7. November 2019

'Glut im Herz' von Esther Grünig-Schöni

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Die Geschichte um Florent, der sein Leben meistert. Die Geschichte hat viel an Aktualität. Doch sie soll nicht nur verurteilen. Damit ist niemandem geholfen.

Wie aus Schlechtem Gutes werden kann? Einfache Formel? Nein. Vielleicht Konstruktives versus Destruktives? Alles, was gesagt werden kann, trifft es nicht annähernd. Aber es ist …

Eine Geschichte, die zum Nachdenken anregt. Florents Leben wirbelt Fragen auf. Nicht immer können schlüssige Antworten gefunden werden. Sein Leben erschüttert und führt in eine Welt, die vielleicht lieber nicht betreten wird. Die Welt eines Opfers. Es kann in der Stadt, in der Gegend, im Land geschehen, wo wir uns aufhalten. Überall – hautnah und bewegend – eine Geschichte über die Ursachen, Hintergründe und die Folgen des Missbrauchs von Kindern und der Gewalt an Kindern. Die Folgen einer verlorenen Kindheit.

Spannend und berührend, denn im Verlauf der Geschichte werden überraschende Dinge aufgedeckt. Doch auf keinen Fall ist es nur dunkel und traurig. Der Leser wird neben dem Nachdenken oft schmunzeln, oft lächeln und sich freuen können.

Flo – Weggeworfenes Kind – Schönes Kind – im Heim missbraucht, gequält – Objekt - Strassenjunge – Kleinkrimineller – Rocker – Biker – Lernender – Unternehmer – Mensch – Schöner Mann - Freund und Geliebter – bewegtes und bewegendes Leben. Ein Abschnitt seines Lebens, der Vieles verändert. Begegnungen können manches auslösen.

Muss er seine Kindheit töten, um seine Traumata überwinden zu können, um leben zu können. Wohin geht er? Gehen Sie mit ihm.

Leseprobe:
Florent schloss die Türe hinter sich, auch wenn es nicht nötig gewesen wäre. Er hörte das Einschnappen des Schlosses. Es klang übermässig laut. Es dröhnte in seinen Ohren. Das konnte auch von seiner jetzt empfindlichen Wahrnehmung her stammen. Es war wie das Zuschlagen einer Gefängnistüre. Oder das endgültige brutale ‚Zu‘ einer dicken Kellertüre. Brutal wie das, was er gehört hatte. Das was auf ihn zukam hatte er nicht in der Hand. Das umklammerte ihn. Er nahm in seine Hände, was ihm möglich war. War es ein Tumor oder nicht? War es ein bösartiger, konnte es zu Ende sein oder er behindert weiterleben müssen. Gehindert am Leben. Verhindert zu handeln. Wenn er gutartig war, bestanden bei der Operation ebenfalls Risiken. Es konnte einiges zerstört werden, er auch da behindert hervor gehen. Aber auch das Weitergehen auf der Strasse barg Risiken. Wenn ihm ein Gerüst auf den Kopf donnerte, er hinfiel oder er auf die Strasse gestossen wurde. Er lachte freudlos. Er machte sich bereits zu viele Gedanken.

Es verfolgte ihn. Er musste Lösungen finden für sein Leben und den Umgang mit der Vergangenheit. Wucherte das, was ihn seit seiner Kindheit begleitete? Es hatte ihn nicht los gelassen. Er hatte es nur eine Weile auf die Seite gelegt. Nun drängte es erneut nach oben. Er wusste, er musste es aktiv und lebendig angehen. Noch konnte er das.

Er streckte sich. Er wollte den Kopf jetzt nicht hängen lassen. Das war noch nie seine Art gewesen. Noch war das, was er gehört hatte, kein Todesurteil. Es war noch nicht einmal klar, was in ihm vor sich ging. Sie wussten noch nicht, was wuchernd um sich griff. Also wusste auch er es nicht. Und er war ein Kämpfer. Früher und heute.

Er sah den Neurologen vor sich. Sein Hausarzt hatte ihn nach einigen für ihn verdächtigen Vorfällen zu diesem Spezialisten geschickt. Zu einem Mann mit leichtem Bauchansatz und lebendigen Augen. In seinem Mund blinkte ein Goldzahn. Er trug eine Brille auf der geraden, schmalen Nase. Diese Brille gab ihm etwas Gewichtiges. Auch wenn das im Ganzen eine Nebensächlichkeit war. Es war ihm aufgefallen. Kleinigkeiten fielen ihm oft auf. Aber wozu? Er zuckte die Schultern. Er hasste Ärzte. Ein Überbleibsel aus einer früheren Zeit.

Weisskittel mit kalten Augen an seinem Bett, die ihn ausschimpften, wenn er weinte. Weisskittel, die lachten, wenn er um den Freund im Bett neben sich weinte. Ärzte, die ihn quälten, nicht ihm halfen. Ärzte, die Ungeheuer waren.

Nein! Er schüttelte es ab. Er hatte ihn aufsuchen müssen, so wie er zu seinem Hausarzt gegangen war, als ihn diese Vorfälle gebremst hatten. Manchmal diese starken Schmerzen, manchmal Ausfälle und manchmal Ausraster, die er nicht verstand. Oh, er war durchaus temperamentvoll, aber das ging darüber hinaus. Aber vor allem die Schmerzen, die Gleichgewichtsstörungen, das Flimmern vor den Augen und die schneller auftauchende Müdigkeit. Er war noch nicht alt. Sein Körper war nicht verbraucht. Der war im Gegenteil in einem fitten Zustand. Überarbeitet konnte er nicht sein. Obwohl … er arbeitete ganz schön viel. Er hielt allerdings etwas aus. Das konnte es nicht sein. Er wusste noch nicht, was mit ihm los war. Aber er sah diesen Neurologen vor sich, aus dessen Praxis er gerade kam.

"Es sind weitere Untersuchungen nötig, bevor wir Klarheit haben." Er sass vor dem Arzt. Es dröhnte in seinem Kopf. Aus den Worten wurden Schläge. Sie trafen ihn am ganzen Körper, brannten, schnitten ihn, zerfleischten ihn. Da war Druck. Im Kopf. Überall. Angst. Wie früher, grosse Angst. Er musste es sich eingestehen. Er hatte Angst. Und er hasste dieses Gefühl ganz besonders. Und da! Wieder ein Blitzlicht. Ein Wetterleuchten aus seinem Innersten.

"Nein, ich will nicht. Er soll das nicht tun. Nein. Es tut weh. Es ist nicht schön. Es ist hässlich. Ich mag das nicht. Es stinkt. Ich ersticke, wenn er das tut, ich will das nicht. Es ist scheusslich. Nein, ich mag das nicht."
"Du musst ein lieber Junge sein. Lächeln. Lächle in die Kamera. Schau doch, der kleine Vogel. Da. Da wird er zu sehen sein."
"Nein. Da ist keiner. Das ist gelogen."
„Sieh doch. Da ist er.“
„In Kameras sind keine Vögel. Das weiss ich schon lange.“
„Wie kann man so klein nur schon so farblos sein. Sieh es dir an, stell es dir vor.“
„Ich bin nicht dumm.“
"Gut. Das ist gut. Aber ... Hast du mich denn nicht lieb?"
"Nein!"
"Das ist nicht schön. Da bin ich traurig. Komm, wir haben einander wieder lieb. Du bist so ein hübscher kleiner Junge. Wenn du weinst, ist dein Gesicht nicht hübsch. Es ist rot gefleckt und hat Runzeln. Komm lächle, sei lieb."
"Nein!" Lippen zusammenpressen. Augen zumachen. Ganz steif. Hässlich sein. Ich will nicht. In Ruhe lassen soll er mich. Ein ärgerliches Gesicht machen, dann geht er vielleicht wieder.
"Dann muss ich es ihnen sagen."
Ich reisse erschrocken meine Augen auf.
"Nein! Bitte nicht. Tu das nicht."
"Dann sei lieb und lach mich an. Fass mich an. Streichle. Nimm es in den Mund."
Es ist grässlich. Gross. Dick. So gross. Ich mag es nicht. Es ekelt mich. Besonders das klebrige Zeug und der Geruch. Es stinkt. Es schüttelt mich. Aber sie dürfen keine Tränen sehen. Niemand darf Tränen sehen.
"Nein! Bitte nicht. Es tut weh. Nicht schlagen. Nicht das. Nein. Ich will mich nicht umdrehen …"


Es zerplatzte wie eine Seifenblase, aber laut und nicht sanft und weich. Nicht so wie es bunte glitzernde Seifenblasen der Clowns, der Poeten und der Kinder in der Regel tun. Nein, nicht so. Es war keine solche. Er verscheuchte es. Es dröhnte. Er kam zurück. Diese Bilder wollte er nicht zurück haben, also vertrieb er sie. Sie zerstörten sein Leben. Oder war es anders? Konnte es sein, dass sie vielmehr an die Oberfläche aufsteigen mussten, damit er weiter leben konnte? Aufsteigen - Bis alles rot war wie ein See aus Blut und Dreck, damit er ihn reinigen konnte. Das konnte sein. Die Wut kam wieder. War es nicht das … auch das ein Geschwür wie das, welches vielleicht in ihm wucherte. Geschwüre überall. Auf der Strasse, in Fenstern, in Heften, in Büchern, in der ganzen Gesellschaft, in den Kirchen, im sogenannten Guten, in den Braven, den ... Er schüttelte wieder den Kopf, legte es ab, wie man altes Zeug abzulegen pflegte.

Die Praxis des Neurologen stand in einer Gegend, in der er sich sonst nicht aufhielt. Er sah sich um. Es war morgens. Er mochte weder herumfahren, noch an seine Arbeit gehen. Er musste Luft holen. Aber die Landschaft bot ihm dafür zu viel an Luft. Heute fand er dort nicht, was er brauchte. Er wollte allein sein und doch inmitten der Leute. Dazu eignete sich ein Lokal, in dem er sonst nicht verkehrte.

Es gab Bereiche in seinem Leben, die klarer werden mussten. Vorsichtig nach und nach. So wollte er es. Er stand neben seiner Maschine, löste den Helm vom Haken, hielt ihn in seinen Händen, hielt inne. Warum nicht hier bleiben? Er sah das Lokal auf der anderen Strassenseite und entschloss sich dort zu frühstücken. Er fuhr sich durch seinen Haarschopf, hielt inne, als er seinen Schädel bewusst spürte. Doch er vertrieb die erneut aufkommenden Gedanken. Zum Henker noch mal. Er war jung. Vor ihm lag das Leben. Alle Türen standen offen. Er hatte Möglichkeiten wie nie zuvor. Viel hatte sich geändert. Ja vor ihm lag das Leben. Um ihn her genauso. Kein Trübsal blasen, Flo. Leben. Jetzt erst recht. Seine Augen begannen zu glitzern.
Er sprintete in einer Verkehrslücke über die Strasse, mit seinem Helm am Arm und betrat das Restaurant.

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