27. April 2018

'Mord auf der Hallig: Nordseekrimi' von Ulrike Busch

Kindle Edition | Tolino | Taschenbuch |
Küstenschützerin Britta Tjaden stellt auf Langeneß ihre Pläne zur Rettung der Halligen vor den Folgen des Klimawandels vor – und bringt die Aktivistin Beeke Klock gegen sich auf. In der Nacht nach Brittas Vortrag überschwemmt eine Sturmflut die Nordseeküste. Am Morgen darauf wird auf Langeneß eine Tote gefunden. Ein Unglück oder Mord?

Es bleibt nicht bei einer Leiche und plötzlich werden die Ermittler Knudsen und Zander auch noch mit einem alten, ungelösten Fall konfrontiert: dem mysteriösen Verschwinden einer jungen Dänin auf der Hallig. Gibt es einen Zusammenhang mit den aktuellen Ereignissen?

Band 4 der Reihe ‚Ein Fall für die Kripo Wattenmeer‘.

Leseprobe:
[…]
Britta war nicht nach Hause gekommen.
Der erste Gedanke, den Tilda nach dem Erwachen fasste, durchzuckte ihren Kopf wie ein Blitz. Er war da, noch bevor ihr bewusst wurde, dass der neue Tag begonnen hatte. Doch er erschreckte sie nicht.
Mit einem Ruck schlug sie die Bettdecke zurück. Sie schwang sich auf die Bettkante, verharrte dort und dachte darüber nach, was nun zu tun war. Unschlüssig stand sie auf, schob die Vorhänge zur Seite und vermied es, nach draußen zu gucken.
Jedes Mal nach einer Sturmflut hatte sie Angst, auf den Wiesen, die zwischen der Warft und der See lagen, Tote zu entdecken. Ertrunkene, die das Meer der Hallig überlassen hatte, damit sie dort ihre letzte Ruhe finden konnten. An diesem Morgen fürchtete sie sich weit mehr vor diesem Anblick als nach den zahllosen anderen Sturmfluten, die sie bisher erlebt hatte.
Sie drückte beide Hände auf den Bauch, atmete tief dagegen und wagte es endlich, hinauszublicken.
Die See hatte sich zurückgezogen. Die Sonne verbarg sich hinter milchig grauen Schleierwolken, als hätte sie noch nicht den Mut, sich den Menschen zu zeigen. Überall glänzten Pfützen im matten Licht des Vormittags. Das nasse Gras der Wiesen und Weiden lag schwer und lehmig am Boden.
Keine Leiche vorm Haus. Nicht einmal der Kadaver eines ertrunkenen Schafes oder einer Möwe, der die Kraft gefehlt hätte, sich aus den Fängen des Sturmes zu befreien und an Land in Sicherheit zu bringen.
Tilda atmete auf. Müde griff sie nach ihrem Bademantel, der über dem Stuhl lag. Sie warf ihn sich über und verließ das Zimmer. Wie nach einem Drehbuch tat sie all das, was man tat, wenn man die Wahrheit erahnte, aber noch nicht ganz an sich heranlassen wollte.
Sie klopfte an Brittas Zimmertür, obwohl sie wusste, dass keine Antwort kommen würde. Zaghaft öffnete sie die Tür, blickte in den Raum und nahm zur Kenntnis, was die ganze Nacht über Gewissheit gewesen war.
Sie stellte sich auf den Treppenabsatz. »Britta?« Während sie nach unten lauschte und sich fragte, ob es Panik oder doch eine Spur Hoffnung war, was sie verspürte, hörte sie ihr Herz hämmern.
Wie erwartet, blieb die Antwort ihrer Schwester aus.
›Und jetzt?‹, fragte sie sich selbst.
›Jetzt kommt das schlechte Gewissen‹, kam zur Antwort.
Tilda ging zurück in ihr Zimmer, steckte das Handy in die Tasche ihres Bademantels und stieg die schmale Holztreppe hinab. In der Küche schaltete sie das Licht ein und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Von hier aus konnte sie über das Watt zur Hallig Hooge sehen, wenn die Fenster nicht, wie seit gestern Abend, mit Brettern vor der Flut geschützt waren. Sie wählte Brittas Mobilfunknummer, hielt das Smartphone ans Ohr und wartete. Das Anrufprotokoll würde später der Beweis dafür sein, dass sie versucht hatte, Britta zu sprechen. Dass sie wenigstens noch eine Hoffnung gehabt hatte.
Wie sollte sie erklären, dass sie diesen Versuch nicht schon zu einem viel früheren Zeitpunkt gestartet hatte?
Zum fünften Mal erklang der Freiton, es folgte ein Klicken. »Der angerufene Teilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar«, sagte eine weibliche Computerstimme. »Bitte versuchen Sie es später noch einmal.«
Erneut suchte Tilda eine Nummer aus dem Telefonspeicher. Diesmal die von Paul, Brittas Mann. Soweit Britta ihr erzählt hatte, wollte er in diesen Tagen zu Hause auf Sylt sein. Dabei wusste jeder, der die beiden kannte, dass Paul ein Eigenleben führte. Wenn Britta für einige Tage beruflich unterwegs war, was nicht selten vorkam, nutzte Paul die Gelegenheit meist zu Ausflügen aufs Festland. Als Unternehmensberater konnte er seine Eskapaden perfekt mit Kundenbesuchen tarnen.
Wieder wurde sie von einer Automatenstimme begrüßt. »Dies ist der Anrufbeantworter von Paul und Britta Tjaden. Bitte hinterlasst uns eine Nachricht. Wir rufen ...« Britta trennte die Verbindung. Paul war also wieder einmal unterwegs. Vermutlich hatte er den Sylt-Shuttle gestern noch rechtzeitig erwischt, bevor der Zugverkehr wegen des Sturms eingestellt wurde.
Sie wählte seine Handynummer. Diesmal musste sie nicht lange warten.
»Guten Morgen, Tilda.« Pauls Stimme klang ausgeschlafen und gut gelaunt.
»Wo bist du?«
»Zu Hause, wo sonst?«
»Du bist nicht ans Telefon gegangen.«
Stille. Dann ein Räuspern. Mit einem Mal hörte Pauls Stimme sich verschlafen an. »Das Telefon steht unten im Wohnzimmer, das weißt du doch. Ich liege noch im Bett. Der Sturm letzte Nacht hat mich kirre gemacht. Ich konnte lange nicht einschlafen.«
»Aber das Handy hattest du griffbereit.«
»Na klar. Ich wollte doch über die Wetterlage immer auf dem Laufenden sein. Ich hab mich ja auch im Haus verschanzt und mich nicht getraut, aus dem Fenster zu gucken. Hat es euch schlimm erwischt letzte Nacht? Ich habe ständig an euch gedacht.«
Tilda biss sich auf die Lippe. Um Ausreden war Paul noch nie verlegen gewesen.
Im Hintergrund hörte sie eine Frauenstimme, die Pauls Namen rief. Es hörte sich an, als käme die Stimme aus einem anderen Raum. Dem Badezimmer eines Hotels? Eine Bettdecke raschelte. Einen Augenblick später drang kein einziger Laut mehr zu ihr durch. Paul hatte sein Smartphone wohl mit der Hand abgedeckt oder unter die Decke geschoben.
»Paul?«, rief Tilda genervt. »Pauuul!«
Endlich war er wieder in der Leitung. »Tilda?«
Tilda erkannte, dass es ein Fehler gewesen war, ihren Schwager anzurufen. Sie sehnte sich nach Tee, Brötchen, Rührei und Einsamkeit. Aber sie konnte jetzt nicht einfach auflegen. »Du bist nicht in Keitum«, sagte sie bestimmt. »Wo bist du wirklich?« Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Es war sonnenklar, dass sie keine wahrheitsgemäße Antwort erhalten würde.
Paul seufzte. »Sag mal, warum rufst du mich überhaupt um diese Zeit an?«, fragte er, jetzt wieder mit wacher Stimme und leicht verärgertem Unterton.
»Britta ist weg.«
»Natürlich ist sie weg. Sie ist doch bei euch auf Langeneß. Oder irre ich? Macht sie etwa ’ne heimliche Sause irgendwo an einem hübscheren Ort?« Aus Pauls Worten hörte Tilda das ölige, coole Lächeln heraus, das ihr Schwager jedes Mal aufsetzte, wenn er seinen Gesprächspartnern etwas vorspielte oder ihnen die schönsten Lügen auftischte. Bis heute hatte Tilda nicht verstanden, ob Britta nicht in der Lage war, ihren Mann zu durchschauen, oder ob sie es schlicht nicht wollte.
»Paul, Britta ist weg. Sie ist verschwunden, verstehst du? Seit gestern Abend.«
Paul schwieg. Das bedeutete, dass er verstanden hatte. Er wusste, was eine Sturmflut wie die gestrige bedeutete. Und auch wenn er sich für die Arbeit seiner Frau herzlich wenig interessierte, durfte ihm klar sein, dass Britta zurzeit keine Freunde auf Langeneß hatte. Es war kaum davon auszugehen, dass sie bei einem ausgiebigen, gemütlichen Klönschnack auf einer der Warften den Zeitpunkt der Heimkehr vor dem Einsetzen der Flut verpasst und man ihr für die Nacht ein Gästezimmer angeboten hatte.
Was ging jetzt in Paul vor? Vor einiger Zeit, als seine Ehe mit Britta gerade mal wieder auf der Kippe stand, hatte er Tilda auf einer Familienfeier beiseite genommen. ›Wenn ich jemals wieder alleine leben sollte ...‹, hatte er gesagt und seine Augen hatten geleuchtet. ›Was wäre dann?‹, hatte sie ihn gefragt, doch er hatte ihr keine Antwort gegeben.
»Habt ihr euch wieder gestritten?«, fragte Paul mit flotter Stimme in Tildas Erinnerungen hinein.
Tilda klemmte das Handy zwischen Kinn und Schulter. Sie hielt den Wasserkocher unter den Hahn, ließ einen halben Liter Wasser hineinlaufen und stellte das Gerät wieder auf der Arbeitsplatte ab. Mit dem Zeigefinger drückte sie den Schalter nach unten. »Wir müssen sie suchen.«
»Ach was? Wo denn? Und warum?«
Tilda legte auf.

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Mehr über und von Ulrike Busch auf ihrer Website.



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