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23. Oktober 2017

'Der Teufel in uns' von Nico Seelinger

Richard ist am Ende: Seit einem halben Jahr tappt er im Dunkeln. Die Mädchenleichen, die sie im Schwarzwald finden, häufen sich, und er hat nicht den Hauch einer Spur. Auch privat steht sein Leben am Abgrund. Seine Ehe ist kaputt und sein Kind wird sterben. Claire soll Richard bei den Ermittlungen unterstützen. Ihre Seele ist allerdings so schwarz wie die des Mörders.

Eine Jagd am Rande des Wahnsinns beginnt …

Gleich lesen: Der Teufel in uns - Thriller

Leseprobe:
Er sah ihre Seele an den Rändern ihrer Pupillen. Beim Anblick seiner Augen wollte sie aufspringen und um ihr Leben rennen, doch ihr entblößter Körper gehorchte nicht. So sehr sie in ihren Gedanken auch schrie, ihre Muskeln nahmen die Impulse nicht wahr. Aber noch schrecklicher war der Blick, mit dem er durch ihre kleine Seele blätterte wie durch ein Buch. Durch all die Erinnerungen und Emotionen, die in ihr geschrieben standen. Sie würde nichts spüren, redete sie sich schließlich ein, als die Klinge näher kam. Sie würde keine Schmerzen empfinden. Vincent, flüsterte ihr Kopf. Er hatte es geliebt, an ihrem Haar zu riechen. Manchmal hatte er erst sekundenlang seine Nase in ihren Strähnen vergraben, bevor er sie endlich geküsst hatte. Er hatte das geliebt. Und sie wollte zurück in seine Arme. Da drang die Klinge in ihren Magen ein und spaltete die Haut, die ihn beschützte. Fleisch kam zum Vorschein. Sie fühlte nichts. Fragmente ihrer Vergangenheit blitzten in seinen Augen auf. Augen, die keine Farbe hatten. Sie hatte nie an Übernatürliches geglaubt. Jetzt tat sie es. Sie fühlte nichts, blutete. Wie ein Künstler sein Werk bearbeitete er sie und schien dabei jede Bewegung ihrer Augen zu genießen, als wären das Licht und die Geschichten in ihnen eine Droge. Sie fühlte nichts, blutete – starb. Das dachte sie zumindest, als ihre Sinne sie verließen. Doch es dauerte nicht lange, da kamen sie wieder. Und mit ihnen der Schmerz. Sie schrie auf, als sie ihn spürte. Ihr Körper wurde auseinandergerissen. Panisch tastete sie mit den Händen ihren Bauch ab und fand Blut und rohes Fleisch. Sie schlug um sich, doch nichts geschah, sie hatte keinen Raum, um sich zu bewegen, keinen Platz zum Atmen. Sie zitterte. Sie hatte Angst. Sie flehte um Licht. Doch die Dunkelheit blieb. Und sie stank nach Tod. Aber ein kleines Stück ihrer Seele hatte noch Hoffnung. Ein winziger Funke, der in ihrem Herzen entfacht und in die Höhe geschleudert wurde. Dieser Funke trieb sie dazu, sich ihre Haare auszureißen und so lange am Holz über ihr zu kratzen, bis sich Hunderte Splitter unter ihre Fingernägel getrieben hatten. Doch auch dieser Funke wurde schwächer. Und während mit ihm auch ihre Hoffnung erlosch, dachte sie noch einmal an Vincent und daran, wie er sie immer an sich gedrückt hatte. Als der Funke schließlich auf den kalten Boden traf, schrie sie seinen Namen. Doch er hörte sie nicht. Niemand konnte das. Dieser Sarg war ihre letzte Ruhestätte.

Im Kindle-Shop: Der Teufel in uns - Thriller

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20. Oktober 2017

'Wenn du mich endlich liebst ...' von Linne van Sythen

Als Annas Baby stirbt, sie ihren Mann beschuldigt und sich trennt, gesteht Bardo ihr endlich seine Liebe. Obwohl er sich rührend um sie kümmert, kann er ihr Herz nicht erobern. Er bedrängt Anna so sehr, dass sie sogar in eine andere Stadt flieht.

Bardo folgt ihr heimlich. Weil sie inzwischen mit Mario zusammen ist, wirbt er nicht offensiv um sie, sondern mailt er ihr über eine Internetpartnerschaftsagentur als Thomas. Als Anna ihn tatsächlich treffen will, zögert Bardo. Was passiert, wenn Anna entdeckt, dass Thomas ihr alter Freund Bardo ist? Und muss er Mario nicht erst von ihr wegtreiben? Besessen taktiert Bardo immer gewagter und verstrickt sich in sein Netz aus Lügen und Intrigen. Dabei kommt Anna ihm auch noch auf die Spur.

Hat er nun endgültig verloren? Oder kann es für ihn und Anna doch noch die ersehnte große Liebe geben?

Gleich lesen:
Für Kindle: Wenn du mich endlich liebst ...
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Eine halbe Stunde später schreckte Bardo das Tatütata eines Rettungswagens aus seinen Frauensehnsüchten auf. Er blickte durch sein weit geöffnetes Fenster nach draußen. Inzwischen war Wind aufgekommen. Die Blumen in den Balkonkästen des grauen Mietshauses gegenüber flatterten, genauso wie die T-Shirts, Jeans, Handtücher und Badeanzüge, die die Bewohner auf selbst gezogenen Leinen aufgehängt hatten. Hier im dritten Stock schien es ihm, als flöge der Rettungswagen heran.
Das Geheul wurde lauter und lauter. Es brach ab. Hatte der Wagen genau vor seinem Haus angehalten? Er sprang auf und streckte den Oberkörper aus dem Fenster hinter seinem Schreibtisch. Tatsächlich, der Wagen mit Blaulicht auf dem Dach quetschte sich schräg in eine zu kleine Parklücke direkt vor dem Eingang. Die Warnlichter vorn und hinten blinkten. Zwei Sanitäter rannten auf die Haustür zu.
Zu wem wollten sie? Himmel, bitte nicht zu Anna. Er zog den Kopf aus dem Fenster zurück, spürte, wie er noch mehr schwitzte.
Bardo hastete zur Wohnungstür, riss sie auf und beugte sich über das Treppengeländer. Die Sanitäter polterten die alte Holztreppe hinauf. Sehen konnte er sie nicht, nur ihre zwei weißen Kittelarme mit roten Streifen, die sich auf dem Geländer immer weiter nach oben schoben. Im zweiten Stock verschwanden die Arme. Also wollten die Retter tatsächlich zu Anna. Die Raabes, die bei Anna und Pit gegenüberwohnten, waren um diese Zeit nicht zu Hause, arbeiteten in ihrem Buchladen.
Anna! Wenn Anna was passiert war!
Bardo stürzte nach unten. Er sah sich vor wie noch nie, auf der frisch gebohnerten Treppe nicht auszurutschen. Kaum stand er vor Annas Wohnungstür und wollte klingeln, stellte er fest, dass die Tür nur angelehnt war. Bestimmt hatten die Sanitäter sie offen gelassen.
Mit ausholenden Schritten stapfte er den Flur entlang. Beinah stolperte er über eine volle Einkaufstüte vor der Küchentür, aus der Porreestangen und ein Baguette herausragten. Sein Blick schweifte kurz in die Küche. Abwaschberge auf der Spüle, das Frühstücksgeschirr noch auf dem Tisch. Es roch nach angebrannter Milch.
Bardo blieb stehen und lauschte auf die Stimmen. Sie mussten aus dem hinteren Teil der Wohnung kommen. Er lief weiter. Die Tür zu Pits Arbeitszimmer war geschlossen. Im Schlafzimmer erspähte er ein leeres verwühltes Bett. Davor lagen wie hingepfeffert eine Jeans, ein gelbes Hemd, eine karierte Boxershorts und gelbe Socken. Bardo erreichte das Kinderzimmer und blieb in der offenen Tür stehen.
Mitten im Zimmer stand Anna und hielt Sven-Martin an ihre Brust gedrückt. Sie beugte ihr Gesicht tief über das Baby. Die beiden Sanitäter, die dicht bei ihr standen, schauten auch auf das Kind. Bardo atmete auf. Anna war unverletzt. Was war mit Sven-Martin?
Einer der Sanitäter, offenbar der Notarzt, presste ein Stethoskop auf Sven-Martins Brust. Bardo schaute zu Pit. Er stand etwas abseits, lehnte am Kinderbett, die Augen weit aufgerissenen, die dunkelblonden Locken wild zerzaust. Mit beiden Händen umfasste er seine Schultern, so als wollte er sich selbst festhalten. Neben ihm auf dem Wickeltisch entdeckte Bardo einen kleinen, runden Schokoladenkuchen mit einer Kerze in der Mitte. Ihm stockte der Atem.
Blitze schossen ihr grelles Licht in den Raum. Es donnerte zwar verhalten in der Ferne, aber der Wind hatte erheblich zugenommen. Es stürmte. Die Jalousie vor dem Fenster schlug klopfend gegen die Scheibe.
Der Notarzt nahm Anna sanft, aber entschieden das Baby aus den Armen, hielt es waagerecht und musterte es mit besorgtem Blick. Bardo starrte auf das blau-bleiche Gesichtchen und presste die Handflächen gegeneinander. Sven-Martins Wangen, die Nase und Stirn wirkten wie aus Wachs modelliert. Annas weit aufgerissene Augen suchten eine Antwort im Gesicht des Mannes, der ihr Baby fachkundig betrachtete. So blass hatte er sie noch nie gesehen. Er erschrak. Wie stumpf ihre braunen Augen aussahen. Der Arzt sog scharf die Luft durch die Zähne, sein Mund verzog sich. Kaum merklich schüttelte er den Kopf und strich dem Baby zärtlich über die Stirn. Bardo begriff sofort.
Anna faltete die Hände und presste sie gegen Mund und Nase. Diese Geste zeigte Bardo, auch sie wusste es, ohne dass der Arzt nur ein Wort sagen musste. Sven-Martin war tot. Jegliche Farbe wich aus ihrem Gesicht.
Es donnerte lauter. Bardo verbot sich energisch den Gedanken, dass der Himmel dieses so überaus traurige Ereignis kommentierte. Er musste aufstoßen, begann zu frieren.
„Wir müssen die Kripo informieren“, sagte der Arzt leise.
Anna taumelte und sackte zu Boden. Der Sanitäter griff blitzschnell nach ihr, verhinderte, dass sie mit dem Kopf auf den Stuhl aufschlug, der neben dem Kinderbett stand. Bardo wollte zu Anna, wollte sie wieder aufrichten, wollte sie in die Arme nehmen, aber er bremste sich. Pit war ihr Mann. Und der Vater. Warum tat er nichts, verdammt? Er klammerte sich am Kinderbett fest und schaute von Anna zu seinem Sohn und wieder zu Anna. Auf Bardo wirkte er wie gelähmt, wie jemand, der in einen Albtraum gestürzt war und hoffte, gleich aus dem Grauen zu erwachen.
Der Sanitäter hob Annas Beine an. Bardo beobachtete, wie ihr Gesicht wieder ein wenig Farbe bekam. Sie öffnete kurz die Augen und schloss sie wieder.
„Frau Mahler! Frau Mahler!“ Der Sanitäter klopfte sanft auf ihre Wangen.
Anna öffnete die Augen wieder. Bardo seufzte erleichtert.
„Ein Jahr, nur ein Jahr“, stöhnte sie. Ihr Kopf fiel zur Seite.
Er fing ihren Blick auf. „Bardo, Bardo“, flüsterte sie.
Auch die Rettungssanitäter und Pit schauten kurz zu ihm. Der Arzt legte Sven-Martin in sein Bettchen und deckte ihn zu, so als sollte er seinen Mittagsschlaf halten.
Der Sanitäter ließ Annas Beine zurück auf den Boden sinken. Der Arzt öffnete seine große schwarze Tasche. „Wir spritzen Ihnen Valium“, sagte er zu Anna.
Anna riss die Augen auf. „Bardo“, rief sie.
Es schien ihm so, als sagte sie seinen Namen so entschieden und gleichzeitig so flehend, wie er es noch nie von ihr gehört hatte. Das traf ihn ins Herz. Das traf ihn mehr als alle anderen Worte und Sätze, die Anna je zu ihm gesagt hatte.
Er trat ins Zimmer, hockte sich neben Anna und ergriff ihre Hand. Eine schweißnasse und dennoch kalte Hand. Der Arzt zog die Spritze auf.
„Nein, nein, nicht hier“, wimmerte Anna. „Die Spritze nicht hier! Bitte nicht!“ Sie versuchte, sich aufzurichten. „Bitte oben bei dir, Bardo.“ Sie schluchzte auf, zitterte. „Hier bleibe ich nicht.“
Er drückte ihre Hand. „Ich nehme dich mit, wenn du es willst“, sagte er leise. „Komm, ganz ruhig.“ Er sah hinüber zu Pit. Der nahm seine Nickelbrille ab und bohrte den Bügel in seine rechte Wange. Kaum merklich nickte er und presste die Lippen fest aufeinander.
Bardos Gedanken jagten. Warum war Sven-Martin gestorben? Wie konnte das geschehen? So ein gesundes Kind! Und warum wollte Anna zu ihm und nicht in ihr eigenes Bett?

Im Kindle-Shop: Wenn du mich endlich liebst ...
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Linne van Sythen auf ihrer Website.



19. Oktober 2017

'Als der Weihnachtsmann seinen Bauch verlor' von Marit Bernson

24 Weihnachtsgeschichten für Kinder.

Was passiert, wenn der Weihnachtsmann zuviel arbeitet? Oder wie feiern Mäuse Weihnachten? Was tun bei Stromausfall an Heiligabend?

Geschichten rund um das Thema Weihnachten. Mit fabelhaften Wesen und Kindern, die dem Weihnachtsfest entgegenfiebern.

Gleich lesen: Als der Weihnachtsmann seinen Bauch verlor: 24 Weihnachtsgeschichten für Kinder

Leseprobe:
Als der Weihnachtsmann seinen Bauch verlor

Es war kurz vor Weihnachten. Das meiste Spielzeug war gebaut und wurde gerade verpackt. Die Artig- und Böseliste war fertig. Jetzt musste der Weihnachtsmann nur noch seine Anziehsachen für den Weihnachtsabend anprobieren.
Er stand vor dem Kleiderschrank, nahm die Hose vom letzten Jahr heraus und zog sie über.
Aber was war das? Er hatte die Hose oben zugeknöpft, aber sie fiel trotzdem auf den Boden herunter.
Der Weihnachtsmann betrachtete sich im Spiegel, hob die Hose hoch, hielt sie mit den Händen fest. Irgendetwas sah komisch aus.
Ein Weihnachtself kam herein.
„Oh, hast du schon angefangen?“, fragte er. „Wir helfen dir doch.“
Ihm folgten zwei weitere Elfen. Zu dritt schauten sie den Weihnachtsmann im Spiegel an, dann den Weihnachtsmann selbst. Der Weihnachtsmann sah ratlos zurück.
„Da fehlt etwas“, sagte die kleine Weihnachtselfe Gwen.
„Ja, aber was?“, fragte der Weihnachtself namens Mo.
„Der Bauch ist weg“, bemerkte der dritte Elf, der Binky hieß.
Jetzt sahen es die anderen auch. Die Hose fiel herunter, weil der Weihnachtsmann keinen dicken Bauch hatte, der die Hose oben hielt.
„Hm“, sagte Binky. „Ich kann dir die Hose enger machen. Aber wenn du mich fragst, sieht ein Weihnachtsmann ohne Bauch komisch aus.“
„Ja“, stimmte Gwen zu. „Ein Weihnachtsmann ohne Bauch? Das geht nicht.“ Sie zeigte auf die Bilder an der Wand, auf denen der Weihnachtsmann mit Bauch abgebildet war.
„Wo ist der Bauch denn hin?“, fragte Mo.
Die Elfen fingen an zu suchen. Im Schrank unter dem Bett. Hinter der Gardine. Aber sie fanden den Bauch nicht.
„Wir müssen alle Weihnachtselfen nach deinem Bauch suchen lassen“, sagte Binky und ging ins Arbeitszimmer vom Weihnachtsmann. Auf dem Schreibtisch stand ein Mikrofon. Binky schaltete es an, und alle Weihnachtselfen in den Werkstätten, in der Verpackungsabteilung, auf den Straßen konnten ihn hören.
„Achtung! Achtung! Das ist ein Notfall. Der Weihnachtsmann hat seinen Bauch verloren. Wir müssen ihn suchen, und alle müssen helfen.“
Alle Weihnachtselfen ließen ihre Arbeit liegen und stehen und fingen an zu suchen. In jedem Schrank und unter jedem Bett. Sogar im Weihnachtsmannschlitten.
Nach einer Weile kam Wilma, eine Weihnachtsheilerelfe. Sie sah den Weihnachtsmann von oben bis unten genau an. Dann nahm sie eins der Bilder von der Wand und hielt es neben ihn. Binky trat neben sie, und abwechselnd schauten sie den Weihnachtsmann und das Bild an.
„Deine Wangen hast du auch verloren“, sagte Binky.
Wilma lachte. „Ja, du hast nämlich abgenommen.“
„Oje“, sagte der Weihnachtsmann. „Ich hab es mir fast gedacht.“
„Und was heißt das?“, fragte Gwen.
„Du hast zu viel gearbeitet, Weihnachtsmann“, sagte Wilma. „Zuviel Arbeit und zu wenig Kekse und Milch.“
„Und was können wir jetzt tun?“, fragte Mo.
„Ganz einfach!“, rief Wilma. „Bis Heiligabend bekommst du Sesselsitzen verschrieben, Weihnachtsmann. Wir Elfen erledigen den Rest. Und jede Stunde isst du mindestens einen Teller Kekse und trinkst ein Glas Milch. Dann hast du zu Weihnachten deinen Bauch wieder. Und den Rest von dir auch.“
Die Elfen geleiteten den Weihnachtsmann ins Wohnzimmer und setzten ihn auf seinen riesigen grünen Ohrensessel.
„Und was soll ich sonst noch tun?“, fragte der Weihnachtsmann.
„Schlafen“, sagte Wilma. „Davon kommt der Bauch am schnellsten wieder. Aber pass auf, dass du Weihnachten nicht verschläfst!“

Im Kindle-Shop: Als der Weihnachtsmann seinen Bauch verlor: 24 Weihnachtsgeschichten für Kinder

Mehr über und von Marit Bernson auf ihrer Website.



18. Oktober 2017

'Blüten im Schnee' von Lisa Torberg

Sam – die Besitzerin des „Sam’s Sweet & Spicy“ und „ihr“ Patrick …
Kathrin „KM“ Miller - Londons Dessous-Queen und „ihr“ Horace …
Ein bezauberndes kleines Wasserschloss, ideal für eine traumhafte Sommer-Hochzeit …
UND ein grauer Herbsttag, der sämtliche Pläne über den Haufen wirft.

Wenn das Schicksal der Perfektion ins Handwerk pfuscht, lösen sich alle Pläne in Rauch auf. Und anstatt des Wassers, das die Glut löschen soll, macht sich Feuer breit.

Ein zauberhafter Roman darüber, wie man den Winter zum Sommer macht und dem Schicksal ein Schnippchen schlägt.

BLÜTEN IM SCHNEE ist das vierte Buch der Reihe "Sam's Sweet & Spicy" und für kurze Zeit für nur 99 Cent erhältlich.

Gleich lesen: Blüten im Schnee (Sam's Sweet & Spicy 4)

Leseprobe:
Doch wusste Samantha sehr wohl, dass der wahre Beweggrund für Patricks Wunsch nach einer kirchlichen Trauung ganz woanders lag. Er hatte Eilish damals in Dublin geheiratet, und sie war nur ein Jahr später an den Komplikationen einer Bauchhöhlenschwangerschaft gestorben. Wahrscheinlich dachte er, dass Sam und er doppelt gesegnet wären, wenn er den Bund der Ehe mit ihr in der gleichen Kirche und vor demselben Priester einginge, der damals die Trauung zwischen ihm und Eilish vollzogen hatte. Da das irische Volk stark an Tradition und Aberglauben festhielt, konnte Sam ihn nicht nur verstehen, sie war auch seiner Meinung. Der erste Teil ihrer Hochzeit würde also weit weg von ihrem gewohnten Lebensumfeld stattfinden, der zweite jedoch einige Tage später in der Grafschaft Kent. Am vergangenen Wochenende hatten sie sich für Scotney Castle, eine bezaubernde kleine Wasserburg, entschieden und die Anzahlung geleistet.
Samantha hatte sich als Braut immer bei strahlendem Sommerwetter in einem Schlosspark vorgestellt. Und so sollte es sein. In etwas weniger als acht Monaten, ein Jahr nach dem Heiratsantrag, würde sie endlich ihren Traumprinzen heiraten. Unter einem sonnigen Himmel, umgeben von blühenden Sträuchern und wilden Orchideen, ihren engsten Freunden und engelhafter Musik, wie eine Märchenprinzessin, würde sie ihm ihr Jawort geben. Bis dahin sollten die Umbauarbeiten in dem fantastischen Haus in Wimbledon, das Patrick durch Zufall entdeckt und gekauft hatte, abgeschlossen, die Einrichtung an ihrem Platz und der Garten begrünt sein. Dass natürlich vor dem Einzug in das traute Heim noch eine Hochzeitsreise fällig war, die einen ganzen Monat dauern und sie um die halbe Welt bringen würde, verstand sich von selbst. Sie hatten mehrere verlorene Okkasionen nachzuholen und wollten die Zweisamkeit auch ausgiebig für die Familienplanung nutzen, wie Patrick immer wieder mit einem bedeutungsvollen Augenzwinkern sagte.

Sam erhob sich mit einem tiefen Seufzer, schob den Stuhl nach hinten, strich mit der Hand über Grannys Registrierkasse und ging in die Küche. Mit einem hölzernen Kochlöffel rührte sie in den beiden Töpfen, überprüfte die Konsistenz des Quittengelees und sah auf die Uhr. Sie hatte noch eine Stunde Zeit, bevor sie zu ihrer Routineuntersuchung musste. Dann würde eine Mitarbeiterin aus der Großküche, die Nancy führte und die nur ein paar Minuten entfernt lag, herüberkommen und sich um den Laden kümmern. Ein Stich im Bauchraum ließ Samantha nach Luft schnappen. Sie hatte wieder einmal zu wenig gegessen, wie zumeist in den letzten Wochen, dann passierte das. Dabei war es nicht so, wie Marsha, Kathrin und Nancy meinten, nämlich dass sie unbedingt eine Kleidergröße verlieren wollte, um sich in einen Hauch von Weiß zu hüllen. Patrick sagte, dass sie seine Traumfrau sei, und zwar nicht nur charakterlich, sondern auch, weil sie die Figur eines Vollweibs hatte. Er liebte es, sich an ihren Hüften festzuhalten, ohne sich blaue Flecken an hervorstehenden Hüftknochen zu stoßen. Und da er ihren Busen ebenfalls mochte, wie er war, nämlich voll und rund, wollte sie gar nicht abnehmen! Denn wenn sie Gewicht verlor, dann immer zuerst an den falschen Stellen.
Sie zuckte zusammen, als wieder dieser akute Schmerz auftauchte, und ging zur Barecke. Sie nahm einen Mandelkeks, steckte ihn in den Mund und bereitete mit ihrer geliebten Marzocco, dem Ferrari unter den italienischen Kaffeemaschinen, einen Cappuccino zu. Ihr Blick wanderte auf das Regal oberhalb, auf dem die Pokale und Trophäen standen, die sie bei kulinarischen Wettbewerben gewonnen hatte, als wieder ein Stich durch ihren Bauchraum fuhr. Es war, als ob jemand mit einem Messer ihren Blinddarm herausoperieren wollte - oder so ähnlich. Denn natürlich wusste sie nicht, wie sich eine solche Operation ohne Anästhesie anfühlen könnte, immerhin hatte sie ihren Wurmfortsatz noch. Aber vielleicht war es einfach nur der Hunger, der ihren Darm plagte. Rasch griff sie nach einem Schokoladenkeks, steckte ihn in den Mund und trank einen Schluck Kaffee. Sie nahm sich vor, ab sofort wieder regelmäßig und korrekt zu essen, Appetitlosigkeit hin oder her, und würde heute Abend mit Spaghetti alla Carbonara beginnen. Die vermied sie zwar normalerweise ihrer Figur zuliebe, aber Patrick liebte sie. Außerdem brauchte sie nach dem tagelangen ungewollten Fasten etwas Nahrhaftes, das dem Stechen ein Ende bereitete und hoffentlich auch dieses melancholische Gefühl und die rührseligen Anwandlungen vertrieb!

Im Kindle-Shop: Blüten im Schnee (Sam's Sweet & Spicy 4)

Mehr über und von Lisa Torberg auf ihrer Website.



17. Oktober 2017

'In guten wie in schlechten Zeiten' von E.M. Tippetts

Chloe hat alles: Sie führt eine glückliche Ehe mit Hollywood-Superstar Jason Vanderholt, ihr erstes gemeinsames Kind ist unterwegs und bald steht die Hochzeit ihrer besten Freundin Lori an, bei der sie die Trauzeugin sein wird. Die Belastungen der vergangenen Jahre liegen hinter ihr … beinahe.

Denn Chris Winters, Chloes Halbbruder, ist immer noch auf freiem Fuß, obwohl er der Hauptverdächtige in einem Doppelmord ist. Die Polizei hat nicht genug Beweise, um ihn zu überführen, aber Chloe ist sich sicher, dass er es war. Schließlich hat er auch versucht, sie umzubringen, als sie noch ein Kind war.

Als Chris anfängt, Lori zu verfolgen, ist Chloe außer sich und setzt alles daran, ihn ein für alle Mal hinter Gitter zu bringen. Sie hat das beste Sicherheitsteam, das man für Geld bekommen kann und trotzdem hat sie das Gefühl, dass ihnen etwas entgeht – und Fehler können in diesem Geschäft tödlich sein. Doch je gründlicher sie nachforscht, desto weniger passen die Puzzleteile zusammen.

Chloe bleiben nur wenige Wochen, um herauszubekommen, wie sie ihre beste Freundin schützen, die Hochzeit vor einer Katastrophe bewahren und Chris zurück ins Gefängnis schicken kann. Sie muss das Rätsel unbedingt lösen, bevor er erneut zuschlägt.

Gleich lesen: In guten wie in schlechten Zeiten (Nicht mein Märchen 5)

Leseprobe:
Während ich in einem Wohnwagen saß und nach draußen über das isländische Hochland blickte, fühlte ich mich, als wäre ich auf dem Mond. Die Einheimischen hatten mir versichert, dass sich unter der trostlosen Decke des Januarschnees eine bezaubernde Hügellandschaft verbarg, gesprenkelt mit großen Felsbrocken, die die Gletscher vor sich hergeschoben hatten. Im Moment war das einzige Anzeichen für Wärme jedoch der Dampf, welcher in der Ferne aus Vulkanschloten emporstieg.
Die Kälte schien durch jede Ritze des Wohnwagens zu kriechen, obwohl dieser alle möglichen Zusatzisolierungen und andere winterfeste Eigenschaften hatte. Die Innenausstattung war hingegen auch nicht anspruchsvoller als das, was eine normale amerikanische Familie in ihrem Campingwohnwagen hatte. Es gab keinen Luxus, nur die beiden Standardbänke, die sich gegenüber standen, zwischen ihnen ein an die Wand geschraubter Tisch, eine Küche, die gleichzeitig als Flur diente, ein Schlafzimmer, das für gewöhnlich leer war und eine Spültoilette – der luxuriöseste Bestandteil des gesamten Gefährts.
Die Luft war feucht und muffig und die Heizung gab einen chemischen Geruch ab, bei dem sich mir der Magen umdrehte, wenn ich mich zu sehr darauf konzentrierte.
Ich wollte nicht launisch sein. Ich tat mein Äußerstes, um meine Stimmungsschwankungen im Zaum zu halten, aber ich war auch im siebten Monat schwanger – und dieser Zustand war das Einzige, was mich hier warm hielt. Auf die Sitzbank gezwängt, die Schultern nach vorne gebeugt, damit mein Babybauch unter den Tisch passte, konnte ich es mir beim besten Willen nicht bequem machen. Ich hatte die Wahl, entweder so zu sitzen oder mich zur Seite zu drehen, die Beine auf der Bank auszustrecken und mich mit dem Rücken an die kalte, unergonomische Wand zu lehnen.
Aber ich saß Jason Vanderholt gegenüber, der im echten Leben genauso heiß aussah, wie auf der Leinwand. Er hatte die blauen Augen geschlossen und seine Lippen bewegten sich stumm, während er im Kopf seinen Text durchging. Dann atmete er tief durch und wurde ruhig. Er schlüpfte in seine Rolle und ich wollte den Prozess nicht stören. Kurz darauf spielte er mit den Fingern seiner rechten Hand an seinem Ehering herum. Das war ein Tick, der mir bei ihm bis jetzt noch nicht aufgefallen war.
Draußen unterhielten sich gedämpfte Stimmen und jemand trug ein Boom-Mikrofon am Fenster vorbei. Normalerweise arbeitete Jason in Studioproduktionen mit riesigem Budget, aber das hier war eine kleine Indie-Produktion, daher auch der aufs Wesentliche reduzierte Wohnwagen. Es fühlte sich wie ein Campingausflug mit Kameraequipment an.
„Es schneit wieder!“, rief jemand.
Das hier war ein irrsinniger Ort, um einen Nostalgiestreifen über einen Mann zu drehen, der seiner verstorbenen Tochter nachtrauerte. Und eigentlich war es unter den gegebenen Umständen auch eine ziemlich makabere Entscheidung von Jason, einen Film über den Verlust einer Tochter auszusuchen. Unser ungeborenes Baby war ein Mädchen. Aber ich hatte gelernt, dass dies dazugehörte, wenn man mit einem Typen verheiratet war, der seinen Lebensunterhalt mit Kunst verdiente. Wahrscheinlich würde er noch des Öfteren emotional düstere Rollen spielen, die im Kontrast zu seinem idyllischen Leben standen.
In diesem speziellen Fall war es die Drehbuchautorin und Regisseurin gewesen, wegen der er sich für dieses Projekt entschieden hatte. Ihr Name war Priya Singh und er war davon überzeugt, dass sie der nächste große Star sein würde. Sie hatte Island aufgrund einer Reihe von filmästhetischen Gründen gewählt, die ich nicht ganz verstand, Jason aber befürwortete – also, waren wir hier. Das wenige Geld, das zur Verfügung stand, wurde dazu genutzt, die Schauspieler und die Crew warm zu halten, anstatt ihnen andere Annehmlichkeiten zukommen zu lassen.
Ein Klopfen an der Tür kündigte die Lieferung des Mittagessens an. Der Großteil der Crew aß vom Catering, aber Jason hatte einen Privatkoch engagiert, um für die Schauspieler zu kochen, damit sie ihre perfekt ausbalancierten Mahlzeiten essen und ihre muskulösen, fettfreien Körper behalten konnten.
Ich schob mich mühsam von meiner Bank, um die Tür zu öffnen und in der Tat fiel mal wieder reichlich Schnee. Ich dankte der Produktionsassistentin, die mir das dampfende Tablett überreichte und sie grinste mich an, bevor sie wieder im Schneegestöber verschwand.
Jetzt fühlte es sich wie eine Expedition in die Arktis an.
Jason hatte die Augen wieder geöffnet und lächelte, als ich das Tablett an den Tisch brachte.
„Was ist los?“, fragte er.
„Nichts. Ich bin nur eine mies gelaunte, schwangere Lady, das ist alles.“
„Auf einer Skala von eins bis zehn, wie gelangweilt bist du hier?“
Ich schob sein Gericht zu ihm herüber und zog meines näher an mich ran. Es war Vollkornreis mit gedünstetem Gemüse und gegrilltem Hühnchen – wieder mal.
„Langeweile ist gut“, sagte ich. „Bald werde ich keinen freien Moment mehr haben, um mich zu langweilen, nicht wahr?“ Ich zeigte auf meinen Babybauch.
„Du darfst dich ruhig beschweren, weißt du.“
„Muss ich aber nicht, wenn ich nicht will. Du kannst mir nicht sagen, was ich zu tun habe.“
Da entschied unser Baby, aufzuwachen und mir einen ordentlichen Schlag gegen meine unteren Rippen zu verpassen. Ich fuhr zusammen.
„Verprügelt sie dich wieder?“
„Ist nicht schlimm.“
„Hey da“, befahl er. „Hör auf, deiner Mama weh zu tun, okay? Hier spricht dein Vater.“
Das Baby beruhigte sich.
„Oh, na klar“, sagte ich. „Hör auf ihn, aber nicht auf mich.“
Mein Smartphone klingelte und der Name meiner Freundin Lori erschien im Display. Ich blinzelte überrascht und hob ab. Sie lebte in New Mexico, wo es gerade fünf Uhr morgens war.
„Hey, alles in Ordnung?“, fragte ich.
„Tut mir leid, dich zu stören.“
„Du störst doch nicht, sei nicht albern. Ich sitze in einem Wohnwagen mitten im isländischen Hochland. Apropos, es könnte sein, dass die Verbindung zwischendurch weg ist.“
Am Filmset gab es einen Handysignalverstärker, ebenfalls von Jason zur Verfügung gestellt. Doch bei einem Schneesturm funktionierte er nicht immer zuverlässig.
„Chris war gestern Abend hier.“
„Was? Und du rufst mich jetzt erst an?“
Die Verbindung brach ab.
Ich unterdrückte einen Fluch und wählte ihre Nummer, hatte aber keinen Empfang.
„Alles in Ordnung?“, fragte Jason.
„Mein gemeingefährlicher Bruder hat Lori einen Besuch abgestattet, also nein.“

Im Kindle-Shop: In guten wie in schlechten Zeiten (Nicht mein Märchen 5)

Mehr über und von E.M. Tippetts auf ihrer Website.



16. Oktober 2017

'Die Mino-Saga' von O.E. Wendt

Dieses dreiteilige Epos aus längst vergangenen Zeiten lässt Drachen erwachen, Elfen fliegen, Magier ihre Wunder wirken und das Schwache gegen das Starke kämpfen. Mit dem ersten Teil „Mino und die Elfenherrin“ lag O.E.Wendt im letzten Jahr beim Storytelleraward von Amazon bei den Kundenbewertungen unter den besten zehn von über 2.000 Titeln.

Boshaftigkeit, verborgen in dunklen Bergwälder, finstere Mächte, aus den Tiefen der Erde kriechend und Wesenheiten, vielfältiger sie kaum sein können; wunderbare Lichtgestalten, böse und gute Hexen, aber Kreaturen auch, die uns noch nie begegnet sind. Sie alle sehen sich bedroht durch einen von Menschen beschworenen Dämon, der das Licht scheut und seine Kraft einzig aus Leid und versiegendem Leben schöpft, aus dem Tod. Nur der junge Mino ahnt, dass seine Wanderung das Verlöschen aller Hoffnung zu verhindern vermag.

Gleich lesen: Die Mino-Saga (Reihe in 3 Bänden)

Leseprobe:
Elrado hatte nur ein kleines Feuer entfacht. Als es beinahe verloschen war, wachte Mino wieder auf. Er wusste nicht, was genau ihn geweckt hatte, ein Geräusch oder ein Traum? Neugierig lugte er aus seiner Schlafhaut und lauschte. Für eine so finstere Nacht war dieser Wald laut. Ge­zirpe und Gesumme, Knacksen im Geäst und Gurren in den Zweigen über ihnen. Nein! Geräusche waren es wohl nicht, die ihn weckten. Er blickte zu den anderen hinüber. Sein Vater und Kumrado schliefen tief und fest. Die letzten Holzstückchen knackten in der Glut vor sich hin und durch die Feuchtigkeit des Waldes konnte er überall Tropfen zu Boden oder auf große Blätter platschen hören. Der ganze Wald lebte unheimlich, als hätte er einen eigenen Atem. Kein Mond, kein Stern war zu sehen und besonders weit bot die Glut nun auch keine Sicht mehr. Mino zündete eine kleine Windlampe an. Aufstehen wollte er jedoch nicht. Noch nie hatte er woanders geschlafen, außer bei den Kumrados. Und besonders heimelig war es gerade nicht. Sein Vater hatte ihm gesagt, dass sie morgen Abend die Mitte erreichen würden und dummerweise genau hindurch mussten. Hätten sie das erst hinter sich, kamen sie angeblich in das Gebiet der Elfen. Dort leb­ten sie und man erzählte sich, dass es wunderschön an diesem Ort sei. Mino stellte es sich vor und bemerkte dann, wie viele Zikaden in die­sem Wald umherschwirrten. Viel mehr als draußen auf den Wiesen. Wenn er genau darauf achtete, kam es ihm wie ein gigantisches Kon­zert vor oder wie ein wichtiger Wettkampf, den die Tierchen ausführ­ten. Ständig hatte er das Gefühl, etwas krieche in seine Schlafhaut oder nestelte in seinen Haaren herum. Er wollte sich nun aber zusammen­reißen und führte sich vor Augen, dass dies gerade der erste Tag war, an dem er von zu Hause fort war. Und wäre er nun auf seinem Jugendpfad, hätte er diese Nacht völlig alleine durchste­hen müssen. Im Übrigen war es letztlich nur ein Wald, redete er sich ein. Natürlich hatte er viele Geschichten über ihn gehört, wie über fremde Länder auch. Aber die Welt bestand nicht nur aus Zauber und geheimnisvollen unerklärlichen Begebenheiten.
Aber es gibt sie, flüsterte eine feine Stimme in seinem Ohr. Mino drehte sich erschrocken um. Es war niemand zu sehen.
„Ich habe eine Mädchenstimme gehört“, sagte er leise und schaute zu sei­nem Vater und Kumrado hinüber. Sie schliefen noch immer. Es mochte Mitternacht sein. Ihm war, als sei jedes Geräusch um ihn herum plötzlich erstickt.
„Ist da jemand?”, flüsterte er. Seine Augen traten ängstlich hervor. Er hörte ein Kichern, dann ein Surren und wieder ein Kichern. Diesmal aus einer anderen Richtung. Alles andere war still. Mino hockte sich hin, versuchte etwas zu sehen im Schein seines Windlichtes, konnte jedoch nichts erkennen. Ihm kam es nun wirklich sehr warm vor. Aber er wusste, dass es nicht an der Schlafhaut lag, die Kumrados Frau so liebevoll zusammengenäht hatte. Da war das Surren wieder. Es kam direkt hinter dem Felsen hervor. Mino schaute vorsichtig um die Ecke, verließ aber seine Schlafhaut nicht und fiel deshalb hin. Er­neut wurde gekichert und als Mino aufschaute, sah er ein kleines We­sen, sehr filigran, nur bienengroß, umgeben von einem Schimmer und Glanz wie Millionen kleiner Goldpartikel, die von seinen kleinen Flügelchen herzurühren schienen. Erst als er genauer hinsah, er­kannte Mino diese zarten Flügelchen und das wunderschöne Antlitz eines winzigen Mädchens.
„Ein Elfenmädchen“, flüsterte er, ließ den Mund danach offen stehen. Das Wesen tänzelte hin und her und lächelte. Sie kicherte noch ein­mal kurz und flüsterte dann: „Komm zu mir rüber, Mino, komm rüber! Pssst! Sei leise, wir wollen doch niemanden wecken!”
Ohne überhaupt nachzudenken, ob es eventuell ein Trug oder die Falle eines verschlagenen Trolls sein könnte, kroch Mino aus seiner Schlafhaut und folgte dem Mädchen. Überall, wo sie entlangflog, zog sie einen feinen Duft und eine leichte golden schimmernde Glanz­spur nach sich. Auf der anderen Seite des Felsens schwebte sie auf der Stelle.
„Hier können wir bleiben. Dort drüben hätten wir sonst jemanden unnötig aufgeweckt.“
„Bist du eine Elfe?”, wollte Mino sich vergewissern. „Pssst! Nicht so laut, Mino.“ Sie legte sich einen Finger vor den Mund. „Ja, du hattest schon ganz Recht, ich bin ein Elfenmädchen und dürfte eigentlich gar nicht hier bei dir sein.“ Verstohlen schaute sie um sich.
„Was tust du dann hier?”, fragte Mino.
„Ich war neugierig und wollte dich sehen.“
„Mich sehen?“ Das konnte Mino nicht verstehen. Was sollte an ihm besonderes sein? Er war ein Junge von sechzehn, der wahrhaftig nicht glorreich genug für den Inhalt einer ihm vorauseilenden Ge­schichte war. Warum kannte sie ihn?
„Unsere Herrin hat uns von dir erzählt. Tatsächlich bist du wirklich ein hübscher Bengel. Aber das habe ich auch früher schon bemerkt.“
Mino war so fasziniert von ihrer Erscheinung, dass er kaum darauf achtete, was sie sagte. Sie tänzelte immer noch hin und her, schim­merte und glitzerte wie ein kleiner Goldregen. „Sie hat uns einiges über dich erzählt. Ich hoffe wirklich sehr, ihr werdet euren Brüdern und Schwestern helfen können. Eigentlich bin ich mir ganz sicher, dass ihr das könnt. Schließlich ist das erst der Anfang.“
„Ich verstehe das nicht so ganz“, sagte er. „Was hat eure Herrin denn erzählt? Anfang von was?“
„Na, ich spreche von diesem fiesen Habier, der die ganzen Leute aufge­wiegelt und unter seinen Einfluss gebracht hat. Er kommt nicht aus dieser Gegend und ist ganz gewiss kein Mensch wie du und deine Brüder es seid.“
„Dann weißt du, was drüben vorgeht?”, fragte er sie.
„Oh, ja. Natürlich. Uns Elfen entgeht nichts, was diesen Wald betrifft. Er gehört uns von Anbeginn.“
„Kannst du es mir nicht erzählen? Ich weiß nicht viel über diesen Ha­bier. Nur das, was mein Vater mir schon erzählt hat“, meinte er ohne auch nur einen Moment den Blick von ihr zu lassen.
„Deshalb bin ich ja hergekommen. Auch wenn es gar nicht erlaubt ist. Ich habe dich schon manches Mal beobachtet und fand dich immer sehr nett. Und genau deshalb wollte ich dir ein wenig helfen.“
„Aber warum helfen die Elfen nicht direkt den Mädchengesegneten? Wenn ihr uns helfen könnt, dann denen drüben doch auch“, entgeg­nete Mino.
„Du magst ein Stück weit Recht haben“, antwortete sie. „Doch in die­sem Fall handelt unsere Herrin ja nicht nur für euch. Sie würde gleichzei­tig gegen jemand anderen handeln. Und dieser Jemand kommt nicht aus unserem Land. Er ist gar nicht fassbar. Und bedroht uns ja nicht unmittelbar. Deshalb kann sie nichts tun. Zumindest nicht viel.“
„Aber du hast eben gesagt, du möchtest mir helfen“, widersprach er.
„Ich helfe dir nicht mit Elfenzauber. Ich sage Dir nur wie es ist“, sagte sie, weiterhin tänzelnd.
„Selbst wenn es nicht erlaubt ist“, meinte Mino. „Ihr könntet doch eine Ausnahme machen.“
„Oh, das würden wir alle gerne tun. Ich bin mir sicher, ein jedes Elfen­kind hat schon versucht gegen die Gebote unserer Herrin zu handeln, sei es aus Spaß, Unbesonnenheit oder einfach nur Unwissen­heit. Doch selbst wenn wir noch so sehr Gutes tun möchten, es gibt leider Grenzen.“

Im Kindle-Shop: Die Mino-Saga (Reihe in 3 Bänden)

Mehr über und von O.E. Wendt auf seiner Website.



13. Oktober 2017

'Kellerasseln: Kommissar Braunagels fünfter Fall' von Carmen Mayer

In einem Ingolstädter Innenhof wurde ein Zuhälter erschossen: Benno Krüger. Walter Braunagel und seine Kollegin Maxi Wöhrl zweifeln daran, dass es sich um einen Mord ‚im Milieu‘ handelt.

Maxi Wöhrl beschäftigt zudem ein privates Problem. In der Schule ihres Sohnes gibt es handgreifliche Auseinandersetzungen mit schwerwiegenden Folgen.

Die Kommissare werden zu einem neuen Fall gerufen: drei tote Neugeborene. Eines steht fest: Der tote Zuhälter war eng mit ihrer Mutter verwandt. Fast gleichzeitig finden sie heraus, dass Benno Krüger hinter den Schlägereien an Ingolstadts Schulen steckt. Ein anonymer Hinweis führt die beiden Kommissare auf die Spur von Bennos Schwester.

Gleich lesen:
Für Kindle: Kellerasseln: Kommissar Braunagels fünfter Fall (Krimi 41)
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Sie packte das tote Baby in ein Handtuch, ging in den Schuppen und begann, ein Loch in die Erde zu graben. Darin versenkte sie das Bündel, klopfte die Erde darüber fest, stellte das beiseitegeschobene Regal darüber und wankte zurück zum Haus. In ihrem Zimmer zog sie mechanisch eine neue Spritze auf und setzte sich einen weiteren Schuss. Dann vergaß sie alles um sich herum.

»Was haben wir denn mit Drogendealern zu tun?«
Maxi Wöhrl signalisierte Walter Braunagel mit den Augen, was sie von dem Telefongespräch hielt, für das sie sich offenbar nicht zuständig fühlte. Doch dann stand sie plötzlich auf.
»Ah ja. Okay, wir sind unterwegs.«
»Was ist?«, fragte Braunagel über den Bildschirm seines Computers hinweg. Ihm war viel zu heiß an diesem Vormittag, als dass er Lust gehabt hätte, sich mehr als unbedingt notwendig zu bewegen.
»In der Altstadt wurde die Leiche eines Zuhälters gefunden. Erschossen«, erklärte die Kommissarin, die bereits zur Tür gegangen war. »Kommen Sie mit?«
»Ein Zuhälter.« Braunagel strich sich mit der Hand über die Augen. »Und weiter? Was ist mit dem Drogendealer?«
»Erschossen.«
Braunagel schaute sie irritiert an.
»Der Zuhälter oder der Dealer?«
»Der Typ war dem Kollegen zufolge«, sie zeigte in die Richtung ihres Telefons, »Zuhälter und hat außerdem mit Drogen gedealt.«
»Von mir aus können die sich …«
»… was auch immer. Ja, können sie«, unterbrach Maxi Wöhrl ihn. »Hat wohl einer in die Tat umgesetzt, Ihre Idee. Macht Sie schon mal schwer verdächtig. Was ist, kommen Sie jetzt?«
Braunagel war inzwischen auch aufgestanden und folgte seiner Kollegin zur Tür.
»Frechheit, sowas.«
Maxi Wöhrl zuckte nur die Schultern. Auf was oder wen auch immer Braunagels Bemerkung sich bezogen haben mochte: Sie stand darüber.
»Es hat gefühlte zweihundert Grad im Schatten da draußen. Wer erschießt denn bei den Temperaturen einen Zuhälter auf offener Straße?«, knurrte er. »Das erledigen die doch für gewöhnlich nachts in finsteren Gassen und verscharren dann die Leiche irgendwo im Gemüsebeet.« Er zog die Bürotür hinter sich zu. »Da ist es auch nicht so verdammt warm.«
»Nicht auf der Straße«, korrigierte ihn seine Kollegin nach einem abgrundtiefen Seufzer. »Es ist ein Innenhof im Bereich der Altstadt.«
»Das macht natürlich einen deutlichen Unterschied.« Braunagel krempelte seine Hemdsärmel hoch. Er mochte den Sommer, aber er hasste Temperaturen über 23 Grad. Weil er dann schwitzen musste und sich in seinen Klamotten unbehaglich fühlte.
Wer sagt eigentlich, dass man keine Schwitzflecken haben darf?, grübelte er. Die Kosmetikindustrie, die ihre übermäßig parfümierten Mittelchen dagegen verkaufen will. Alle riechen nach dem Zeug. Das verbiegt einem ja die Nase.
Wie gesagt: Ihm war einfach viel zu heiß.
»Schon.«
»Wie?«
Er hatte völlig den Zusammenhang verloren.
»Es macht einen deutlichen Unterschied … Ach, vergessen Sie’s.«
Die Kommissarin hielt die Glastür zum Treppenhaus für ihn auf.
»Wie kommen Sie eigentlich auf Gemüsebeet?«, wollte sie wissen, und ging vor ihm die Treppe hinunter. »Lief das in Würzburg so?«
»Nicht unbedingt«, gab er zu und warf einen sehnsüchtigen Blick auf die Lifttür. »Das wäre meine Vorstellung davon, sie zu entsorgen. Dann wären sie wenigstens noch zu irgendwas nützlich.«
Maxi Wöhrl warf einen Blick über die Schulter. Als sie Braunagels schiefes Grinsen sah, tippte sie sich an die Stirn.
»Muss einem auch erst mal einfallen: Gemüsebeet«, sagte sie. »Ich möchte nicht Ihr Opfer sein, Braunagel.«
»Dann rate ich Ihnen, sich in jeder Situation daran zu erinnern, wer Ihr Chef ist.«
»Verstanden, Chef!« Maxi Wöhrl legte die Rechte an einen imaginären Mützenrand. »Wer fährt, Chef?«
Braunagel winkte ab und ging auf die Beifahrertür zu.
Als sie im Auto saßen, betrachtete er nachdenklich ihr Profil. Sie hatte ihre dunkelblonden Haare wie üblich mit einem Gummiband zu einem Pferdeschwanz gebunden, der heute aber im Gegensatz zu sonst ziemlich zerfleddert aussah.
Braunagel hatte sie anfangs gar nicht so richtig wahrgenommen, als er nach Ingolstadt kam. Sie war einfach da gewesen, hatte ihre Arbeit im Innendienst erledigt, und war nach Dienstschluss wieder verschwunden.
Bevor sein damaliger Kollege Engelbert Stiegler sich in den Ruhestand verabschiedete, hatte er Braunagel auf sie aufmerksam gemacht. Da Engelbert bislang eher indifferent schien, was die Kolleginnen und Kollegen betraf, schenkte Braunagel seinen wenigen Worten über ‚die Maxi‘ seine ganze Aufmerksamkeit.
»Ich heiße einfach nur Maxi, nicht Maximiliane oder so«, hatte sie ihm erklärt, als er sie darauf ansprach.
Er beobachtete ‚die Maxi‘ in der Folgezeit etwas genauer und stellte fest, dass sie genau die Person war, die er an seiner Seite haben wollte.

Im Kindle-Shop: Kellerasseln: Kommissar Braunagels fünfter Fall (Krimi 41)
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Carmen Mayer auf ihrer Website.



12. Oktober 2017

'Im Meer des Glücks' von Rachel Parker

Der tragische Tod ihres kleinen Bruders wirft Emma aus der Bahn. Kurz vor ihrem Staatsexamen geht die angehende Ärztin nach Kalifornien, dort will sie einen Neuanfang wagen. Während der Reise lernt sie den attraktiven Rechtsanwalt Michael kennen. Sie erliegt seinem Charme und stürzt sich in eine heiße Affäre.

Emma beendet ihre Ausbildung und fühlt sich zu ihrem Kollegen Paul hingezogen. Doch diese Freundschaft steht unter keinem guten Stern; eine belastende Vergangenheit, dunkle Familiengeheimnisse sorgen immer wieder für Unruhe und stellen Emmas Welt auf den Kopf. Wird sie in Kalifornien bleiben und ihren Weg alleine gehen, oder findet sie das, wonach sie immer gesucht hat, eine Liebe fürs Leben?

Ein Liebesroman - gefühlvoll und prickelnd, tragisch und leidenschaftlich.

Gleich lesen: Im Meer des Glücks

Leseprobe:
Der Anflug auf San Francisco versetzte mich in Hochstimmung. Strahlend blauer Himmel. Das Meer glitzerte wie kleine Kristalle im Sonnenlicht. Die Stadt schmiegte sich an die Hänge und erstreckte sich entlang der gesamten Küste. Deutlich erkannte ich bereits die Golden Gate Bridge – welch ein atemberaubender Anblick! Ich rutschte ungeduldig auf meinem Sitz herum. Endlich kam ich meinem Ziel näher und konnte auf diese große imposante Stadt im Süden Kaliforniens blicken. Die Autos schlängelten sich wie Spielzeuge durch die Straßen. Vereinzelt erkannte man nun Menschen; wie Ameisen wuselten sie zwischen den Häusern umher. Nach der Ansage des Kapitäns, landeten wir wenige Minuten später auf dem Flugrollfeld und er parkte unser Flugzeug an einer der Gangways. Sofort setzte Hektik ein, alle drängten gleichzeitig zum Ausgang der Maschine, um sich kurz darauf an der Gepäckausgabe zu treffen. Immer das gleiche Spiel, dachte ich genervt und setzte mich auf meinen Kofferwagen. Die empfundene Hochstimmung wich der Realität.

Mein Handy klingelt immer dann, wenn ich beschäftigt bin! So auch jetzt. In diesem Moment wurde ich wütend. Fast alleine stand ich am Gepäckband 10 des San Francisco International Flughafens und merkte, dass mir ein Koffer fehlte. Ich fror, denn wie in allen öffentlichen Gebäuden in Amerika zeigte das Thermometer Richtung Gefrierpunkt. Menschen verschiedener Nationalitäten hasteten vorbei, ein Mix aus allen Sprachen der Welt zog an meinen Ohren vorbei und es herrschte mehr Basar-Atmosphäre als Flughafen-Flair. Aber meine Sinne täuschten mich sicherlich, denn ich war übernächtigt und nervös. Was würde mich in dieser Metropole und an meinem neuen Arbeitsplatz erwarten? Das Display zeigte mir meine Mutter an.
»Hey, Mama«, begrüßte ich sie. Ich war genervt, oh, ja, das war ich wirklich.
»Emma, ich wollte nur fragen, ob du gut gelandet bist? Du hättest mir doch eine Nachricht schicken können … «
Immer diese Vorwürfe meiner Mutter! Oft unterschwellig aber dieser Vorwurf kam mal wieder sehr direkt.
»Mama, ich bin vor Kurzem gelandet und habe andere Sorgen, als dir zu schreiben. Einer meiner beiden Koffer fehlt.«
»Ach, Kind, du weißt doch, wie ich mir Gedanken mache. Aber das mit dem Koffer schaffst du. Der wird schon noch auftauchen. Vielleicht ist er der Letzte. Habe doch etwas Geduld, sei nicht immer so negativ. Melde dich bald mal.«
Die Leitung wurde unterbrochen. Na toll, erst Vorhaltungen machen und dann einfach auflegen. Wie ich das hasse. Aber so war sie, meine Frau Mama. Immer taff, um keine Antwort verlegen und desinteressiert, was mich betraf. Frei nach dem Motto: Das wird meine Tochter schon selber meistern. Ich sah sie bildlich vor mir, mit ihrem breitkrempigen Strohhut, den sie im Sommer so gerne trug und auch in ihrer Galerie nie absetzte. Egal welche Jahreszeit, meine Mutter setzte immer einen Hut auf, mal sportlich, mal elegant. Ihre dunkelbraunen Haare trug sie meistens hochgesteckt. Sie hatte eine schlanke Figur wie ich auch, das Einzige, was ich augenscheinlich von ihr hatte.
Ansonsten ähnelte ich meinem Vater, der ein besonnener und herzlicher Mensch war, immer für andere da, eher zurückhaltend und er drängte sich niemandem auf. Wir standen beide nicht gerne im Mittelpunkt, ganz anders als meine Mutter. Ihr oder besser gesagt mein Glück war es, dass uns nun Tausende von Kilometern trennten. Und damit auch ein gemeinsames Erlebnis vor Jahren, das unsere Familie entzweite.
»Vermissen Sie auch Ihren Koffer?«
Ein junger Mann, etwa in meinem Alter, war neben mich getreten. Gedankenverloren wie ich vor mich hin starrte, hatte ich ihn gar nicht bemerkt. Ich blickte mich um. Wir waren mittlerweile die letzten Passagiere, die auf ihr Gepäck warteten.
»Mir fehlt noch ein großer Koffer. So ein Mist aber auch. Und nun?« Frustriert richtete ich meine Frage an den Unbekannten, was gar nicht meine Absicht war. Genau in diesem Moment wurde das Förderband abgestellt. Eigentlich nicht meine Art, aber ich fühlte mich verloren und schob meinen Ausbruch auf die Übermüdung vielmehr der Erschöpfung nach einem Langstreckenflug zurück. Ich band meine langen blonden Haare mit einem Gummiband locker zusammen. Dies tat ich immer, wenn ich erschöpft übermüdet und angespannt war. »Das kann doch alles nicht wahr sein!«
»Kommen Sie, ich hatte das schon zweimal und weiß, wo man sich hinwenden muss.«
Dankbar und müde schloss ich mich ihm an.
»Übrigens, ich heiße Michael Metzler.« Freundlich reichte er mir seine Hand. Jetzt schaute ich ihn mir näher an und blickte in funkelnde blaue Augen. Er war etwas größer als ich und von schlanker Gestalt. Auf jeden Fall wirkte er frischer als ich; als käme er gerade aus einem Bürotag hierher, aber ohne jede Spur von einem Langstreckenflug über den Atlantik.
»Ich bin Emma Ritter.«

Im Kindle-Shop: Im Meer des Glücks

Mehr über und von Rachel Parker auf ihrer Website.