19. April 2019

'Die Tote im Dünenhaus: Nordseekrimi' von Ulrike Busch

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Das hat Okko Knudsen gerade noch gefehlt: Der frischgebackene Outdoor-Unternehmer ist mit Professor Bubendey im Süden Amrums verabredet. Im Dünenhaus am Wriakhörnsee wollen sie ein Naturschutzprojekt für Jugendliche vorbereiten. Doch statt des Biologen findet der Bruder von Hauptkommissar Kuno Knudsen die Leiche einer jungen Frau in dem Gebäude vor.

Hat Bubendey den Mord begangen? Oder handelt es sich um einen gezielten Akt der Amrumer gegen Ulf Janssen? Der verhasste Unternehmer aus Hamburg will das Dünenhaus erwerben und stößt dabei auf heftigen Widerstand der Insulaner. Während Kuno Knudsen und Arne Zander sich in den verzwickten Fall vertiefen, verfolgt eine wie aus dem Nichts aufgetauchte Kollegin von Inselreporter Friedrich Fliegenfischer einen Plan ...

Band 6 der Reihe 'Ein Fall für die Kripo Wattenmeer'.

Leseprobe:
Kuno lehnte sich zurück, streckte die Beine aus und verschränkte die Arme. »Was weißt du?«
Inselreporter Friedrich Fliegenfischer entspannte sich. Lässig wedelte er mit der Bierflasche herum. »Da müsste ich ein wenig ausholen.«
Demonstrativ warf Kuno einen Blick auf die große Uhr, die an der Wand gegenüber dem Küchentisch hing.
In dem Moment klingelte sein Handy.
Kuno stöhnte und nahm das Gerät zur Hand.
»Bente?«, fragte Friedrich. Natürlich war ihm nicht verborgen geblieben, dass die nette Nachbarin, die seit Jahren Kunos Sylter Dienstwohnung hütete, wenn der Herr Hauptkommissar auf Amrum weilte, mittlerweile eine Beförderung in dessen Privatleben erfahren hatte. Eine Erweiterung des Aufgabenbereichs. Blumengießen, Briefkastenleeren und nun auch noch Kommissarverwöhnen. Bekochen, betüddeln, in den Schlaf wiegen, wie Friedrich zu Kunos Verdruss öffentlich frotzelte.
»Okko«, antwortete Kuno unwirsch und nahm den Anruf entgegen. »Was ist passiert, Bruderherz?« Vermutlich war Okko mal wieder mit seinem verrosteten Fahrrad in einen entlegenen Winkel der Insel geradelt, hatte mal wieder einen Platten und befand sich mal wieder zu weit von einer Bushaltestelle entfernt, um sie zu Fuß erreichen zu können.
»Hier liegt ’ne tote Leiche.«
Kuno meinte, den Fusel, den sein Bruder offenbar getrunken hatte, förmlich durch die Leitung zu riechen. War er denn an diesem Abend nur von Säufern umgeben? Sein Blick schweifte genervt umher und blieb an seinem eigenen Bierglas hängen.
Eine tote Leiche also. »Wo bist du überhaupt?«, fragte Kuno. Er stellte sich vor, wie sein Bruder von Norddorf kommend durch Wald und Heide geradelt war und es fertiggebracht hatte, eins der unzähligen Wildkaninchen, die einem dort vors Rad hoppelten und sich erst im letzten Moment durch einen Haken retteten, über den Haufen zu fahren. »Hast du ein Karnickel erlegt?«
»Mensch, Kuno, bist du besoffen oder was?«
Okkos Stimme klang ernsthaft erbost, und Kuno kam der Verdacht, sein Bruder könnte wirklich eine Leiche entdeckt haben.
»Wenn du mich nicht ernst nimmst und wenn du dich nicht bequemst, herzukommen«, quengelte Okko beleidigt, »dann ruf ich eben Arne an.«
»Bevor du so viel Wind machst, dass die Nordsee überschwappt, sag mir lieber, wo ich dich finde.«
»Da, wo die Leiche liegt, natürlich.«
Kuno sog die Luft scharf ein. »Ich habe gerade kein Bildtelefon zur Hand, mein Bruder. Wenn du so gnädig wärst, mich kurz und präzise darüber zu informieren, wo das ist?«
»Im Dünenhaus.«
»In welchem Dünenhaus?«
Mit einem Mal schrammte Friedrichs Stuhl über den Fliesenboden. Wie elektrisiert rutschte der Reporter auf die Stuhlkante vor, stützte die Hände auf die Knie und bohrte seine Blicke in Kunos Gesicht, bis der Kommissar seinerseits die Augen auf ihn richtete. Dabei lauschte Kuno weiterhin der Erzählung seines Bruders.
»Das Dünenhaus beim Wriakhörnsee«, sagte Okko. »Wirst du doch wohl kennen. Von Wittdün aus über den Bohlenweg am See entlang, dann noch ein Stück weit in die Dünen rein.«
»Ach, das Dünenhaus«, sagte Kuno. »Da soll eine Leiche liegen?«
Lautlos formte Friedrich Worte mit den Lippen.
Kuno meinte, Mord im Dünenhaus abzulesen. Ein imaginäres Fragezeichen stand steil und fett im Gesicht des Reporters. Kuno zuckte mit den Schultern.
»Ja, im Flur«, sagte Okko. »Ich steh vor dem Haus, guck durchs Fenster und sehe, dass da jemand liegt.«
»Mann oder Frau?«, fragte Kuno, der in diesem Moment begriff, dass er den Kriminalroman, den er vor dem Hereinplatzen des Reporters zu lesen begonnen hatte, an diesem Wochenende würde vergessen können.
»Ich seh nur die Füße.«
»Und woher willst du wissen, dass die Person tot ist?«
Okko blieb eine Weile stumm. »Würde mich wundern, wenn nicht«, erklärte er endlich. »Die Beine rühren sich nicht und irgendwie ... Das Gesamtbild ... Also ...«
»Hast du versucht, ins Haus reinzukommen?«
»Die Tür ist abgeschlossen, und die Fenster sind fast alle zu. Nur das Klofenster steht schräg.«
»Pass auf.« Kuno stand auf und machte Friedrich ein Zeichen, dass er ihm in den Flur folgen solle. »Ich ruf sofort die Rettung an, und dann komm ich dahin. Du gehst jetzt den Bohlenweg zurück bis zum Schnellimbiss an der Wandelbahn und wartest da auf mich.«
»Warum das denn? Ich bleib hier und pass auf.«
»Dass die Leiche nicht flieht? Du machst, was ich sage. Oder hast du am Dünenhaus Leute um dich?«
»Nee, ich bin alleine.«
»Dann rufst du jetzt den Friedrich an und telefonierst schön mit ihm, während du zur Imbissbude gehst.«
Okko schnaubte. »Was soll denn der Kinderkram?«
»Bruderherz, wo hast du deinen Verstand gelassen? Falls da ein Mörder herumläuft, wird der von einer Begegnung mit dir auf einsamer Flur so begeistert sein, dass er dir womöglich vor lauter Freude eins überbrät. Wenn du telefonierst, bis du am Imbiss und damit in Sicherheit bist, wissen wir wenigstens, dass du lebst.«
[…]

Der Inselreporter faltete seinen schlaksigen Körper zusammen und verstaute ihn auf dem Beifahrersitz des Golfs. Er legte sein Handy auf den Knien ab und stellte es auf Lautsprecher. »Du bist nach wie vor auf Sendung«, sagte er zu dem Gerät. »Erzähl uns, wo du langgehst, Okko, und welche komischen Vögel dir begegnen. Hoffentlich springt kein Mörderhai aus dem See.«
[…]

Aufgebracht schlug Friedrich sich aufs Bein. Das Smartphone polterte auf die Fußmatte. Er bückte sich und hob es auf.
Kuno warf einen Blick auf das Display. Die Verbindung stand noch. »Okko?«, rief er vorsichtshalber.
Das Stampfen von Füßen, die über Holzbohlen rannten, hallte durch den Fahrgastraum.
Den Blick wieder konzentriert auf die schmale Landstraße gerichtet, beugte Kuno sich zu Friedrich hinüber. »Okko? Okko, sag doch was. Melde dich!«
Die aufgeregten Möwen teilten Kuno etwas mit. Wenn er doch nur verstehen könnte, was sie sagten!
Kuno gab Gas.
»Du weißt, dass hier manchmal geblitzt wird«, sagte Friedrich, der Schlauberger ohne Führerschein.
»Ist mir das vielleicht wurscht, wenn mein Bruder womöglich ohnmächtig im Wasser liegt?« Elegant wich Kuno einem Fasan aus, der am Straßenrand entlang spazierte und sich zu weit auf die Fahrbahn traute.
»Der Vogel hat Glück gehabt, dass kein Gegenverkehr war«, feixte Friedrich. »Sonst wäre er heute Abend in den Backofen geflogen.« Er nahm das Smartphone in die Hand und rief hilflos hinein: »Okko? Okko?«

Im Kindle-Shop: Die Tote im Dünenhaus (Ein Fall für die Kripo Wattenmeer 6).
Mehr über und von Ulrike Busch auf ihrer Website.



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