12. November 2020

'Operation Love: Herzflimmern in London' von Lisa Torberg

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Trisha Latch, Agentin des MI5, Deckname Miss Smith, hat das Limit des Erträglichen erreicht. Sie ist das eingefärbte Vogelnest auf ihrem Kopf, die klebrige Mascara, den schwarzen Lippenstift, vor allem aber die Tonne Metall leid, die sie tagtäglich von den Ohrläppchen bis zu den Boots mit sich herumschleppt. Und ihren schmierigen Vermieter Schrägstrich Zielobjekt, der seine Griffel nicht bei sich behält. Sie explodiert, setzt die Undercover-Mission im East End in den Sand und landet unweit der Billionaire’s Ave bei dem Mann, dessen Bruder vor ihren Augen ermordet wurde – und der eine pelzige Matratze im Gesicht hat. Und sie hasst Vollbärte!

Troy Raven, Anwalt und Privatermittler, traut seinen Augen nicht. Blackshaw, der das MI5-Team leitet, das dem Killer seines Bruders auf den Fersen ist, schickt ihm dieses Gothic-Biest, um seine schwangere Assistentin zu ersetzen? Eine Frau, die er nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würde – wenngleich sie fantastisch riecht, ein heißes Fahrgestell hat und ihm 100.000 Volt durch den Körper jagt, als sich ihre Finger berühren ...

Bree, Troys beste Freundin und Noch-Assistentin, fasst ihr Aufeinandertreffen in Worte: Das kann ja heiter werden.

Anleser:
»Heißer Feger!« Toms nach Whiskey riechender Atem streift Troys Ohr.
»Nicht mein Typ«, antwortet er, ohne aufzusehen, und sein Bruder rammt ihm spielerisch den Ellenbogen in die Seite.
»Hey, was soll das?« Jetzt hebt er den Blick und schüttelt missbilligend den Kopf.
»Wem willst du das weismachen?« Grinsend tippt sich Tom mit dem Zeigefinger an seine Brust. »Mir?« Er entblößt die schneeweißen Zahnreihen, die er dem regelmäßigen Bleaching verdankt. »Die passt doch genau in dein Beuteschema! Großer Busen, schmale Taille, elegante Kleidung ...« Er legt eine bedeutungsschwere Pause ein, bevor er raunend weiterspricht. »... vor allem aber sind ihre Haare lang genug, um sie daran zu packen, die seidigen Locken um das Handgelenk zu schlingen und ihre vollen Lippen dorthin zu dirigieren, wo ...«
»Hör auf!« Unwirsch unterbricht Troy ihn und schiebt das halb volle Glas von sich. Die bernsteinfarbene Flüssigkeit schwappt über den Rand auf den Tisch aus edlem Teakholz. Irritiert starrt er auf den Tropfen des teuren Whiskeys, mit dem sie beide in der Bar des exklusiven Hotels das Ende des Prozesses feiern. Ihres ersten wirklich großen Falls. Nicht mit einem Vergleich, auf den es nach Meinung aller Lobbyisten und Journalisten hinauslief, haben sie ihn beendet. Nein, nach einem knappen Jahr harter Arbeit waren sie auf der ganzen Linie erfolgreich. Die Vertretung des kleinen Pharmaunternehmens zu übernehmen, das sich gegen FutureMed, einen Riesen der Branche, stellte, hat sich trotz des enormen Risikos rentiert. Allein mit der – für den Fall des Sieges – vertraglich vereinbarten Prämie, zu deren Zahlung nun der Verlierer verdonnert war, könnte eine vierköpfige Familie locker mehrere Jahre lang leben. Troy sollte demnach zufrieden sein, sich leicht fühlen und auf die vor ihm liegende Woche Urlaub auf Grenada freuen – seine erste Auszeit seit einer gefühlten Ewigkeit. Stattdessen kämpft er gegen diese innere Unruhe an, die ihn seit dem Beginn des nervenaufreibenden Prozesses immer öfter aus dem Nichts überfällt. In diesem spezifischen Fall geschieht es genau in dem Moment, in dem sie die Bar betritt und an ihnen vorbei zum Tresen geht.
Tom stößt ihn an und er hebt den Blick. Der knielange Bleistiftrock umschließt ihren Körper hauteng von der Taille bis zu den Knien. Selbst von hier kann er die Bordüre ihrer halterlosen Strümpfe unter dem Stoff erahnen. Die geschmeidige Bewegung, mit der sich die dunkelblonde Frau auf den Barhocker zieht, legt einen Schalter in seinem Kopf um. Jetzt läuft darin ein Film ab, egal, ob er in ihre Richtung sieht oder in sein Glas starrt. Kino, absolut nicht jugendfrei. Ihr perfekt geformter Po schmiegt sich an das weiche Leder des Sitzpolsters und lässt ihn an einen Apfel denken. Einen, den er mit beiden Händen umfassen will. Sein Hemdkragen wird eng. Während er die Krawatte lockert, kann er den Blick nicht von ihren perfekten Kurven lösen. Sie hebt eine Hand und streicht sich die in einem dunklen Honigton glänzenden Haare über eine Schulter nach vorn. Ihre nun freie Rückenansicht zieht ihn magnetisch an.
Er drückt sich an den Armlehnen aus dem Stuhl. Lautlos und mit den geschmeidigen Bewegungen eines Raubtiers nähert er sich ihr und erkennt unter dem seidigen, durchscheinenden Stoff der Bluse den Streifen ihres BHs. Seine Fingerkuppen kribbeln. Er will den Verschluss ertasten, ihn öffnen, ohne sie zu entkleiden, und seine Arme unter den ihren hindurchschieben, um ihre Brüste zu umfassen. Stattdessen legt er seine Hände an ihre Hüften und genießt das Beben ihres Körpers, als er sie berührt. Den Bruchteil einer Sekunde lang erstarrt sie und hält den Atem an – ohne den Kopf zu drehen, um ihn anzusehen. Troy erwartet ihre Abweisung, rechnet damit, dass sie sich ihm entzieht – doch nichts geschieht. Nahezu unmerklich schiebt er sein Becken vor und presst sich an ihren Po. Der Laut, der ihr entkommt, als sie seine Härte spürt, ist eine Mischung aus Schnurren und Stöhnen. Die Anspannung fällt von ihm ab und beschert ihm das zustimmende Zucken seines Schwanzes und eine Vision: In fünf Minuten ziehe ich sie von dem Hocker hinter mir her, in zehn liegt sie vor mir auf dem Bett in der Hotelsuite. Mit hochgeschobenem Rock, offener Bluse, erwartungsvollem Blick und leicht geöffneten Lippen. Mit einem leisen Lächeln beugt er sich vor, streift mit dem Mund ihr Ohrläppchen und ...
»Tausend Dollar, wenn du deine schmutzigen Gedanken mit mir teilst. Dann erspar ich mir den Drink für eine von denen.«
Am Rande seines Gesichtsfelds nimmt Troy eine Geste wahr und fokussiert seinen Blick. Keine Spur von seidiger Haut und vereinzelten Haarsträhnen, die sich aus dem Chignon gelöst haben und seine Nase kitzeln. Stattdessen sieht er das spöttische Grinsen Toms, dessen amüsiert zuckende Mundwinkel und den dunklen Bartschatten über dem geöffneten Hemdkragen. Er folgt dem Fingerzeig seines Bruders. Von der eleganten Dunkelblonden, die seine Fantasie beflügelt hat, ist nichts zu sehen. Hingegen sitzen, einander zugewandt, zwei billig aussehende Frauen am Tresen. Die eine nuckelt an einem Strohhalm aus einem Glas mit Zuckerrand und Schirmchen, die andere bewegt kaugummikauend den Kiefer. Irritiert runzelt er die Stirn und dreht suchend den Kopf nach rechts, dann nach links.
Ein Lächeln zupft an seinen Mundwinkeln, als er den Bleistiftrock und die hohen Absätze wiedererkennt. Sie geht an einem Mann vorbei, der das Handy an sein Ohr presst. Ihr Hüftschwung ist phänomenal, denkt er, als ihr Körper ruckartig bebt und sich an ihrem Schulterblatt ein dunkler Fleck bildet. Zugleich knickt sie in ihren Knien ein und fällt wie eine Stoffpuppe in sich zusammen.
Dort, wo soeben noch sie war, materialisiert sich eine dunkle Silhouette. Ein Mann, komplett in Schwarz, vermummt. Sein Umriss verwischt sich. Troy sieht nur die Waffe in seiner Hand. Eine Pistole mit langem Lauf. Auf ihn gerichtet. Nein – nicht ganz. Der Typ zielt knapp an ihm vorbei. Er braucht den Bruchteil einer Sekunde, um zu begreifen. Der Bewaffnete scheint im selben Moment abzudrücken, in dem er sich zur Seite wirft, um Tom vom Stuhl zu reißen.
Sie fallen beide. Er kommt auf seinem Bruder zu liegen, spürt den Einschlag in seinem Oberschenkel, hört jedoch nicht mehr als ein Ploppen – gefolgt von einem schrillen Schrei. Schalldämpfer, denkt er, als er sich schützend um Tom windet und ihn ein zweites Projektil in den Rücken trifft. Hart stößt er die Luft aus und alles um ihn herum verschwimmt. Egal. Er liegt unter mir. Es darf ihm nichts passieren, denn ohne ihn bin ich nur halb, ist Troys letzter Gedanke, bevor eine dritte Kugel sein Ohr streift und er das Bewusstsein verliert.

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