24. November 2020

'Rowan – Bewährung als Magier' von Aileen O'Grian

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Rowan ist endlich im Sumpfland bei dem berühmten Magiermeister Zwandir, dem Freund seines Großvaters Obermagier Bunduar, angekommen, um seine Ausbildung zu vollenden. Er lernt die sumpfländischen Heilmethoden kennen und vervollständigt seine Fähigkeiten in der Gedankenübertragung und -beeinflussung. Nebenbei übt er sich in ritterlichen Kampftechniken wie dem Schwert- und Lanzenkampf sowie dem Bogenschießen. Den letzten Schliff erhält Rowan auf der heiligen Insel, auf der die Priester des Sumpflandes und des Magierreichs ausgebildet werden.

Auch in dem unwegsamen Sumpfland ist Rowan vor den Feinden nicht sicher, denn selbst hier greifen die Echsenkrieger gemeinsam mit den artverwandten Nordmännern die Menschen an. Doch geschickt verteidigen sich die magisch begabten Sumpfländer auf ihre Weise. Während es den Sumpfländern gelingt, die Gefahr abzuwenden und ihre Angreifer in die Flucht zu schlagen, droht dem Magierreich, Rowans Heimat, die völlige Vernichtung.

Band 5 der Reihe um den Magier Rowan.

Anleser:
Nach einer kleinen Erfrischung führte Zwandir Rowan zum nahen Palast. Es war ein buntes, reich verziertes Gebäude aus Holz, das auf einem kleinen Hügel stand. Am großen Tor mit geschnitzten Tierfiguren gab es keine Palastwache. Trotzdem fühlte sich Rowan beobachtet. Er ließ es auf sich beruhen, weil er nicht gleich am ersten Tag neugierig erscheinen wollte. Sicher würde er eines Tages dahinterkommen.
Sie stiegen eine breite Treppe in der Mitte der Eingangshalle hoch und liefen durch einen langen Gang. An dessen Ende befand sich eine doppelflügelige Tür, die mit bunten Ornamenten bemalt war. Hier klopfte Zwandir an, öffnete selbst und trat ein. Rowan folgte ihm. Der Magier verneigte sich tief vor einem Mann, der als Einziger auf einem gedrechselten Sessel saß, während die anderen Anwesenden vor ihm standen. Rowan folgte Zwandirs Beispiel. Empfing König Matrin seine Untergebenen immer auf dem Thron? König Wilhar in der Heimat besaß überhaupt keinen Königsstuhl. Fast jeder konnte ihn jederzeit ansprechen, während Matrin unnahbar wirkte und anscheinend Audienzen gewährte. Rowan fühlte sich beklommen bei diesem Machtschauspiel.
„Eure Majestät, ich möchte Euch meinen neuen Lehrling Rowan vorstellen“, erklärte Zwandir unterwürfig.
„Ich habe schon von seiner Ankunft erfahren“, nickte Matrin gnädig. „Ich wünsche ihm einen guten Aufenthalt bei uns.“ Dann blickte er Rowan direkt in die Augen. „Übe fleißig. Es ist eine hohe Auszeichnung, im Sumpfland zu lernen.“
Rowan verneigte sich. „Ich bin für diese Gunst sehr dankbar, Eure Majestät“, sprach er leise und schaute zu Boden. Trotzdem hatte er zwei Nordmänner in der Runde wahrgenommen. Er zwang sich, gelassen zu atmen und seinen Puls ruhig zu halten. Auch wenn der Geruch der Feinde ihm Übelkeit verursachte und ihre Anwesenheit ihn beunruhigte. Was wollten die Nordmänner im Sumpfland? War er hier wirklich sicher? Warum verhielt sich der König so kühl? Sein Großvater hatte ganz andere Dinge vom Sumpfland erzählt, von Offenheit und Herzlichkeit. Gab es erneut Spannungen zwischen den beiden Ländern? Er spürte eine beruhigende Hand auf seiner Schulter, obwohl er wusste, dass Zwandir ihn hier nicht körperlich berühren würde. Warte ab, beobachte und lerne, ermunterte ihn sein Meister durch seine Gedanken.
„König Matrin, darf denn jeder unbedeutende Untertan oder Fremde eine Unterredung mit wichtigen Gesandten unterbrechen?“, giftete der größere der beiden Fremden. Er trug einen mit vielen bunten Metallplättchen verzierter Umhang. Rowan schaute ihn unter fast geschlossenen Lidern an. Sein Gesicht besaß keine glatte Haut wie die der Sumpfländer oder der Magianer, sondern war von feinen hellen Schuppen überzogen und seine Pupillen waren senkrechte Schlitze. Der zweite Nordmann schien älter zu sein, aber einen niedrigeren Rang zu bekleiden, denn sein Gewand wies nur eiserne Verzierungen auf.
„Meine Untertanen dürfen mich am Vormittag und Nachmittag aufsuchen, das ist ein seit alters her verbürgtes Recht im Sumpfland. Aber jetzt habt Ihr Zeit, mir Euer Anliegen vorzubringen.“ König Matrin lächelte die Fremden verbindlich an.
„Wir möchten mit Euch Handelsbeziehungen aufbauen. Wir sind Fischer, außerdem besitzen wir erhebliche Erzvorkommen, mehr als wir selbst benötigen, und wünschen eine Handelsniederlassung in dieser Stadt aufzubauen.“
Rowan hatte das Gefühl, dass der Kerl vor Wichtigkeit bald platzen würde. Die Selbstsicherheit der erfolgreichen Eroberer, vermutete er.
„Was können wir Euch im Gegenzug verkaufen? Wir sind ein armes Volk und leben hauptsächlich vom Fischfang und von den Sumpfpflanzen, die in der Natur wachsen und die wir sammeln“, bedauerte Matrin, er hob dabei die Schultern mit nach oben geöffneten Händen.
„Ihr habt große Wissenschaftler, wir würden gern einige begabte junge Männer von uns an Eure Schulen schicken.“ Jetzt klang der Nordmann freundlicher, fast schmeichelnd.
König Matrin nickte. „Lernen ist immer gut. Ihr beherrscht unsere Sprache hervorragend, obwohl Ihr noch nie im Land wart.“
„Wir bemühen uns immer, die Sprache unserer Gastgeber zu lernen.“ Der Diplomat verbeugte sich geschmeidig.
„Wo habt Ihr sie gelernt? Gibt es bei Euch Schulen, in denen Fremdsprachen unterrichtet werden?“ König Matrin wandte seine ganze Aufmerksamkeit dem Gesandten zu.
„Ja, aber auch Knappen an fernen Höfen und Händler in fremden Häfen lernen sie, wenn sie Sumpfländern begegnen.“
„Euer Lerneifer ist achtenswert“, lobte König Matrin.
„Wir würden uns gern in der Stadt umschauen. Heute Morgen brachten Eure Palastwachen uns gleich zu Euch, als wir in der Stadt spazieren gingen.“ Es klang wie ein Vorwurf.
„Bei uns ist es üblich, die Gäste zuerst offiziell zu begrüßen“, erklärte Matrin freundlich. „Ich werde Euch einen Führer mitgeben, damit Ihr die Stadt kennenlernt und Euch nicht in einem Graben oder Sumpfloch in Gefahr bringt.“
„Euer Sohn wäre eine angemessene Begleitung. Wir sind schließlich Bruder und Cousin unseres Königs Wromlux.“ Sein Dünkel ließ Rowan einen Schauer über den Rücken laufen, trotzdem hatte er sich soweit in der Gewalt, dass seine Gesichtszüge unbeweglich blieben.
„König Wromlux schickt für eine erste Begegnung gleich seinen Bruder? Wir fühlen uns geehrt“, erklärte Matrin mit einem Lächeln.
„König Wromlux weiß, wie wichtig das Sumpfland ist, und ehrt Euch entsprechend. Wir wünschen, dass Ihr es ihm gleichtut.“
Erneut störte Rowan die Selbstherrlichkeit des Mannes. Er wirkte, als wäre er schon Herr des Sumpflands. Wahrscheinlich meinten diese Wesen, dass die Sumpfländer unerfahrene Hinterwäldler wären, die sie leicht überrumpeln konnten.
„Ich bedaure, meine Söhne weilen zur Ausbildung in der Ferne.“ König Matrin ließ seinen Blick über die Anwesenden gleiten, dann winkte er einen jungen Mann heran. „Roschur, mein weitgereister Neffe, wird Euch herumführen. Wenn es Euch recht ist, wird er gleichzeitig unseren neuen Freund mit der Stadt bekannt machen. Er ist nämlich erst seit kurzem bei uns und ich sehe ihn heute zum ersten Mal.“ Er nickte Rowan gnädig zu.
Rowan überlief es heiß und kalt. Mit diesen unheimlichen Fremden wollte er möglichst nichts zu tun haben. Aber der König verfolgte sicher einen klugen Plan, deshalb nickte er demütig und murmelte: „Ich wäre erfreut, wenn ich an der Stadtführung teilnehmen dürfte.“
„Nur wenn du deine Feinde gut kennst, kannst du sie besiegen“, hörte er in Gedanken Zwandir sagen. Rowan verzog keine Miene und ließ sich diese heimliche Mitteilung nicht anmerken.
Die Fremden musterten ihn herablassend. Dabei spürte er, dass sie genau wussten, wer er war. Sie wussten, dass er Bunduars Enkel und der Neffe des magianischen Königs war und dass die Drachen ihn mehrmals angegriffen hatten. Aber alle spielten ein Spiel, jeder mit einem anderen Hintergedanken. Hoffentlich war Roschur erfahren und konnte die Fremden in Schach halten. Doch dann fing er einen Blick von Zwandir auf. Der Magiermeister würde über sie wachen. Er senkte schnell seine Augenlider, um sich nicht zu verraten. Zwandir hatte recht, er musste wirklich noch viel lernen – vor allem seine Gefühle im Zaum halten.

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