hast du dich nicht erst etwas hingelegt? Du siehst grauenhaft aus. Konntet ihr denn unterwegs nicht baden?“
„Ah … haben wir. Aber das nützt eben auch nicht viel, wenn man gleich darauf wieder aufs Pferd springt und wie der Teufel reitet.“
„Herr Narosh“, sah Noál zu mir auf und winkte mich zu sich. “Ihr habt doch hoffentlich gut auf sie geachtet? Sie ist unsicher, wenn sie so schnell reitet.“
„Ich blieb neben ihr, um im Notfall eingreifen zu können. Ihr Leben ist bei mir in guten Händen.“
„Natürlich“, grinste Noál so unvermittelt, dass mir die Röte ins Gesicht stieg. Ich dankte den Göttern, dass es hier zu dunkel war, um es zu bemerken. Verstohlen lugte ich zu Vivien, die verdrossen die Lippen verzog, sich räusperte und schließlich aufstand.
Wir befanden uns im Eingang eines großen Gewölbes. Vier Zellen gab es, zwei zu jeder Seite, die mit breiten, robusten Metallstäben gesichert waren. Die Stäbe waren tief ins Gestein getrieben worden, um es den Magiern nicht allzu leicht zu machen, zu entkommen. Meddjn hätte es jederzeit gekonnt, da war ich mir sicher. Travnéel, der in einer Zelle ihr schräg gegenüber war, konnte sich nicht befreien. Die Fähigkeit der Meister der Gesteine beherrschte er kaum, die der Reijiesh hatte er bisher nicht erlernt. Somit ging die größere Gefahr von Meddjn aus, doch die saß müde auf der Bettkante in ihrer Zelle und hob kaum den Blick.
Es war Travnéel, der kaum acht Schritt von Noáls Schemel entfernt nun zu den Gitterstäben ging, die Hände wie so oft hinter dem Rücken verschränkt, und zu mir sah:
„Du! Dass Ihr Euch überhaupt noch hierher traut? Meine Freundschaft bot ich Euch an, und Ihr habt mich hintergangen.“
„Aus der Not heraus“, würgte ich hervor und stellte mich neben Noál, der vorsichtshalber den Griff seines magischen Schwertes in die Hand nahm. Seine offene, freundliche Miene war einer wachsamen Kälte gewichen, mit der er den Magier beobachtete. Ich straffte meine Schulter und bot Travnéel soweit die Stirn, wie ich es wagte, ohne in tausend Eissplitter zu zerspringen.
„Euch stehen zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung, mich zu töten, mir bleibt nur die List.“
„Euch wollte ich doch überhaupt nicht!“ donnerte der Magier ungehalten los.
Die Kälte, die mit einem Mal zu mir herüberschwappte, ließ mich allerdings befürchten, dass er es sich gerade anders überlegte. Frost und Eis griff nach uns. Der Boden in der Zelle gefror, Eiskristalle wanden sich die Gitterstäbe entlang. Intuitiv wich ich einen Schritt nach hinten aus, als mich Vivien auch schon grob beiseite schob und energisch auf die Zelle zutrat. Angst schien sie keine zu haben. Sie umklammerte die von Frost überzogenen Stäbe und schaute Travnéel, der keine zwei Schritt vor ihr stand, wutentbrannt in die kalten Augen.
„Wenn du schon nichts Nettes zu unserer Begrüßung zu sagen hast, dann sage am besten gar nichts. Wegen dir und Meddjn bin ich acht Tage lang quer durch Keshenja geritten. Ich bin müde, ich bin hungrig, und mir tut jeder Knochen weh. Und einen halben Mond lang hat Narosh mehr auf dem Rücken eines Pferdes verbracht als auf dem Boden. Etwas Dankbarkeit wäre also angebracht. Und alles wegen deiner blöden Neugierde und deinem Ehrgeiz. - Und wohin hat dich das gebracht, Trav? In eine Zelle, und aus der hole ich dich und Meddjn wieder heraus. Keine Ahnung, wie, aber ich schaffe das. Dir und Meddjn zuliebe. Also halte einfach deinen dummen Mund und reiß dich zusammen. Das ist das Mindeste, was man von dir erwarten kann.“
Der Magier starrte Vivien fassungslos an, gleich darauf wankte er einen Schritt nach hinten und ließ sich zu Boden sinken. Mit beiden Händen begrub er seinen Kopf, während sich die unmittelbare Umgebung wieder auf normale Temperatur erwärmte.

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