16. September 2019

'Der lange Schatten der Lüge' von D.W. Crusius

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website D.W. Crusius | Autorenseite im Blog
Harry Stiller, gerade aus dem Gefängnis entlassen, steht vor dem Abgrund. Völlig mittellos nimmt er einen Job als Putzmann in einer Kneipe an. Aber seine Vergangenheit lässt ihn nicht los.

Ein Beamter des BKA taucht in der Kneipe auf. Vor Jahren hat er in der Libyen-Affäre ermittelt und war daran beteiligt, Harry hinter Gitter zu bringen. Jetzt hat sich das Blatt gewendet, der Mann vom BKA braucht Harrys Hilfe. Harry hatte in Libyen engen Kontakt zu einem Russen, der im Auftrag des Mossad über Jahre Informationen gesammelt hat, die geeignet sind, die deutsche Regierung zu stürzen. Ein gefährliches Spiel um Lüge und Wahrheit beginnt.

Leseprobe:
Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man aus dem Gefängnis entlassen wird. Freiheit kann einem gewaltig aufs Gemüt schlagen. An dem Tag regnete es, das kam noch dazu. Der Beamte, der mich zum Tor brachte, senkte seine Stimme. »Ein gut gemeinter Rat. Geh vorsichtig über die Straße, du hast das verlernt. Sag ich dir aus Erfahrung. Wär Mist, wenn du an der nächsten Kreuzung von einem LKW erwischt wirst.«
Er richtete sich auf und sprach jetzt so streng wie möglich, wie sich das für einen Vollstrecker des Gesetzes gehört: »Will dich hier nicht mehr sehen.«
Gib ihm einen weisen Abschiedsgruß mit auf den Weg.
So steht es vermutlich im Vollzugsgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen.
Krachend schlug hinter mir die eiserne Pforte zu. Der kalte Regen lief mir übers Gesicht in den Kragen der Parka. Ich fischte eine zerdrückte Packung Zigaretten aus der Manteltasche, im Gefängnis auf Vorrat gedreht, steckte eine zwischen die Lippen, zog das Feuerzeug aus der Tasche und schnippte mehrmals. Das Scheißding wollte nicht. Ich schüttelte, schnippte erneut – nichts. Nass geworden. Ich friemelte die Zigarette zurück in die Packung. Der typische Raucher war ich nicht, hatte es mir im Knast so nebenbei angewöhnt. Ich ging die Straße runter, eine Querstraße nach links. Rechts waren Gleise von der Straßenbahn. Hier sollte es eine Kneipe geben, erzählte man sich im Gefängnis, erste Anlaufstelle, wenn man rauskam. Ein Stück weiter sah ich ein Blechschild an einem Galgen im Wind hin und her schaukeln. Ich ging hin, blieb drunter stehen. Zum Hannes stand auf dem Schild. Misstönend klappernd pendelte das Schild im Wind hin und her. Ich stieg die zwei Stufen hoch und drückte gegen die Tür. Knarrend schwang sie auf. Wie eine massive Wand schlug mir muffiger Bier- und Zigarettendunst, Schweiß und verbrannte Zwiebeln entgegen. Es war dunkel. Entweder sie hatten noch nicht geöffnet oder es war schon geschlossen oder sie hatten vergessen, das Licht anzumachen. Oder die Stromrechnung nicht bezahlt.
»Hallo … keiner da?«
Hinter dem Tresen röchelte es, als läge jemand im Sterben. Misstönend quietschte es, wie eine Zellentür im Knast. Ein Kopf, der was von einem grauen, Jahrzehnte benutzten Wischmopp hatte, schob sich über die Kante des Tresens, und ein altes Männchen kam hochgekrochen. Er hatte wohl hinter dem Tresen gepennt. Auf dem Kopf mitten im Haargewurschtel hatte er einen kahlen Fleck. Ich dachte, da kommt noch mehr, aber es blieb bei dem Wischmopp, dem kahlen Fleck und dem faltigen Hals.
»Augenblick«, sagte er und griff zur Wand, drehte einen Schalter. Ein paar trübe Funzeln flackerten müde von der Decke.
»Ist offen?«
»Wonach sieht es denn aus!«
Gute Laune hatte der Wischmopp nicht. Die tiefe Stimme hätte zu einem Zwei-Meter-Mann gepasst, nicht zu diesem mickerigen Zwerg von geschätzt eins-vierzig. Die Kante des Tresens reichte ihm gerade bis ans Kinn. Missmutig sah ich mich um. Das Regal hinter dem Tresen war bis auf eine halb volle Flasche leer. Das Etikett war zum Teil abgekratzt, als wollte man verheimlichen, was drin war.
»Was ist das?«
»Korn«, sagte der Wischmopp mit dröhnender Stimme wie ein Mississippi-Raddampfer, holte die Flasche aus dem Regal und winkte damit in meine Richtung. Hätte er Abflussreiniger gesagt, wäre ich nicht überrascht gewesen.
»Hast du Geld?«, fragte er misstrauisch.
»Warum fragst du?«
»Weil du wie ein frisch entlassener Knacki aussiehst, und die machen alle auf Mitleid, wollen für lau saufen.«
»Habt ihr oft Knackis hier?«
»Zu oft.«
Ich legte einen Fünfer von meinem Entlassungsgeld auf die Theke.
»Gib mir ein Glas und mach es wieder voll, wenn es leer ist. So lange der Schein reicht.«
»Wie lange warst du drin, hundert Jahre? Muss ich nicht oft voll kippen.«
Er bückte sich hinter den Tresen, kam mit einem Glas wieder hoch und hielt es gegen die schummerige Deckenbeleuchtung. Er stellte es weg und holte ein anderes raus, doppelt so groß. Das stellte er auf den Tresen und füllte es aus der Flasche.
»Krieg’ste zwei von«, sagte er.
Ich nahm das Glas und kippte es in einem langen Zug weg. Der erste Schnaps nach über vier Jahren. Brannte höllisch. Das Männchen mit dem Wischmopp stand abwartend mit der Flasche in der Hand und füllte das Glas wieder. Mit der anderen Hand nahm er den Schein vom Tresen.
Jetzt hatte ich noch hundertzweiundzwanzig und ein paar Zerquetschte. Ich nahm das Glas und kippte es weg. Der zweite Schnaps brannte nicht mehr, und ich spürte eine angenehme Wärme in mir aufsteigen. Ich war nicht der typische Korn-Trinker, aber im Regal hinter dem Tresen stand nur diese Flasche.
»Willst’te was essen?«, fragte der Wischmopp.
»Hast du Cordon bleu oder Hirschbraten in Rotweinsoße?«
Er blickte mich mit dem nachsichtigen Grinsen an, das er sonst für geistig Minderbemittelte reserviert hatte.
»Frikadellen. Dauert was, muss ich warm machen.«
Ich wollte erst fragen, wie alt die Frikos seien, wie lange sie rumstanden und vor allem wo. Stattdessen sagte ich: »Zwei Frikos mit Senf und Pommes.«
»Pommes hab ich nicht, die Fritteuse ist kaputt. Kannst ein Brötchen haben oder Schwarzbrot.«
»Brötchen.«
»Noch zwei für fünf und die Frikos gratis?«
Er wedelte mit der Flasche vor meinem Gesicht herum, wie mit einem Wurstzipfel vor einer Hundeschnauze. Die Frikos hatten sicher das Verfalldatum überschritten und mussten weg. Ich tippte an mein Glas, und er füllte es. Dann ging er nach hinten und ich sah, dass er nicht klein, sondern verwachsen war. Ein Gnom mit verkrüppelten Beinen. Rund gebogen, als hätte er die Hose auf einem Fass getrocknet. Aus der Küche drang ein Höllenlärm, Blechgeschirr krachte auf den Steinboden.
»Scheiße«, grölte er mit seiner Zwei-Metermann-Stimme. Sein Ächzen drang zu mir herüber, als er sich bückte und das Zeug vom Boden aufsammelte.
Ich sah mich um. Eine miese Bude – ein Palast verglichen mit der Zelle, in der ich bis mittags gesessen hatte.

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