9. Juli 2019

'Regatta in die Liebe: Ein Sizilien-Roman' von Lisa Torberg

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Sizilien, Sonne, Meer, ihr Ex eine ferne Erinnerung – und keine lästigen Männer in Sicht, bis …

Gina liebt ihr Leben zwischen dem bunten Markttreiben, dem kleinen Lokal an der Küste und den ruhigen Abendstunden beim Leuchtturm. Jetzt will sie nur noch den Traum ihres verstorbenen Vaters verwirklichen und mit seiner alten Segeljacht an der historischen Regatta teilnehmen. Das Einzige, was ihr weiterhin fehlt, ist ein Segelpartner ...

Leonardo arbeitet die Überfahrt von Tunis in seine alte Heimat auf einem Fischkutter ab. Nach dreizehn Jahren will er seinen Ziehvater wiedersehen, in dessen Bootswerkstatt arbeiten – und die Vergangenheit vergessen. In der Werft stolpert er über eine aufgebockte Holzjacht, die ihn sofort fasziniert. Und dann lernt er die Frau kennen, der sie gehört ...

Der Roman ist in sich abgeschlossen und gehört nicht zu einer Serie. Weitere Bücher von Lisa Torberg auf ihrer Autorenseite.

Leseprobe:
Sie hatte immer gedacht, dass es im Leben auf die großen Dinge ankommt. Ein Haus mit so vielen Zimmern, dass der Platz nie knapp wird, eine Limousine, in der man auf der Rückbank sitzen kann, ohne mit den Knien an den Vordersitz zu stoßen, und ein gut gefülltes Bankkonto. Eines, das sich wie von selbst ständig füllt, sodass man nie darüber nachdenken muss, was und ob man es sich leisten kann.
Das alles hatte sie gehabt – und wieder verloren.
Und trotzdem spürte sie jetzt den inneren Frieden, der sie erfüllte, obwohl sie an dem Ort war, den sie viele Jahre lang so sehr gehasst hatte.

Gina konnte sich nicht genau erinnern, wann sie dieses Ekelgefühl entwickelt hatte, aber es war irgendwann zwischen dem vierten und letzten Grundschuljahr gewesen. Sobald die Sommerferien begannen, fuhr sie mit ihrer Mutter jeden Tag auf einen anderen Wochenmarkt in den umliegenden Gemeinden. In ihrem Stand verkauften sie das auf ihrem Land angebaute Gemüse, allem voran Artischocken, selbst gemachte Konserven, Oliven, den Honig ihrer Bienen und manchmal auch Fisch, den ihr Vater im Morgengrauen vor der Küste ihres Heimatorts Torretta Granitola fing, wenn er nicht schlafen konnte. Es war ein strahlend blauer Sommertag gewesen, als dieses Mädchen, das kaum älter war als sie selbst, vor ihrem Marktstand stehen geblieben war und sie von oben bis unten musterte, bevor sie ihrer Mutter etwas ins Ohr flüsterte. Die elegant gekleidete Frau hatte in ihre schicke Handtasche gegriffen und einen Geldschein hervorgeholt. Mit einem Blick, der irgendwo zwischen Mitleid und Abscheu angesiedelt war, hatte sie ihr die zwanzig Euro hingehalten. »Kauf dir was zu essen, mein Kind«, hatte sie in unsicherem Italienisch mit starkem Akzent gesagt – und Gina in einen emotionalen Abgrund gestürzt.
Ihre Mamma war mit den Kunden beschäftigt und hatte nichts mitbekommen. Als Melina ihre Tochter in den darauffolgenden Wochen, Monaten und Jahren immer wieder fragte, was denn mit ihr los sei, erhielt sie keine Antwort. Versuchte sie zu verstehen, warum Gina nur stumm vor sich hinstarrte und um nichts in der Welt sonntags mit ihr und dem Vater nach Mazara fahren wollte, wo sie früher stets Eisessen waren, antwortete sie nicht. Sie zog sich immer mehr zurück, wurde einsilbig und unnahbar und saß stundenlang unter dem riesigen Olivenbaum, um aufs Meer zu starren und ihren Träumen nachzuhängen.
Gina wollte weg von dieser Insel – so rasch wie möglich und egal wie. Mit jedem Jahr, das verging, wurde ihr Wunsch übermächtiger, bis er sich erfüllte. Mit wehenden Fahnen und ohne zurückzuschauen, verließ sie mit Roberto und seinem Ring an ihrem Finger am Tag nach ihrem achtzehnten Geburtstag, der auch der Tag ihrer Hochzeit gewesen war, ihre Heimat und ihr Elternhaus und begann in Mailand das Leben, das sie sich immer gewünscht hatte.
Allein der Gedanke an die Durchschnittlichkeit der Menschen in Sizilien, die jeden Tag der Woche dem Festmahl nach dem sonntäglichen Kirchgang voller Vorfreude entgegenblickten und dieses als Höhepunkt ihres Lebens ansahen – sofern man von Weihnachten und Ostern absah –, ließ sie damals schaudern. Nie, nachdem sie weggegangen war, hatte sie das Bedürfnis verspürt, auch nur für wenige Tage hierher zurückzukehren.
Roberto hatte ihre Entscheidung nie hinterfragt, im Gegenteil, er war froh darüber. Hätte Gina den Entschluss nicht von selbst getroffen, hätte er es für sie getan. Doch das wurde ihr erst nach einiger Zeit klar, als sich ihre anfängliche Verliebtheit legte und sie seinen wahren Charakter erkannte. Um sein Gewissen zu beruhigen, hatte ihr Mann ihren Eltern Flugtickets geschickt, damit sie Weihnachten miteinander verbringen konnten, aber die beiden hatten sich weder in der riesigen Stadt noch in der elegant eingerichteten Wohnung wohlgefühlt. Wie Fische, die von der rauen See auf den Strand geworfen wurden, hatten sie gewirkt – und waren nie wiedergekommen. Die sonntäglichen Telefonate blieben jahrelang Ginas einziger Kontakt mit den Eltern und ihrer Heimat. Sprachen die Geschäftsfreunde ihres Mannes und deren Frauen begeistert von ihren luxuriösen Aufenthalten in Taormina oder einem der eleganten Golfresorts Siziliens, machte sie sich noch kleiner und unsichtbarer, als sie war. Obwohl sie sich die Mühe hätte sparen können – sie bemerkten sie bei solchen Gelegenheiten ohnehin nicht.
Für Roberto war sie sowieso nicht mehr als ein hübsches Mitbringsel aus dem Urlaub, das er geheiratet und ganz nach seinen Wünschen geformt hatte. Dass sie vierzehn Jahre jünger und »eine heiße Südländerin« war, machte ihn in den Augen seiner überheblichen und oberflächlichen Freunde zu einem Glückspilz. Sobald sie sich von ihren Begleiterinnen unbeobachtet fühlten, glitten ihre gierigen Blicke von Ginas dunklen Locken zu ihrer beachtlichen Oberweite, die sich ihre Frauen und Geliebten von plastischen Chirurgen vergrößern ließen, und weiter zu den gerundeten Hüften – und manchmal verirrte sich eine Hand an ihren Po. Anstatt sie zurechtzuweisen, lachte ihr Mann in solchen Momenten und meinte: »Jetzt stell dich doch nicht so an, Gina!«

Bei dem Gedanken, der so real wirkt, als ob es soeben erst wieder passiert wäre, grub Gina unwillkürlich die Fingernägel durch den Stoff der Jeans in ihre Oberschenkel, bis der Schmerz sie zusammenzucken ließ. Sie lockerte den Griff und legte den Kopf ein wenig zurück, um nach oben zu schauen. Mit dem Rücken lehnte sie gegen die Rinde des knorrigen Olivenbaums, den bereits der Urgroßvater ihres Urgroßvaters gepflanzt hatte. Seine Äste bildeten ein schützendes Dach und zwischen seinen Blättern säuselte der Libeccio, der warm aus Afrika über das Mittelmeer herüberwehte und den Frühlingsabend zum ersten angenehmen des Jahres machte.
»Wusste ich’s doch, dass du vor dem Schlafengehen wieder hier sitzt, sobald die Temperatur es zulässt.« Sie hatte Rosa gar nicht kommen sehen, die jetzt mit einem tiefen Seufzer zu Boden sank und sich neben ihr an den ausladenden Baumstamm lehnte. Die Dunkelheit wurde nur noch von den Sternen am wolkenlosen Himmel und dem nahen Leuchtturm von Capo Granitola, dessen Lichtstrahl in regelmäßigen Abständen aufblinkte, erleuchtet.
»Du solltest doch schon längst im Bett sein.« Gina griff nach Rosas Hand und strich über die Schwiele an ihrem Zeigefinger, die von dem Messer herrührte, mit dem sie heute wieder stundenlang die bald letzten Artischocken der Saison, die sie liebevoll nur mit der sizilianischen Bezeichnung cacocciuli nannte, geputzt hatte – neben all der Arbeit, die im Lokal anfiel.
»Und du nicht? Wenn mich nicht alles täuscht, bist du auch schon seit fünf Uhr auf den Beinen und sitzt immer noch da.«
»Das ist doch ganz etwas anderes«, wiegelte sie ab und zog ihre Hand zurück. Blitzschnell griff Rosa danach und drückte ihre Finger so fest zusammen, bis sie ihren Blick erwiderte.
»Findest du? Ich wusste nicht, dass wir mit zweierlei Maß messen. Liegt das daran, dass ich deine Mutter sein könnte?« Die Worte sprudelten einfach so aus Rosas Mund, und als sie bemerkte, was sie gesagt hatte, war es bereits zu spät.
Tränen traten in Ginas Augen. Hektisch sprang sie auf, wischte mit den Händen die verräterischen Spuren aus ihrem Gesicht und versuchte sich in einem Lächeln.
»Komm, es ist spät. Lass uns schlafen gehen.«
Ohne sich noch einmal umzudrehen, lief sie auf den ehemaligen aus Stein erbauten, renovierten Stall zu, in dem sie lebte. Seit gut vier Jahren – und allein. Und soeben war ihr wieder klar geworden, dass sie daran nichts ändern wollte, obwohl Rosa sie nahezu täglich darauf ansprach, zu ihr in das Doppelhaus zu ziehen. Sie war froh, dass sie den Teil davon, in dem sie aufgewachsen waren und wo ihre Eltern gelebt hatten, als Lager und für ihre Arbeit verwendete und nicht zwischen erdrückenden Erinnerungen leben musste.
Ohne das Licht anzumachen, hängte sie die Jacke auf, streifte ihre Kleidung Schicht für Schicht ab und ging ins Bad. In der geräumigen Duschkabine legte sie den Hebel um und griff nach der Handbrause, damit die Haare nicht nass wurden. Wenige Minuten später lag sie im Bett. Damals, in Mailand, brauchte sie abends allein zum Abschminken länger als heute für ihre gesamte Abendtoilette. Die Vorstellung, wie entsetzt Roberto wäre, wenn er das wüsste, ließ sie in der Dunkelheit kichern und vertrieb den schmerzlichen Gedanken an ihre Eltern allerdings nicht lange, denn als sie die Augen schloss, sah sie ihre Gesichter plötzlich vor sich. Sie waren beide abgearbeitet und müde, aber sie lächelten ihr zu. »Mi dispiace tanto, Mamma. Es tut mir so leid, Papà«, flüsterte sie und schluckte den Kloß, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, hinunter. Dann umklammerte sie das Kissen und rollte sich wie ein Embryo zusammen – wie jeden Abend.

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