13. November 2018

'Wenn die Kraniche wieder ziehen' von Annette Hennig

Kindle (unlimited)
Eine große Liebe
Krieg und Umsturz
Träume, die nicht vergehen,
und Hoffnung, die niemals stirbt


Sankt Petersburg 1914: Fürstin Feodora dringt darauf, ihre erst siebzehnjährige Tochter zu verheiraten. Die junge Anastasija widersetzt sich dem Wunsch ihrer Mutter nicht, sorgt aber dafür, dass sie den Mann ihrer Jungmädchenträume ehelichen kann. Als sie übers Jahr am Arm des Großfürsten Iwan aus der Kirche tritt, ist das Glück auf ihrer Seite. Doch das Glück ist launisch. Schon bald verbündet es sich mit dem Leid dieser Tage.

An ihrem 98. Geburtstag blickt Anastasija auf ihr Leben zurück. Nicht nur einmal stand sie vor einem tiefen Abgrund, nicht nur einmal glaubte sie ins Verderben zu stürzen. Doch selbst bei den Gedanken an Not und Tod lächelt die alte Dame: Denn ihre Liebe, die beinahe ein Jahrhundert überdauert, bewahrt sie noch immer in ihrem Herzen.

Ein Blick in die Runde derer, die sich zu ihrem Ehrentag versammelt haben: Und Anastasija wähnt sich eine glückliche Frau.

Leseprobe:
Prolog
Sankt Petersburg, 1995
Das prächtige weiße Palais lag ruhig in der Stille des frühen Morgens. Seine Bewohner pflegten zu dieser Stunde in sanften Träumen zu schwelgen. Eine Weile würde es noch dauern, bis die Sonne den Horizont küsste. Zuvor würden nicht einmal Köchin und Hausmädchen erwachen.
Nikolai stand am Fenster und blickte in die Dunkelheit. Er war bereits angekleidet und wartete auf den Beginn des neuen Tages. Die Laternen leuchteten noch. Sie tauchten den Park in ein sanftes Licht. Die glimmenden Kugeln im Teich ließen den Mann schmunzeln. Vor seine Augen traten die Bilder des letzten Sommers. Er lachte leise, als er daran dachte, wie die Frösche die leuchtenden Bälle, die sich sanft auf der Wasseroberfläche bewegten, ehrfurchtsvoll umkreist hatten. Später, als sie bemerkten, dass keine Gefahr von den Kugeln ausging, ergriffen sie von ihnen Besitz und veranstalteten fortan in jeder Nacht auf ihnen ihr Konzert.
Als er ein leises Stöhnen hörte, löste er sich von dem Anblick, den er jeden Morgen genoss und doch nicht genug von ihm bekommen konnte. Wie gut fühlte sich das alles an!
Widerwillig trat er vom Fenster zurück und schlich in den angrenzenden Raum. Das Doppelbett dort war von beeindruckender Größe. Er vermochte die zierliche Gestalt darin kaum auszumachen, die sich jetzt von einer Seite auf die andere drehte. Überdies verstellten ihm die Kissenberge den Blick auf sie. Eine Weile blieb er nachdenklich im Türrahmen stehen und lauschte ihrem leisen Schnarchen.
Sie waren beide alt geworden.
Er erinnerte sich an die glücklichsten Tage seines Lebens. Damals war er jung und stark gewesen und er hatte geglaubt, dass nichts und niemand ihm etwas anhaben konnte. Er war losgezogen, um Mütterchen Russland zu retten. Und was war dabei herausgekommen?
Ohne es zu bemerken hatte er bei diesen Gedanken den Atem angehalten. Jetzt stieß er ihn geräuschvoll aus und schüttelte den Kopf. Es war vorbei, er musste endlich aufhören darüber nachzugrübeln, was geworden wäre, wenn …
Sollte er stattdessen nicht froh sein, dass sich alles zum Guten gefügt hatte und er heute hier stand?
Er konnte sich glücklich wähnen, hatte wiedergefunden, woran er längst nicht mehr geglaubt hatte.
Auf leisen Sohlen bewegte er sich ein paar Schritte in den Raum hinein. Vorsichtig setzte er sich auf die Kante des Bettes. Er traute sich kaum zu atmen, wollte sie nicht wecken. Nach der ganzen Aufregung hatte sie Schlaf bitternötig.
Im Halbdunkel des Raumes waren ihre Züge nur zu erahnen. Doch er brauchte kein Licht. Nikolai schloss die Augen und schwelgte in alten Bildern: ihr kirschroter Mund, ihr helles Lachen, die blonden Locken, die ihr junges Gesicht einrahmten. Feengleich. Nie zuvor hatte er eine so zarte, weiche Haut liebkost.
Genaugenommen hatte er damals noch gar keine Haut berührt. Gerade mal ein paar schüchterne Küsse hatte er getauscht, bevor er sie kennengelernt hatte.
Seine Gedanken flogen zu dem jungen Mädchen, dem diese Küsse gegolten hatten. Swetlana lebte nicht mehr. Er war in ihrer letzten Stunde bei ihr gewesen, hatte ihre Hand gehalten. Friedlich konnte sie die Welt verlassen, in der sie so viel Pech gehabt hatte. Er glaubte, er war an ihrem Kummer maßgeblich beteiligt gewesen.
Sie war seine erste Schwärmerei gewesen, zu einer Zeit, als er die Liebe noch nicht kannte. Er zuckte mit den Schultern und war im selben Augenblick froh, dass ihn niemand dabei erwischt hatte. Er schämte sich für die allzu lieblose Geste. Es war vorbei, sie hatten das Leben gemeistert, mehr schlecht als recht, doch eine Weile gemeinsam. Auch wenn niemals ein Paar aus ihnen geworden war.
Während er die Augen wieder öffnete und in die Gegenwart zurückkam, drehte sich die Frau noch einmal auf die andere Seite und stöhnte abermals leise. Wovon sie wohl träumte?
Sein Blick erhaschte den Siegelring, der auf ihrem Nachttisch lag. Er griff danach, schob ihn ein Stück auf seinen kleinen Finger. Weiter brachte er ihn nicht. Die Hände seiner Ahnen schienen weit zierlicher gewesen zu sein als seine Pranken.
Versonnen blickte er den weinroten Stein an, von dem er heute wusste, dass sich unter ihm ein Siegel befand. Gut versteckt und wohlgehütet. Endlich war der Ring wieder heimgekehrt. Er gehörte zu ihm und nun auch zu ihr. Zu seiner Familie. So, wie es immer gewesen war. Bald würde er ihn weitergeben, so, wie es seit hunderten von Jahren Brauch war.
Als er jetzt die ersten Geräusche vernahm, die das Erwachen des kleinen Palais andeuteten, und er das rote Licht der Sonne sah, schickte Nikolai ein inständiges Gebet an einen Gott, von dem er wusste, dass es ihn nicht gab.
Und während der hochgewachsene Mann mit dem schütter gewordenen grauem, einst rabenschwarzem Haar und den Augen, in denen noch immer das kämpferische Funkeln von damals stand, für seine Familie um Glück und Frieden bat, erwachte sie neben ihm.
Sie streckte sich nicht. Sie wollte ihn durch diese Bewegung nicht aus seinen Gedanken reißen. Wollte ihn eine Weile still betrachten, beobachten, genüsslich mustern. Eine lange Zeit war ihr das nicht vergönnt gewesen. Sie hatten viel nachzuholen. Ob ihnen dafür noch genug Zeit bliebe?
»Ein neuer Tag«, flüsterte sie nach einer Weile und strich ihm zärtlich über den Arm.
Er sah, wie sie ihn aus tränenfeuchten Augen verliebt anblickte.
»Ein guter Tag.« Er schluckte schwer, nahm ihre Hand in die seine und drückte sie fest.

Kapitel 1
Sankt Petersburg, August 1914
Juchzend stürmte Anastasija die Treppe hinunter. Sie raffte ihren weitschwingenden knöchellangen Rock hoch, dessen schwerer Brokatstoff sie daran hinderte, noch schneller zu laufen. Bevor sie das Ende der geschwungenen Treppe erreichte, verharrte sie einige Sekunden auf dem letzten Podest und mühte sich, den Absatz ihres Schuhs aus dem Rocksaum zu befreien.
»Puh!«, rief sie außer Atem. Um ein Haar wäre sie zu Fall gekommen. »Diese verfluchten unpraktischen Röcke!« Sie zerrte und zog am derben Brokat und wühlte sich durch drei Lagen hauchzarten Chiffons ihrer Unterkleider. Das Geräusch reißenden Stoffs ließ sie innehalten. »Verdammt!« Sie beugte sich hinab und begutachtete den Schaden.
»Anastasija! Was ist da los? Was treibst du wieder für Unsinn?«
Erschrocken hob das junge Mädchen den Kopf und blickte hinauf zur Balustrade im ersten Stock.
»Mamotschka.« In der Hoffnung, ihre Mutter stünde noch nicht lange genug dort oben, um ihren wilden Lauf die Treppe herunter nicht verfolgt zu haben, lächelte sie ihr tapfer zu. »Der dumme Schuh hat sich im Saum meines Rockes verfangen. Gott sei Dank habe ich es noch rechtzeitig bemerkt und konnte einen bösen Sturz verhindern.«
»Erzähl mir keinen Unsinn!«, herrschte ihre Mutter sie an. »Gerannt wie ein Berserker bist du wieder! Geht man anständig die Stufen hinab, so wie es einer jungen Dame deines Standes zukommt, dann bleibt einem ein solches Malheur erspart.«
Schuldbewusst blickte Anastasija zu Boden und kaute auf ihrer Unterlippe. Am Ende der Treppe stand ihr jüngerer Bruder Sascha und grinste unverhohlen.
»Warte, Bürschchen«, formte Anastasija die Worte, ohne dass sie ihr über die Lippen kamen. Doch Sascha verstand sie und streckte ihr die Zunge heraus.
»Warte nur!«, zischte Anastasija nun, die noch nie ihr ungestümes Temperament hatte zu zügeln vermocht.
»Sascha! Was soll das? Schaust du dir die Ungezogenheiten deiner großen Schwester ab? Geh sofort auf dein Zimmer!« Feodora Fjodorowna Repnina verzog ihr schönes Gesicht, in dem selten eine Regung ihren Gemütszustand verriet. Nur bei ihren Kindern verlor selbst sie die Contenance. Sie, die untadelige Fürstin, der man nachsagte, kühl und beherrscht bis in ihre schönen Fingerspitzen zu sein.
Anastasija kicherte. Gleich biss sie sich wieder auf die Lippe, doch zu spät.
»Ich erwarte dich sofort in meinen Salon!« Hocherhobenen Hauptes wandte Feodora sich von der Brüstung ab und schritt den langen Flur entlang auf ihre Räumlichkeiten zu.
Sascha sprang die Treppe hinauf. Neben Anastasija blieb er stehen und zog sie an ihrem langen dicken Zopf. »Jetzt kannst du was erleben«, sagte er und feixte. »Anastasija, wie siehst du nur aus? Hattest du keine Zeit, dir dein Haar ordentlich richten zu lassen.« Er äffte den Tonfall ihrer Mutter nach. Anastasija hieb ihm ihren Ellenbogen in die Seite. Laut schrie Sascha auf und zog seine Schwester noch einmal kräftig an den Haaren.
Feodora, die das Geschrei der beiden selbst hinter ihrer geschlossenen Zimmertür vernahm, schüttelte resigniert den Kopf. Was hatte sie bei der Erziehung dieser beiden ungestümen Kinder bloß falsch gemacht?
Vladimir, ihr Ältester, und Jurij, ihr Zweiter, waren brave Söhne. Nie hatte sie mit ihnen solch einen Ärger gehabt.
»Seid ihr denn vollkommen verrückt geworden!«, hörte sie nun die donnernde Stimme ihres Mannes.
»Auch das noch.« Musste Pawel gerade in diesem Augenblick das Haus betreten. Feodora seufzte. Sollte sie hinausgehen und für Ordnung sorgen? Pawel war seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen. Wie an jedem Tag hatte er sich kein ausgiebiges Frühstück gegönnt, sondern war bei Tagesanbruch ausgeritten, um auf den Gütern der Repnins nach dem Rechten zu sehen. Und nun musste er sich mit diesen verwöhnten Kindern herumärgern. Feodora stöhnte.
Am Abend würde er ihr gewiss wieder vorwerfen, sie hielte die Zügel nicht fest genug in der Hand. Noch einen Augenblick zögerte sie, dann erhob sie sich. Bevor sie auf den Gang hinaustrat, blieb sie hinter der Tür stehen und lauschte. Stille. Sie lächelte. Pawel sollte sich nur ja nicht über ihre Gutmütigkeit beschweren. Er selbst brachte es nicht fertig, ein Machtwort zu sprechen, ging es um sein geliebtes Töchterchen.
Vorsichtig, um kein Geräusch zu verursachen, öffnete sie die Tür.

Im Kindle-Shop: Wenn die Kraniche wieder ziehen (Sankt-Petersburg-Trilogie 1).
Mehr über und von Annette Hennig auf ihrer Website.



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