29. April 2019

'Fressfeind' von Mikael Lundt

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Ein Biest geht um in Kommissar Hausmanns beschaulichem Kleinstadtrevier. Ein Mann wird brutal ermordet und ausgeweidet. Das Mysteriöse an der Tat: Dem Opfer fehlt jegliches Körperfett. Hausmann steht vor einem Rätsel. Zugleich empfängt der Hobby-Alienjäger Henry mysteriöse Signale, die von Außerirdischen zu stammen scheinen.

Bald gibt es weitere Tote. Spuren führen zu einem hochgeheimen Labor. Treiben tatsächlich Aliens ihr Unwesen auf Erden oder hat sich der Mensch selbst einen neuen Fressfeind geschaffen, der skrupellos mordet?

Eine rasante Jagd zwischen Crime und Science-Fiction mit Mystery-Faktor und einer Portion Augenzwinkern.

Leseprobe:
Genesis
Die Leitplanken der Evolution sprühten Funken. Einst unsichtbar von der Natur in allen Wesen angelegt, um das Leben in geordneten Bahnen zu lenken, wurden sie nun aufs Äußerste strapaziert.
Im Mikrokosmos des Reaktionsraums verglühten die Bausteine des Lebens in einem Strahl aus unbarmherziger Energie. Er zerfetzte Verbindungen, die von einer inhärenten Logik über Jahrmillionen zusammengefügt wurden. Bruchstücke wirbelten herum wie Granatsplitter in einem Gefecht; Zellen implodierten, wurden mit anderen Fragmenten verschmolzen, trieben davon im Strom der Elemente, rissen andere mit. Aminosäuren gingen in superkritischen Zustand über und Enzyme spalteten heiß und hungrig die DNA. Das Erbgut brodelte wie ein Suppentopf auf der Schnellkochplatte. Gleich müsste sie unweigerlich anbrennen und ungenießbar werden.
Doch es schlich sich ein Muster ins wütende Chaos, eine Resonanzfrequenz schwoll an, ein glockenheller Klang im rauen Mutationsgetöse. Wie Wurzeln, die Erdreich durchwühlen, pflanzte sich die Reaktion fort – nur tausendfach schneller. Sie erschuf eine Struktur. Sie war fest wie Kristall und biegsam wie Pappelzweige. Eine hybride Genesis erwuchs aus den Resten zerstörten Lebens. Der Keim wucherte, entfaltete sich und nährte sich an der Kraft, die ihn erschaffen hatte – längst immun gegen ihre eben noch zerstörerische Wirkung. Millisekunden wurden zu Jahrtausenden. Das Wachstum explodierte, verschlang und verwandelte gierig alles Gewebe um sich herum. Dann wurde die Materie zu purer Energie. Sie bahnte sich den Weg in die Freiheit.

Energie
Es stank nach Iltis. Oder nach Yak. So genau konnte man es nicht sagen. Es war ein beißender Gestank, wie eine Mischung aus Urinstein und Rattenkot, aus Erbrochenem und faulem Fleisch. Nichts von dem war im zittrigen Licht der Neonröhre zu erkennen, welche die Unterführung spärlich erhellte. Aber es war gewiss da, in den vielen Ritzen und Ecken, die im Schutz der Dunkelheit blieben. Dort lag sicher auch der eine oder andere Kadaver und rottete seit Wochen vor sich hin. Kaum einer wollte diesen verseuchten Gang unter den alten Gleisanlagen freiwillig benutzen, aber es war der einzige halbwegs kurze Weg zur anderen Seite des Bahnhofs.
Jacky hatte an diesem Morgen ebenfalls keine Zeit für zweieinhalb Kilometer Umweg. Höchstens für ein paar letzte saubere Atemzüge. Sie stand vor der Treppe zur Unterführung und atmete mehrmals tief ein und aus, bevor sie die Luft anhielt. Dann trat sie den Weg nach unten an. Er kam ihr jedes Mal vor, als täte sich vor ihr der Schlund eines Monsters auf. Und es war ein Monster mit wüstem Mundgeruch.
Sie tauchte hinab in die feuchte Röhre aus Beton und ging, so schnell es ihr möglich war, die 87 Schritte bis zum hinteren Ende. Sie zählte immer mit. Mal waren es 84, mal 92 Schritte, aber im Durchschnitt 87. Sie zählte sie, um sich von der Luftnot abzulenken. Es wirkte. Doch gegen Ende spürte sie trotzdem, wie ihre Lunge brannte. Sie hastete die Treppen hinauf und streckte gierig den Kopf in den Wind – er trieb den üblen Geruch fort. Am schwarzgrauen Himmel bekamen die Wolkenfetzen einen ersten Hauch von Kontur.
Jacky nahm sich eine Minute, um Luft zu holen. Vor ihr schwang sich die marode Stahlbrücke in 20 Metern Höhe über zwei Dutzend Gleise. Es war nur noch die Hälfte in Betrieb. Jenseits der Brücke wartete der Güterbahnhof. Und der größte Supermarkt der Stadt – der mit den besten Sonderangeboten. Jacky wäre rechtzeitig dort, wenn er um 7:00 Uhr öffnete. Und wenn sie sich beeilte, wäre sie zurück, bevor Jens aufwachte. Das war das Wichtigste, denn ohne sein Morgenbier wäre er wahnsinnig mies drauf. Jacky rieb sich die knochige Schulter und erinnerte sich an gestern Abend, als das Bier ausgegangen war. Er bekam schnell schlechte Laune.
Sie hatte die Brücke fast überquert. Am Containerterminal ragten die Frachtcontainer vier Etagen hoch – eine rostige Häuserzeile aus Stahlblech und losem Lack. Noch war kein Betrieb. Außer dem Säuseln des Windes in den Containerschluchten hörte man kaum etwas.
Mit einem Mal stellten sich ihr am ganzen Körper die Haare auf. Jacky blieb stehen. Energetisches Knistern und Summen durchbrach die Stille. Das Brückengerüst vibrierte, als wollte es abheben.
Was zum Henker?
Dann sauste ein Kugelblitz am Himmel entlang. Jacky riss den Kopf herum und verfolgte seinen Weg. Der grelle Lichtfleck steuerte genau auf die Häuser der Bahnhofsstraße jenseits der Unterführung zu. Sie wusste nicht, warum, aber sie war sich sicher, das Ding würde genau in ihr Haus einschlagen. Ihr passierte immer die dümmste Scheiße. Sonderangebote hin oder her, Jacky machte kehrt und rannte über die Brücke zurück – und durch den Kadavertunnel.
Der Dachstuhl qualmte. Es war tatsächlich ihr Haus. Nummer 63. Sie stürmte durch die Tür und hetzte die Treppen hoch, bis ganz nach oben. Ihre Wohnung lag direkt unter dem Dachboden. Alles war dunkel und voller Nebel, der Strom schien ausgefallen.
Ihre Wohnungstür stand offen. Sie rieb sich die Augen. Träumte sie? Sie hätte fliehen müssen. Das war genau der richtige Zeitpunkt, um sich auf und davon zu machen, alles stehen und liegen zu lassen. Aber trotz allem drängte sie etwas, nachzusehen.
Was war mit Jens?
Ohne weiter zu zögern, schlich sie hinein. Aus dem Schlafzimmer hörte sie Gurgeln und Grunzen. Die Tür war halb geöffnet. Jackys Körper wurde steif. Vor dem Bett stand mit dem Rücken zu ihr ein schuppiges, hünenhaftes Biest mit langen Klauen. Dahinter lag Jens. Es hatte ihn aufgeschlitzt, seinen ganzen fetten Wanst. Die Augen quollen heraus.
Jacky schrie nicht, sie weinte nicht. Der groteske Anblick bereitete ihr auf eine merkwürdige Art sogar ein wenig Befriedigung. Dann traf sie die Erkenntnis, dass ihr womöglich das Gleiche drohte, sobald sich das Ungetüm umdrehte. Sie stolperte rückwärts ins Wohnzimmer und stürzte über den Couchtisch. Im Fallen räumte sie Dutzende Bierflaschen und übervolle Aschenbecher ab.
Das Ungetüm drehte ruckartig den Kopf herum und riss die restlichen Eingeweide aus Jens‘ Bierbauch, Blut und andere Flüssigkeiten flossen heraus. Dann kam es ihr nach. Das Monstrum gab ein nasales „Griggelgriggel“ von sich und wedelte mit einem überlangen Saugrüssel in Jackys Richtung. Es warf die Gedärme zur Seite und machte einen Satz auf sie zu.
Jacky versuchte, sich zur Seite zu rollen, aber sie war zwischen Bierkästen und Couch eingeklemmt. Das schuppige Biest begrub sie unter sich. Das Letzte, was sie wahrnahm, war ein ätzender Gestank – übler, als jener in der Unterführung jemals gewesen war. Dann senkte sich alles in Schwärze.

Im Kindle-Shop: Fressfeind.
Mehr über und von Mikael Lundt auf seiner Website.



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