30. April 2021

'Die Liebe des Schicksalsschreibers' von Gabriele Popma

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
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Gibt es ein Schicksal? Sind im Himmel Engel rund um die Uhr damit beschäftigt, das Schicksal der Menschen zu lenken? Und was geschieht, wenn einer von ihnen auf die Erde kommt, um das Leben einiger Personen gründlich durcheinanderzuwirbeln?

Er ist Schicksalsschreiber und will nicht mehr für Menschen in Kriegsgebieten eingesetzt werden. Als ihm angeboten wird, den Körper eines soeben verstorbenen Unfallopfers zu übernehmen, um das Leben auf der Erde kennenzulernen, sagt er ohne Zögern zu. Doch dann holt ihn, den Schicksalsschreiber, selbst das Schicksal ein. Nicht nur das seines neuen Körpers, sondern auch sein eigenes, von dem er nicht wusste, dass er es je hatte. Und dann erinnert er sich an ein Mädchen …

Eine Geschichte über Schicksal, himmlische Pläne und eine Liebe, die den Tod überdauert.

Anleser:
Gleich würde es passieren. Er wusste, was kommen würde. In wenigen Sekunden würde der kleine Junge, der fröhlich hinter seinem Ball herlief, die Tretmine erreichen. Warum war das Schicksal nur so grausam und warum war er einer von denen, die es durchsetzen musste? Als die Mine explodierte, verursachte es ihm beinahe körperliche Schmerzen, obwohl das unmöglich war. Gerade hatte er ein Leben ausgelöscht. Ein Leben, das eben erst begonnen hatte. Für ein paar Momente war dieser kleine Junge glücklich gewesen. Selbstvergessen hatte er mit seinem Ball gespielt, ohne an den Krieg zu denken, der um ihn herum tobte. Das Spiel hatte ein abruptes Ende gefunden, genauso wie seine Existenz, als er auf die Mine ge-treten war. Wenigstens hatte das Kind nicht leiden müssen. Doch welchen Schmerz hatte er damit über dessen Eltern gebracht? Zumindest war ihr Kummer nicht von langer Dauer, denn der Plan sah vor, dass sie beide noch am selben Tag bei einem Angriff der Rebellen den Tod finden würden. Blieb die Frage, was mit ihrer kleinen Tochter geschehen sollte. Sie war gera-de mal zwei Jahre alt. Sollte sich das Schicksal gnädig erweisen und sie am Leben lassen? War es gnädig, in diesem Gebiet als Waise aufzuwachsen? Oder war es weitaus gnädiger, wenn sie ebenfalls den Tod fand? Immerhin musste er sich an den Plan halten.
Er hasste diese Gedanken. Er hasste diesen Job. Er hasste einfach alles daran.
Wieso war er ständig nur im Kriegsgebiet eingesetzt, wo er die Menschen täglich tödlichen Gefahren aussetzen musste? Er wusste gar nicht, wie lange das bereits seine Aufgabe war. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Vermutlich war es das sogar. Natürlich durfte er auch für bessere Schicksale verantwortlich sein. Wie etwa für das Mädchen, das haarscharf an einer Mine vorbeilief und nie wissen würde, wie nah es einer Katastrophe gekommen war. Oder das junge Paar, das sich beim Aufräumen der Trümmer begegnet war und sich sofort inei-nander verliebt hatte. Sie hatten den Entschluss gefasst, gemeinsam aus der gefährdeten Gegend zu fliehen, und er hatte beschlossen, sie unbehelligt ziehen zu lassen. Wenigstens diese jungen Menschen sollten ihr Glück finden.
Er machte sich auf die Suche nach seinem Boss. Hoffentlich traf er ihn in guter Stimmung an.
»Nanu, was willst du denn hier?«
»Ich ... ich ...« Er fasste sich ein Herz. »Ich möchte ein anderes Einsatzgebiet.«
»So so. Und warum?«
»Ich will nicht immer nur für das Schicksal von Menschen verantwortlich sein, die in Kriegsgebieten leben.«
»Aber die Menschen haben nun mal Krieg. Jedes Schicksal muss geschrieben werden.«
»Das weiß ich. Aber es geht mir an die Nieren, ständig Tod und Schmerz zu verbreiten.«
»An die Nieren? Ich wusste gar nicht, dass du welche hast.«
Sein Chef nahm ihn nicht ernst. Sollten sich Engel wirklich über ihresgleichen lustig ma-chen dürfen? Nun ja, vermutlich konnte auch der oberste Schicksalsengel sein Los nur mit Humor ertragen.
»Kann ich nicht einfach einen Personenkreis haben, dem es gut geht?«
»Den gibt es nicht.«
»Du weißt, was ich meine. Normale Menschen, die nicht täglich vom Krieg bedroht sind, sondern sich nur mit ihren ganz gewöhnlichen Problemen herumschlagen müssen.«
»Und welchen deiner Kollegen soll ich abziehen und ihm deine Aufgabe zuweisen?«
Er seufzte. »Am liebsten würde ich gar kein Schicksalsschreiber sein«, murmelte er.
»Und was willst du dann?« Sein Chef musterte ihn ernst.
»Ich weiß nicht.« Sollte er wirklich mit seinem Wunsch herausrücken? Vielleicht war jetzt seine Chance. »Ich würde gern mal auf die Erde gehen.«
»So, auf die Erde.«
»Ja, ich meine, ich schreibe das Schicksal der Menschen, aber ich war noch nie dort. Ich würde sehr gerne persönliche Erfahrungen sammeln.«
»Und wie stellst du dir das vor?«
»Ich weiß nicht.« Sein frisch gefasster Mut verließ ihn. Vermutlich war es gar nicht mög-lich, dass ein gewöhnlicher Schicksalsschreiber auf die Erde durfte. Er war ja nicht einmal ein Schutzengel.
»Als was möchtest du denn auf die Erde?« Da war er wieder, dieser listige Unterton.
»Als Mensch.« War das nicht klar?
»Als Mann oder als Frau?«
Die Frage brachte ihn aus dem Konzept. »Als Mann«, sagte er nach einigen Momenten. Das kam seinen Gefühlen am nächsten.
»Gut. Deine Bitte sei dir gewährt. Zumindest für eine beschränkte Zeit.«
»Wirklich?« Er konnte es gar nicht glauben. »Und was ist mit meiner Arbeit hier?«
»Es gibt immer Neuanwärter, die eine Aufgabe brauchen. Also wie ist es? Da ist ein Unfall-opfer, dessen Körper du übernehmen könntest.«
»Einen Körper übernehmen?«
»Wie hast du es dir sonst vorgestellt? Als neue Seele auf die Welt zu kommen?«
»Nein.« Ehrlich gesagt hatte er sich gar nichts vorgestellt. Aber ein Unfallopfer?
»Die Seele wird bereits abgeholt. Du musst dich schnell entscheiden, sonst ist der Körper tabu.«
»Ich mache es. Danke.«

Lange Leseprobe

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