3. Juni 2019

'Kolumbianische Scheidung: In Sumpf der Pharmaindustrie' von Philipp Aeby

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Der erfolgreiche Schweizer Jungunternehmer Henry geht nach Kolumbien, um die Heimat seines Vaters kennen zu lernen. Dort gerät er an einen unangenehmen, zwielichtigen Auftraggeber. Zur gleichen Zeit verschwinden immer wieder Menschen aus dem benachbarten Slum. Wie hängt dies alles zusammen? Hat ein bedeutender, ortsansässiger Pharmakonzern damit zu tun? Henry stellt Nachforschungen an und gerät dabei selbst in tödliche Gefahr.

"Außerordentlich spannend: Der Schweizer Autor Philipp Aeby schildert in 'Kolumbianische Scheidung' die rücksichtslosen Bereicherungs-Deals globaler Unternehmen. Die Handlung dieses Thrillers hat Aeby in einer Chronologie atemraubender Spannung aufgebaut. Das Buch erzählt nicht nur eine verrückte Geschichte, sondern gewährt auch den Blick in die Welt hinter den Kulissen der Pharmaindustrie. Zugleich ist es eine schöne Liebesgeschichte, als Leser kommt man von der Lektüre nicht mehr los". — Nürnberger Nachrichten

Leseprobe:
Die Hütte war auf Pfählen an den steilen Hang gebaut und hatte keine Fenster. Im Innern war es dunkel und stickig. Das wenige Licht kam durch die Fugen zwischen den grob gezimmerten Holzplanken und durch ein kleines Gitter im Blechdach.
Henry saß an einem niedrigen Tisch neben dem Eingang und beobachtete, wie der alte Mann Häute und Knochen in einem metallenen Topf über dem offenen Feuer auskochte. Die Herstellung von Gelatine war eine langwierige Arbeit und wegen des beißenden Gestanks, der manchmal von der Hütte ausging, hatte sich der Alte mit allen Nachbarn zerstritten.
„Hören Sie, Abelardo“, begann Henry von neuem. „Ich wurde von niemandem geschickt. Ich bin hier, weil ich mich für das Viertel interessiere. Was die Leute denken und wie sie hier leben. Sie sind vor über zwanzig Jahren zugezogen und haben vieles gesehen und gehört.“
Abelardo schüttelte den Kopf. Er kauerte neben der Feuerstelle und rührte hin und wieder mit einer Art hölzernen Schöpfkelle in der brodelnden Brühe. Für alle Süßigkeiten, die im Viertel hergestellt und frühmorgens von den Straßenverkäufern ins Stadtzentrum getragen wurden, lieferte er das Geliermittel. Doch er schien seine Hütte nie zu verlassen und niemand wusste, wo er die vielen Schlachtabfälle her hatte.
Henry blickte nervös auf die Uhr. Der Tag neigte sich dem Ende zu. Alto Aguacatal war eines der ärmsten Viertel in der Stadt Cali und es war bestimmt keine gute Idee, bei Einbruch der Dunkelheit noch hier zu sein. „Ich bin Schweizer“, sagte er mehr zu sich selbst. „Ich habe mit den hiesigen Querelen nichts zu tun, gehöre keiner Seite an …“
„Du bist Kolumbianer“, fuhr ihm der alte Mann über den Mund. Er sprach langsam und war beinahe zahnlos. „Dein Vater ist Kolumbianer. Schwarzer Kolumbianer. Denkst du, ich weiß nicht über dich Bescheid? Wie du dich in unserem Viertel herumtreibst und die Leute ausspionierst? Du bist ein Komplize von Hermann, dem Deutschen. Aber mich jagt ihr nicht davon. Vor vielen Jahren wurde ich aus meinem Dorf vertrieben, doch in diesem Haus werde ich sterben.“
„Nein, Abelardo, Sie täuschen sich in uns“, antwortete Henry heftig. „Hermann ist hier im Viertel um zu helfen. Er hat eine Bäckerei aufgebaut und organisiert Weiterbildungen. Das sind doch gute Sachen. Und ich bin bei meiner Mutter in der Schweiz aufgewachsen. Hermann kenne ich nur, weil ich in der Zeitung über ihn gelesen habe.“
„Frustriert guckte er durch die Ritzen im Fußboden. Es ist sinnlos, dachte er, dieser Greis ist starrköpfig und verdächtigt die ganze Welt. Auf einmal bemerkte er, dass Abelardo aufgehört hatte, im großen Topf zu rühren. Ein leiser Luftzug wehte die Hitze und den Geruch nach feuchter Holzkohle von der Feuerstelle herüber. Dann plötzlich ertönte ein Schuss. Henry duckte sich und bewegte sich unwillkürlich vom Eingang weg. Etwas schlug auf der steilen Treppe vor der Hütte auf. Kurz darauf vernahm er von draußen ein undeutliches Röcheln. Der alte Mann verzog keine Miene. Er lehnte die Schöpfkelle behutsam an den Topfrand, versuchte den Schein des Feuers mit einem Holzbrett nach außen abzudecken und zog aus einer verborgenen Nische ein langes Messer hervor. Bange Momente vergingen, bis ein lautes Stöhnen die Stille durchbrach. Henry bekam Angst. Seine Gedanken rasten und sein erster Impuls war hier wegzukommen. Als er die Tür vorsichtig einen Spalt öffnete und nach draußen spähte, sah er direkt vor sich einen völlig verwahrlosten Mann zusammengekrümmt auf den Betonstufen liegen. Der Mann hatte lange schwarze Haare und ein von Schmerzen verzerrtes Gesicht. Henry konnte niemanden sonst entdecken. Er sprang aus der Hütte und kniete neben dem Verletzten nieder, der ihn mit weit aufgerissenen Augen panisch anstarrte. Sein Atem ging stoßweise und Blut strömte unter seiner Hand hervor, die er mit aller Kraft gegen den linken Oberarm presste. Das Blut durchtränkte sein verwaschenes T-Shirt und färbte die Treppenstufe tiefrot. Henry wurde übel. Er brauchte dringend einen Verband, um die Blutung zu stoppen. Die umliegenden Hütten schienen verlassen zu sein, obwohl er Dutzende Blicke auf sich spürte. Henry eilte in Abelardos Hütte zurück. Als er durch die Tür trat, war der alte Mann verschwunden.

***

Patrick Bock blickte durch das Eckfenster auf die Brooklyn Bridge und die Zwillingstürme des World Trade Centers. Es war schon dunkel. Überall leuchteten weiße und rote Lichter. Tausende von Autos bewegten sich lautlos in den Straßenschluchten und auf der Stadtautobahn, nur einzelne Sirenen durchbrachen die Stille. Er saß auf seinem Hotelbett im 44. Stock des Millenium Hilton und war froh, wieder in New York zu sein. Vor zehn Minuten hatte ihn die Limousine nach einer Fahrt von New Haven, die wegen des vielen Verkehrs fast drei Stunden gedauert hatte, vor dem Hotel abgesetzt. New Haven war zwar Sitz bedeutender Institutionen wie der Yale-Universität, aber gleichzeitig verströmte die Stadt einen provinziellen Mief, vor dem es Patrick in den USA immer grauste. Überhaupt war er unzufrieden. Wieso machte er diese Arbeit eigentlich immer noch? Er beschloss, sich etwas zu gönnen, sobald er in London war. Aber zuerst wollte er versuchen, einen klaren Kopf zu bekommen. Musste er die Operation Sierra abbrechen, weil alles zu riskant geworden war?
Er erhob sich vom Bett und begann im Zimmer auf und ab zu laufen. Er war groß und hatte einen federnden Gang, wie jemand, der schon seit früher Kindheit Sport gemacht hatte. Der kurze Schnitt seiner dunkelblonden Haare und die schmalrandige Hornbrille unterstrichen die hohe Stirn. Er trug ein hellblaues Hemd aus teurem Stoff und eine dunkle Anzugshose. Vor der Minibar hielt er inne und lockerte den Krawattenknopf. Dabei betrachtete er ein großes Glas mit Cashewnüssen, unschlüssig, ob er nicht lieber essen gehen wollte. Schließlich nahm er aus dem Kühlschrank ein Bier, das wohl recht fade schmecken würde, und goss es in ein schmales Wasserglas. Es war kurz nach neun Uhr abends. Nur vier Stunden vorher hatte er Bob Gabriel gegenübergesessen. Bob hatte Neuigkeiten, von denen sie beide nicht wussten, ob sie gut oder schlecht waren. Auf jeden Fall kamen sie überraschend.
„Du weißt, Patrick, es ist streng vertraulich und eigentlich darf ich mit niemandem darüber sprechen!“
Patrick versuchte, Bob in die Augen zu blicken, doch dieser starrte auf die Ledermappe, die vor ihm auf dem Tisch lag.
„Ich vertraue dir; schließlich haben wir lange genug zusammengearbeitet“, fuhr Bob fort, „doch diese Sache ist heikel. Selbst ich wurde nur aufgrund besonderer Notwendigkeiten eingeweiht. Ich vermute, dass weltweit nur ein Dutzend Personen davon wissen.“
Bob genoss diesen Moment. Er lehnte sich im Drehstuhl zurück, faltete theatralisch seine Hände und ließ seinen Blick zur Decke wandern. Patrick versuchte gleichgültig zu wirken. Du Fettsack, dachte er, komm schon raus damit!
„Nun, es ist der Konkurrenz nicht entgangen, dass unsere außerordentlich starke Performance von der Börse noch wenig honoriert wurde. Oder anders ausgedrückt, dass wir eine der letzten mittelgroßen Pharmafirmen sind, die Teil eines grenzüberschreitenden Deals sein könnten. Und haben wir nicht deshalb deine Dienste in Anspruch genommen, weil wir fest an das Potential von Verkusen glauben?“ Bob schaute Patrick fest in die Augen.
„Mit wem laufen die Verhandlungen?“ wollte Patrick wissen.
Bob kippte seinen Drehstuhl etwas nach hinten, um wieder die Decke studieren zu können.
„Das kann ich natürlich nicht sagen, aber ich gebe dir einen Tipp: Die Interessenten haben ihren Hauptsitz nicht weit von deinem Büro entfernt.“
„Senta also!“ schoss es Patrick durch den Kopf. Das war nicht völlig abwegig. Schon lange wollten die Investmentbanken Verhandlungen zwischen Verkusen Pharmaceuticals in New Haven und der Senta & Cie AG in Basel anstoßen. Letztere machte fast doppelt so viel Umsatz wie Verkusen, galt aber in der Pharmaindustrie nach den Fusionen der großen Konkurrenten inzwischen selbst als Übernahmekandidat. Zudem ergänzten sich die Produktpaletten der beiden Firmen hervorragend. Eine fusionierte Firma hätte eine besonders starke Stellung bei Medikamenten gegen Herz-Kreislauf- und Infektionserkrankungen.
„Und was bedeutet das für unser Projekt?“ fragte Patrick.
Bob lächelte gütig. „Mein lieber Patrick, ihr von Scots seid unsere bevorzugten Strategieberater. Egal ob im Alleingang oder mit einem neuen Partner, es gibt einige Bereiche in Marketing und Vertrieb, in denen wir uns verbessern müssen.“
Bob Gabriel war der Vizepräsident für Marketing & Sales Operations von Verkusen in den USA. Er hatte sich sehr stark dafür eingesetzt, dass Patrick und sein Team von Scots & Partner das lukrative Beratungsmandat bekamen.
Doch Patrick schüttelte den Kopf. „Was mir Sorgen macht, ist eher die Operation Sierra. Wer weiß, was ein neuer Vorstand dazu sagen würde.“
Aus dem Gesicht von Bob verschwand jegliche Spur von Jovialität. „Das ist deine Sache, Patrick, damit habe ich nichts zu tun.“

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Mehr über und von Philipp Aeby auf seiner Website.



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