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2. Dezember 2020

'Wenn es Liebe schneit' von Lisa Torberg

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website | Autorenseite
Sie waren jung, verliebt, das Traumpaar schlechthin – bis er spurlos verschwand. Dreizehn Jahre später ist er plötzlich wieder da … aber er ist nicht allein.

Liam Cranford ist zu allem bereit, um das Versprechen einzulösen, das er seinem Freund gegeben hat. Hals über Kopf verlässt er mit der kleinen Maisie Labrador City. Sein Weg durch das winterliche Kanada führt ihn auf die Insel Neufundland, die er vor vielen Jahren verlassen hat.

Scarlett Winter traut ihren Augen nicht, als sie den Mann erkennt, der mit einem verletzten Mädchen in ihre Praxis stürmt. Unter anderen Umständen würde sie Liam sofort wegschicken – aber sie lebt für ihren Beruf. Schon während sie Maisie verarztet, erobert die Kleine ihr Herz im Sturm. Oder rast es wegen Liam so aufgeregt in ihrer Brust, den sie trotz allem nie vergessen hat?

Ein bezaubernder Liebesroman mit Happy-End-Garantie aus dem verschneiten Kanada.

Anleser:
Mit beiden Händen umfasst Scarlett Winter die Tasse, schließt die Augen und atmet tief ein. Der aromatische Duft nach schwarzem Tee, Honig und Zitrone verdrängt für einen Moment den Gedanken an das immer noch nicht leere Wartezimmer. Nicht jedoch den an Stephens Anruf, der weitere vier Hausbesuche zu erledigen hat, bevor er heimkommt. Sie arbeiten zu viel. Alle beide. Zum Glück hat July es schon immer vorgezogen, allein zu lernen, sonst hätten sie jetzt ein Problem. Aber zwölf ist nicht zwei, und die Zeiten, als sie ein Problemkind war, liegen lang zurück. Dennoch wünscht sich Scarlett seit Wochen immer öfter, am Rad der Zeit drehen zu können. Anfangs hat sie sich nur ein Jahr zurückgesehnt, an den Tag, an dem sie den Vertrag mit der Organisation Ärzte ohne Grenzen unterschreiben wollte – und es nicht getan hatte. Hätte sie nur! Dann wäre sie bei Ausbruch der weltweiten Pandemie in Uganda gewesen und nicht in Mount Pearl.
Ein Anflug von Wut erfasst sie. Sie reißt die Augen auf und schüttelt den Kopf. Was für ein idiotischer Gedanke!
Sie hebt die Tasse an, setzt sie vorsichtig an die Lippen und trinkt einen ersten Schluck. Das heiße Getränk erfüllt sie mit Wärme und vertreibt das Gefühl der Kälte, das sie bereits seit dem Aufstehen verspürt. Als ob sie nicht in ihrem wohltemperierten Zimmer unter der Daunendecke geschlafen hätte. Ein Schauer erfasst sie, dabei liegen die Temperaturen für Ende November im Durchschnitt, und es ist normal, dass sie nachts unter den Gefrierpunkt sinken. Neufundland ist nun einmal nicht am Äquator, sondern nicht weit vom nördlichen Polarkreis entfernt. Doch die Gänsehaut auf ihren Armen, die von dem dunkelblauen Wollpulli bedeckt ist, dessen Bündchen aus den Ärmeln des weißen Kittels hervorblitzen, hat nichts mit Kälte zu tun. Vielmehr ist es dieses Gefühl, für das sie immer nach wie vor keinen Namen gefunden hat.
Nostalgie nach Afrika kann es nicht sein, weil sie noch nie dort war, obwohl sie schon mit sechzehn ihren Lebensplan klar skizziert hatte. Highschoolabschluss mit siebzehn, College, Studium, Approbation, unmittelbar danach ein Jahr Afrika als frischgebackene Ärztin, um den Ärmsten der Armen zu helfen, gefolgt vom Eintritt in die Familienpraxis. Im Grunde genommen hat sie die ersten drei und den letzten Schritt durchgezogen. Das sind immerhin vier von fünf, sprich achtzig Prozent – und sie ist gerade erst dreißig geworden.
Ein Klopfen an der Verbindungstür zu Stephens Praxisraum, die zugleich aufschwingt, unterbricht ihre Grübelei.
»Hast du ausgetrunken?« Lizzie schiebt sich eine vorwitzige Haarsträhne hinters Ohr und schaut sie besorgt an.
Scarlett hebt die Tasse an die Lippen, leert sie, setzt sie ab und nickt mit einem erzwungenen Lächeln. »Jetzt schon.«
Ihre Stimme klingt so müde, wie sie sich fühlt.
»Du arbeitest zu viel, schläfst zu wenig, vor allem aber grübelst du zu viel. Hör auf damit, Scarlett. Du trägst nicht das Schicksal der ganzen Welt auf deinen Schultern.«
Nein, zum Glück nicht, sie hat mit ihrem eigenen schon genug zu tun. Nur braucht sie niemanden, der sie auch noch darauf hinweist, dass einfach nichts so läuft, wie es sollte. Oder wie sie es sich wünscht. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, ihre beste Freundin einzustellen, als die langjährige Mitarbeiterin ihres Vaters in den Ruhestand gegangen war. Sie hätte sich damals gegen Stephen durchsetzen sollen.
»Überlegst du schon wieder, mich rauszuschmeißen?« Lizzie fixiert sie und legt dabei die Stirn in Falten. Nur das Zucken ihrer Mundwinkel verrät ihre Erheiterung.
»Aber nein, wie kommst du denn darauf?« Scarlett verdreht die Augen.
»Ich sehe es dir an.« Lizzie grinst, nähert sich ihrem Schreibtisch und greift nach der Tasse. Dann macht sie kehrt und geht ein paar Schritte, bevor sie im Türrahmen stehen bleibt und sich zu ihr umdreht. »Du solltest versuchen, endlich einmal durchzuschlafen.«
»Und wie soll das gehen?«
»Das fragst du mich, Frau Doktor? Du hast Medizin studiert und kennst all die Mittelchen gegen Schlaflosigkeit. Aber da du mich schon um Rat bittest ...«
Scarlett schüttelt seufzend den Kopf. Lizzie hat diese Art von Kommunikation, mit der sie ihr Gegenüber zwingt, sie zum Weitersprechen aufzufordern, bereits mit sechs beherrscht. Möglicherweise bereits, als sie noch im Kindergarten waren. So genau kann Scarlett sich nicht erinnern.
»Jetzt sag schon!« Genervt greift sie nach einem der Plastikkugelschreiber, die sie als Gadgets an ihre Patienten verschenken, und wirft ihn Richtung Tür. Er trifft zwar nicht Lizzie, da er einen halben Meter vor ihr zu Boden fällt, aber das improvisierte Wurfgeschoss erfüllt seinen Zweck.
»Sex soll helfen, habe ich gehört. Das solltest du vielleicht wieder einmal ausprobieren.«
»Raus!« Scarlett greift blitzschnell nach dem nächsten Kuli, holt aus – und trifft wieder nicht. »Und lass den Nächsten rein«, ruft sie ihrer Freundin nach, die lachend die Tür zu Stephens Praxisraum hinter sich zuzieht.
Kurz darauf öffnet Lizzie nach einem kurzen Klopfen die andere Tür, hinter der sich der Eingangsbereich mit dem Warteraum der Praxis befinden, und lässt Lorna Peddle eintreten. Die ist schon seit Jahrzehnten Patientin der Winters, früher bei Scarletts Großvater, später bei ihrem Vater, jetzt bei ihr und Stephen.
»Sie müssen bei dem Wetter doch nicht herkommen, Lorna.« Scarlett geht ihr entgegen und reicht ihr die Hand zum Gruß.
Die alte Frau, die in der Grundschule ihre erste Lehrerin gewesen ist, lächelt sie an. »Solange ich gehen kann, werde ich doch Stephen nicht zwingen, auch noch bei mir einen Hausbesuch zu machen. Der hat ohnehin genug mit all diesen Hypochondern zu tun.«
Scarlett verbeißt sich die Bemerkung, die ihr auf der Zunge liegt. Manche Menschen wollen einfach nicht begreifen, dass es den Coronavirus tatsächlich gibt und es sich dabei nicht um die fantasievolle Erfindung irgendwelcher Staatsfeinde handelt. Andererseits kann sie derartige Meinungen auch irgendwie verstehen, denn in der ganzen Provinz Neufundland und Labrador wurden seit Beginn der Pandemie insgesamt nur wenige Hundert Infektionen verzeichnet, und hier bei ihnen, auf der Insel Neufundland, gibt es schon seit vielen Wochen keinen einzigen neuen Fall mehr. Aber Lorna Peddle gehört nicht zu denjenigen, die diesen pandemischen Virus als Lappalie abtun. Sie kann nur nicht verstehen, weshalb manche ihrer Altersgenossen ihre Häuser so gut wie nie verlassen, ständig ihre Wehwehchen beklagen und ihren Hausarzt bei jeder Kleinigkeit anrufen, damit er bei ihnen vorbeischaut. Die bezeichnet Lorna als Hypochonder. Damit hat sie nicht unrecht. Stephen legt jeden Tag viele Kilometer für Hausbesuche zurück, die eigentlich nicht nötig sind. Zumindest nicht, um körperliche Schmerzen zu lindern. Doch sie beide sind Ärzte und unterschätzen die Einsamkeit mancher ihrer Patienten als psychosomatische Ursache von Krankheitssymptomen nicht. Das ist es, was Lorna Peddle nicht versteht – sie leidet ja wahrlich nicht unter dem Alleinsein, aber sie ist störrisch und vergisst gern, dass sie die siebzig bereits überschritten hat.
»Darum geht es nicht, Lorna, das wissen Sie doch. Bei diesen Temperaturen besteht die Gefahr, dass es schneit, und der Schnee bleibt liegen und wird zu Eis, auf dem man ausrutschen kann.«
Lorna legt den Kopf mit den silberfarbenen Löckchen schräg und schaut sie nachdenklich an. »Kindchen, seit wann bist du denn heute schon hier eingesperrt?«
Scarlett verkneift sich ein tiefes Aufseufzen. Je älter Menschen werden, umso mehr ähneln sie kleinen Kindern. Konzentrationsdefizit, plötzliche Themenwechsel, manche brauchen Windeln. Bis dato hat Lorna aufgrund ihres Diabetes nur an unkontrollierbarem nächtlichem Harndrang gelitten, jetzt kommen offenbar auch die anderen Symptome dazu.
»Ich bin freiwillig hier, Lorna, nicht eingesperrt«, erklärt sie geduldig.
»Was aber nichts daran ändert, dass du offenbar nicht einmal beim Fenster hinaussiehst, denn sonst hättest du bemerkt, dass es schon seit Mittag schneit.«
Entgeistert wendet Scarlett den Kopf zum Fenster. Zwar schützt die Halbgardine vor unliebsamen Blicken von draußen, dennoch sind die großen Schneeflocken darüber nicht zu übersehen, noch weniger der riesige feuerwehrrote Pick-up, der soeben mit quietschenden Bremsen unmittelbar vor dem Haus hält. Sie kann zwar nur noch einen Teil des Hecks sehen, aber sie ahnt, dass es sich um einen Notfall handelte, noch bevor sie schwere Schritte und lautes Weinen aus dem Wartezimmer hört.
»Lorna, macht es Ihnen etwas aus, noch ein wenig zu warten?«
Die alte Frau schüttelt den Kopf und steht eilig auf. »Die Zuckerwerte und den Blutdruck kann Lizzie doch auch messen.« Sie deutet auf die Tür zu Stephens Praxisraum und ist bereits hindurch, als Scarlett die Klinke der anderen umfasst und sie weit öffnet.
Unmittelbar vor sich sieht sie ein Kind, ein kleines Mädchen mit weizenblonden lockigen Haaren, das von zwei starken Armen gehalten wird. Ihre Augen sind geschlossen und große Tränen kullern über ihre Wangen. Sie hält sich eine Hand mit der anderen.
Zumindest kein Blut, denkt Scarlett dankbar, tritt einen Schritt zur Seite und sagt, ohne aufzusehen: »Legen Sie Ihre Tochter da drüben auf die Liege.«
Noch während sie spricht, geht der Mann an ihr vorbei und sie hält den Atem an. Keine Jacke. Breite Schultern, schmale Hüften, enge Jeans, Boots. Sie inhaliert seinen Anblick wie ein Junkie das erste Dope am Ende einer langen Dürreperiode. Im Hintergrund hört sie das leise Wimmern des Mädchens – und kommt wieder zu sich. Resolut schließt sie die Tür hinter sich und geht zur Liege, wo der heiße Kerl das Kind ablegt.
»Sagen Sie mir bitte, was passiert ist?«
Sie hat die Frage noch nicht beendet, als ein Ruck durch den Körper des Mannes geht. Er versteift sich, dann richtet er sich auf und wendet sich langsam um.
Scarlett hebt den Kopf – und erstarrt.
Der Wahnsinnstyp ist nicht irgendeiner, sondern Liam Cranford. Derjenige, der ihr vor dreizehn Jahren das Herz gebrochen hat, als er von einem Tag auf den anderen mit seiner Familie aus Mount Pearl verschwunden ist.

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'Schicksalspfad des Tempelritters 2 - Adelsintrigen' von Olivièr Declear

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Autorenseite
Anno Domini 1235 in Köln: Die Ländereien der verzweifelten Gräfin Ida von Zudendorp werden seit langem von schwarzgekleideten Reitern angegriffen. Sie und ihre Gefolgschaft ringen bereits mit dem Tode. In ihrer Not stehen nur noch der kampferfahrene Ritter Richard von Portus und der Orden der Tempelritter an ihrer Seite. Wer will der Gräfin schaden? Und warum?

Inmitten einer Welt voller Intrigen, adeliger Machtspiele und unzähliger Gefahren wollen die beiden die Wahrheit ergründen. Eine Reise beginnt, die sie unter größten Strapazen und unter Einsatz ihrer Leben sogar bis in das weitentfernte Rom führt.

Begeben Sie sich gemeinsam mit Ida und Richard auf ein Abenteuer und erleben Sie mit ihnen das Mittelalter in all seinen Facetten.

Anleser:
Fluch
Richard hörte das Peitschen der Zweige, spürte die Schläge durch das Polster seiner Rüstung. Der Weg vor ihm, ein wankendes Bild im ständigen Auf und Ab des wilden Ritts. Der dunkle Pfad des Waldweges nur schwach vom durchscheinenden Mondlicht erhellt. Die Last des ohnmächtigen Körpers vor ihm über dem Widerrist schien die vertraute Einheit zu seinem Tier genommen zu haben. Richard hielt sich kaum im Sattel, wenn sein Pferd über Hindernisse sprang, die er nicht im schwachen Licht erahnt hatte. Durch die dicke Polsterhaube unter seiner Kette vernahm er nur wenige Geräusche seiner Umgebung. Das Reiben und Schlagen der Kettenglieder übertönte beinahe die kräftigen Hufschläge seines Tieres. Bei dem hastigen Versuch, einem tiefhängenden Ast auszuweichen, spürte er, wie der vor ihm liegende Körper vom Pferd zu gleiten drohte. Mit einem raschen Griff erfasste er ihn und hielt ihn an seinem Platz. Es war mehr das Gefühl in seinem Bauch, das Trommelschlägen glich, weniger sein Gehör, das ihn spüren ließ, dass die Verfolger immer näher kamen. Wie feiner Sprühregen flog ihm der Speichel seines erschöpften Pferdes entgegen.
Richard trieb sein Tier, das an die Grenzen seiner Kraft gekommen war, immer aufs Neue an. Die wilde Jagd durfte nicht verloren werden. Sein Hengst fuhr mit dem Kopf herum, als könne er seinem Reiter damit zeigen, dass er diesen scharfen Ritt nicht mehr ertragen konnte. Aber Richard wusste, wie stark sein Pferd war. Seine ganze Hoffnung lag darin, dass die Pferde der Verfolger vor seinem Pferd zusammenbrechen würden. Er rief ihm zu: »Nur ein kurzes Stück, lass mich nicht im Stich!« Sein Pferd schien ihn verstanden zu haben. Nochmals beschleunigte es und flog mit seinem Herrn über den Weg.
Als sein Tier zu straucheln begann, wusste Richard, dass jetzt nur noch der Kampf blieb. Er ließ sein Pferd auslaufen und wandte sich den Verfolgern zu. Aber da war niemand. Er sah keine Reiter. Auch das Trommeln in seinem Bauch spürte er nicht mehr. Vorsichtig lenkte er sein Pferd zwischen die Büsche des Wegesrandes, um den Pfad aus dem Dickicht heraus zu beobachten. Kaum war er in seiner Deckung angekommen, spürte er erneut das Donnern der Hufen, noch bevor er sie hörte. Mehrere Reiter jagten in einer dichten Gruppe an ihm vorbei, ihre Schwerter erhoben. Richard klopfte den Hals seines Pferdes: »Das hast du gut gemacht, alter Freund.«
Kaum war er aus dem Sattel seines Tieres gestiegen, wandte sein Hengst den Kopf und stupste ihn mit seiner Nase, um die Belohnung für seinen treuen Dienst einzufordern. Richard schmunzelte und nahm ein Stück Rübe aus seiner Satteltasche. Mit flacher Hand hielt er es dem Freund hin. »Wenn wir in Sicherheit sind, sollst du besser belohnt werden. Du hast uns das Leben gerettet.«
Sein Blick fiel auf das Mädchen. Noch immer regte sich ihr Körper nicht. Richard nahm den ledernen Schlauch und goss ein wenig Wasser über ihren Kopf. Sie hob ihn erschrocken und sah ihn mit verängstigten Augen an. Richard legte einen Finger vor seinen Mund: »Keine Angst, ich werde dir nichts antun. Wir sind fürs Erste in Sicherheit«, flüsterte er. Das Mädchen sah ihn mit großen Augen an, aus denen die Furchtsamkeit noch nicht gewichen war. Stumm nickte sie und bemühte sich, vom Pferderücken zu gleiten. »Wie ist dein Name, Mädchen?« Leise antwortete sie: »Siena, edler Herr.« Richard betrachtete ihre schmutzige und zerlumpte Kleidung. »Warum haben diese Strauchdiebe dein Dorf überfallen?« Siena wusste auch nicht viel mehr, als er selbst beobachtet hatte. Sie war vom Lärm aus dem Haus gelockt worden und sah eine große Schar Reiter, die wahllos auf jeden einschlug, der ihren Weg kreuzte. Als sie fliehen wollte, spürte sie einen heftigen Schlag, der sie zu Boden stürzen ließ. Mehr konnte auch sie nicht sagen. Auch hatte sie keinen der Reiter erkannt. Richard erzählte ihr: »Wir sahen, wie du von einem Pferd zu Boden gestoßen wurdest. Aber es traf dich kein Huf. Der Schreck nahm dir die Sinne.« Siena sah ihn fragend an. »Ich sah Euch mit Euren Begleitern. Wo sind sie?« Richard schüttelte traurig das Haupt. »Für einfaches Diebesvolk kämpften diese Reiter zu gekonnt. Nur mir ist die Flucht gelungen.« Dann schwieg er, während er in seiner Erinnerung einen Anhaltspunkt suchte, wer für diesen Angriff verantwortlich gewesen sein könnte. Aber er fand nichts, was die Angreifer verraten hätte. »Wir waren auf dem Weg zu der Herrin deines Ortes. Du wirst mich erst einmal dorthin begleiten.« Als sie aufbegehren wollte, sagte er mit strengerer Stimme als gewollt: »Du wirst gehorchen und folgen, wie man es dir heißt. Hast du mich verstanden?« Als sie mit widerwilligem Blick nickte, setzte er milder hinzu: »Die Herrin wird dich sicherlich bald zu deinen Leuten schicken.«
Richard las in ihrem Gesicht, dass diese Hoffnung nur ein schwacher Trost für das Mädchen war. Er konnte verstehen, dass sie sich sorgte und schnell zurückkehren wollte. In diesem Moment galt es jedoch, erst einmal zu erfahren, woher der Angriff gekommen sein könnte und wie zu handeln sei. Der Ritter legte seinen Umhang ab und gab dem Bauernmädchen den Befehl, sich einen Schlafplatz zu suchen. Mit einem freundlichen Lächeln reichte er ihr den Mantel als Decke. Nachdenklich blickend versorgte er sein Pferd, so gut es an diesem Ort möglich war. Der Weg war zu gefährlich und es war zwecklos, in der Nacht durch den Wald zu streifen. Daher entschloss er sich, auf das Licht des beginnenden Tages warten. Mit finsterem Blick beobachtet er die Nacht, während er an den Stamm eines Baumes kauerte. Seine Sinne achteten auf jedes Geräusch des Waldes. Aber die Reiter schienen die Suche aufgegeben zu haben. Die Geräusche des nächtlichen Waldes wurden nur manchmal von dem leisen Schluchzen des Mädchens gestört.
Als er die Magd bei dem ersten Licht wecken wollte, fand er sie bereits wach. Er betrachtete ihre geröteten Augen und die Sorge in ihrem Gesicht. Ob sie überhaupt Schlaf gefunden hatte? Zu gern hätte er ihr tröstende Worte geschenkt. Aber er durfte sich dem Gesinde nicht offenbaren, als wären sie seinesgleichen. Richard brachte ihr Trockenfleisch und reichte ihr den Lederschlauch mit Wasser. Misstrauisch schnupperte Siena an dem Lederschlauch; »Ich soll kein Wasser trinken. Es macht krank.« Richard lachte leise; »Dieses kannst du trinken, es stammt aus meinem Brunnen und ist feinstes Quellwasser. Trink nur, Kind. Wir müssen bald aufbrechen.«
Obwohl er sicher war, dass die Reiter ihnen jetzt nicht mehr auf diesem Pfad entgegenkommen würden, zog er das Kettengeflecht mit der Haube in den Nacken und lauschte aufmerksam nach möglichem Hufschlag. Die Spuren, welche die schweren Pferde auf dem Weg hinterlassen hatten, ließen ihn erkennen, in welcher Eile sie unterwegs gewesen waren. Abrupt endete ihre Spur, als hätten sich die Reiter in Luft aufgelöst. Verwundert hielt Richard an. Er blickte sich um und suchte nach Zeichen, die ihren weiteren Weg verraten könnten. Aber da war nichts. Kein gebrochener Zweig. Keine Spur in den Wald hinein. Wo waren sie geblieben? Vor ihnen lag ein jungfräulicher Weg, auf dem kein Grashalm gebogen war. Kopfschüttelnd setzte er seinen Weg mit Siena fort.
Gegen Mitte des Tages erreichten sie die Ebene, auf der sich die Befestigung befand. Schon von Weitem sah er den Turmhügel aufragen. Die kleine Ansiedlung unter dem Turm war von einem gefluteten Graben umgeben. Diese Ansiedlung erschien jämmerlich gegen die prächtigen und trutzigen Burgen der höheren Lagen. Aber wo es keinen Steinbruch gab, mussten Gräben und Holz als Schutz gegen Diebe reichen. Als sie die Ansiedlung betraten, betrachtete er die arg verfallen Gebäude. Er war vor Jahren das letzte Mal zu Gast. Damals lebte der Herr des Gebietes noch. Der Graf von Zudendorp war ein ewig unzufriedener Mann, mit dem es häufig Grenzstreitigkeiten zu schlichten galt. Sein Herr, der alte Bischof zu Coeln, ließ ihm kaum mehr, als er zum Leben brauchte. Auch unter dem neuen Herrn war es nicht besser geworden. Seit dem der Bau des neuen Domes beschlossen worden war, presste die Kirche ihre Vasallen bis zum Blute.
Am Wohnturm verlangte er, die Gräfin zu sprechen. Es dauerte eine Weile, bis man ihn vorsprechen ließ. Die Gräfin war ebenso verfallen wie ihre Heimstatt. Tiefe Ringe lagen um ihre Augen. Zahlreiche Falten hatten sich in ihr Gesicht gegraben. Richard war erschrocken, wie sich diese einstmals hübsche Frau verändert hatte. »Nun, Graf Richard. Wenn ich mich recht entsinne, seid Ihr selten ein Mann, der frohe Botschaft bringt«, empfing sie ihn kühl. Er verbeugte sich leicht und sah sie einen Moment schweigend an. Dann erwiderte er: »So wird mir wohl weiterhin der Ruf als Bote schlechter Nachrichten bleiben.« Die Gräfin schwankte leicht, während ihre Hand Halt an der Lehne eines Stuhles suchte. »Dann heraus mit Eurer Botschaft. Schlimmer als es ist, kann es ohnehin nicht mehr werden.«
Die Frau tat ihm leid, aber es half nichts, er musste die Nachricht überbringen. »Euer Besitz, eine halbe Tagesreise von hier, wurde überfallen.« Die Gräfin sank kraftlos und bleich auf den Stuhl. Stumm, fast anklagend sah sie Richard an. »Ich weiß nicht mehr über den Umstand, als dass ich meine Begleiter dabei verloren habe und selbst kaum mit dem Leben davongekommen bin. Aber ich habe Euch ein Mädchen des Ortes mitgebracht, die den Überfall überstanden hat.« Dabei griff er hinter sich und führte die hinter ihm stehende Siena nach vorne. Ungelenk verbeugte sich das Bauernmädchen vor seiner Herrin.

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27. November 2020

'El Gustario de Mallorca und das tödliche Gemälde' von Brigitte Lamberts

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Brigitte Lamberts
Sven Ruge ist auf Mallorca endgültig angekommen. Es läuft gut bei ihm: Er macht sich als Gastrokritiker einen Namen und unterstützt seinen Freund Manuel bei der Führung von dessen Restaurants. Zufällig lernt er in den Markthallen von Santa Catalina die Schweizerin Sara Füssli kennen und verliebt sich in sie. Sven ist im Glück, denn sie erwidert seine Zuneigung. Gemeinsam erkunden sie die schönsten Orte der Insel und genießen die mallorquinische Küche.

Sara möchte mehr über die letzten Wochen ihrer jüdischen Urgroßeltern erfahren. Denn die haben sich 1940 auf der Insel das Leben genommen, um ihrer Deportation zu entgehen. Svens journalistische Neugierde ist geweckt. Doch in seine Verliebtheit mischt sich nach und nach Irritation. Irgendetwas stimmt mit Sara nicht. Sie ignoriert seine Unterstützung. Schließlich stößt Sven auf ein geheimnisvolles Gemälde und ihm wird klar, dass nichts so ist, wie es scheint. Doch die Zeit läuft ...

Für kurze Zeit zum E-Book-Aktionspreis von nur 2,99 € erhältlich.

Anleser:
Cala Illetes. Gemeinde Calvià.
Der Himmel zeigt sich in einem satten Blau, das durch vereinzelte weiße Quellwolken noch intensiver leuchtet. Die Luft riecht nach Meer. Sven Ruge steht am Strand und betrachtet die neue Tapasbar seines Freundes Manuel Muñoz. Ein großes Schild mit der Aufschrift ‚Lucía’s‘ prangt über dem flachen Satteldach aus rötlichen Schindeln. Manuel und ihm war es wichtig gewesen, das neu erbaute Strandhaus genauso zu gestalten wie das nur einige Meter entfernt stehende Restaurant von Manuel: ein Holzhaus mit großen Fenstern und einer gemütlichen Terrasse. Sie haben es geschafft! Sven ballt die Hand zur Faust und ruft laut »Yeah!«.
Er strahlt. Endlich ist die Strandbar fertig. Der Weg bis dahin war anstrengend und lang. Er hält sein Gesicht in den Wind und genießt die Wärme der Sonne, dabei erinnert er sich: Nachdem Manuel ihm die geschäftliche Partnerschaft angeboten und das Grundstück oberhalb des Strandes erworben hatte, das an sein Restaurant grenzt, war es Svens Aufgabe, die Arbeiten am Neubau zu überwachen. Kein einfaches Unterfangen.
In Deutschland braucht es schon Geduld und Nerven für ein solches Projekt, aber auf Mallorca hat so etwas eine ganz andere Dimension – es geht viel schleppender voran. Schon die Baugenehmigung einzuholen war ein Abenteuer für sich, die Bürokratie auf der Insel ist unschlagbar langsam und zugleich so kreativ, dass man aufpassen muss, später nicht die Grundsteuer für ein benachbartes Grundstück zu zahlen. Doch die Gefahr besteht in diesem Fall nicht: Die zwei Restaurants sind die einzigen auf der kleinen felsigen Erhöhung vor dem Strand. Dem Besitzer einer nahegelegenen Imbissbude, einer chiringuito, hatte Manuel ein Angebot unterbreitet, das dieser nicht ablehnen konnte. Nun haben sie die Bucht zumindest gastronomisch ganz für sich.
Auch die Bauarbeiten waren ein Erlebnis. Wie oft war er allein auf der Baustelle – weit und breit kein Arbeiter in Sicht. Doch jetzt ist alles fertig, er ist glücklich und stolz. Morgen Abend steigt die große Eröffnungsparty. Und so wie es aussieht, wird es richtig voll.

Sven nimmt die Sonnenbrille ab und wischt sich über die Augen. Für Manuel war es selbstverständlich, ihn zum Kompagnon zu machen, nach allem, was sie gemeinsam durchgestanden hatten. Sein Freund würde ohne ihn wahrscheinlich nicht mehr leben und das Restaurant wäre schon längst geschlossen, hätten nicht so viele Menschen ihm und seiner Familie in der schlimmen Zeit beigestanden. Besonders freut es ihn, dass Lucía weiterhin mit dabei ist. Während Manuel im Krankenhaus lag, hatte sie die Küche übernommen und sich als exzellente Köchin erwiesen.
Nun führt Manuel sein Restaurant weiter und die neue Tapasbar hat er in Lucías Obhut gegeben. Sie kocht und Sven ist für das Marketing und die Events in beiden Häusern zuständig. Sie haben schon einige kulinarische Themenabende im ‚Manuel’s‘ veranstaltet, bei denen Sven als Gastrokritiker und mittlerweile sehr guter Kenner der typisch mallorquinischen Küche die Gäste erfolgreich unterhalten hat.

Sven lässt die frische Meeresluft bis tief in seine Lungenflügel gleiten. Dann marschiert er über den weißen Sand zu den kleinen Steinstufen, die ihn zur Terrasse von Lucías Bar führen.
Lucía steht mit Manuel in der Küche. Die beiden debattieren heftig. »Eine Auswahl von zehn unterschiedlichen tapas, zwei verschiedene Salatteller, zwei größere Gerichte und drei Nachspeisen reichen vollkommen aus«, sagt Lucía mit funkelnden Augen. Manuel ist damit nicht einverstanden. »Meine Gäste sind eine umfangreichere Karte gewöhnt«, entgegnet er aufgebracht.
»Mag sein, aber zu unserem Eröffnungsfest braucht es nicht mehr, es sind doch alles geladene Gäste und die wissen, dass ich nur mittags geöffnet haben werde.« Lucía tritt einen Schritt auf Manuel zu und bohrt ihm den Zeigefinger in die Brust. Bevor Sven, der gerade eintritt, ein Wort an sie richten kann, schiebt Lucía nach: »Wir waren uns einig. Du verantwortest deine Küche, ich meine.« Sie holt Luft und ergänzt: »Außerdem müssen wir uns voneinander abgrenzen. Es macht keinen Sinn, wenn beide Restaurants das Gleiche anbieten.«
»Das meine ich doch gar nicht.« Manuel legt ihr besänftigend seine Hand auf die Schulter.
Lucía verdreht die Augen. »Manuel, das hatten wir schon besprochen. Ich biete eine Vielzahl unterschiedlicher tapas an und immer eine Auswahl an Salaten und bei dir bekommen die Gäste ein ganzes Menü.«
»Ja, natürlich, so ist es geplant, aber gerade bei der Eröffnung …«
Sie unterbricht ihn. »Eben. Da biete ich zusätzlich zwei größere Gerichte an und fertig.«
»Nun beruhigt euch mal«, mischt sich Sven ein. Sofort drehen sich Lucía und Manuel zu ihm um und posaunen im Gleichklang heraus: »Du hältst dich da raus.« Als sie Svens erschrockenen Gesichtsausdruck sehen, müssen beide lachen.
»Okay, kommt, setzen wir uns und dann überlegen wir gemeinsam«, schlägt Manuel vor und zeigt zur Terrasse. Lucía greift nach einer Flasche palo und einem Teller mit Zitronenschnitzen, Sven bringt eine Flasche Soda und drei Gläser zum Tisch. Nachdem Lucía den Kräuterlikör in die Gläser gefüllt hat, prosten sie sich zu. Das, was sie gemeinsam durchgestanden haben, kann ihnen niemand nehmen. Nicht die Zuneigung zueinander, nicht das Verständnis füreinander und schon gar nicht das Vertrauen ineinander.

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26. November 2020

'Wintertee ausverkauft' von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website | Autorenseite
Von wegen beschauliche Adventszeit!

Judith erhält das Angebot, die Leitung der umsatzstärksten Filiale des Konzerns in Hamburg zu übernehmen. Voraussetzung: Sofort!

Frisch in der Hansestadt angekommen, wartet schon das erste Problem auf sie, bevor sie überhaupt eine Nacht in ihrer neuen Wohnung verbracht hat. Aber Hausbewohner Marwin rettet sie und die beiden freunden sich an.

Im Geschäft läuft es auch nicht rund. Die Mitarbeiter untereinander sind sich nicht grün und es kommt zum Showdown. Unerwartet steht ihr gerade die Kollegin zur Seite, von der sie es am wenigsten erwartet hätte. Aber auch privat dreht sich das Karussell. Da ist der sympathische Marwin, sein anhänglicher Freund Frank, der elegante Immobilienmakler Bejo von Deckert und der attraktive Chauffeur des Konzernchefs.

Es sieht so aus, als verbringt sie das Weihnachtsfest allein. Tatsächlich?

Anleser:
Judith schlug das Herz bis in den Hals. Warum nur hatte der Konzernchef der Drogeriemarktkette sie in die Hauptverwaltung nach Hamburg beordert? Was war bloß schiefgelaufen? Hatte sie sich tatsächlich einen groben Schnitzer erlaubt, dessen sie sich nicht bewusst war?
Schon seit drei Tagen geisterten alle ungewöhnlichen Geschehnisse, die sich in den letzten Wochen im Geschäft zugetragen hatten, in ihrem Kopf herum und ließen sie nicht einschlafen. Aber da war doch nichts ... nichts, was groß anders gewesen wäre, verglichen mit den vergangenen vier Jahren. War sie etwa nur zu unsensibel, um das zu bemerken? Hatte sich eine ihrer Mitarbeiterinnen oder eine enttäuschte Kundin beschwert? Und wenn, warum nicht offen bei ihr?
Durch die nüchtern gestalteten Bürofenster mit den typischen Lamellenvorhängen zeigte sich der novembergraue Himmel von seiner trüben Seite. Dunkle Wolken bauschten sich auf, angetrieben von einem heftig pustenden, kalten Herbstwind.
Die Winterzeit schickte ihre Vorboten in den düsteren November und man schätzte wieder heiße Schokolade, Tee und Kaffee, kehrte man abends aus dem Geschäft nach Hause oder am Wochenende von einem Spaziergang zurück. Sie hätte jetzt gut einen warmen Schluck Kakao zur Beruhigung gebrauchen können, durch die kühle Sahnehaube genossen. Judith hatte nahezu den Duft in der Nase und den schokoladigen Geschmack auf der Zunge, als sie erste leise Stimmen auf dem Flur vernahm. Sie spitzte die Ohren.
Kam Herr Dr. Schiller nun hier in den Besucherraum? Ihr Herzschlag verdoppelte sich. Hoffentlich kippe ich nicht um, dachte sie, die nicht greifbare Angst herunterschluckend.
Die Tür öffnete sich und der Geschäftsführer trat ein.
Er ist schon eine beeindruckende Erscheinung, empfand Judith mit Respekt. Herr Dr. Schiller war ein großer, kräftiger Mann mittleren Alters und die Tatkraft leuchtete aus seinen wachsamen Augen. Sein sichtbar teurer Anzug und das blütenweiße Hemd in Kombination mit der Seidenkrawatte und passendem Einstecktuch untermauerte diesen Eindruck.
Er war bekannt als fairer Chef, allerdings war es auch besser für jeden der gut vierzigtausend Mitarbeiter, sein Bestes zu geben und seinen Anweisungen Folge zu leisten.
Mit drei schnellen Schritten war er bei Judith.
»Moin, Frau Jacobi, gehen wir in mein Büro.«
Judith wollte ein respektvolles »Moin« herausbringen, leider ähnelte es dann doch mehr einem kläglichen Piepsen.
»Na, wer wird denn da so aufgeregt sein?« Ein amüsierter Blick traf sie.
Oh Gott, jetzt hat er das auch noch gemerkt! Sie registrierte mit Schrecken, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss.
Er hielt ihr die Tür auf, ließ sie als Erste auf den Flur treten, um dann die Führung zu übernehmen.
Die Etage der Konzernspitze präsentierte sich eindrucksvoll. Hochwertige Drucke und Leinwandbilder schmückten den Gang bis zum Büro von Herrn Dr. Schiller. Im Vorzimmer saß seine Sekretärin, die Judith aufmunternd zuzwinkerte. Den angebotenen Kaffee lehnte sie ab.
Herr Dr. Schiller öffnete seine Bürotür, Judith trat ein und er schloss die Tür hinter ihnen. »Nehmen Sie Platz, Frau Jacobi.« Er deutete auf zwei schwarze Lederstühle vor seinem großen Schreibtisch, der mit allerlei Papierstapeln belegt war.
Judith sank fast ehrfürchtig in einen der mächtigen Stühle. Mit einem schnellen Blick hatte sie die exklusive Einrichtung gescannt, auch die Bilder an der Wand zeugten von teurem Geschmack. Es wirkte allerdings nicht kalt und unpersönlich, sondern durchaus einladend.
Noch bevor der Geschäftsführer sie ansprechen konnte, schellte sein Telefon. Mit einem knappen »Ja« meldete er sich, um dann ein »Jetzt nicht« anzufügen, aufzulegen – und Judith durchdringend anzusehen.
»Frau Jacobi, ich freue mich, Sie persönlich kennenzulernen. Sie leiten eine unserer Drogeriefilialen nun schon vier Jahre erfolgreich.«
Judith fiel automatisch ein Stein vom Herzen. Sein Tonfall war ruhig und sympathisch, da schien nichts allzu Negatives mehr zu kommen. Nur was wollte der Boss dann von ihr?
Das bekam sie sofort zu hören.
Herr Dr. Schiller faltete seine Hände und setzte die Ellenbogen auf den Schreibtisch auf. »Trotzdem werden wir die Filialleitung einer anderen Person übertragen.«
Judith musste aschfahl geworden sein, denn er beruhigte sie auf der Stelle. »Das hat natürlich einen triftigen Grund. In unserer umsatzstärksten Drogeriefiliale hier in Hamburg fällt Frau Küster aus. Sie war der gute Geist und die Seele des Geschäftes, die erfahrenste unserer Filialleiterinnen. Ihr Mann ist urplötzlich schwer erkrankt, sie wird uns verlassen und das bedauerlicherweise, allerdings durchaus verständlich, von heute auf morgen.«
»Das tut mir sehr leid«, stammelte Judith.
»Ihr Erbe ist nicht leicht auszufüllen, aber Ihr Ruf, Frau Jacobi, schallt Ihnen sozusagen voraus und da haben wir an Sie gedacht.«
»Äh ... ja ...«, Judith überlegte krampfhaft, wie sie antworten sollte, denn neue Aufregungen in ihrem Leben brauchte sie keinesfalls – und toughe Herausforderungen erst einmal auch nicht. Ihr fiel jedoch nichts Gescheites ein, ihr Kopf fühlte sich seltsam leer an.
»Ich verstehe«, fuhr Herr Dr. Schiller fort, »dass Sie sich ein bisschen überfallen fühlen, aber ich möchte Ihnen Folgendes vorschlagen ...«
Judith hörte den Ausführungen des Konzernchefs zu und es kam ihr zunehmend vor wie ein irrealer Traum. Fand sie das nun gut oder nicht? Und wieso wusste sie das jetzt nicht?

Blick ins Buch (Leseprobe)

'Schneekugelliebe: Waterkant-Liebesroman' von Nati Gilbert

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Nati Gilbert
Ein Roman über Stalking und eine romantische Liebe.

Sie: Annabelle Wilson, 31 Jahre, dunkelbraune, lockige Haare, schokoladenbraune Augen, Übersetzerin, Journalistin, Radiomoderatorin. Familienstand: Single oder doch noch verheiratet? Sie muss unbedingt ihren Beziehungsstatus klären!
Ist der Mann auf Helgoland ihr Traummann?

Er: Magnus Johannsen, 35 Jahre, dunkelhaarig, braune Augen, ein kleines Bärtchen, Meeresbiologe, liebt Helgoland. Familienstand: Witwer, eine Tochter, wird von einer Stalkerin attackiert, muss sich selbst und seine Tochter schützen.
Ist Annabelle nach langer Zeit seine neue Traumfrau?

Wird die romantische Liebe, die auf Helgoland beginnt, eine Zukunft haben?

Anleser:
Annabelle Wilson, eine einunddreißigjährige Dolmetscherin und freie Mitarbeiterin von Radio Bremen und der Nordsee-Zeitung, schlenderte über den Weihnachtsmarkt in Cuxhaven. Weihnachtszauber am Schloss Ritzebüttel. Er war einzigartig und hatte eine außergewöhnliche Atmosphäre. Das Ambiente und der Glanz rund um das Ritzebüttler Schloss waren wirklich zauberhaft. Auch in diesem Jahr gab es wieder eine besondere Attraktion. Im vorderen Schlossparkbereich befand sich eine Lichtinszenierung, den ‚Park der Sterne‘.
Annabelle liebte diese weihnachtlich geschmückten Verkaufshütten und die Krippenlandschaft mit lebensgroßen Figuren. Hier gab es ganz gemütliche Sitzecken zum Verweilen mit Glühwein, Grog und Leckereien. Die Bratwurst und das Schmalzgebäck durften auch nie fehlen.
Dieser Lichterglanz und die romantischen Weihnachtsdekorationen erinnerten Annabelle immer an ihre Zeit als Kind. Ihr Vater war ebenso weihnachtsmarktverliebt wie sie selber. Sie und ihr Vater nahmen sich unendlich viel Zeit, jeden Marktstand genauestens zu betrachten. Heimisches Kunsthandwerk, Holz- und Wollarbeiten, Töpfer- und Bastelprodukte und so vieles mehr. Dann gab es noch die vielen musikalischen Darbietungen. Annabelle liebte es, wenn vor allem Kinder ihr Können zum Besten gaben. Auf Blockflöten und Blasinstrumenten, mit Akkordeon- und Gitarrenmusik. Auch Chöre mit Weihnachtsliedern waren stets zu hören. Leider gab es mittlerweile viel zu viel elektronische Musik.
Aber auch heute war es immer noch magisch, in die glänzenden Augen der Kinder zu schauen, wenn der Weihnachtsmann kam und kleine Überraschungen bereithielt. Doch was Annabelle außerdem noch liebte, das war der Duft, der über dem Weihnachtsmarkt schwebte. Früher so wie heute. Der Duft nach Zimt, Vanille, Zitrusfrüchten, Nelke und natürlich Tanne.
Wenn Annabelle auf einem Weihnachtsmarkt war, dann suchte sie immer nach einer ganz bestimmten Schneekugel. Nicht für sich selber, sondern für ihre Freundin Silke, die sie heute noch in einem italienischen Restaurant treffen wollte. Silke fehlte die Kugel mit dem Herbstbaum und den fallenden winzigen Blättern in ihrer Sammlung. Auf einer Abbildung hatte Annabelle diese schon gesehen. Leider gab es davon nur sehr wenige, die auch noch aus den sechziger Jahren stammen müssten. Nach einer Stunde suchte sie sich einen Platz in einer Sitzecke. Zwei Plätze waren schon besetzt.
„Darf ich mich zu euch setzen?“, fragte sie die beiden Teenager. „Aber klar doch. Wir gehen eh gleich.“
„Aber bitte nicht meinetwegen.“
„Nee“, gnickerten die beiden Mädchen und wurden rot. „Wir sind noch verabredet.“
Annabelle setzte sich mit einer heißen Waffel und einem Kinderpunsch, da sie noch Auto fahren musste, auf einen freien Platz.

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25. November 2020

'Schicksalspfad des Tempelritters 1 - Dedericus' von Olivièr Declear

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Autorenseite
Anno Domini 1225 liegen weite Gebiete Europas in Schutt und Asche, bluten aus im gnadenlosen Krieg um Macht und Religion. Inmitten der Schlachten und Ränkespiele kämpft der junge Tempelritter Dedericus de Loen seinen eigenen Kampf, hin- und hergerissen zwischen Ordenspflicht, Liebe, Glaube und Zweifeln ...

Lesermeinung: Je länger man liest, desto mehr Spannung kommt auf, ohne dass sie nochmal abreißt. Die begleitende Vermittlung historischer Informationen fand ich sehr gut.

Anleser:
Nichts wies an diesem Tage im Jahre des Herrn 1225 auf das drohende Unheil hin. Sicher, vom Isenberg kommt nur der Teufel, sagte das Volk. Schon in seiner Kindheit lauschte Dedericus mit Schaudern den Geschichten über derer von Isenberg, die sich die Mägde in der Küche erzählten.
Der Teufel tanze des Nachts im Mondenschein um deren Burg. Werwölfe und Hexen raubten den Dörfern um diesen Schreckensort die Kinder und Mägde.
Die Geister der verlorenen Seelen hörte man des Nachts in den Wäldern heulen und jammern.
Aber nicht der Teufel, nicht Hexen und Werwölfe kamen mit dem Isenberg, er kam mit Feuer und Schwert über ihre Burg.
Ramus de Loen eilte auf den Turm und rief die wenigen Männer zur Verteidigung. Sein Sohn, Dedericus, bekam die Aufgabe, die Frauen und Kinder im Turm zu sammeln und zur Ruhe zu bewegen.
In kurzer Zeit stand alles in Flammen, auch der Turm konnte nicht vor den geworfenen Fackeln und den Brandpfeilen der Isenberger Mannen behütet werden.
Der Rauch biss unerträglich in den Augen und die Hitze der brennenden Bodenbohlen auf den Etagen kam immer näher. Das Bersten der Tragbalken und die einstürzenden Böden stoben Kaskaden von Funken immer tiefer in den Turm hinein.
Die Männer bemühten sich vergeblich, die brennenden Etagen zu löschen und zogen sich in ihrem Kampf immer weiter in die Tiefe des Turmes zurück.
Ein Balken des letzten Bodens stürzte brennend auf Dedericus Schwester. Mit einem Aufschrei des Entsetzens stürzte die Gräfin De Loen durch den beißenden Rauch und Funkenregen in die Flammen des brennenden Balkens, um ihr Kind zu retten.
Sie spürte nicht, wie die heiße Asche ihre Kleidung und Haut umfing. Ignorierte den Schmerz der Glut unter ihren Knien.
Dedericus sah die Männer seines Vaters den Balken von dem zerschmetterten Körper zerren, während sein Vater die brennenden Kleider seiner Mutter mit seinem Umhang zu löschen suchte.
Dieses unglaubliche Inferno um ihn herum, das Schreien, Weinen, die Gluthitze der Flammen, umgeben von Rauch und Funkenflug, ließ ihn erstarren. Das Geschehen schien ihm wie ein schrecklicher Traum, nicht wahrnehmend, dass dieser Albtraum in den Tag entsprungen war.
Der harte Griff eines Mannes erfasste seinen rechten Arm und zog Dedericus durch das Inferno. Er folgte ohne Willen und Verstehen. Dem Schock des Entsetzens ergeben.
Der junge De Loen sah, wie er in den schmalen Einstieg des Fluchtganges des Turmes gezerrt wurde, wie Knechte an ihm vorbei stürmten, um die schweren Eichenflügel des Durchganges zu versperren.
Immer tiefer wurde er in die Finsternis des Ganges gezogen. Dedericus vernahm, wie sein Vater den Befehl gab, die Stützpfeiler vor dem Gang einzubrechen. Sah Männer in der Dunkelheit verschwinden und hörte die dumpfen Schläge von Hämmern auf das schwere Holz des Gebälks.
Das Bersten der Stützen und das Geräusch des einstürzenden Ganges ließen den Boden unter seinen Füßen erbeben.
Als die Flüchtenden von dem Staub des eingestürzten Erdreiches erreicht wurden, kam erneut Leben in den Körper des jungen Mannes.
Mit einem heftigen Ruck befreite sich Dedericus von dem schmerzenden, eisernen Griff des Mannes, der ihn durch den Tunnel zog.
Mit raschem Schritt folgte er dem kaum vorhandenen Schein einer fast erloschenen Fackel. Es erschien Dedericus wie eine Unendlichkeit, bis sie zum Ausgang des Fluchtweges gelangten.
Einige der Männer hoben in schier übermenschlicher Anstrengung die schweren Bretter über ihren Köpfen, welche von dickem Erdreich bedeckt waren, aus ihren Fugen.
Von außen war der Ausgang nicht vom restlichen Waldboden zu unterscheiden.
Als die Abdeckung aufgestoßen war, stiegen die Fliehenden über die rutschigen, unebenen Stufen hinauf in den Wald, nahe dem Hellweg.

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24. November 2020

'Rowan – Bewährung als Magier' von Aileen O'Grian

Kindle | Tolino
Website | Autorenseite
Rowan ist endlich im Sumpfland bei dem berühmten Magiermeister Zwandir, dem Freund seines Großvaters Obermagier Bunduar, angekommen, um seine Ausbildung zu vollenden. Er lernt die sumpfländischen Heilmethoden kennen und vervollständigt seine Fähigkeiten in der Gedankenübertragung und -beeinflussung. Nebenbei übt er sich in ritterlichen Kampftechniken wie dem Schwert- und Lanzenkampf sowie dem Bogenschießen. Den letzten Schliff erhält Rowan auf der heiligen Insel, auf der die Priester des Sumpflandes und des Magierreichs ausgebildet werden.

Auch in dem unwegsamen Sumpfland ist Rowan vor den Feinden nicht sicher, denn selbst hier greifen die Echsenkrieger gemeinsam mit den artverwandten Nordmännern die Menschen an. Doch geschickt verteidigen sich die magisch begabten Sumpfländer auf ihre Weise. Während es den Sumpfländern gelingt, die Gefahr abzuwenden und ihre Angreifer in die Flucht zu schlagen, droht dem Magierreich, Rowans Heimat, die völlige Vernichtung.

Band 5 der Reihe um den Magier Rowan.

Anleser:
Nach einer kleinen Erfrischung führte Zwandir Rowan zum nahen Palast. Es war ein buntes, reich verziertes Gebäude aus Holz, das auf einem kleinen Hügel stand. Am großen Tor mit geschnitzten Tierfiguren gab es keine Palastwache. Trotzdem fühlte sich Rowan beobachtet. Er ließ es auf sich beruhen, weil er nicht gleich am ersten Tag neugierig erscheinen wollte. Sicher würde er eines Tages dahinterkommen.
Sie stiegen eine breite Treppe in der Mitte der Eingangshalle hoch und liefen durch einen langen Gang. An dessen Ende befand sich eine doppelflügelige Tür, die mit bunten Ornamenten bemalt war. Hier klopfte Zwandir an, öffnete selbst und trat ein. Rowan folgte ihm. Der Magier verneigte sich tief vor einem Mann, der als Einziger auf einem gedrechselten Sessel saß, während die anderen Anwesenden vor ihm standen. Rowan folgte Zwandirs Beispiel. Empfing König Matrin seine Untergebenen immer auf dem Thron? König Wilhar in der Heimat besaß überhaupt keinen Königsstuhl. Fast jeder konnte ihn jederzeit ansprechen, während Matrin unnahbar wirkte und anscheinend Audienzen gewährte. Rowan fühlte sich beklommen bei diesem Machtschauspiel.
„Eure Majestät, ich möchte Euch meinen neuen Lehrling Rowan vorstellen“, erklärte Zwandir unterwürfig.
„Ich habe schon von seiner Ankunft erfahren“, nickte Matrin gnädig. „Ich wünsche ihm einen guten Aufenthalt bei uns.“ Dann blickte er Rowan direkt in die Augen. „Übe fleißig. Es ist eine hohe Auszeichnung, im Sumpfland zu lernen.“
Rowan verneigte sich. „Ich bin für diese Gunst sehr dankbar, Eure Majestät“, sprach er leise und schaute zu Boden. Trotzdem hatte er zwei Nordmänner in der Runde wahrgenommen. Er zwang sich, gelassen zu atmen und seinen Puls ruhig zu halten. Auch wenn der Geruch der Feinde ihm Übelkeit verursachte und ihre Anwesenheit ihn beunruhigte. Was wollten die Nordmänner im Sumpfland? War er hier wirklich sicher? Warum verhielt sich der König so kühl? Sein Großvater hatte ganz andere Dinge vom Sumpfland erzählt, von Offenheit und Herzlichkeit. Gab es erneut Spannungen zwischen den beiden Ländern? Er spürte eine beruhigende Hand auf seiner Schulter, obwohl er wusste, dass Zwandir ihn hier nicht körperlich berühren würde. Warte ab, beobachte und lerne, ermunterte ihn sein Meister durch seine Gedanken.
„König Matrin, darf denn jeder unbedeutende Untertan oder Fremde eine Unterredung mit wichtigen Gesandten unterbrechen?“, giftete der größere der beiden Fremden. Er trug einen mit vielen bunten Metallplättchen verzierter Umhang. Rowan schaute ihn unter fast geschlossenen Lidern an. Sein Gesicht besaß keine glatte Haut wie die der Sumpfländer oder der Magianer, sondern war von feinen hellen Schuppen überzogen und seine Pupillen waren senkrechte Schlitze. Der zweite Nordmann schien älter zu sein, aber einen niedrigeren Rang zu bekleiden, denn sein Gewand wies nur eiserne Verzierungen auf.
„Meine Untertanen dürfen mich am Vormittag und Nachmittag aufsuchen, das ist ein seit alters her verbürgtes Recht im Sumpfland. Aber jetzt habt Ihr Zeit, mir Euer Anliegen vorzubringen.“ König Matrin lächelte die Fremden verbindlich an.
„Wir möchten mit Euch Handelsbeziehungen aufbauen. Wir sind Fischer, außerdem besitzen wir erhebliche Erzvorkommen, mehr als wir selbst benötigen, und wünschen eine Handelsniederlassung in dieser Stadt aufzubauen.“
Rowan hatte das Gefühl, dass der Kerl vor Wichtigkeit bald platzen würde. Die Selbstsicherheit der erfolgreichen Eroberer, vermutete er.
„Was können wir Euch im Gegenzug verkaufen? Wir sind ein armes Volk und leben hauptsächlich vom Fischfang und von den Sumpfpflanzen, die in der Natur wachsen und die wir sammeln“, bedauerte Matrin, er hob dabei die Schultern mit nach oben geöffneten Händen.
„Ihr habt große Wissenschaftler, wir würden gern einige begabte junge Männer von uns an Eure Schulen schicken.“ Jetzt klang der Nordmann freundlicher, fast schmeichelnd.
König Matrin nickte. „Lernen ist immer gut. Ihr beherrscht unsere Sprache hervorragend, obwohl Ihr noch nie im Land wart.“
„Wir bemühen uns immer, die Sprache unserer Gastgeber zu lernen.“ Der Diplomat verbeugte sich geschmeidig.
„Wo habt Ihr sie gelernt? Gibt es bei Euch Schulen, in denen Fremdsprachen unterrichtet werden?“ König Matrin wandte seine ganze Aufmerksamkeit dem Gesandten zu.
„Ja, aber auch Knappen an fernen Höfen und Händler in fremden Häfen lernen sie, wenn sie Sumpfländern begegnen.“
„Euer Lerneifer ist achtenswert“, lobte König Matrin.
„Wir würden uns gern in der Stadt umschauen. Heute Morgen brachten Eure Palastwachen uns gleich zu Euch, als wir in der Stadt spazieren gingen.“ Es klang wie ein Vorwurf.
„Bei uns ist es üblich, die Gäste zuerst offiziell zu begrüßen“, erklärte Matrin freundlich. „Ich werde Euch einen Führer mitgeben, damit Ihr die Stadt kennenlernt und Euch nicht in einem Graben oder Sumpfloch in Gefahr bringt.“
„Euer Sohn wäre eine angemessene Begleitung. Wir sind schließlich Bruder und Cousin unseres Königs Wromlux.“ Sein Dünkel ließ Rowan einen Schauer über den Rücken laufen, trotzdem hatte er sich soweit in der Gewalt, dass seine Gesichtszüge unbeweglich blieben.
„König Wromlux schickt für eine erste Begegnung gleich seinen Bruder? Wir fühlen uns geehrt“, erklärte Matrin mit einem Lächeln.
„König Wromlux weiß, wie wichtig das Sumpfland ist, und ehrt Euch entsprechend. Wir wünschen, dass Ihr es ihm gleichtut.“
Erneut störte Rowan die Selbstherrlichkeit des Mannes. Er wirkte, als wäre er schon Herr des Sumpflands. Wahrscheinlich meinten diese Wesen, dass die Sumpfländer unerfahrene Hinterwäldler wären, die sie leicht überrumpeln konnten.
„Ich bedaure, meine Söhne weilen zur Ausbildung in der Ferne.“ König Matrin ließ seinen Blick über die Anwesenden gleiten, dann winkte er einen jungen Mann heran. „Roschur, mein weitgereister Neffe, wird Euch herumführen. Wenn es Euch recht ist, wird er gleichzeitig unseren neuen Freund mit der Stadt bekannt machen. Er ist nämlich erst seit kurzem bei uns und ich sehe ihn heute zum ersten Mal.“ Er nickte Rowan gnädig zu.
Rowan überlief es heiß und kalt. Mit diesen unheimlichen Fremden wollte er möglichst nichts zu tun haben. Aber der König verfolgte sicher einen klugen Plan, deshalb nickte er demütig und murmelte: „Ich wäre erfreut, wenn ich an der Stadtführung teilnehmen dürfte.“
„Nur wenn du deine Feinde gut kennst, kannst du sie besiegen“, hörte er in Gedanken Zwandir sagen. Rowan verzog keine Miene und ließ sich diese heimliche Mitteilung nicht anmerken.
Die Fremden musterten ihn herablassend. Dabei spürte er, dass sie genau wussten, wer er war. Sie wussten, dass er Bunduars Enkel und der Neffe des magianischen Königs war und dass die Drachen ihn mehrmals angegriffen hatten. Aber alle spielten ein Spiel, jeder mit einem anderen Hintergedanken. Hoffentlich war Roschur erfahren und konnte die Fremden in Schach halten. Doch dann fing er einen Blick von Zwandir auf. Der Magiermeister würde über sie wachen. Er senkte schnell seine Augenlider, um sich nicht zu verraten. Zwandir hatte recht, er musste wirklich noch viel lernen – vor allem seine Gefühle im Zaum halten.

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21. November 2020

'Wenn es Liebe schneit' von Lisa Torberg

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website | Autorenseite
Sie waren jung, verliebt, das Traumpaar schlechthin – bis er spurlos verschwand. Dreizehn Jahre später ist er plötzlich wieder da … aber er ist nicht allein.

Liam Cranford ist zu allem bereit, um das Versprechen einzulösen, das er seinem Freund gegeben hat. Hals über Kopf verlässt er mit der kleinen Maisie Labrador City. Sein Weg durch das winterliche Kanada führt ihn auf die Insel Neufundland, die er vor vielen Jahren verlassen hat.

Scarlett Winter traut ihren Augen nicht, als sie den Mann erkennt, der mit einem verletzten Mädchen in ihre Praxis stürmt. Unter anderen Umständen würde sie Liam sofort wegschicken – aber sie lebt für ihren Beruf. Schon während sie Maisie verarztet, erobert die Kleine ihr Herz im Sturm. Oder rast es wegen Liam so aufgeregt in ihrer Brust, den sie trotz allem nie vergessen hat?

Ein bezaubernder Liebesroman mit Happy-End-Garantie aus dem verschneiten Kanada.

Anleser:
Mit beiden Händen umfasst Scarlett Winter die Tasse, schließt die Augen und atmet tief ein. Der aromatische Duft nach schwarzem Tee, Honig und Zitrone verdrängt für einen Moment den Gedanken an das immer noch nicht leere Wartezimmer. Nicht jedoch den an Stephens Anruf, der weitere vier Hausbesuche zu erledigen hat, bevor er heimkommt. Sie arbeiten zu viel. Alle beide. Zum Glück hat July es schon immer vorgezogen, allein zu lernen, sonst hätten sie jetzt ein Problem. Aber zwölf ist nicht zwei, und die Zeiten, als sie ein Problemkind war, liegen lang zurück. Dennoch wünscht sich Scarlett seit Wochen immer öfter, am Rad der Zeit drehen zu können. Anfangs hat sie sich nur ein Jahr zurückgesehnt, an den Tag, an dem sie den Vertrag mit der Organisation Ärzte ohne Grenzen unterschreiben wollte – und es nicht getan hatte. Hätte sie nur! Dann wäre sie bei Ausbruch der weltweiten Pandemie in Uganda gewesen und nicht in Mount Pearl.
Ein Anflug von Wut erfasst sie. Sie reißt die Augen auf und schüttelt den Kopf. Was für ein idiotischer Gedanke!
Sie hebt die Tasse an, setzt sie vorsichtig an die Lippen und trinkt einen ersten Schluck. Das heiße Getränk erfüllt sie mit Wärme und vertreibt das Gefühl der Kälte, das sie bereits seit dem Aufstehen verspürt. Als ob sie nicht in ihrem wohltemperierten Zimmer unter der Daunendecke geschlafen hätte. Ein Schauer erfasst sie, dabei liegen die Temperaturen für Ende November im Durchschnitt, und es ist normal, dass sie nachts unter den Gefrierpunkt sinken. Neufundland ist nun einmal nicht am Äquator, sondern nicht weit vom nördlichen Polarkreis entfernt. Doch die Gänsehaut auf ihren Armen, die von dem dunkelblauen Wollpulli bedeckt ist, dessen Bündchen aus den Ärmeln des weißen Kittels hervorblitzen, hat nichts mit Kälte zu tun. Vielmehr ist es dieses Gefühl, für das sie immer nach wie vor keinen Namen gefunden hat.
Nostalgie nach Afrika kann es nicht sein, weil sie noch nie dort war, obwohl sie schon mit sechzehn ihren Lebensplan klar skizziert hatte. Highschoolabschluss mit siebzehn, College, Studium, Approbation, unmittelbar danach ein Jahr Afrika als frischgebackene Ärztin, um den Ärmsten der Armen zu helfen, gefolgt vom Eintritt in die Familienpraxis. Im Grunde genommen hat sie die ersten drei und den letzten Schritt durchgezogen. Das sind immerhin vier von fünf, sprich achtzig Prozent – und sie ist gerade erst dreißig geworden.
Ein Klopfen an der Verbindungstür zu Stephens Praxisraum, die zugleich aufschwingt, unterbricht ihre Grübelei.
»Hast du ausgetrunken?« Lizzie schiebt sich eine vorwitzige Haarsträhne hinters Ohr und schaut sie besorgt an.
Scarlett hebt die Tasse an die Lippen, leert sie, setzt sie ab und nickt mit einem erzwungenen Lächeln. »Jetzt schon.«
Ihre Stimme klingt so müde, wie sie sich fühlt.
»Du arbeitest zu viel, schläfst zu wenig, vor allem aber grübelst du zu viel. Hör auf damit, Scarlett. Du trägst nicht das Schicksal der ganzen Welt auf deinen Schultern.«
Nein, zum Glück nicht, sie hat mit ihrem eigenen schon genug zu tun. Nur braucht sie niemanden, der sie auch noch darauf hinweist, dass einfach nichts so läuft, wie es sollte. Oder wie sie es sich wünscht. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, ihre beste Freundin einzustellen, als die langjährige Mitarbeiterin ihres Vaters in den Ruhestand gegangen war. Sie hätte sich damals gegen Stephen durchsetzen sollen.
»Überlegst du schon wieder, mich rauszuschmeißen?« Lizzie fixiert sie und legt dabei die Stirn in Falten. Nur das Zucken ihrer Mundwinkel verrät ihre Erheiterung.
»Aber nein, wie kommst du denn darauf?« Scarlett verdreht die Augen.
»Ich sehe es dir an.« Lizzie grinst, nähert sich ihrem Schreibtisch und greift nach der Tasse. Dann macht sie kehrt und geht ein paar Schritte, bevor sie im Türrahmen stehen bleibt und sich zu ihr umdreht. »Du solltest versuchen, endlich einmal durchzuschlafen.«
»Und wie soll das gehen?«
»Das fragst du mich, Frau Doktor? Du hast Medizin studiert und kennst all die Mittelchen gegen Schlaflosigkeit. Aber da du mich schon um Rat bittest ...«
Scarlett schüttelt seufzend den Kopf. Lizzie hat diese Art von Kommunikation, mit der sie ihr Gegenüber zwingt, sie zum Weitersprechen aufzufordern, bereits mit sechs beherrscht. Möglicherweise bereits, als sie noch im Kindergarten waren. So genau kann Scarlett sich nicht erinnern.
»Jetzt sag schon!« Genervt greift sie nach einem der Plastikkugelschreiber, die sie als Gadgets an ihre Patienten verschenken, und wirft ihn Richtung Tür. Er trifft zwar nicht Lizzie, da er einen halben Meter vor ihr zu Boden fällt, aber das improvisierte Wurfgeschoss erfüllt seinen Zweck.
»Sex soll helfen, habe ich gehört. Das solltest du vielleicht wieder einmal ausprobieren.«
»Raus!« Scarlett greift blitzschnell nach dem nächsten Kuli, holt aus – und trifft wieder nicht. »Und lass den Nächsten rein«, ruft sie ihrer Freundin nach, die lachend die Tür zu Stephens Praxisraum hinter sich zuzieht.
Kurz darauf öffnet Lizzie nach einem kurzen Klopfen die andere Tür, hinter der sich der Eingangsbereich mit dem Warteraum der Praxis befinden, und lässt Lorna Peddle eintreten. Die ist schon seit Jahrzehnten Patientin der Winters, früher bei Scarletts Großvater, später bei ihrem Vater, jetzt bei ihr und Stephen.
»Sie müssen bei dem Wetter doch nicht herkommen, Lorna.« Scarlett geht ihr entgegen und reicht ihr die Hand zum Gruß.
Die alte Frau, die in der Grundschule ihre erste Lehrerin gewesen ist, lächelt sie an. »Solange ich gehen kann, werde ich doch Stephen nicht zwingen, auch noch bei mir einen Hausbesuch zu machen. Der hat ohnehin genug mit all diesen Hypochondern zu tun.«
Scarlett verbeißt sich die Bemerkung, die ihr auf der Zunge liegt. Manche Menschen wollen einfach nicht begreifen, dass es den Coronavirus tatsächlich gibt und es sich dabei nicht um die fantasievolle Erfindung irgendwelcher Staatsfeinde handelt. Andererseits kann sie derartige Meinungen auch irgendwie verstehen, denn in der ganzen Provinz Neufundland und Labrador wurden seit Beginn der Pandemie insgesamt nur wenige Hundert Infektionen verzeichnet, und hier bei ihnen, auf der Insel Neufundland, gibt es schon seit vielen Wochen keinen einzigen neuen Fall mehr. Aber Lorna Peddle gehört nicht zu denjenigen, die diesen pandemischen Virus als Lappalie abtun. Sie kann nur nicht verstehen, weshalb manche ihrer Altersgenossen ihre Häuser so gut wie nie verlassen, ständig ihre Wehwehchen beklagen und ihren Hausarzt bei jeder Kleinigkeit anrufen, damit er bei ihnen vorbeischaut. Die bezeichnet Lorna als Hypochonder. Damit hat sie nicht unrecht. Stephen legt jeden Tag viele Kilometer für Hausbesuche zurück, die eigentlich nicht nötig sind. Zumindest nicht, um körperliche Schmerzen zu lindern. Doch sie beide sind Ärzte und unterschätzen die Einsamkeit mancher ihrer Patienten als psychosomatische Ursache von Krankheitssymptomen nicht. Das ist es, was Lorna Peddle nicht versteht – sie leidet ja wahrlich nicht unter dem Alleinsein, aber sie ist störrisch und vergisst gern, dass sie die siebzig bereits überschritten hat.
»Darum geht es nicht, Lorna, das wissen Sie doch. Bei diesen Temperaturen besteht die Gefahr, dass es schneit, und der Schnee bleibt liegen und wird zu Eis, auf dem man ausrutschen kann.«
Lorna legt den Kopf mit den silberfarbenen Löckchen schräg und schaut sie nachdenklich an. »Kindchen, seit wann bist du denn heute schon hier eingesperrt?«
Scarlett verkneift sich ein tiefes Aufseufzen. Je älter Menschen werden, umso mehr ähneln sie kleinen Kindern. Konzentrationsdefizit, plötzliche Themenwechsel, manche brauchen Windeln. Bis dato hat Lorna aufgrund ihres Diabetes nur an unkontrollierbarem nächtlichem Harndrang gelitten, jetzt kommen offenbar auch die anderen Symptome dazu.
»Ich bin freiwillig hier, Lorna, nicht eingesperrt«, erklärt sie geduldig.
»Was aber nichts daran ändert, dass du offenbar nicht einmal beim Fenster hinaussiehst, denn sonst hättest du bemerkt, dass es schon seit Mittag schneit.«
Entgeistert wendet Scarlett den Kopf zum Fenster. Zwar schützt die Halbgardine vor unliebsamen Blicken von draußen, dennoch sind die großen Schneeflocken darüber nicht zu übersehen, noch weniger der riesige feuerwehrrote Pick-up, der soeben mit quietschenden Bremsen unmittelbar vor dem Haus hält. Sie kann zwar nur noch einen Teil des Hecks sehen, aber sie ahnt, dass es sich um einen Notfall handelte, noch bevor sie schwere Schritte und lautes Weinen aus dem Wartezimmer hört.
»Lorna, macht es Ihnen etwas aus, noch ein wenig zu warten?«
Die alte Frau schüttelt den Kopf und steht eilig auf. »Die Zuckerwerte und den Blutdruck kann Lizzie doch auch messen.« Sie deutet auf die Tür zu Stephens Praxisraum und ist bereits hindurch, als Scarlett die Klinke der anderen umfasst und sie weit öffnet.
Unmittelbar vor sich sieht sie ein Kind, ein kleines Mädchen mit weizenblonden lockigen Haaren, das von zwei starken Armen gehalten wird. Ihre Augen sind geschlossen und große Tränen kullern über ihre Wangen. Sie hält sich eine Hand mit der anderen.
Zumindest kein Blut, denkt Scarlett dankbar, tritt einen Schritt zur Seite und sagt, ohne aufzusehen: »Legen Sie Ihre Tochter da drüben auf die Liege.«
Noch während sie spricht, geht der Mann an ihr vorbei und sie hält den Atem an. Keine Jacke. Breite Schultern, schmale Hüften, enge Jeans, Boots. Sie inhaliert seinen Anblick wie ein Junkie das erste Dope am Ende einer langen Dürreperiode. Im Hintergrund hört sie das leise Wimmern des Mädchens – und kommt wieder zu sich. Resolut schließt sie die Tür hinter sich und geht zur Liege, wo der heiße Kerl das Kind ablegt.
»Sagen Sie mir bitte, was passiert ist?«
Sie hat die Frage noch nicht beendet, als ein Ruck durch den Körper des Mannes geht. Er versteift sich, dann richtet er sich auf und wendet sich langsam um.
Scarlett hebt den Kopf – und erstarrt.
Der Wahnsinnstyp ist nicht irgendeiner, sondern Liam Cranford. Derjenige, der ihr vor dreizehn Jahren das Herz gebrochen hat, als er von einem Tag auf den anderen mit seiner Familie aus Mount Pearl verschwunden ist.

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