8. November 2018

'Kurswechsel: Anker der Freundschaft' von Theda Gold

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Leben, Liebe, Lust und eine Leiche: Die außerordentlich schöne, jedoch unkoordinierte Merit Hanson lebt im Augenblick. Sie leidet unter chronischem Geldmangel. Ein kurzfristiges Job-Angebot als Office Girl an Bord der „Wind of Dreams“ verspricht schnelle Abhilfe und ein Leben voll Glitzer und Glamour, zumindest für zehn Tage.

Doch als Schöne unter Schönen verliert sie ihren Sonderstatus und muss sich auf ungewohnte Weise behaupten. Merit nimmt erstmals bewusst ihr Leben in die Hand und schlittert dabei von einer Katastrophe in die nächste.

Leseprobe:
Merit saß am Fenster. Das tat sie oft. Sie glaubte fest daran, dass das helle Licht des Himmels auf ihrer Netzhaut Depressionen vertrieb. Sie schaute in die Wolken und ersann sich ein neues Leben. Zurzeit steckte sie fest. Sie lebte mit dem falschen Mann zusammen. Dafür gab es keinen besonderen Grund. Es war einfach der Falsche, der bei ihr geblieben war. Sie hatte viele Männer gehabt, ausgelassen gefeiert und geliebt. Etwas zu wahllos, wie sie im Nachhinein dachte. Was leicht und fröhlich anfing, war schnell zu einer Manie geworden. Dabei hatte sie sich immer eine feste Beziehung gewünscht, die klassische große Liebe. Und bei jedem ersten Kuss hatte sie ehrlich gehofft, den Richtigen getroffen zu haben.
In ihrem Job kam Merit auch nicht weiter. Sie arbeitete in einer Kreativagentur, ohne jemals eine eigene Idee in Wort oder Pinselstrich gefasst zu haben. Sie übernahm die Bürotätigkeiten, war das Mädchen für alles. Die Menschen hatten Merit gerne um sich. Als einzigartige, schöne junge Frau und Freigeist klebten Suchende förmlich an ihr. Suchten zunächst ihre Gegenwart und hofften dann auf ihre Gesellschaft. Das freute besonders ihren Chef. Karl. Oder Charly, wie er sich nannte. Für einen Kleinstädter war er wirklich ziemlich cool. Offen, warmherzig und kreativ. Er hatte seine Grafikdesign-Butze als Ein-Mann-Agentur betrieben bis Merit vor der Tür stand und behauptete, heute begänne ihr Praktikum. Sie wusste von Bekannten, dass Charly Praktika am Telefon zusagte und dann häufig vergaß. So wimmelte es in Charlys Company phasenweise von Praktikanten, zumeist in den Semesterferien. Sie kamen und gingen, wann sie wollten, unterhielten sich gut und freuten sich über ein positives Abschlusszeugnis. Merit war die Einzige, die bleiben durfte. Charly hatte ihre Vorzüge schnell erkannt. Zunächst hatte sie das sehr erleichtert, denn ihren alten Job hatte Merit in einer Kurzschlusshandlung gekündigt. Doch mit der Zeit wurde ihr klar, dass das Geld, das sie bei Charly verdiente, auf Dauer nicht ausreichen würde.
So ließ sie sich auf Martin ein, den sie eigentlich schon als One-Night-Stand abgetan hatte. Durch die geteilte Miete kam sie halbwegs über die Runden, doch Merit hasste diese Abhängigkeit. Martin blickte zu ihr auf. Er war verliebt. Das störte sie. Zuweilen benahm er sich richtiggehend hündisch und sie verlor jegliche Achtung vor ihm. Doch er klammerte sich dadurch nur noch fester an Merit. Sie träumte von einem kompletten Neuanfang. Neuer Ort. Neuer Job. Neues Leben.
Die Wolken zogen an ihrem Zimmerfenster vorbei und trugen auch ihre Träume fort. Heute Nacht würde es stürmisch werden. Reinigender Regen, dachte sie sich. Merit fröstelte und schloss das Fenster. Martin würde bald nach Hause kommen. Schnell suchte sie frische Klamotten zusammen, schnappte sich den aktuellen Montalbano-Krimi und huschte ins Badezimmer. Ein ausgiebiges Bad würde ihr gut tun. Sie schloss die Badezimmertür ab und legte sich in das wohltemperierte Schaumwasser. Es duftete nach Orangen und Vanille. Gerade war sie in der Ruhe versunken, da hörte sie schon das Rumpeln im Treppenhaus. Der Fahrstuhl hielt auf ihrer Etage. Martin. Das Schloss der Wohnungstür klackte und sie vernahm seine verhasste Stimme. „Liebling, wo steckst Du? Ich bin jetzt zuhause!“ Sie rutschte ein wenig vor und ließ ihren Kopf hinterrücks ins Wasser gleiten. Jetzt hörte sie nur noch das Knistern des Badeschaums. Merit genoss die Wärme, die sie umgab. Der Alltag schien in weite Ferne gerückt. Doch schon bollerte es an der Badezimmertür. „Liebling bist Du da? Warum schließt Du ab?“ Martin ruckelte an der Tür. „Ich bade. Lass mich in Ruhe“, rief Merit. Martin ließ von der Tür ab und ging ins Wohnzimmer. Sie wusste, dass er nun schmollte. Aber das war ihr egal. Sie wollte ihn loswerden. Weg aus ihrer Wohnung, weg aus ihrem Leben. Doch dafür brauchte sie Geld. Dringend. Ein neuer Job? Charly war ein netter Chef und sie würde ihn nur ungern im Stich lassen. Ein neuer Mann? Einer, der erträglich war und der vielleicht sogar die ganze Miete zahlte? Bei diesen Gedanken kam sie sich vor wie ein Flittchen. Genau genommen war sie das auch. In diesem Moment. In dieser Lebensphase. Das, dachte sie, muss sich schleunigst ändern.
Merit traf eine Entscheidung. Sie trocknete ihr Haar und betrachtete sich dabei im Spiegel. Ebenmäßige Züge verliehen ihrem Gesicht etwas Zeitloses. Das lange hellblonde Haar war leicht gelockt. Es machte die Männer wahnsinnig, wenn sie es offen trug. Ihre grünen Augen hatten etwas Unstetes. Es war nie ganz klar, ob es in ihrem Blick lag oder ob die vereinzelten braunen Sprenkel ihres linken Auges diesen Eindruck erweckten. Doch eines war sicher – diese Besonderheit machte sie interessant. Der Blick anderer Menschen blieb oft unfreiwillig daran hängen. Sobald sie bemerkten, dass Merit dann ebenso direkt und unverwandt zurück schaute, wandten sie sich verlegen ab. Einige nutzten diese Gelegenheit allerdings auch zur Kontaktaufnahme. Sie spielte dieses Spielchen gern. Für Merit gehörte es zu den kleinen Flirts, die den Umgang mit ihren Mitmenschen prägten. Generell liebte sie es, mit Aufmerksamkeit und Bewunderung überhäuft zu werden. Sie hielt sich daran fest. Ihre Schönheit war ihre Sicherheit. So auch jetzt. Sie ließ ihr Haar ein letztes Mal durch die Föhnluft aufwirbeln, atmete tief durch und ging festen Schrittes ins Wohnzimmer. „Du musst gehen“, sagte sie. „Jetzt.“
Martin kauerte auf dem Sofa. Sein blasses Gesicht wirkte fast durchsichtig. Mit schwacher Stimme jammerte er sein Unverständnis vor sich hin. Es ist wirklich an der Zeit, dass er geht, dachte sie. Auch um seiner selbst willen. Das sah sie jetzt immer klarer vor sich. Er war ein Gefangener ihres Wesens geworden und musste sich befreien. Nun ja, befreien wollen. Denn soweit war er offensichtlich noch nicht. Hätte Martin nicht einen blauen Pullover getragen, wäre er zwischen den sandfarbenen Kissen auf Merits weißem Sofa kaum noch auszumachen gewesen. Sie fing an, seine Sachen zu packen. Wirklich viel war es nicht. Er war vor acht Monaten eingezogen und hatte seither mehr oder weniger von ihrer Luft und seiner Liebe gelebt. Ein paar Klamotten, die wichtigsten Unterlagen und Schuhe. Mehr war es nicht. Sie holte noch einige seiner letzten Einkäufe aus der Küche und packte alles zusammen in einen sperrigen schwarzen Koffer. „Den schenke ich dir“, sagte sie. „Brauchst ihn nicht zurück zu bringen.“ Er selbst hätte vermutlich auch noch in den Koffer gepasst. So klein, dünn und unscheinbar wie er jetzt da saß. Im bunten Glitzerlicht einer Diskokugel war ihr nicht aufgefallen, dass er so zierlich und zerbrechlich war. Oder hatte sie ihn erst dazu gemacht? Needy, würde Charly sagen. Es war eines seiner Lieblingsworte. Für ihn waren die meisten Menschen needy, und er konnte es nicht fassen, wie leicht sie aufgrund ihrer Bedürftigkeit zu manipulieren waren. Martin war ein Paradebeispiel. Er hatte sich in Merits Gegenwart förmlich aufgelöst.
Merits Blick blieb an Martins Wandkalender hängen. Wie oft hatte sie sich über dieses Ding geärgert. Sie ging hin und nahm den Kalender ab. Dabei fiel ihr Blick auf das heutige Datum. 26. August. Mist, dachte sie. Schon nächste Woche war die nächste Miete fällig. Sie hielt inne. Überlegte. Wenn sie die Miete für September allein zahlen musste, hätte sie kein Geld für Lebensmittel übrig. Aber nein. Es half alles nichts. Das Kapitel Martin war abgeschlossen. Ihre Erleichterung darüber war zu groß, als dass sie jetzt noch einen Rückzieher machen konnte.

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Für Tolino: Buch bei Thalia
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