11. Mai 2020

'Ambassador Crown Club' von Lynn J. Moran

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
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"Ein Krimi so facettenreich wie die Stadt, in der er spielt: Porto ist mit seinem verwitterten Charme eine echte Perle Südeuropas. Die perfekte Mischung aus Havanna und dem Quartier Latin von Paris. Nur ein Autor, der Land und Leute kennt, kann einen solchen Roman schreiben." (Lesermeinung)

Lola Leyzards Talent ist die Maskerade.
Mit ihrer legendären Kunst zu täuschen betreibt sie ein lukratives Untergrundgeschäft in der südländischen Hafen-Metropole Porto: Zusammen mit einer Truppe arbeitsloser Schauspieler verkauft sie gestellte Szenen und filmreife Ablenkungsmanöver an den Höchstbietenden.

Doch eines Tages geht etwas schief und Lola wird unfreiwillig Zeugin eines grausamen Verbrechens. Plötzlich findet sie sich in einem tödlichen Katz-und-Maus-Spiel wieder. Um nicht enttarnt zu werden, bleibt ihr nur ein Ausweg: Sie muss die Hintermänner eines skrupellosen Geheimbundes überführen, die für den brutalen Mord an einer jungen Frau verantwortlich sind. Ehe sie sich versieht, ermittelt Lola Leyzard in ihrem ersten Fall und ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt ...

Anleser:
Água Preta lag in einem verwilderten Wasserschutzgebiet, einem Niemandsland zwischen dem bunten, touristischen Fischerörtchen Aguda und Espinho, einem Surferparadies im Süden von Porto.
Lola hatte zunächst Mühe, die richtige Abzweigung zu finden. Ein altes Blechschild, das wie von Hand bemalt aussah, wies im Licht der tiefstehenden Nachmittagssonne den Weg von der Hauptstraße hinein in ein Gelände, das von einem Geflecht aus Fischzuchtbecken durchzogen war.
Lola folgte einer schnurgeraden, unbefestigten Straße. Der holprige Weg wurde von Ausläufern eines verwahrlosten Pinienwäldchens und langen Reihen von Kakteen gesäumt, die mit ihren violetten Feigen in den Gräben wucherten. In der Ferne wuchsen die Erhebungen eines Dünengürtels aus der sandfarbenen Ebene. Dahinter lag laut der Karte auf Lolas Handy ein schmaler Streifen Sandstrand und das offene Meer, auch wenn es von hier aus nicht zu sehen war.
Lola drosselte die Maschine, um nicht in den knöcheltiefen Schlaglöchern das Gleichgewicht zu verlieren. Wäre nicht die einsame Stromleitung an den morschen Masten entlang der Straße gewesen, hätte sie vermutet, vom Weg abgekommen zu sein. Nichts deutete darauf hin, dass soweit draußen im Brachland noch jemand lebte. Einen Augenblick lang kam es ihr vor, als führe sie durch einen Abschnitt mexikanischer Staubwüste mitten auf dem europäischen Festland. Als sie sich den Dünen weiter näherte, erkannte sie mit einem Mal die Umrisse lehmfarbener Häuser und unverputzter, flacher Betonbauten, die sich vor dem sandigen Hintergrund abhoben.
Água Preta war der lebendige, in Mörtel und Beton gegossene Beweis dafür, dass Portugal in vielen unwegsamen Küstenabschnitten noch immer ein Dritte-Welt-Land war. Obwohl es ein improvisiertes Ortsschild gab, war die links und rechts am Hauptweg errichtete Siedlung kein Dorf im klassischen Sinne. Es war ein Fischer-Slum, wie es sie in vielen Gebieten des Landes gab, ohne fließendes Wasser, befestigte Wege oder Kanalisation. Die rechteckigen Baracken der Bewohner wirkten wie Schuhkartons und waren kaum geräumiger als Viehstallungen. Sie hatten dieselbe Farbe wie der Sand, der sie umgab. Beinahe überall am Straßenrand lag Müll herum. Ausgeschlachtete Autowracks und kaputte Küchengeräte stapelten sich in den kleinen unkrautüberwucherten Parzellen, die zu den Häusern gehörten. Es roch nach Fischlaich, Altöl und Terpentin.
Lola trat den Ständer ihres Motorrads heraus und ließ die Maschine im Schatten einer riesenhaften Drachenbaum- Agave stehen. Obwohl die Sonne um diese Jahreszeit nicht mehr dieselbe Kraft hatte wie im Sommer, war es brütend warm. Die Dünen bildeten einen natürlichen Windfang hinter dem die Luft stand und sich die Hitze des staubigen Nachmittags sammelte. Lola schritt die schlaglochübersäte Straße entlang, die geradewegs durch die Siedlung führte.
Bis auf das Rauschen der Riedgräser auf den Dünenkämmen war es totenstill. Ein alter Mann saß auf einem Metallstuhl vor seinem Haus und flickte an einer Reuse. Als Lola ein zweites Mal hinsah, bewegte sich der Perlenvorhang vor seiner Tür und er war ohne ein Geräusch im Inneren seiner Hütte verschwunden.
Am hinteren Ende der Siedlung spielte ein vielleicht fünfjähriger Junge mit einem Tennisball, den er auf der sandigen Straße vor sich hin- und herrollte. Er war bis auf eine fadenscheinige Unterhose nackt, sein kurzgeschorenes Haar war pechschwarz und seine Haut wirkte braun und gegerbt, als wäre sie von einer Schmutzschicht überzogen.
»Kannst du mir sagen, wie ich am schnellsten durch die Dünen komme?«, fragte Lola.
Der Junge antwortete nicht. Er summte in einem seltsamen Singsang vor sich hin und hielt die Augen auf seinen Tennisball gerichtet, sodass Lola sich fragte, ob er sie überhaupt hörte. Eine junge Frau erschien am Fenster einer Hütte mit gerippten Fensterläden. Ihr Haar und ihre Schultern waren nach Zigeunertradition in schwarze Tücher gehüllt. Ohne ein Wort trat sie auf die Straße und trug den Jungen auf dem Arm ins Haus.

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