3. September 2014

"Nacktes Entsetzen" von Friedrich Wulf

Die Sammlung beginnt mit vier schwarzen Erzählungen. Die nächsten fünf Geschichten werden zunehmend heller und humorvoller.

Thomas ist Künstler und hält nicht viel von der Arbeit seiner Frau. Sie macht Dokumentarfilme im Rotlichtmilieu. Vanessa verlässt das Haus im Streit für eine Woche, um einen Dokumentarfilm zu drehen. Am nächsten Tag posiert ein neues Aktmodell für Thomas. Aus diesem Arbeitsverhältnis entwickelt sich für Thomas nach und nach ein Albtraum aus Misstrauen, Verdächtigungen, Angst und Paranoia.

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Leseprobe aus der Titelgeschichte:
Wie fing es an? Wie die meisten verstörenden Ereignisse. Es begann mit dem Alltäglichen, dem Gewöhnlichen, dem Familienleben.
Ich dachte, Vanessa suchte die Hausschlüssel.
„Ablage, Jackentasche, Handtasche, Schublade. Wann hast du sie zum letzten Mal benutzt“, fragte ich.
„Gestern“, antwortete sie.
„Seit gestern warst du nicht mehr raus?“
„Nicht mit dem Auto, ich brauche deine Autoschlüssel.“
„Warum nimmst du nicht dein Auto?“
„Thomas, das Ding ist kaputt.“
„Welches Ding?“, fragte ich.
„Der Schlüssel, der Sender… Hast du doch kaputtgemacht, als die Alarmanlage losplärrte.
Es gibt Tage, an denen das Schicksal besonderen Spaß am Schabernack zu haben scheint. Als ob es nicht gereicht hätte, die Ruhe der Nachbarschaft zu stören, aber nein, ich versuchte den Schaden selbst zu beheben und benutzte dazu ein Brotmesser. In meiner Hast, das wüste Jaulen der Alarmanlage abzustellen, stieß ich mir beim Einsteigen die Brille von der Nase. Halb blind fummelte ich mit dem Brotmesser am Schlüsselsender herum, rutschte ab und stieß mir mit der Messerspitze in den Handballen.
„Hast du den Sender reparieren lassen? Eine neue Brille?“, fragte Vanessa.
„Du glaubst nicht, was das kostet“, sagte ich. „Einhundertundvierzig Euro für einen Sender.“
„Bestellen! Was ist mit der Brille?“
„Zu teuer!“
„Du bist Künstler, Thomas. Ich verstehe dich nicht.“
Das Telefon unterbrach unser Gespräch, das seinen gewöhnlichen Verlauf nehmen wollte, denn wenn wir etwas in unserer Ehe gelernt hatten, dann aus jeder Mücke eine Elefantenherde zu machen. Egal wie nichtig der Anlass, nach wenigen Minuten lagen wir uns in den Haaren und weideten uns an unserer Genialität den anderen mit Bosheiten zu übertreffen. Am Telefon war Sebastian, der sich wunderte, dass ich ihn sofort an der Stimme erkannt hatte. Dabei hatte ich ihn schon tausendmal darum gebeten, er möge meinen vollen Namen benutzen. Aber nein, er scherte sich einen Dreck um meinen Wunsch, sondern machte sich offenbar einen Jokus daraus, mich Tom zu nennen.
Ich reichte Vanessa den Hörer und musste mir ihr Gekicher anhören. Auf meine Frage, worüber sie gelacht habe, antwortete sie nur: „Nichts, nichts weiter. Über die Arbeit. Ich muss jetzt los.“
„Jaja, ich weiß. Und sag ihm, wenn er das nächste Mal anruft, soll er mein „as“ nicht vergessen.“
„Ich muss los.“
„Nur zu, und grüße mir die Nutten.“
„Darauf hab ich gewartet, das bist du, das tust du am liebsten, das kannst du. Sie sind keine Nutten, sie sind Tänzerinnen.“
„Sie ziehen sich aus, und sie…“, sagte ich.
„Das ist stark, das ist wirklich scharf von einem Mann, der den ganzen Tag nackte Frauen anstarrt“, sagte Vanessa.
„Nicht nackt, unbekleidet, da gibt es einen Unterschied“, sagte ich.
„Das ist Haarspalterei“, sagte Vanessa.
„Nein, der Unterschied ist Ästhetik.“
„Du moralisierender Heuchler, sie tun es für Geld, genau wie deine Modelle.“
„Der Unterschied ist, ich beute sie nicht aus.“
„Der Unterschied ist, du bezahlst ihnen einen Hungerlohn, wenn das nicht Ausbeutung ist.“
Ich wollte nicht, dass sie ging. Nicht zu ihrer lausigen Arbeit, schon gar nicht zusammen mit dem jovialen Sebastian ihrem lausigen Kollegen. Vanessa unterstellte mir, dass ich ihre Arbeit nicht schätze, dass ich sie immerzu schlechtmache, was ich natürlich abstritt. Auf meine Andeutung, sie möge nichts Dummes machen, verdrehte sie ihre Augen und erwähnte meine dummen, aber nicht reizlosen Modelle. Ich flehte sie an, nicht zur Arbeit zu gehen, sich krank zu melden, aber sie lachte nur, wie das möglich sei, wer ihr das glauben solle, eben noch gesund und jetzt die galoppierende Grippe? Schon in sieben kleinen Tagen sei sie wieder da.
„Geh nicht, wir bleiben eine Woche im Bett.“
„Die Sendung, es geht nicht.“
„Eine Nacht, nur eine Nacht“, sagte ich. „Du kannst mir zeigen, was du bei den Tänzerinnen gelernt hast. Ich hole mein Taschenkamasutra.“
„Ich muss gehen, nur eine Woche. Wenn die Sendung fertig ist…“
„Die Sendung! Ja, ein weiteres Porno-Programm, worauf die Welt gewartet hat.“
„Schon wieder, du machst meine Arbeit klein“, sagte Vanessa.
„Habe ich nicht nötig, machst du schon selbst.”
Das war ein Fehler. In dem Moment, wo ich es sagte, wusste ich, dass ich es nicht hätte sagen sollen. Aber ich konnte keine Ruhe geben, musste immer weitersticheln.
„Ich will natürlich wissen, alle Welt will wissen, welche Weisheiten sie zum Besten geben, deine Tänzerinnen. Was meinst du, wie viele voyeuristische Dokumentarfilme über Nutten vertragen unsere lüsternen Bildschirme?“
Ich verabscheute, was aus dem Fernsehen geworden war, was es aus der Arbeit von Vanessa gemacht hatte, die mal gut war, richtig gut. Und dann machte sie ihren Fehler, als ich sagte, ihre Pseudo-Berichte über die Pornoindustrie seien für verklemmte Wichser. „Zumindest können wir damit die Rechnungen bezahlen“, rief sie. „Einer von uns muss ja was verdienen, oder?“
Das tat weh. Sie hatte ja Recht, aber dennoch war es verletzend. Und um sie zu verletzten, ließ ich nicht locker und warf ihr vor, dass sie keine Gelegenheit verpasse, mir einzubläuen, wer uns am Leben hielt. Damit hatte ich den Bogen überspannt, denn es stimmte einfach nicht in dieser idiotischen Verallgemeinerung. Wortlos schulterte Vanessa ihre Tasche und stürzte aus dem Haus. Wenige Augenblicke später heulte der Wagen auf wie ein geprügelter Köter.

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