14. Dezember 2018

'Im Netz der Sekte: Ein Eltern-Kind-Drama' von Claus Cant

Kindle (unlimited)
Hinter einer heilen Fassade wächst der 16-jährige Lukas wohlbehütet in einem streng religiösen Elternhaus auf. Seine vom Krieg und von Flucht traumatisierten Eltern haben in einer sektenartigen Vereinigung eine neue Heimat gefunden. Diese fordert vollständige Unterordnung unter ihre Glaubensgrundsätze bis hin zur Selbstaufgabe.

Lukas wird von Angst und Schuldgefühlen begleitet, wenn er das tägliche Bibelstudium auslässt oder ihm angeblich lasterhafte Gedanken in den Sinn kommen. Die Konsequenzen sind Misshandlungen durch seine Eltern in Form von physischer Gewalt und Psychoterror. Eines Tages lernt Lukas Marie kennen, die an Mukoviszidose leidet. Er verliebt sich in sie, obwohl er weiß, dass sie bald sterben muss. Zum ersten Mal spürt er wahre Lebensfreude.

Seine Eltern verbieten ihm jeden Kontakt mit dem Mädchen. Hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu seinen Eltern und der verbotenen Liebe zu Marie, droht er zu zerbrechen. Immer stärker beginnt er, gegen sie und die Gemeinde zu rebellieren. Schließlich geben die Eltern ihren verlorenen Sohn auf und stürzen ihn in ein emotionales Chaos.

Leseprobe:
Mein sechzehnter Geburtstag
»Papa, die Anstecknadel an deinem Anzug, hast du die zum achtzehnten Geburtstag geschenkt bekommen?«
»Wieso?«
»Weil da eine 18 draufsteht.«
Vor Schreck wäre er fast vom Stuhl gefallen. Er sprang auf, fummelte hektisch an seinem Revers herum, bis er die Nadel gelöst hatte. Er ging zur Kommode und ließ sie in einer Schublade verschwinden.
»Was bedeutet die 18?«
»Das ist ein Andenken an früher.«
»Warum hast du sie jetzt abgenommen?«
Papa wurde bleich. Auf meine Frage ging er nicht ein.
Es war der 14. März 1969 in einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein. Ich feierte mit meinen Eltern, Großeltern und beiden Geschwistern, Ruth und Daniela, meinen Geburtstag. Wir hatten uns alle in der guten Stube rund um den Wohnzimmertisch versammelt. In der Mitte stand der mit meinem Namen und einer Sechzehn verzierte Käsekuchen. Ein Kunstwerk. Mama konnte großartig Kuchen backen.
Sie hatte ihre langen schwarzen Haare zu einem Dutt hochgesteckt. Meine Schwestern trugen ihr Haar zu Pferdeschwänzen gebunden, dazu lange Röcke und hochgeschlossene Blusen. Oma hatte ein elegantes, dunkelblaues Samtkleid angezogen. Wir Männer steckten in dunklen Anzügen. Meine Hosen waren etwas zu lang. Mama sagte dazu: »Da wächst du noch rein.«
»Reich mir mal bitte die Nüsse rüber«, bat mich Ruth.
Sie war ein Jahr jünger als ich und meine Lieblingsschwester. Daniela, meine andere Schwester, war dreizehn. Sie war eine Petzliese und konnte nichts für sich behalten. Wir gingen alle drei auf dieselbe Realschule.
Ich reichte Ruth die Schale mit den Nüssen. Anschließend wandte ich mich Papa zu.
»Erzähl doch noch einmal eine Geschichte aus eurer Heimat.«
Meine Eltern hatten früher auf einem Gut in der Nähe von Insterburg ca. 100 Kilometer östlich von Königsberg in Ostpreußen gelebt. Ich konnte nicht genug kriegen, von den Geschichten aus dieser Zeit.
»Warte, bis wir gebetet haben«, sagte er und faltete die Hände. »Komm Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. Amen.«
Während Mama jedem ein Stückchen Kuchen auf den Teller legte, lehnte sich Papa zurück. Er blickte in die Runde und holte tief Luft.
»Ja Junge …«, begann er, »das waren Zeiten. Wir besaßen ein großes Anwesen und riesige Ländereien. Wir hatten Personal, vier Knechte, drei Mägde. Und viele Tiere gab es auf unserem Gut, Pferde, Kühe, Hühner und den Hofhund Rufus, der immer Ärger mit den Katzen hatte.«
Meine Großmutter senkte den Blick und ergänzte: »Jungchen, das war eine andere Welt. Wir waren angesehene Leute und verkehrten in den besten Kreisen. Dann kamen die Nazis und dieser verfluchte Krieg ...«
Meine Eltern und Großeltern warfen sich fragende Blicke zu. Papa nahm ein Stück Kuchen in den Mund und trank einen Schluck Kaffee hinterher.
»Esther dein Käsekuchen schmeckt wieder fantastisch.«
Die anderen nickten zustimmend.
»Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte, sähe es in Deutschland jetzt anders aus«, sagte Papa.
»Aber ihr habt doch alles verloren durch ihn und den Krieg, oder nicht?«, fragte ich nach. Ich merkte, wie Papa unruhig wurde.
»Er hatte auch gute Seiten. Er hat die Autobahn gebaut und vielen einen Arbeitsplatz gegeben. Was glaubst du, wie es vor Hitler in Deutschland ausgesehen hat? Überall Schlangen von Arbeitslosen vor den Suppenküchen. Er hat die Leute wieder in Brot gebracht. Und er hat den Deutschen ihren Stolz zurückgegeben. Auch der Krieg war am Anfang eine gute Sache. Wir haben gewonnen. Wir haben Gebiete im Osten zurückerobert und die Hälfte von Polen dazu. Wir haben Frankreich besiegt und ihnen Versailles heimgezahlt. Und die Engländer haben wir rausgeworfen aus Europa. Dann ist er aber zu weit gegangen. Er hätte den Krieg nur vorher beenden sollen.«
Papas Augen funkelten vor Wut.
»Lass gut sein, Waldemar«, versuchte Mama ihn zu beruhigen.
Ich schaute Papa an.
»Warst du auch ein Nazi?«
Er zögerte. Meine Großeltern tauschten seltsame Blicke aus.
»Nicht so richtig. Ich war in der Hitlerjugend.«
»Aber im Krieg bist du doch gewesen. Du hast mir deine Narben am Bauch gezeigt.«
Ich streckte meine Hand aus und berührte mit den Fingerkuppen seine Schläfe. »Und das hast du von einem Streifschuss.«
Mit einer schroffen Handbewegung stieß er mich zurück.
»Ich war nicht lange im Krieg. Erst gegen Ende, als alles schon bergab ging. Ich war nur ein paar Monate an der Front «, sagte er. Seine Stimme klang gereizt.
»Ja, ja, dein Vater war ein guter, tapferer Soldat. Er hat bis zum Schluss gekämpft«, bemerkte Oma mit einem ironischen Unterton.
»Hast du denn auch auf Menschen geschossen?« Eine Frage, die mich immer wieder mal beschäftigte. Ich hatte mich bisher nicht getraut zu fragen.
Papa antwortete nicht.
»Lass uns mal das Thema wechseln«, sagte Mama.
»Das ist ja wieder einmal typisch, Esther. Du möchtest am liebsten die Vergangenheit aus deinem Gedächtnis streichen«, bemerkte Oma.
»Hitler hätte den Engländern den Rest geben sollen, anstatt in Russland einzumarschieren. Russland … Da ist schon Napoleon nicht weit gekommen. Wenn wir den Krieg gewonnen hätten, wären wir jetzt die Herren in Europa und ich wäre Herr auf unserem Gut«, lamentierte Papa.
»Und ich die Herrin«, ergänzte Mama.
»Erzähl weiter, Papa.«
»Als die Russen immer näher an Ostpreußen heranrückten, wussten wir, dass es zu Ende geht. An einem Dienstag im Februar 1945 erhielten wir den Räumungsbefehl. Kannst du dich daran noch erinnern?«, fragte Papa wehmütig und schaute Opa an.
Der nickte und ergänzte: »Ja, Marek legte zwei Kastenwagen mit Stroh aus und montierte über jeden eine Plane. Die Hausmädchen packten die nötigsten Dinge ein, warme Kleidung und Verpflegung.«
»Und dann ging es los?«, fragte ich neugierig.
>»Ja«, antwortete Papa. »Früh, am Morgen, gleich am nächsten Tag. Die Zeit drängte. In der Ferne hörten wir bereits den Kanonendonner der Russen. Marek holte vier Trakehner aus dem Stall und spannte sie vor die Wagen. Die Landschaft war mit Schnee bedeckt und es war kalt, minus fünfundzwanzig Grad, unser Atem gefror an den Nasenlöchern.«
»Ich lenkte den ersten, Marek den zweiten Planwagen mit zwei Mägden«, ergänzte Opa. »Die anderen Bediensteten wollten den Hof nicht verlassen und blieben zurück.« Seine Augen glänzten.
»Was aus ihnen wohl geworden ist?«, fragte Oma nachdenklich.
»Und wie ging es dann weiter?«, wollte ich von Papa wissen.
»Wir wollten eigentlich auf dem Landweg direkt nach Westen fliehen, doch dann erfuhren wir, dass russische Panzer schon bei Elbing die Küste erreicht und den Fluchtweg abgeschnitten hatten. Der einzige Ausweg blieb die Flucht über den Hafen Pillau am Frischen Haff. Schon am ersten Tag warfen russische Schlachtflieger Bomben mitten in die Fuhrwerke. Danach kamen sie zurück und schossen mit ihren Bordkanonen in die wehrlosen Flüchtlinge. Sie drehten wieder bei, griffen noch mal an, wieder und wieder, bis sie keine Munition mehr hatten …«
Er hielt kurz inne.
»Erzähl schon weiter«, Papa.
»Nachdem die Attacke zu Ende war, hörten wir die getroffenen Pferde wiehern und die verwundeten Menschen schreien. Überall lagen Tote herum. Die waren schrecklich zugerichtet. Es war ein Bild des Grauens.«
Papa schaute auf den Boden.
»Und wo habt ihr geschlafen?«, wollte ich wissen.
»Manchmal in Scheunen, leer stehenden Häusern oder Schulen und häufig unter freiem Himmel. Es war ein harter Winter. Teilweise war das Schneetreiben so dicht, das wir kaum die Wagen vor oder hinter uns sehen konnten. Eisige Ostwinde und furchtbare Schneestürme machten das Vorwärtskommen zur Qual.«
Papa holte tief Luft. »Irgendwann war der zweite Wagen mit Marek und dem größten Teil unseres Proviants verschwunden«, sagte er leise.
Ich bemerkte, wie seine Unterlippe zitterte.
»Und wir wissen bis heute nicht, was passiert ist.«
Einen Moment lang herrschte Schweigen.
»Und ihr hattet nichts mehr zu essen?«, fragte ich.
»Nur noch etwas Brot, aber das war trocken und gefroren«, sagte Papa. »Einmal bekamen wir auf einem Bauernhof eine warme Steckrübensuppe.«
Er legte den Kopf in die Hände und fuhr mit zittriger Stimme fort.
»Überall, wo wir hinkamen, dasselbe Bild: eine weiße, verwüstete Landschaft, Wagen am Wegesrand, in Schneewehen stecken geblieben, tote Pferde, tote Soldaten und die Leichen von Zivilisten, meist alte und Kinder, die einfach im Schneetreiben liegen geblieben sind. Und dann die Scheune …«
»Nein Waldemar, nicht vor den Kindern«, unterbrach Mama.
»Lass ihn doch, die Kinder sollen wissen, was wir alles durchgemacht haben«, widersprach Oma.

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