14. November 2018

'Der ganz normale Weihnachtswahnsinn' von Annette Paul

Kindle Edition
Ob durch Stress, Streit oder Einsamkeit, Weihnachten ist selten so, wie man es sich erhofft. Die Seligkeit der Kindheit wird bei Erwachsenen fast nie erreicht. Oder täuscht nur die Erinnerung? Aber vielleicht hilft es, wenn wir unsere überspannten Ansprüche reduzieren. Nicht erwarten, dass ausgerechnet zum Christfest alles besser ist als im restlichen Jahr.

32 Geschichten erzählen von den weihnachtlichen Freuden und Nöten. Zum Glück gibt es ab und zu Freunde und Nachbarn, die einem zur Seite stehen.

Leseprobe:
Ein Lächeln
Rike war genervt. Gleich am Morgen war alles schiefgelaufen. Der Wecker hatte nicht geklingelt, dabei war sie sich sicher, ihn gestellt zu haben. Hektisch hatte sie ihre Sachen übergestreift, zum Schminken war genauso wenig Zeit wie zum Frühstücken gewesen. Beim Bäcker reichte die Schlange bis auf die Straße, sodass sie sofort weiterhetzte. Dann fiel auch noch die S-Bahn aus. Betriebsstörung. Wie lange es dauern würde, wusste niemand. Ihre Chefin würde toben. Hoffentlich entließ sie Rike nicht vor Wut. Sie hatte ihrer Mitarbeiterin neulich eine Standpauke gehalten, weil sie Mitte November zwei Wochen mit einer Nierenbeckenentzündung krankgeschrieben war. Ausgerechnet im Weihnachtsverkauf. Die Firma stand kurz vor der Pleite. Rike hatte mit dem Arzt verhandelt, doch der ließ nicht mit sich reden. Und eine dauerhafte Schädigung ihrer Nieren wollte sie nicht riskieren, daher hielt sie sich strikt an die ärztlichen Anweisungen. Selbst danach hätte sie sich schonen müssen, aber das ging wirklich nicht. Wer sollte denn sonst die Waren packen und aufräumen?
Als die Bahn nach einer Ewigkeit wieder fuhr, der versprochene Schienenersatzverkehr war noch immer nicht eingetroffen, war der Zug überfüllt und nahm nicht alle Wartenden mit. Mit drei Stunden Verspätung erreichte Rike endlich den Hauptbahnhof, dort besorgte sie sich vorsichtshalber gleich eine Bescheinigung beim Servicecenter, obwohl sie dadurch weitere zwanzig Minuten verlor. Schließlich benötigten sehr viele den Zettel. Dabei hätten die Arbeitgeber sich leicht im Internet über die Zugausfälle informieren können.
Natürlich tobte die Chefin. Peinlich, mehrere Kunden standen im Geschäft und schauten irritiert zu den beiden Frauen. Eine Mutter mit zwei Kindern verließ fluchtartig den Laden. Ein junger Mann warf sich ritterlich in die Schlacht und erklärte der Chefin, dass am Morgen wirklich auf sämtlichen Bahnstrecken der Wahnsinn getobt hatte. Selbst die Einfallstraßen in die Stadt waren total verstopft gewesen.
Leider bewirkte sein Heldenmut das Gegenteil. Statt besänftigt zu sein, rastete Frau Hansen nun völlig aus. Rike konnte ihre Tränen nicht länger zurückhalten. Sie fühlte sich sowieso schon schlapp. Ihr Arzt würde ihr ohne Weiteres die Krankschreibung verlängern. Anstatt dankbar zu sein, dass Rikes Pflichtbewusstsein sie trotz nicht vollständig ausgeheilter Krankheit zur Arbeit trieb, machte diese Hexe ihr das Leben zur Hölle. Am liebsten hätte Rike sofort alles hingeworfen und wäre gegangen. Aber sie brauchte den Job doch. Sie war single und musste ihre Miete, die im Januar erneut anstieg, allein bezahlen. Zu allem Unglück war ihre Mutti nach einem schweren Autounfall vor kurzem ins Pflegeheim gekommen und Rike musste die Wohnung auflösen. Natürlich kam immer alles zusammen. Letzte Woche hatte sie sich dazu mit ihrer besten Freundin zerstritten. Sie war so unvorsichtig gewesen und hatte Nora vor ihrem neuen Freund gewarnt. Dabei ließ sie nur ganz vorsichtig einige Andeutungen durchscheinen. Ihr zu sagen, dass der schmierige Typ gleich aufdringlich geworden war, als Nora auf Toilette ging, traute sie sich gar nicht. Und Nike, die Dritte im Bund, äußerte sogar den Verdacht, dass der Kerl ihr Schmuck und Geld geklaut hätte.
Langsam wuchs ihr alles über den Kopf, dabei war doch schon in drei Tagen Heiligabend. Die schönste Zeit im Jahr. Zeit der Einkehr, der Besinnung, des Friedens.
Als ihr edler Ritter merkte, dass es schlimmer wurde und ihre Kollegin Ilona ihn zur Seite zog und ihm etwas zuflüsterte, nickte er und zog sich zurück.
Frau Hansen zeigte den ganzen Tag ihr verkniffenes Gesicht. Seit ihr Mann sich wegen einer Jüngeren von ihr getrennt hatte, traten solche Phasen öfter auf. Dann versuchten die Mitarbeiter, ihr so gut es ging, aus dem Weg zu gehen.
Irgendwie überstand Rike den Tag. Niedergeschlagen schlurfte sie heim. Sie beachtete die Weihnachtsstände und die Weihnachtsdekorationen, die sie sonst so liebte, überhaupt nicht. Sie würde auch nicht im Pflegeheim vorbeischauen. Die Kraft dazu hatte sie nicht mehr. Sie besorgte sich eine Tüte Schmalzgebäck, dabei hatte sie sich vorgenommen, weniger zu naschen. Aber damit musste sie an einem besseren Tag beginnen.
Langsam stieg sie die Stufen zum Gleis hinunter. Zum Glück fuhren die Züge wieder. Die Menschenmassen hatten sich längst verlaufen. Eine ältere Dame kam ihr, auf einen Stock gestützt, entgegen. Ihre Blicke fanden sich. Sie lächelte Rike aufmunternd an. Ihr Lächeln war so strahlend, dass Rike warm ums Herz wurde. Sie fühlte sich sogleich wohler und lächelte zurück.
Merkwürdig. Eine einzelne wildfremde Frau konnte einen miesen Tag aufhellen. Nein, die Dame war nicht der einzige Lichtblick gewesen. Der fremde Mann, der sich so vehement für sie eingesetzt hatte, war ebenfalls erfreulich gewesen, auch wenn er leider das Gegenteil von dem, was er wollte, bewirkt hatte.
Noch bevor Rike in die S-Bahn stieg, hatte sie den Entschluss gefasst, sich demnächst woanders zu bewerben.

Im Kindle-Shop: Der ganz normale Weihnachtswahnsinn.
Mehr über und von Annette Paul auf ihrer Website.



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