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Bücherkarussell
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21. November 2019

'Diktatur des Kapitals' von Joachim Tritschler

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Joachim Tritschler
Seit Gründung der Bundesrepublik hat unser Land mit seinen Bürgerinnen und Bürgern zahlreiche Veränderungen durchgemacht. Anfangs war es wichtig das Land auf der einen Seite wieder aufzubauen und andererseits außenpolitisch aktiv zu werden, um mit ehemaligen Erzfeinden politisch stabile Beziehungen zu schaffen.

Das Buch beschreibt die Leistung der Trümmerfrauen, das Wirtschaftswunder, und die rasante Entwicklung des Landes genauso wie die gesellschaftlichen Veränderungen. Es gab da Zeiten, wo man jedes Haus unverschlossen verlassen konnte, ohne dass irgendetwas geklaut worden wäre. Aber auch die Politiker waren andere als heute. Es war Ihnen wichtig, wie es den Leuten ging, und Sie suchten den realen Kontakt zum Bürger um zu erfahren, wo Sorgen und Nöte am größten waren. Irgendwann kehrte sich das dann um und das Land wurde zu einem Selbstbedienungsladen für Politiker und ihre persönlichen Interessen. Und das bis heute.

Es wird geschrieben aus der Sicht eines Bürgers und Wählers, der heute zu nichts anderem mehr da ist, um Steuern zu bezahlen und bei Wahlen den Politiker, der nur noch an sich denkt, in seinem Amt zu halten.

Leseprobe:
Vertrauen in die Politik
Vertrauen? Oder auch Glaubwürdigkeit. Was ist das? Das gibt es in unserem Land schon sehr lange nicht mehr. Wie wir als Bürger, wahrgenommen werden, ist nicht mehr mit früheren Zeiten vergleichbar. Der gegenseitige Respekt, und das Vertrauen gibt es nicht mehr. Vergleichen wir die heutige Situation mit politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen Ende der achtziger Jahre kurz vor dem Mauerfall dann kommen wir zu erschreckenden Erkenntnissen. Auch wenn zu dieser Zeit schon schwierige wirtschaftliche Verhältnisse vorherrschten, so gab es dennoch ein gewisses Vertrauen in die Politik. Die Menschen im Land hatten noch den Eindruck als solche wahrgenommen und respektiert zu werden, auch wenn es nicht immer einfach war.
Die Worte von Politikern hatten noch Gewicht und es gab zumindest noch einige, auf deren Aussagen man sich als Wähler und Steuerzahler verlassen konnte. Wir müssen dabei aber auch berücksichtigen, dass der heutige Selbstbedienungsladen für Politiker noch nicht in dieser Form existierte.
Das Verhältnis zwischen Politik und Menschen im Land war verglichen mit heute noch im Gleichgewicht. Dies sollte sich aber demnächst ändern. Und geholfen hat der Politik hierbei ihre scheinbar uneingeschränkte Machtposition und das Fehlen eines unabhängigen Kontrollorgans. Das wäre soweit wir heute wissen aber dringend notwendig gewesen. Und diese Notwendigkeit besteht heute im Jahr 2019 immernoch.
Durch dieses Machtvakuum entstanden aber weitere Freiräume, die eine Ausbeutung der Bürger, wie wir Sie heutzutage kennen, erst ermöglichten. Dieser war Anfang der neunziger Jahre noch ein schleichender Prozess. Zu diesem Zeitpunkt kippte auch die Stimmung innerhalb der Gesellschaft, auch wenn dies nicht sofort stark auffiel. Das persönliche Ego trat ab sofort in den Vordergrund. Die Zeiten wo es allen Menschen gleich schlecht ging und man sich gegenseitig geholfen hat, waren damit vorbei. Bis auf wenige Ausnahmen war sich fortan jeder selbst der Nächste. Dieser Prozess sollte sich in Zukunft fortsetzen und in jeder Weise verschlimmern.

20. November 2019

'Das geheime Kapitel' von Mara Winter

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
pinguletta Verlag
Was wäre, wenn jemand versuchen würde, dir dein Leben zu stehlen?
Wenn eine Fremde es auf dein Zuhause und deinen Ehemann abgesehen hätte?
Und wenn du plötzlich Zugang zu einem verbotenen Buch mit Zaubersprüchen bekämst … würdest du sie einsetzen?

Als Anna am Tiefpunkt ihres Lebens ein geheimnisvolles Buch mit Zaubersprüchen auf dem Dachboden findet, rechnet sie mit vielem, aber nicht mit einem Mord in ihrem eigenen Heim. Und damit fängt der Albtraum erst an ...

Leseprobe:
2008
Der alte Mann stöhnte.
»Martha! Wo ist Martha?«
»Ach, Vater. Hast du es schon wieder vergessen? Sie ist gestorben.«
»Nein!« Der Mann schrie auf und wimmerte. Sein erwachsenes Kind rückte ihm die Decke zurecht und sah ihn bedauernd an. »Nun beruhige dich doch. Es ist schon dreißig Jahre her.«
»Meine Martha ist tot?«
»Jeden Tag dasselbe. Es ist nicht mehr auszuhalten mit dir. Uns fehlt sie auch, hörst du? Uns auch. Ruh dich aus, ich gebe dir noch etwas von deinem Schlafmittel.«
Der Greis starrte an die Decke. »Ihr habt sie in den Tod getrieben.«
»Sei still, Vater. Sie hat sich selbst umgebracht, das weißt du genau. Wir ertragen all deine Launen seit Jahren! Lass mich jetzt in Ruhe! Es ist spät und ich will ins Bett.«
»Nein!«, heulte er auf. »Verlass mich jetzt nicht! Bleib bei mir, ich bin krank!«
»Du bist nicht krank, du bist nur alt und nutzlos. Ich ertrage dich nicht mehr. Du hast mir alle Kraft ausgesaugt! Du ruinierst mich! Ich hasse dich!«
Er wollte widersprechen, doch das Kissen lag plötzlich schwer auf seinem Gesicht. Er bäumte sich auf und wollte schreien, doch der kratzige Stoff wurde immer stärker auf seinen Kopf gepresst und verschloss ihm Mund und Nase. Hilflos fuchtelte er mit den Armen in der Luft und versuchte, seinen Angreifer zu packen, doch der war stärker.
»Gleich ist es vorbei«, sagte sein Kind, nun mit einer sanften, geduldigen Stimme. »Gleich ist alles vorbei.«

Kapitel Eins. Silke
Ich habe die Zeichen immer gesehen, aber niemand hat mir geglaubt. Am Abend, als Vater starb, saß ein Schwarm Krähen im Baum vor unserem Haus. Sie schlugen mit den Flügeln und krächzten in einer düsteren Sprache, die offensichtlich Unheil verkündete. Mein Bruder Heiner lachte, als ich ihn zum Fenster rief.
»Rabenbraten, zum Greifen nahe. Da hol ich gleich das Schrotgewehr!«
Ich war als einzige nicht überrascht, als der Anruf kam und wir ins Krankenhaus gerufen wurden. Vater starb in derselben Nacht und wir verloren das Haus innerhalb eines Monats. Seitdem mag ich keine Raben mehr leiden.
Heiner machte deutlich, dass ihn Vaters Tod kaltließ. »Er war ja nur mein Stiefvater!«, sagte er auf der Beerdigung, als Frau Izmelda ihm kondolierte. Anstatt Mama und mir zu helfen, nahm er sich eine eigene Wohnung und kam nur noch vorbei, um mich zu kritisieren und zu erziehen. Er zwang mich, meine Kristalle fortzuwerfen und mich ausschließlich auf die Schule zu konzentrieren. »Du brauchst einen guten Abschluss, sonst kommt ihr nie aus diesem Ghetto raus!« Es machte mich wütend, dass mein Halbbruder unsere Hochhaussiedlung als Ghetto bezeichnete, obwohl sie eng und düster war und ich sie hasste. Aber Heiner musste nicht hier leben, wo es blühende Gärten nur im Fernsehen zu sehen gab.
»Wenn ich die Ausbildung fertig habe und Makler bin, dann suche ich euch eine bessere Wohnung«, versprach er mir zum neunten Geburtstag, was er jedoch nie einhielt.

Ich vermisste Papa glühend, der stets lustig und zuversichtlich gewesen war. Auch unser Haus fehlte mir und vor allem der Garten mit dem Flieder und den Himbeerbüschen. Ich hatte jedes Fleckchen gekannt, wusste, wann die Sträucher blühten und welche Pflanzen giftig waren. Mit Papas Tod hatte ich nicht nur meine einzige Bezugsperson, sondern auch mein Zuhause verloren. Ich wünschte mir eine Schwester oder wenigstens eine Freundin. Alles, was ich hatte, waren ein strenger, grausamer Bruder und eine weinerliche, leidende Mutter, die niemals selbst etwas in die Hand nahm, sondern jammernd vor sich hinwelkte. Bis dann Vera in meine Klasse kam, mager und blass, wohnhaft im Kinderheim. Genau wie ich fand sie keinen Anschluss, und in unserem Elend taten wir uns zusammen. Sie beschrieb mir das Heim als einen Ort mit regelmäßigen Mahlzeiten, frischer Wäsche und sogar einem Waldstück zum Spielen. Das klang besser als das Leben mit meiner Mutter, die sich aufgegeben hatte. Wahrscheinlich hätte sie einen Job finden und uns aus der modernden Sozialwohnung herausschaffen können, doch sie hatte resigniert, nahm Tabletten und schlief die Tage durch. Ob ich pünktlich zur Schule ging, war ihr gleichgültig.
Ohne unsere Nachbarin, Frau Izmelda, wäre ich verloren gewesen. In ihrem düsteren Wohnzimmer brachte sie mir bei, Tarotkarten zu legen. »Auf dich wartet etwas Großes, Mädchen. Sei zur rechten Zeit am rechten Ort und wachsam, dann kann es dir nicht entgehen. Sei vorsichtig, dass du nicht die falsche Abzweigung nimmst, sonst landest du im Verderben.«
Ich grübelte darüber nach, was das Große sein mochte, aber meinen größten Wunsch, Papa und mein Zuhause zurückzubekommen, konnte mir niemand erfüllen.
Täglich putzte Izmelda zehn Stunden, um die Schulden ihres Mannes zu bezahlen, der sie ohne Nachricht verlassen hatte. Außer für Tabak blieb ihr kein Cent für Vergnügliches. »Geld müsste man haben, Mädchen, mit Geld kannst du dir alles kaufen. Einen schönen Ausblick vom Balkon, Massagen für die müden Beine, Fußbodenheizung im Bad, frisches Obst und Glückspillen für den Kopf.« Ihre Durchblutung funktionierte nicht richtig, sie hatte Schmerzen in den Beinen und Lymphödeme. »Du bist jung und hübsch, versprich mir, dass du etwas aus dir machst! Wirf dich nicht irgendeinem Tölpel an den Hals, such dir einen Mann mit Geld. Die Liebe vergeht, dann ist die Hauptsache, dass die Kasse stimmt.«

Ich besaß ein einziges Märchenbuch, voller faszinierender Geschichten. Abends im Bett, wenn das Licht ausgeknipst war, spann ich die Geschichten im Kopf weiter. Dort trafen sich all meine Lieblingsgestalten im Garten des glücklichen Riesen und feierten gemeinsam ein Fest. Frau Izmelda saß in der Mitte, wurde von der Goldmarie bekocht und von Zwerg Nase bedient. Der Kronprinz sang lustige Lieder und spielte dazu auf der Laute, während die liebe Großmutter den feinsten Brotteig knetete.

19. November 2019

'Marias Sehnsucht: Die Reise einer Jüdin' von Uschi Meinhold

Kindle | Weitere Shops
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Marias Sehnsucht? Welche Maria ist gemeint?
Der Leser begegnet einer wohlhabenden und gebildeten Jüdin, die als junge Frau ihren Heimatort Magdala in Galiläa nach dem Tod der Mutter und dem Verschwinden des Vaters verlässt, um zu reisen. Die Sehnsucht nach Veränderung führt Maria zu Verwandten nach Zypern, anschließend in die Hauptstadt des alles beherrschenden Römischen Reiches, Rom, und auf die Insel Capri.

Sie ist sehr eng befreundet mit Claudia, der Tochter des Princeps Tiberius. Aus dem anfangs unbeschwerten Romaufenthalt Marias wird durch die Nähe zur Tochter des Herrschers, inzwischen Ehefrau des Pilatus, ein Eintauchen in menschliches Leid. Aber auch glückliche Momente erlebt die Reisende durch die Zuneigung zum Römer Lupus. Sie begegnet Personen, die die Geschichte der Zeit bestimmen: Princeps Tiberius, Pilatus, Herodes.

Eingebunden in die politische Geschichte sind private Schicksale. Maria kehrt nach Magdala in Galiläa zurück. Wie auf der Reise erlebt sie in ihrer Heimat neben Glück auch Leid, begegnet diesen Erfahrungen gestärkt, weiß, wie sie leben will und mit wem: mit ihrer gehörlosen Tochter Lea und dem Römer Lupus. Er ist ihr nach Magdala nachgereist.

Die Autorin erzählt die Geschichte der vielbeschriebenen Maria Magdalena auf andere Weise, als sie bisher verbreitet worden ist. Was der Autorin in ihrem Roman 'Bruna-Brunhilde' (Bruna-Brunhilde: Westgotische Prinzessin - Merowingische Königin - Nibelungentochter) gelungen ist - die Leser durch lebendig und spannend erzählte Geschichte zu unterhalten und zu berühren -, kann auch in diesem Roman erwartet werden.

Gratisaktion: Das E-Book ist für kurze Zeit überall kostenlos zu haben.

Link zur Leseprobe

'Bruna-Brunhilde' von Uschi Meinhold

E-Book | Taschenbuch
Website zum Buch
Bruna-Brunhilde: Westgotische Prinzessin - Merowingische Königin - Nibelungentochter

Eine vermeintlich zeitlich ferne Geschichte - die auch im spanischen Westgotenreich mit der Hauptstadt Toledo spielt - wird im Roman über Bruna-Brunhilde als Kind, Herangewachsene, Liebhaberin, Leidende, Mutter und Herrscherin erzählt. So steht eine Frau des 6. Jahrhunderts, eine westgotische Prinzessin, eine merowingische Königin, eine Nibelungentochter im Mittelpunkt. Das Leben Bruna-Brunhildes ist zwar zeitlich fern, in manchem uns aber ganz nah.

Warum? Das Buch findet Antworten.
Außer dieser westgotischen, gebildeten Prinzessin Bruna, die fern ihrer Heimat - die sie nie wiedersehen wird - im Frankenreich ihres merowingischen Mannes nach dessen Ermordung als Herrscher in seiner Nachfolge versucht, gerecht zu handeln, wird die politische Geschichte dieser Zeit erzählt. Dies am Beispiel handelnder Menschen, die, wie Bruna-Brunhilde, im Mittelpunkt im Roman stehen. Denn Menschen machen Geschichte.

Wir können von Ereignissen im spanischen Westgotenreich – in Toledo, in Valencia -,im Merowingerreich der Franken: in Renève sur Vingeanne, in Chalon, in Metz, in Worms und Lorsch lesen. Das Nibelungenlied basiert auf dem glücklich-unglücklichen Leben dieser mächtigen Frau. Ähnlichkeiten zwischen dieser fernen Welt und unserer heute lassen sich entdecken. Aber auch das Andere, das Ferne, macht das Lesen ebenfalls interessant.

Für Liebhaber historischer Romane ist der erzählten Geschichte ein Glossar beigegeben.

Link zur Leseprobe

'Over The Rainbow: Die Traumwelt' von Uwe Tiedje

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Uwe Tiedje
Eine Fantasiegeschichte, für alle, die ihre Träume noch nicht verloren haben.

Seitdem die Träume der Menschen immer schwächer werden, sieht auch die Traumwelt ihrem Untergang entgegen. Um das zu verhindern, schicken die Bewahrer – Wesen, die für die Erhaltung verschiedener Bereiche dieser Welt zuständig sind – einen grauen Wolf und ein weißes Einhorn zu den Menschen. Sie sollen die beiden aufspüren, die in ihren Träumen der Fantasie noch freien Lauf lassen.

So finden sich Nic und Nora in einer ihnen fremden Umgebung wieder, in der sie sich dem Kampf gegen Todesfeen und finstere Druiden stellen müssen. Bis Nora Gefahr läuft, sich in einem Traum zu verlieren …

Leseprobe:
Es beginnt …
Er war da, seit der Schöpfung, seit Anbeginn allen Lebens. So lange er denken konnte, kümmerte er sich um die Erde, die Lebewesen, die Pflanzen, die Gewässer, um alles, was war.
Früher existierten noch andere, wie er, vor Urzeiten, nach der Schöpfung. Doch nun gab es nur noch eine Handvoll von ihnen.
Er stand hoch oben, auf seinem Lieblingsplatz, nahe dem Ort, an dem er geboren wurde. Ein Geschöpf aus Erde, aus Wasser und Feuer, aus Luft und Sternenstaub. Dieser Berg war seine Ruhestatt. Hier wanderte er durch seine Gärten, hegte und pflegte sie.
Doch heute Nacht war er ruhelos hierhergekommen. Er spürte, wie sich etwas verschob. Ein Ungleichgewicht der Kräfte. Oben am Nachthimmel fand er sein Gefühl bestätigt. Ein neues Sternbild zeigte sich dort.
Schreck und Schmerz erfüllten sein Innerstes und wühlten ihn emotional auf. Er sah hinauf zu denen, die einmal waren, nahm ihr Leuchten in sich auf, linderte mit ihrem Strahlen sein Leid ein wenig.
Starker Wind kam auf, peitschte über das Land, beugte die mächtigen Wipfel seiner Bäume, so als spüre die Natur, dass sich etwas veränderte. Es begann zu regnen, erst wenige Tropfen, dann eine wahre Sturzflut. Sie nässte seine Erde. Der Wind fegte in Böen daher, jagte die Regenschauer vor sich her. Dunkle, drohende, schwarze Wolken wallten über den Berg.
Doch an der Stelle, an der er stand, war es vollkommen windstill. Kein Regen fiel, hier war es sternenklar. Über ihm, inmitten der brodelnden Wolkendecke, war ein Loch, durch das er die Sterne klar und deutlich sehen konnte. Wie ein strahlendes Auge inmitten pechschwarzer Finsternis.
Sein langes weißes Haar umrahmte ein altes, zerfurchtes Gesicht. Blaue, gütige Augen schauten unter dichten, weißen Augenbrauen hervor und ein langer, weißer Bart zierte sein Kinn. Eingehüllt in ein braunes Gewand, die Farbe der Erde, gestützt auf seinen Stab, stand er da und sah hinauf zu den Sternen.
Zuerst sah er nur einen winzigen, schwarzen Punkt, der sich vor den drei vollen Monden abhob. Der Punkt bewegte sich, kreiste, kam immer näher. Nur schemenhaft nahm er die Umrisse wahr. Doch er brauchte kein klares Bild, um zu wissen, wer da kam. Wie er selbst war sie schon immer da, hütete wie er, pflegte. Auch sie schien die Veränderung zu spüren.
Nahe bei ihm landete der schwarze Pegasus. Majestätisch schwebte er heran, die mächtigen Flügel schlugen und erzeugten Wind, der das lange, weiße Haar des Bewahrers wie eine Fahne wehen ließ. Sanft setzte er auf, so als landete er auf einer weichen Wolke und nicht auf harter Erde. Die Flügel hielten inne, der Kopf mit der langen schwarzen Mähne verneigte sich vor ihm und leises Schnauben begrüßte den Bewahrer.
Eine Gestalt in schwarzem Gewand, der Farbe der Nacht, und dunkler Kapuze stieg vom Rücken des Pegasus, setzte die Füße ins feuchte Gras und kam mit leichten Schritten, fast schwebend zu ihm herüber, in der Hand einen Stab, schwarz im Gegensatz zu seinem grünen.
Er deutete eine Verbeugung an und seine Lippen bewegten sich nicht, als er sie begrüßte.
»Bewahrerin.«
Sie lächelte und nickte. Auch sie deutete eine Verbeugung an und er hörte ihre Stimme in seinen Gedanken.
»Bewahrer.«
Nun lächelte auch er. Nur die wenigen, die noch waren, sprachen auf diese Weise miteinander. Ihre Gedanken berührten sich, wenn sie sich unterhielten, und diese Berührung löste ein Gefühl der Freude in ihm aus, dass er seit langem vermisste.
»Eine lange Zeit, Bewahrerin, seit wir uns zuletzt trafen.«
»Nur ein Moment, Bewahrer, ein Moment in der Ewigkeit. Was ist schon Zeit für solche wie uns?« Er hob seinen Stab und deutete zum Nachthimmel.
»Du hast es auch gesehen?«
Sie schaute hinauf, nickte und ihr Gesicht verzog sich schmerzhaft.
»Ja ich sehe es, konnte sie jedoch nicht daran hindern. Meine Aufgabe ist es, die Sterne zu bewahren, so wie du die Erde, und doch konnte ich gegen dieses neue Sternenbild nichts unternehmen.«
Er nickte und schaute sie besorgt an.
»Das Sternbild der Todesfeen. Niemand kann etwas dagegen tun. Sie sind dunkle Elfen, sind da seit Anbeginn der Zeiten. Nur sie selbst können etwas tun … «
Entschieden schüttelte die Bewahrerin der Sterne den Kopf. Tiefe Traurigkeit stieg in ihr auf.
»Sieh dir nur unsere Sterne an, ihr Leuchten verblasst. Die Träume der Menschen – sie gaben ihnen einst Kraft. Einst strahlten sie hell und leuchteten uns in der Nacht. Immer weniger Träume erreichen uns, die Menschen sind zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt.
Doch um zu deinen Worten zurückzukehren, nicht nur sie selbst können uns helfen. Lass uns die finden, die in der Lage sind hinüberzugehen. Sie können dafür sorgen, dass dieses Sternbild verblasst, vergeht für lange, lange Zeit.«
Er schaute in ihre nachtschwarzen Augen, nicht überzeugt von ihren Worten. Doch sie war eine wie er, er vertraute ihrer Überzeugung.
»Auch ich spüre, dass die Träume weniger werden. Die Menschen verändern, verwüsten meine Welt, indem sie meine Elemente nutzen, sich selbst zu vernichten. Sie verbrauchen meine Kraft, die ich aufwenden muss, um zu regenerieren, was sie zerstören. Tod und Elend – so viele, die gehen müssen vor Ihrer Zeit. Schau hinauf, wie viele Sterne täglich hinzukommen. Aber dennoch, es gibt welche unter ihnen, die ihre Träume nicht verloren haben, sie tragen sie tief in sich verborgen. Wenn diese ihre Träume wiederfinden, können sie hinüber.«
Traurig blickte die Bewahrerin in sein altes, zerfurchtes Gesicht.
»Es kostet dich viel, schau dich an.«
In Gedanken sah sie ihn bei ihrer letzten Begegnung vor sich, sah das jungenhafte, wunderschöne Gesicht. Entschlossen trat sie zu einer Senke, rief ihn zu sich und nahm seine Hand.
»Lass uns hier den Zauber wirken. Er soll sie finden und ihnen helfen, zu ihren Träumen zurückzufinden, damit sie uns und allen anderen helfen können.«
Sie streckte den Stab vor und stieß ihn in die Erde. Schwarzes Licht färbte die Erde, bildete einen Kreis. Der Bewahrer der Erde lächelte, nahm seinen Stab, stieß ihn ebenfalls in die Mitte des Kreises, der sich mit strahlendem, grünem Licht füllte. Die beiden hielten sich an den Händen, hielten mit der anderen ihre Stäbe und stimmten einen uralten Gesang an, in einer Sprache, die längst von dieser Welt verschwunden war.

18. November 2019

'Das Antumnos (Die Wiedergeburt des Brixta 1)' von Shannon J. Briwen

Kindle (unlimited)
Website Shannon J. Briwen
Shaila ist 10 Jahre alt und kommt aus den Alpen. Eines nachts geschieht etwas Unglaubliches, sie findet sich mit einem Monster in einer neuen Welt wieder! Zuerst ist diese Welt wunderschön und aufregend. Sie scheint ungefährlich und lieblich und voll von neuen magischen Dingen und sprechenden Tiere, sowie interessante Wesen, wie die Thé, Trolle und Drachen zu sein.

Doch diese scheinbare Idylle entpuppt sich dann als eine Welt voller Welten, die alles anderer als ungefährlich und einfach ist. Shaila stirbt beinahe, wird verfolgt und erfährt lauter Geheimnisse. Sie entdeckt zu dem einen seltsamen, roten Drachen und betritt das berüchtigte Totenreich, das riesige Gwotirmar Aneru!

Kommt sie dort wieder lebend heraus?

Komm und entdecke die vielen Göttinnen und Götter, die vielen Anbisoi, Wesen des Multiversums und begleite Shaila und ihre Freundinnen und Freunde auf ihrer unglaublichen Reise zum Brixta, zur Magie.

Dies ist der erste Teil einer Geschichte von Freundinnen und Freunden, die neue Tirs entdecken und ein neues Schicksal schaffen und ihre Träume verwirklichen wollen. Es ist die Geschichte der Wiedergeburt der Magie. Diese Kameradinnen und Kameraden erfahren über das Multiversum und die Welt der Menschen. Sie lernen das Brixta kennen und lernen das Brixen. Sie begreifen, dass die Menschen nicht alleine im Multiversum sind, sondern in Wirklichkeit nur eine Spezies unter vielen. Sie entdecken das Gesicht des Tir Doni, der Welt der Menschen und wie feindselig das Multiversum sein kann!

Bei dem Versuch ihr Schicksal zu schmieden, stellt sich ein unbekannter Feind, der unglaublich mächtig zu sein scheint, ihnen in den Weg! Doch die Zyklen im Multiversum haben schon begonnen, die Räder der Zeiten und Welten drehen sich, die Erde hat sich in Bewegung gesetzt, so auch viele andere Shi im Multiversum, welches Schicksal ereilt dabei die Menschen in dieser Zeit des Umbruches, in der Wiedergeburt der Magie? Bleiben sie auf dem Weg der Selbstzerstörung oder erkennen sie die Zeichen der Zeit? Welche Rolle nehmen dabei diese FreundInnen ein, wenn der Atem des Gottes Kianos über die Tirs zieht?

Finde es heraus und begleite die Bande auf dem Weg zu ihren Träumen und zum Letzten großen Kampf der Menschen, der letzte Kampf vor dem neuen Zeitalter!

Magst du heidnische Mythologie, vor allem keltische? Magst du Drachen, allerlei Fabelwesen und Übernatürliches, dann erkunde das Multiversum mit Shaila und ihren Verbündeten, entdecke lauter neue Tirs, also Welten und Fabelwesen!

Leseprobe:
Das Trolldorf
Shaila blickte herum und genoss den Anblick, sie konnte es kaum glauben: so viele Häuser und Trolle auf einem Haufen! Die Häuschen waren alle ungefähr gleich groß: Die Wände weiß durchzogen von dunklen Holzbalken, die Dächer waren bunt. Teilweise waren sie grün, blau, rot oder in einer anderen Farbe gestrichen. Hin und wieder ragten Schornsteine aus roten Ziegeln empor. Die Schornsteine produzierten auch den vielen Rauch, der in die Luft stieg.
Der Weg, den sie gekommen waren, mündete in eine breite Fläche, die wie eine Art Marktplatz aussah. Diese Fläche schien die Hauptader des Dorfes zu sein, links und rechts von ihr, beziehungsweise von der breiten Straße, waren Marktstände. Der Marktplatz schien eine endlose, breite, sandige Straße, gefüllt mit Ständen und Trollen, zu sein. Überall spielte das Leben, es lag eine wilde, lebendige Atmosphäre in der Luft. Überwältigt und begeistert vom Anblick zog Shaila an Fiachs Fell und meinte: „Lasst uns auf den Markt gehen, dort werden wir ihn sicher finden!“
„Mmmhh!“, antwortete Fiach ein wenig skeptisch und folgte dann aber Shailas Wunsch.
Sogleich standen sie dann inmitten des lebendigen Getümmels und konnten die Marktverkäufer und -verkäuferinnen glühend und laut schreien hören: „Wir haben das beste Essen! Bei uns gibt es den besten Fisch! Die schönsten Stoffe! Schmuck, Elvenstaub!“, tönte es von allen Seiten. Da wurde Shaila hellhörig. Was hatte sie da gehört? Schmuck und Elvenstaub?! „Gehen wir dorthin!“, sagte sie begeistert, während sie eifrig den Rufen folgte. Was war wohl Elvenstaub?
Neugierig schlängelte sie sich durch die Menge an Trollen, bis sie schließlich den Stand ausmachen konnte, wo eine ältere Trolldame lauthals schrie: „Elvenstaub, Elvenschmuck!“ Als Shaila direkt vor dem Stand innehielt, konnte sie jedoch nichts auf der Auslage erkennen. Es war leer, keinerlei Schmuck oder Elvenstaub war zu sehen! Verblüfft, enttäuscht und ein wenig traurig blickte sie fragend zur Trolldame. Da kam ihr ein Gedanke, vielleicht war er ausverkauft, oder sie hatte ihn versteckt, weil er so wertvoll war? Da wurde die Trolldame auf Shailas fragende Blicke aufmerksam und hörte auf zu schreien und schaute stattdessen in Shailas Richtung. „O was für ein liebes, süßes Mädchen, was kann ich für dich tun?“, fragte die Trolldame mit einem gutmütigen Ton. Da verschwand Shailas Trauer und ihre Augen begannen zu funkeln.
„Den Elvenschmuck und den Elvenstaub, darf ich ihn kurz sehen?“, antwortete sie freudig. Da begann die alte Dame zu lachen: „Hahahahah“, und griff in ihren Bulga, zog ihre Hand wieder heraus und streckte eine Faust in Richtung Shaila. „Du darfst es sehen, aber umsonst kann ich das nicht machen! Ich hoffe, du verstehst, dass alles seinen Preis hat“, sagte die Dame. geheimnisvoll. Obwohl Shaila das nicht ganz verstand und verwirrt darüber war, weil sie es ja nur sehen wollte, antwortete sie ein wenig wehmütig: „Aber ich habe doch kein Geld!“
„Du wirst doch sicher etwas Anderes haben?“, antwortete die Trolldame daraufhin in Erwartung. Da erinnerte sie sich an ihren Rubin und antwortete freudig: „Ich habe da diesen Rubin, den kann ich dir zeigen!“ Shaila holte den Rubin heraus und zeigte ihn der Dame.
„Ja das reicht mir!“, antwortete die Dame befriedigt und streckte langsam ihre Arme in Shailas Richtung, wobei ihre Hand immer noch zu einer Faust geballt war.
Gebannt starrte Shaila auf die Faust der Trolldame. Wie der Elvenschmuck wohl aussah? Was Elvenstaub wohl war? Fiach hingegen schien wenig beeindruckt, er lag desinteressiert im Hintergrund. „Hier!“, sagte die Dame laut und leidenschaftlich, als ob sie zaubern würde und öffnete ihre Faust zugleich.
Doch in ihrer Hand befand sich gar nichts! „Da ist ja nichts!“, schrie Shaila aufgeregt.
Da begann die Dame zu lachen: „Hahahahah, trololololololo!“, und lachte weiter und ignorierte Shailas Einwände.
„Wo ist der Schmuck, ich habe dir auch meinen Rubin gezeigt!“, schrie Shaila schmollend.
Doch die Trolldame reagierte nicht und lachte nur. Als sie fertig mit dem Lachen war, begann sie wieder zu schreien: „ Elvenschmuck, Elvenschmuck, Schmuck, Elvenstaub!“
Genervt und mürrisch wandte sich Shaila dann von der Trolldame ab und knuddelte Fiach, um sich zu trösten. Sie war ziemlich beleidigt, da sie nicht bekam was sie wollte.
„Keine Sorge, wir finden den Troll!“, sagte Fiach tröstend mit liebevoller Stimme. Daraufhin beruhigte sich Shaila wieder und lies ihre mürrische Laune gleich hinter sich: „Ja, lass uns weiter schauen“, und grinste dabei angespornt. Die seltsame Trolldame rückte gedanklich dabei wieder in den Hintergrund.
Sie gingen dann weiter durch das rege Getümmel an der Marktstraße und hielten dabei frohen Mutes nach dem Troll Ausschau. Doch weit und breit war er nicht aufzufinden. „Stadtkarten, Stadtkarten, soweit das Auge reicht“, hörte Shaila jemanden eifrig schreien. „Da gibt es Stadtkarten!“, freute sich Shaila, vielleicht kämen sie ja mit einer Karte weiter, dachte sie sich. Schnell folgte sie den Rufen des Marktschreiers, und bekam dabei wieder ein leicht mulmiges Gefühl, wegen der seltsamen Trolldame von vorhin.

'Morgenfiktion' von Reinhard Belser

Kindle (unlimited) | Tolino | Taschenbuch
Reinhard Belser auf Facebook
Die Fiktion auf ein "Morgen" – Hoffnung und der Wille zum Weiterleben.

Ein Schicksalsschlag brachte Reinhard Belser an die Schwelle des Todes. Als hoffnungsloser Fall wurde er in ein Pflegeheim abgeschoben. Doch so wollte er nicht weiterleben.

Tiefpunkte, Schmerzen und Leid gehören unvermeidlich zu unserem Leben als Menschen. Belser lässt den Leser an seinen Krisen teilhaben und zeigt gleichzeitig einen Weg, wie es selbst in scheinbar hoffnungslosen Lagen einen positiven Neuanfang geben kann.

Wer von Lehrbüchern, Motivationstrainern, Coaches oder Ärzten bisher nicht ausreichend inspiriert wurde und nicht vorankommt, der sollte diese Geschichte lesen. Sie ist ein ergreifendes Zeugnis, wie wir nach dem Versagen unserer physischen Kräfte durch das Mobilisieren von mentaler Energie, Zuversicht und Beharrlichkeit unsere einstige Lebensqualität wiedererlangen können.

Leseprobe:
Der lange Weg zurück ins Leben
Als ich zu Bewusstsein kam und die Augen öffnete, war da nur Leere. Wo ich war, woher ich kam, wie viel Zeit vergangen war – keine Ahnung. Es war seltsam, aber ich war mir mit dem Erwachen meiner Existenz im wirklichen wie auch im metaphysischen Sinne bewusst, aber viele Erinnerungen an die Vergangenheit fehlten. Selbst meinen Namen wusste ich nicht mehr.
Schleichend formte sich aus vermeintlicher Leere eine weiße Wand, die ich wahrnahm. Auch machten sich erste Schmerzen im Rücken bemerkbar, die zunehmend stärker wurden. Noch hatte ich keine Möglichkeit, etwas dagegen zu unternehmen, um sie wenigstens ein bisschen zu lindern, denn ich konnte weder sprechen noch meine Glieder auch nur im Geringsten bewegen.
Seltsame Geräusche ließen mich meine Schmerzen vergessen. Ich versuchte, diese Geräusche zu orten, was allerdings nicht gelang. Immerhin vermochte ich, zwischen Dunklem und Hellem zu unterscheiden. Ob die Helligkeit von Sonne oder elektrischem Licht herrührte, konnte ich nicht erkennen.
Im Laufe der nächsten Tage erkannte ich dann sogar die Stimme meiner Ehefrau Sandy, die mich regelmäßig in der Klinik besuchte. Ich glaubte, mit einem Lächeln darauf reagiert zu haben. Später erzählte mir Sandy, dass ich sogar versucht hätte, mit ihr zu reden.

Während der langen Schlafperioden haben mich fürchterliche Albträume heimgesucht, von denen etliche haften geblieben sind, wie zum Beispiel dieser:
Verschwommen – wie durch schmutzige Brillengläser – erblickte ich eine Wiesenlandschaft mit einem sich dahinter erstreckenden dunklen Waldstrich, in dessen Innerem sich ein Gebäude erhob. Ich ging auf das Gebäude zu und betrat es durch eine breite Tür. Das Innere erinnerte an eine Musikkneipe, in der eine Party stattfand. Unter den Gästen erkannte ich einige mir bekannter Menschen, die ich als ehemalige Kollegen meiner letzten Arbeitsstelle identifizierte. Plötzlich saß ich mit ihnen um einen Tisch: Wir plauderten miteinander, hörten gemeinsam Musik und tranken dazu. Jäh wurde die heitere Stimmung der Gruppe durch das Erscheinen meines ungeliebten Vorgesetzten gestört. Wie aus dem Nichts kam er mit erhobener Pistole in der Rechten. Er trat stumm auf mich zu, hielt die Waffe gegen meine Schläfe und sagte: »Jetzt knall ich dich ab!« Und dann drückte er tatsächlich eiskalt ab. So verwirrt wie ich war, hielt ich es für real, nicht für einen Traum, und rechnete mit dem Schlimmsten. Ich war geschockt, die Zeit stand still und ich wusste nicht, ob ich noch lebte oder bereits tot war. Es herrschte unheimliche Stille; da war nichts mehr. Es dauerte eine Weile bis ich mich von diesem furchtbaren Schock erholt hatte und realisierte, dass ich noch lebte. Diese mir ungeheure angsteinflößende Szene wiederholte sich noch öfter. Und jedes Mal, nachdem mein Vorgesetzter den Abzug der Pistole gedrückt hatte, war ich wiederholt in dem Zustand, dass mir für wenige Augenblicke nicht klar war, ob ich noch lebte oder schon tot war – eine äußerst befremdende Situation. Aber dann ließen der unglaublich hohe Druck und die extreme Anstrengung, die dieser Albtraum in meinem Kopf verursacht hatte, nach und ich wurde innerlich ruhiger, konnte weiterschlafen. Eines wurde mir jedenfalls bei diesem Traum bewusst: dass ich zwischen Leben und Tod zu unterscheiden vermochte. Und ich fühlte mich froh, noch am Leben zu sein.
Rückblickend bezieht sich dieser Albtraum auf eine wahre Begebenheit: Vor meinem Zusammenbruch übte ich tatsächlich einen Bürojob in einer amerikanischen Firma aus. Ich hasste sowohl die Firma als auch meinen Job. Zu allem Überfluss traf ich auch noch auf einen Vorgesetzten, der Mobbing perfekt beherrschte und es liebte, Intrigen in die Welt zu setzen. Man konnte ihm die Freude förmlich ansehen, die er verspürte, wenn er seine Mitmenschen quälte und leiden sah. Sein Führungsstil zeichnete sich durch maßlose Arroganz und Ignoranz in ganz besonderer Weise aus. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass ich zu ihm ein gestörtes Verhältnis pflegte und ihn nicht ausstehen konnte. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine regelrechte Aversion gegen ihn, die Firma und den Job, eine Aversion, die wohl tiefer in mein Unterbewusstsein eingedrungen war, als ich mir das je hätte vorstellen können.

Zunächst setzte sich meine Welt jedoch nur langsam und Stück für Stück zusammen. Als ich dann irgendwann eine sanfte Stimme neben mir hörte, vermochte ich auf einmal meinen Kopf ein klein wenig zu drehen und blickte in ein Gesicht, welches mir völlig fremd war. Leicht irritiert versuchte ich zu verstehen, was vor sich ging. Es dauerte, bis ich das weibliche Gesicht zuordnen konnte. Wahrscheinlich zeigte ich eine Reaktion, denn die Frau begann zu lächeln und wirkte dabei sehr freundlich. Mit einfühlsamer Stimme sprach sie zu mir, doch was sie sagte, weiß ich nicht mehr. Mir wurde unbehaglich, als sie mit einer Hand an meinen Hals griff. Ich spürte, wie sie ein Pflaster wegriss. Im nächsten Augenblick beobachtete ich, wie sie mit einem Plastikröhrchen hantierte und damit an meinem Hals herumstocherte. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Darauf hörte ich zischelnde Geräusche, die sich anhörten, als würde Flüssigkeit abgesaugt – es tat weh. Ich hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte. Ich wollte etwas dazu sagen und stellte fest, dass ich kaum einen Ton herausbrachte, aber ich konnte nicht nachvollziehen, warum das so war. Die gesamte Prozedur war mir äußerst lästig und ich war froh, als die Frau damit fertig war und ging. Danach lag ich wieder teilnahmslos da, in der unendlichen Leere.

Während eines weiteren lichten Moments nahm ich dieselbe Frau erneut neben meinem Bett wahr, hörte ihre beruhigende Stimme und sah ihr Lächeln. Dabei fiel mir auf, dass sie grüne Kleidung anhatte, die ich irgendwo schon einmal gesehen hatte, aber wo? Wiederholt beugte sie sich über mich, riss mir ein Pflaster vom Hals und saugte Flüssigkeit mithilfe eines Plastikröhrchens ab. Als sie damit fertig war, beobachtete ich, wie sie das Plastikröhrchen, welches an einem Schlauch befestigt war, in einen Apparat steckte. Endlich begriff ich, dass ich in einem Krankenhausbett lag und die Frau eine Krankenschwester war. Vielleicht assoziierte ich mit den zischelnden Geräuschen und dem Plastikröhrchen Erinnerungen an vergangene Zahnarztbesuche. Diese ernüchternde Erkenntnis drang jedoch nur langsam zu mir durch und verunsicherte mich. Das alles wurde mir zu viel, ich schaltete ab und starrte die weiße Wand an.

15. November 2019

'Ratte Prinz im Weihnachtsbaum' von Annette Paul und Krisi Sz.-Pöhls

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Annette Paul
Ich bin Prinz, eine kleine sprechende Ratte. Und ich lebe freiwillig bei Rapunzel und ihrer Familie. Momentan sind meine Menschen besonders schrecklich. Das liegt wohl an der Weihnachtszeit. Alle haben so viel zu tun. Sie malen, basteln und backen. Außerdem machen sie ständig Krach. Schließlich ist die Mutter Sängerin und jedes Kind spielt zwei Instrumente.

Seit Tagen versuche ich Rapunzel zu überreden, mich zur Schule mitzunehmen. Ich möchte unbedingt ihre Freunde und Lehrer kennenlernen. Außerdem zerbreche ich mir den Kopf, was kann ich meiner Freundin schenken?

Für kurze Zeit zum Aktionspreis von nur 99 Cent.

Leseprobe:
Seit Tagen tuscheln die Großen miteinander. Was die wohl haben? Selbst wenn ich meine Ohren spitze, höre ich nichts. Dabei besitze ich ein viel feineres Gehör als die Menschen.
Einmal schnappe ich etwas wie Überraschung und Geschenke auf. Doch dann bemerkt Schneeweißchen, die große Schwester meiner Prinzessin, dass Rapunzel und ich in der Nähe sind und zischt: „Pst“. Danach ist kein Wort mehr zu verstehen. So eine Gemeinheit, als ob ich etwas verraten würde! Für wen halten die mich? Ich bin der beste Geheimnisbewahrer der Familie!
Rapunzel kommt mittags mit klebrigen Fingern aus der Schule. Sie ist sechs Jahre alt und geht in die erste Klasse. Vor ein paar Monaten hat sie mir das Leben gerettet und mich mit einem Schal aus einem Kanal gezogen, sonst wäre ich ertrunken. Deshalb nennen ihre Geschwister sie jetzt Rapunzel, nach der Prinzessin aus dem Märchen, das den Prinzen an ihrem Haar hochklettern ließ. Ich bin eine kleine goldfarbene Ratte aus königlicher Familie. Eine alte Prophezeiung sagt, dass wir einst verhext wurden. Deshalb können wir uns mit den Menschen in ihrer Sprache unterhalten. Erst wenn der auserwählte Prinz eine liebende Prinzessin findet, werden wir erlöst. Deshalb bleibe ich bei Rapunzel, auch wenn es noch lange dauern wird, bis sie erwachsen ist und mich heiraten kann.
„Nimmst du mich morgen mit zur Schule?“, frage ich am Abend, als sie ihren Schlafanzug anzieht.
„Nein, das geht nicht.“
„Warum nicht? Ich bleibe im Ranzen und bin ganz leise“, verspreche ich.
Rapunzel lacht nur.
„Wenn du mich hierlässt, ärgere ich deinen Vater“, drohe ich.
Sie schüttelt den Kopf, dann schlüpft sie unter die Decke und nimmt sich ein Buch. Sie darf jeden Abend zwei Seiten lesen, bevor sie schlafen soll.
„Ich nage in der Vorratskammer alle Lebensmittel an.“ Irgendwie muss ich sie doch herumbekommen.
Aber sie antwortet gar nicht mehr, so vertieft ist sie in ihr Buch.

Wenn sie mich schon allein lassen, muss ich halt jede Gelegenheit nutzen, um einen Spaziergang zu machen. Am nächsten Morgen herrscht wie üblich Lärm und Unruhe. Rapunzel kommt noch einmal in das Zimmer um ihren Turnbeutel zu holen.
„Rapunzel, beeile dich, sonst kommst du zu spät“, ruft Nachtigall.
„Prinz braucht Wasser.“
„Das mache ich, mit dem Fahrrad bin ich schneller in der Schule.“ Zorro, der zweitälteste der Geschwister, schiebt Rapunzel samt Turnbeutel aus dem Zimmer. Dann beugt er sich zu mir herunter, schüttet etwas Futter in den Napf und holt aus dem Badezimmer frisches Wasser. Dabei hakt er meine Käfigtür nicht richtig ein. Sobald Ruhe einkehrt, klettere ich raus und springe die Treppe hinunter. Ich habe Glück, die Wohnzimmertür steht offen. Normalerweise ist sie geschlossen. Ich schlüpfe hinein und sehe mich gründlich um. „Ihr dürft nur zum Klavierspielen ins Wohnzimmer oder wenn wir dabei sind!“, hat Nachtigall bestimmt. Nachtigall ist Rapunzels Mutter. Sie wird so genannt, weil sie Sängerin ist und schön wie eine Nachtigall singt.
Im Wohnzimmer stehen ganz viele Bücher im Regal. Und auf einem Tisch neben dem Klavier stapeln sich Noten. Bergeweise. Wer soll das bloß alles spielen? Ich schaue es mir an. Obenauf liegen Stücke von Beethoven. Dabei klimpert hier niemand den alten Beethoven. Die Kinder lieben eher Schlager und selbst Nachtigall bevorzugt modernere Stücke.
An der Wand hängen sehr bunte Bilder. Sicher stammen sie von Picasso. Nicht dem berühmten Maler, der vor vielen Jahren gelebt hat, sondern Rapunzels Vater. Der versucht nämlich, mit seiner Kleckserei Geld zu verdienen. Die Kinder nennen ihn deshalb respektlos Picasso. Seine Bilder sehen wirklich so ähnlich aus wie bei dem großen Künstler. Lauter Farbspritzer, untern denen man sich nichts vorstellen kann. Vor einiger Zeit konnte man wenigstens noch ein paar verzehrte Gesichter erkennen, aber momentan sind es nur Striche, Vierecke, Kreise und Punkte.
In einer Ecke stehen ein Computer und ein Fernsehgerät. Die Kinder dürfen nur selten fernsehen, sie sollen nämlich lieber auf ihren Musikinstrumenten Krach machen. Wie gut, dass wir in einem alten Haus mit einem großen Garten wohnen. Dadurch leiden die Nachbarn nicht so sehr unter dem Lärm. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob nicht die Angst, dass der alte Fernseher ganz kaputt geht, eher der Grund für das Verbot ist.
Gerade als ich es mir auf der Sofalehne gemütlich machen will, höre ich Schritte näherkommen. Vorsichtshalber springe ich auf den Tischen nebenan und verstecke mich unter einem Notenheft.