1. Juli 2017

'WandelTräume' von Isabella Mey

Niemand hat mich gefragt, ob ich, Lia Schiller, die Heldin dieses Romans werden will. Genauso wenig wurde ich gefragt, ob ich von meinem geliebten Frankfurt am Main nach Waldshut am Hochrhein ziehen möchte. Dennoch muss ich hier seit einem halben Jahr mein Dasein in einer Patchworkfamilie fristen, mit einer Stiefschwester, die ihren Ödipus-Komplex an meinem Vater auslebt und einem selbstverliebten Stiefbruder in meinem Alter.

Ja, ich weiß genau, was Ihr denkt: Es ist doch immer dasselbe in diesen Romanen, erst können sie sich nicht ausstehen und am Ende verlieben sie sich doch! Aber auf so etwas habe ich überhaupt keine Lust. Dumm nur, dass man sich schlecht aus dem Weg gehen kann, wenn man zusammen lebt. Und nachdem mein Vater während einer archäologischen Grabung ins Koma gefallen ist, kommt mein Stiefbruder durch Zufall hinter das Geheimnis der WandelTräume.

So bleibt mir nichts anderes übrig, als mit ihm zusammenzuarbeiten ...

Ein gefühlvoller Liebesroman, der aus der realen Welt in die Fantasie abtaucht.

Gleich lesen: WandelTräume

Leseprobe:
Seit einem halben Jahr wohne ich jetzt schon in diesem Reihenhaus mit dieser ›Familie‹ in dieser Kleinstadt! Und noch immer fühle ich mich wie eine Fremde in einer fernen Galaxie unter Außerirdischen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht meinem alten Leben in Frankfurt am Main nachtrauere. Dort fühlte ich mich frei, hatte Spaß mit meiner Clique und jetzt sitze ich in einem Kaff am Hochrhein fest, viel zu weit weg, um meine Freunde regelmäßig zu sehen. Am Anfang haben wir noch oft telefoniert, geskypt oder gechattet, aber mit der Zeit verebbte der Kontakt. In einem schleichenden Prozess geriet ich immer mehr in Vergessenheit, einfach deshalb, weil ich kein Teil des Alltags meiner Freunde mehr war.
Hier ist alles anders als in der Großstadt: Bestehende Freundschaften wurden bereits im Sandkasten besiegelt, für Neuankömmlinge bleibt kein Platz – bestenfalls! Wenn sie nicht gar als Eindringlinge angefeindet werden. Na gut, da übertriebe ich vielleicht ein wenig.
Ich sitze am Schreibtisch und brüte über einer Kurvendiskussion für Mathe, als die Tür meines Zimmers schwungvoll auffliegt. Uneingeladen stürmt mein Stiefbruder Nino herein und wedelt mit einem grünen Heft.
»Hey Lia, kannst du mir mit Mathe helfen?«
»Nein! Und jetzt verschwinde!«, blaffe ich ihn an.
Ich kann es überhaupt nicht leiden, wenn jemand ohne anzuklopfen in mein Zimmer stürmt. Dummerweise fehlt der Schlüssel, sonst hätte ich abgesperrt. Statt mein Zimmer zu verlassen, schlendert Nino zu meinem grasgrünen Sessel, der den Platz zwischen Bett und Schreibtisch ausfüllt, und fläzt sich hinein. Aufgebracht rolle ich mit dem Schreibtischstuhl rückwärts und drehe mich zu ihm hin. Mit Sicherheit zucken gerade wütende Blitze aus meinen Augen. Allerdings schlagen sie überall im Zimmer ein, nur nicht bei meinem Stiefbruder, denn das breite Grinsen in seinem leicht gebräunten Gesicht will partout nicht verschwinden.
»Sag mal, welchen Teil von ›Verzieh! Dich!‹ hast du nicht verstanden?«, fahre ich ihn an.
»Bitte, Lia! Dafür leihʼ ich dir auch mein BMX!«
Jetzt gerate ich doch ins Stocken. Nino weiß ganz genau, womit er mich locken kann, denn sein Fahrrad reizt mich. Ich habe es zwei Mal ausprobiert – heimlich – und es fühlte sich an, als ob ich nie was anderes gemacht hätte, als den Bordstein rauf und runterzuspringen. Sogar mit erhobenem Vorderrad konnte ich nach ein wenig Übung ein Stückchen fahren. Leider hat mich Nino dabei erwischt. Er wollte wissen, wo ich denn einen ›Wheelie‹ gelernt hätte und meinte, ich müsse ein Naturtalent sein, aber da ich weder mit ihm, noch mit dem Rest seiner Familie etwas zu tun haben will, habe ich das Rad einfach in die Ecke gestellt und bin wortlos weggegangen.
»Dein BMX interessiert mich nicht!«, antworte ich schweren Herzens, versuche meiner Stimme aber die notwendige Kraft zu verleihen, um ihn endlich zu vertreiben.
»Werʼs glaubt …«, murmelt Nino, rutscht tiefer in meinen Sessel und schlägt die Beine übereinander, um es sich so richtig gemütlich zu machen.
Mit dem tiefschwarzen Haar und den dunklen Augen sieht er wie ein typischer Italiener aus, was wohl daran liegt, dass seine Eltern ursprünglich aus Italien stammen. Dummerweise ist sein Vater vor fünf Jahren gestorben und noch dummererweise hat seine Mutter vor fast einem Jahr meinen Vater geheiratet. Und das allerdümmste an der Sache ist, dass Nino auch noch eine dreizehnjährige, überaus zickige Schwester namens Nicole hat, die meinen Vater vergöttert und mir als ihre Konkurrentin um seine Zuneigung den Kampf angesagt hat. Das Schlimmste an der ganzen Geschichte aber ist, dass ich nach der Vereinigung unserer Eltern mein geliebtes Frankfurt verlassen musste, um in einem kleinstädtischen Reiheneckhaus in Waldshut am Hochrhein zu versauern.

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