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24. Juli 2017

'Meine beiden Leben - Die Hexenjagd' von J.J. Winter

Dank Saphira und Lorelei im letzten Moment dem grausamen Kältetod entronnen, kehrt Jess nach Siena zurück. Dort erfährt sie von Orario nun endlich die ganze Geschichte um ihre Herkunft. Dabei wird schnell klar, dass der Hexenzirkel auch weiterhin vor nichts zurückschrecken wird, um sie zu vernichten, und so beschließen die Ursprünglichen, Jess unter einer falschen Identität in Matadepera zu verstecken, bis der Zirkel ausgelöscht ist.

Doch noch bevor es so weit ist, werden im Hintergrund neue Intrigen gesponnen und Jess gerät zum Spielball der heimtückischen Machenschaften ihrer Feinde. Bald wird deutlich, dass weder der Henker noch sein unbekannter Auftraggeber willens sind, ihre Ziele aufzugeben, und auch Samuel und Valerie lassen keine Gelegenheit aus, um Jess zu schaden. Selbst ihr geliebter Todesengel Raphael geht in seiner Verzweiflung bis zum Äußersten, um seine große Liebe zurückzugewinnen.

Voll Entsetzen muss Jess ein weiteres Mal erkennen, dass nicht nur ihre eigene, sondern auch die Existenz ihrer Familie und Freunde von allen Seiten bedroht wird. Doch inzwischen ist sie um ein Vielfaches stärker geworden, und als ihr schließlich ihr wahres Wesen offenbart wird, zieht sie erbarmungslos in den alles entscheidenden finalen Kampf …

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Leseprobe:
Gegen Mitternacht erreichten Eric und Santiago die Residenz in Impruneta. In den vergangenen Stunden waren sie von Vladimir und Tomasio über die Ereignisse des Tages unterrichtet worden.
Vladimir hatte sogar daran gedacht, für jeden ein Exemplar der Traumbücher zu besorgen. Insgesamt sechs an der Zahl hatte er sorgsam in seinem Aktenkoffer verstaut. Neben seinem Meister sollten auch Orario, Santiago und Marcus eines erhalten. Die letzten beiden waren für Tomasio und ihn selbst gedacht, da auch sie von der Geschichte von Evangeline und dem Todesengel fasziniert waren. Nun, da sie wussten, wer die Wiedergeburt jener Hexe war, die schon seinerzeit einen der mächtigsten Kronprinzen in ihren Bann gezogen hatte, war ihr Interesse, alles zu erfahren, stärker als jemals zuvor.
Außerdem ergaben jetzt einige Vorgänge Sinn und waren logisch nachvollziehbar. Ebenso lieferte ihnen das Wissen um Evangeline eine Erklärung für die außergewöhnliche Beziehung zwischen dem Kronprinzen und seinem Engel.
Sie waren füreinander bestimmt, Seelenverwandte, wie man sie nur selten fand.

***

Während die Ursprünglichen damit beschäftigt waren, die Bücher eingehend zu studieren, um über alles im Bilde zu sein, wenn sie vor Orario traten, hingen die Bastarde ihren eigenen Gedanken nach.
Vladimir dachte an Mariella. Sie war sein Engel. Kurz kamen ihm die Bilder von Jess‘ herzlicher Begrüßung auf der Hochzeit in den Sinn. Sie hatte Eric gebeten, auch Mariella einladen zu dürfen. Das war das erste Mal, dass er nicht in seiner Funktion als Leibwächter auf einer Party erschienen war, sondern als Freund und Ehemann, mit seiner großen Liebe im Arm, während Eric freundlich lächelnd in seiner Nähe stand.
Tomasios Gedanken waren etwas schwerer. Er war gerade im Begriff, den letzten Funken seiner geheimsten Hoffnung im Keim zu ersticken und endgültig zu begraben. Ja, er hatte noch welche gehabt, das musste er sich in diesem Moment eingestehen. So ausweglos seine Situation auch war, so hatte er doch von einem Happy End geträumt. Und einer gemeinsamen Zukunft mit der Kronprinzessin der Vincenzes.
Er, der Bastard, hatte sich zum ersten Mal in seiner langen Existenz gewünscht, keiner zu sein, sondern ein Reiner. Um mit der Frau zusammensein zu können, die er so vergötterte. Einmal hatte er von ihr gekostet, oder besser gesagt sie von ihm. Ohne Vorwarnung war sie über ihn hergefallen und hatte ihn mit sich in den süßen Nebel gezogen.
Unfähig, sich zu wehren, das abzuwenden, was im Anschluss unweigerlich mit ihm passieren würde, tauchte er ab. Ließ sich fortreißen und treiben. Dieser eine Kuss hatte ihn mehr berauscht als alles andere, was er bis dahin erlebt hatte. Und das war schon Einiges gewesen. Sie war ein Mensch, gezeichnet als die künftige Kronprinzessin eines der mächtigsten Clans in Europa und baldige Ehefrau eines der gefürchtetsten und einflussreichsten Kronprinzen, und er war ihr hilflos ausgeliefert, gefangen in einem Kuss.
Von Beginn an war sie unerreichbar gewesen, dennoch, die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber hier im Wagen, neben Vladimir und den Adligen, mit einer Ausgabe der Traumbücher in Händen, musste auch er sich nun endlich eingestehen, dass es an der Zeit war, sich von Jess zu verabschieden.

***

Orario war mehr als aufgebracht, als die vier in seinen Privaträumen eintrafen. Gewissenhaft schloss der Zeremonienmeister die Türen und wies Nevio und Aaron an, niemanden bis auf Hörweite heranzulassen.
Eine Viertelstunde später beendete Eric seinen Bericht und überreichte sowohl Orario als auch Marcus ein Exemplar der Traumbücher. Orario war während der ganzen Zeit auffallend still gewesen. Untypisch für den Adligen. Eric war es gewohnt, ständig von Orario durch Zwischenfragen unterbrochen zu werden. Dieses Mal nicht. Mit jedem Wort wurde der Ursprüngliche in sich gekehrter und nachdenklicher. Selbst seine anfängliche Ungehaltenheit legte sich sofort, nachdem der Name „Evangeline“ gefallen war.
Nun saß Orario auf einem der Stühle und blätterte in dem Buch, das er zuvor wie einen wertvollen Schatz in Händen gehalten hatte. Kurz überflog er die Zusammenfassung auf der Rückseite, bevor sein Blick geistesabwesend an dem Kronleuchter über ihm hängen blieb.
Ohne ein Wort erhob sich Orario nach geraumer Zeit und ging aus dem Zimmer. Ernesto ließ wenig später verlauten, dass das Oberhaupt ihrer Riege die Residenz verlassen hatte. Kurz vor Sonnenaufgang kehrte er zurück und begab sich sofort zur Ruhe.
Am nächsten Abend, kurz nach dem Erwachen, stürmte Orario aus dem Haus. Mit lauter Stimme wies er Nevio an, ihn nach Siena zu fahren. Marcus, Eric und Santiago, die ihm in der Hoffnung nach draußen gefolgt waren, eine Erklärung für sein Verhalten zu erhalten, bedeutete er einzusteigen.

Im Kindle-Shop: Meine beiden Leben - Die Hexenjagd

Mehr über und von J.J. Winter auf ihrer Website.



21. Juli 2017

'Praxisbuch Drohnen & Multicopter' von Sabrina Kaiser

Dieses Buch begleitet Sie in die Welt der zivilen Drohnen & Multicopter und gibt einen Überblick über alle wichtigen Themen für angehende Piloten. Von der Auswahl einer geeigneten Drohne, Vorbereitung und Checkliste für den ersten Flug bis hin zu den grundlegenden Steuerungseingaben werden alle Grundlagen verständlich erläutert. Dieses Handbuch erklärt praxisorientiert, wie Ihnen mit Ihrer Drohne ansprechende Foto- und Videoaufnahmen gelingen und welche Flugmodi & Apps Sie dabei am besten unterstützen.

Auch die rechtlichen Hintergründe kommen nicht zu kurz: das Buch zeigt auf, wo und wie Sie ihre Drohne in Deutschland, Österreich und der Schweiz gesetzeskonform einsetzen dürfen und deckt auch die im April 2017 in Deutschland neu geregelten Gesetzeslage ab. Zudem erfahren Sie, was Sie beachten müssen, wenn Sie ihre Drohne mit in die Ferien ins Ausland nehmen wollen und welche interessanten Anwendungsfelder für den kommerziellen Einsatz von Drohnen gerade entstehen.

Gleich lesen: Praxisbuch Drohnen & Multicopter: Kaufberatung - Fliegen - Fotografieren & Filmen

Leseprobe:
Was Sie erwartet:

1. Der Drohnen-Kauf: Übersicht über das Angebot an Drohnen, die wichtigsten Features und eine Kaufberatung für unterschiedliche Anwendungsschwerpunkte und Interessen

2. Bestandteile eines Multicopters: Die wichtigsten Teile und ihre Handhabung

3. Vor dem ersten Flug: Wie funktioniert der erste Setup und was muss beachtet werden bevor es los geht. Inklusive Prefligth-Checkliste.

4. Die wichtigsten Flugmanöver: Erklärung der Grundlegen Steuerungseingaben für Pitch, Roll, Yaw, Throttle und Anleitung für die ersten Flugübungen; Vorstellung der wichtigsten Standard Flight Modes der grossen Hersteller.

5. Fotografieren mit Drohnen: Grundlagen der Fotografie, Perspektivenwahl & Bildkomposition, Einstellung der Kamera zur Verbesserung der Aufnahmen.

6. Filmaufnahmen mit Drohnen: Einsatz der Flight Modes für optimale Filmaufnahmen, Lösung für typische Probleme bei Drohnenvideos und Vorstellung von geeigneter, kostenloser Editiersoftware.

7. Mission Planning: Die besten Apps zur Planung von Flügen sowie Erklärung zur Funktionsweise von Geofencing und Flugverbotszonen.

8. Rechtliches: Wo darf ich fliegen? Detaillierte Erklärung zur aktuellen Gesetzgebung in Deutschland, Österreich und der Schweiz

9. Umgang mit Lithium-Ionen-Akkus: Wie kann die Brandgefahr minimiert werden?

10. Drohnen auf Flugreisen: Wie darf eine Drohne im Flugzeug mitgenommen werden? Was gilt es beim Fliegen im Ausland und bei anderen Klimabedingungen zu beachten?

11. Sinnvolles Zubehör: Welches Zubehör lohnt sich wirklich?

12. Mit Drohnen Geld verdienen: Für welche kommerziellen Anwendungszwecke können Drohnen eingesetzt werden?

13. Drone Racing Sport: Die Entstehung einer ganz neuen, rasanten Sportart vorgestellt.

Dazu gibt ein Extrakapitel mit zahlreichen hilfreichen Links zu weiterführenden Informationen sowie einer Website zum Buch: www.drohnenwissen.com."

Im Kindle-Shop: Praxisbuch Drohnen & Multicopter: Kaufberatung - Fliegen - Fotografieren & Filmen

Mehr über und von Sabrina Kaiser auf ihrer Website "Drohnenwissen".



20. Juli 2017

'Arakkur: Das ferne Land' von Pascal Wokan

Es gibt kein Licht ohne Schatten.

Das Schicksal Andurals wurde in einer gewaltigen Schlacht an den Hängen der großen Schlucht entschieden und der Feind aus den fernen Landen besiegt. Nun brodelt es im Landesinneren und Rebellen unter der Führung eines Mannes namens Friedensstifter drohen die Fundamente des gesamten Reiches zu stürzen. In diesen Zeiten liegt es nun an Cathien Bündnisse zu schmieden, an Alrael den Schatten seiner Vergangenheit gegenüberzutreten und an Elhan uralten Rätseln und Prophezeiungen auf den Grund zu gehen. Denn der Feind erstarkt von neuem und plant die Kontrolle über die Schlucht vollends zu ergreifen. Ein Krieg zwischen Leben und Tod entfacht, die Zukunft Andurals steht auf dem Spiel …

Der zweite Band der Arakkur-Saga.

Gleich lesen: Arakkur: Das ferne Land

Leseprobe:
Der zweite Mond stand hell und klar am Himmel, als Draia ihren Blick über die Versammlung schweifen ließ. Ganz Vorlia war aus den hintersten Winkeln des Reiches zusammengekommen, ob Gewöhnlicher, Erhobener oder Fürst. Sie alle waren auf Befehl des Herrschers gekommen, um der Hinrichtung beizuwohnen. Der weite, marmorierte Platz war bis zum Bersten mit Menschen gefüllt, die schmalen, stählernen Türme in der Nähe warfen lange Schatten über die Versammelten. Ein schwacher Wind kam auf und brachte den Geruch nach Blut und Tod mit sich. Es geschah nicht oft, dass Maedhros, der Herrscher Vorlias, seine Macht öffentlich demonstrierte, dennoch kam es manchmal zu besonderen Ereignissen vor.
Der Herrscher saß am anderen Ende des weitläufigen Platzes, auf einem hohen Thron, der aus den versilberten Gebeinen seiner besiegten Feinde bestand. Er hielt die bleichen, klauenartigen Hände im Schoß gefaltet, das lange, schwarze Haar umfloss in sanften Wellen seine schwarz-weiß gestreifte Robe. Aus einem zerfurchten und mit Rissen durchzogenen Gesicht blickten schwarze Augen auf die Menge herab. Sie wirkten leer und tot, nichts Menschliches war mehr darin erkennbar.
Draia leckte sich nervös über die Lippen. Der Anblick des Herrschers ließ sie stets frösteln. Er wirkte nicht wie ein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern eher wie eine Kreatur aus der Finsternis.
Schweigsam saß er da. Neben ihm standen in respektvollem Abstand die Mächtigsten des Reiches, darunter auch Draias Vater Vhail’tar, der Fürst des östlichen Dominiums. Mit keinem Anzeichen gab er zu erkennen, was in ihm vorging, sie wusste es aber besser: Er war nervös, verlagerte immer wieder das Gewicht von einem Bein auf das andere. Leider hatte er auch allen Grund dazu, schließlich war Draias Schwester die Ursache dafür, weshalb sie an diesem Umlauf einberufen worden waren. Dilarias naive Handlung, ihr Versagen.
»Im Namen des Imperators, dem ruhmreichen Maedhros, Körper und Atemseele des einzig wahren Gottes, werden diese Verräter gerichtet«, rief Cuaneth’lis, der Armeeführer Vorlias, weit über den Platz hinaus.
Sofort kehrte Ruhe in der Menge ein. Sie blickten starr und furchtsam in Richtung des steinernen Podestes, der sich in ihrer Mitte erhob. Darauf saßen mehrere Gefangene, die mit Händen und Füßen an großen Blöcken angekettet worden waren. Sie waren nackt, Wunden, Narben und Dreck überzogen ihre bleichen Körper.
Draia sah genauer hin und erkannte einen von ihnen. Er war ehemals ein hochrangiger Reto gewesen, der in den persönlichen Diensten ihres Vaters gestanden hatte. Natürlich würde man keine Spur zum östlichen Fürsten zurückverfolgen können, dennoch war es durchaus eine gefährliche Situation, in der sich das Haus Tar nun wiederfand.
»Sie haben gegen den Willen unseres Herrschers gehandelt. Wer gegen sein Wort handelt, widersagt sich der Gerechtigkeit unseres Gottes!«
Draia spürte die Angst und Anspannung, die sich unter den versammelten Menschen ausbreitete. Sie standen allzu steif da, niemand streckte sich oder tippelte von einem Bein auf das andere. Überdies schwiegen sie und warfen sich nervöse Blicke zu; kein Geflüster war zu hören, kein Plaudern. Wie eine reißende Welle, brachen die Worte des Armeeführers über ihnen ein und erstickten jegliche Gedanken. Die Gefangenen waren hoch angesehene Bürger Vorlias, machtvoll und einflussreich. Und doch waren sie nur Staub im Wind.
»Das ist nicht richtig!«, flüsterte jemand in ihrer Nähe.
Draia wandte sich um, und versuchte den Sprecher auszumachen. Ihr blickten jedoch nur ausdruckslose Mienen entgegen. Unwirsch strich sie sich eine weiße Strähne aus dem Gesicht und widmete sich wieder den Gefangenen. Sie zitterten vor Kälte und stöhnten ihr Leiden heraus. Einige unter ihnen waren übel zugerichtet worden, andere hingegen hatte man wohl erst am Morgen aufgegriffen und direkt zum Versammlungsplatz gebracht.
Warum hat sie nicht auf mich gehört? Ich verfluche meine verdammte Schwester! Wenn nun herauskommt, dass wir daran beteiligt waren, dann wird uns das den Kopf kosten
»Unser göttlicher Herrscher hat verfügt, dass niemand es wagt, seine Hand nach Andural auszustrecken«, erhob Cuaneth’lis erneut seine Stimme. »Diese Untertanen haben sich schuldig gemacht, von den Vorkommnissen gewusst zu haben. Ferner haben sie den Geächteten, der sich einstmals Kael'tir nannte, sogar unterstützt.« Er stieß seinen langen Speer auf den Boden, knirschend zerbrach ein Teil des Marmors. »Sie werden deshalb gerichtet und das Haus Tir wird aufgelöst. Jeder Untergebene dieses Reiches möge sich daran erinnern, dass ein Gesetz unseres Herrschers, gleichbedeutend dem Gesetz unseres Gottes ist!«
Draia schüttelte energisch den Kopf, als sie dies hörte. Dieser Mann war kein Gott, sie konnte das einfach nicht akzeptieren. Er war ein Mensch, wenn auch unbeschreiblich mächtig.
Der Herrscher erhob sich von seinem Thron. Sofort ließen sich die Versammelten ehrerbietig auf den Boden nieder. Cuaneth’lis neigte ebenfalls den Kopf und trat respektvoll zurück. Draia folgte dem Beispiel, wusste aber bereits, was nun passieren würde - es war schließlich nicht die erste Hinrichtung, der sie beiwohnte.
Maedhros ging einen Schritt nach vorne und streckte ruckartig die Hand aus. Sein Gesicht war eine starre Maske, die Augen dunkel und unergründlich. Als die Gefangenen auf dem Podest dies sahen, fingen sie an zu heulen und zerrten verzweifelt an ihren Fesseln. Doch Jeglicher Versuch war vergeblich, es gelang ihnen nicht, sich zu befreien. Zwar waren sie Erhobene, in der Gegenwart des Herrschers waren ihre Kräfte aber beinahe wirkungslos.
Maedhros trat noch einen Schritt vor und presste dann seine klauenartige Hand zu einer Faust zusammen. Im gleichen Moment zerplatzten die Gefangenen in einer roten Fontäne aus Fleisch und Blut. Die aufgebrochenen Körper stürzten zu Boden, weißer Rauch kräuselte sich aus den Leichen hervor. In langen Bahnen flog der Rauch auf den Herrscher zu und vereinigte sich mit dessen Leib. Kurz umgab ihn eine dunkle Aura, es schien, als würden schwarze Schlieren von seinem Körper abperlen und ihn nur widerwillig freigeben. Dann war es vorbei, die Atemseelen der Bestraften aufgesogen und verzehrt.

Im Kindle-Shop: Arakkur: Das ferne Land

Mehr über und von Pascal Wokan auf seiner Website.



19. Juli 2017

'So weit uns Träume tragen' von Christiane Lind

„Man nennt die Titanic auch das Schiff der Träume.“ Der Steward verbeugte sich. „Ich bin mir sicher, am Ende unserer Reise werden Sie mir zustimmen.“

Frühjahr 1912: Die Schauspielerin Paula hat ihr Erbe ausgeschlagen, um auf der Bühne zu stehen. Gemeinsam mit der Kostümbildnerin Luise erobert sie die Berliner Theaterwelt im Sturm. Doch von einem Tag auf den anderen stehen die Freundinnen vor dem Nichts. Als ein Verehrer ihnen ein Erste-Klasse-Ticket für die Titanic schenkt, ergreifen die jungen Frauen mutig die Chance auf ein neues Leben. An Bord des eleganten Luxusdampfers lernt Luise den schüchternen Steward Leonard kennen und lieben, während der geheimnisvolle Ferdinand von Fahlbusch großes Interesse an Paula zeigt.

Wird es ihm gelingen, ihr Herz zu erobern? Ist Paula bereit, ihre Träume über Bord zu werfen?

Ein dramatischer Schicksalsroman über Liebe und Sehnsucht, Hoffnung und Verrat, Träume und Wirklichkeit. Für kurze Zeit zum Aktionspreis von 99 Cent.

Gleich lesen:
Für Kindle: So weit uns Träume tragen. Titanic-Roman
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Cherbourg, 10. April 1912
Inzwischen war es dunkel und Paula verspürte Enttäuschung, dass sie das prachtvolle Schiff nicht in den Hafen einfahren sehen würden. Obwohl, die Titanic würde sicher beeindruckend aussehen mit all den Lichtern an Bord. Seit Stunden hatten die Mitreisenden von nichts anderem gesprochen. Je länger das Schiff auf sich warten ließ, desto mehr wuchsen die Erwartungen an seine Pracht.
„Sie kommt! Sie kommt!“ Der Ruf pflanzte sich durch die Menschenmenge fort, die vor Kurzem aus den Wartesälen geströmt war und am Hafen ausgeharrt hatte. Wie viele von ihnen mochten wohl mit ihnen reisen, fragte Paula sich und sah sich mit neugierigen Augen um. Wenn sie nach der unglaublichen Menge an Koffern und Kisten ging, die an den Kai transportiert worden war, dann mussten noch etliche Menschen gemeinsam mit Luise und ihr in Cherbourg an Bord gehen. Einige Passagiere der ersten Klasse hatte sie bereits im Wartesaal gesehen, aber nun waren noch mehr von ihnen angereist, wenn sie die auffallende Sammlung von Automobilen richtig einschätzte.
Vor Paula ging eine Frau, deren atemberaubendes Kleid Luise anzog wie Honig die Bienen. Über einem weinroten, sanft glänzenden Unterkleid, dessen Saum mit edelster Stickerei verziert war, schwebte – anders konnte Paula es nicht nennen – ein durchsichtiger Hauch von Stoff, besetzt mit Hunderten glitzernder Steinchen. Wer mochte diese Frau sein, die zu einem derart profanen Anlass ein so edles Kleid trug?
„Das … das …“, flüsterte Luise Paula zu und ihre Augen glänzten sehnsüchtig, „das ist Pariser Chic. Ich habe davon in Zeitschriften gelesen, aber nicht zu hoffen gewagt, es einmal zu sehen.“
Während die eleganten Menschen bei Luise wahre Begeisterungsstürme auslösten, fühlte Paula sich eher unwohl. Ärger wallte in ihr auf, als sie entdecken musste, dass die exquisit gekleidete Dame einen winzigen, braunen Hund in der Handtasche mit sich trug, während Paula den armen Valentino vor dem Wartesaal hatte abgeben müssen. Hoffentlich vergaß man ihn nicht und hoffentlich stellte er nichts an.
„Schau dir das an.“ Luise stupste Paula an. Sie deutete auf eine ältere Frau, die gemeinsam mit einem jungen Mann, wohl ihr Sohn, an Bord gehen wollte. Um sie herum war ein Gepäckwall aufgebaut. „Vierzehn Schrankkoffer habe ich gezählt. Vier kleine Koffer und noch drei Kisten. Paula, da passen wir nicht hin.“
„Vielleicht hätten wir zweiter Klasse reisen sollen.“ Paula sah sich etwas beklommen um. Neben ihnen stiegen vornehm aussehende Menschen aus ihren Automobilen und gingen zielstrebig auf die Tenderschiffe zu. Männer und Frauen, denen Gepäckträger oder Diener und Zofen folgten, die eine Vielzahl von Koffern und Hutschachteln und kleinen Paketen schleppten. Paula entdeckte die Namenszüge bekannter französischer Modehäuser auf dem Reisegepäck. Und dazwischen Luise und sie, die ihre Koffer selbst schleppten, weil sie sich die Trinkgelder für Gepäckträger sparen mussten. Gar nicht zu reden davon, wie abgewetzt und billig ihre Habe aussah. Würden Luise und sie sich nicht immer als Hochstaplerinnen fühlen? Würden die wahrlich Reichen nicht merken, wie wenig Paula und Luise zu ihnen gehörten?
Doch bald verdrängte die Neugier die quälenden Gedanken aus Paulas Kopf und sie streckte sich, um das Bild der ankommenden Titanic in sich aufzunehmen. Schließlich wollte sie ihren Freunden vom Theater alles so detailgetreu wie möglich berichten können. Eine bunte Truppe hatte sich am Kai eingefunden. Von Menschen, deren Kleidung zwar sauber, aber mehrfach geflickt war, bis hin zu geschmackvoll angezogenen Damen mit ihren Verehrern, die sich etwas abseits hielten und sich die Wartezeit mit Champagner und Häppchen vertrieben, was Paulas Magen zum Knurren brachte. Warum nur hatten Luise und sie ihren spärlichen Proviant bereits auf der Zugfahrt verputzt? Den fliegenden Händlern, die ihnen überteuertes Brot, das sie Baguette nannten, anboten, wollte Paula ihr Geld nicht in den Rachen werfen. Also wartete sie mit brummendem Magen und wachsendem Durst darauf, dass das berühmte Schiff deutlich verspätet anlegte. Paula wünschte sich nur noch, endlich die Gangway zu betreten, in ihrer Kabine die unbequemen Schuhe von den Füßen zu schleudern und sich dann – welch ein Luxus – Essen bringen zu lassen.
Daher sprang sie auf, wie alle Menschen um sie herum, als der Ruf „Sie kommt! Sie kommt!“ ertönte und von dröhnenden Schiffssirenen aufgenommen wurde. Paula reckte sich, um über die Schultern der anderen Passagiere und Neugierigen hinweg einen Blick auf die Titanic werfen zu können. Nichts. Eine Mauer aus Menschen versperrte ihr die Sicht. Luise und sie wechselten einen Blick, nickten sich zu und stellten sich auf Luises gewaltigen Koffer. Sie hielten sich an den Armen und verrenkten sich die Hälse, um einen Eindruck von dem Schiff zu gewinnen. Und da kam sie, gezogen von vier Schleppern, die gegen die Titanic winzig wie Fischerboote wirkten. Selbst Luise, die sonst nie auf den Mund gefallen war, verschlug der Anblick des majestätischen Schiffes die Sprache.
Als die Titanic endlich im Hafen vor Cherbourg ankerte, leuchteten die Lichter an Bord wie zu einer Parade. Paula hatte einiges über das Schiff gelesen und sich ein Bild von dem Luxusdampfer gemacht. Aber ihn hier zu sehen, in seiner Pracht und Herrlichkeit, übertraf alle Erwartungen. Die Titanic erinnerte Paula an eine Naturgewalt, etwas Urtümliches, Großartiges, nicht von dieser Welt. Der riesige und gleichzeitig elegante Dampfer wirkte wie etwas, das Götter und nicht Menschen hergestellt hatten. Das schwarze Schiff mit weißem Kragen und Dutzenden von Bullaugen tauchte aus dem Nachthimmel auf. Nicht nur die Lichter funkelten, auch der weiße Aufbau der Titanic strahlte. Am meisten beeindruckten Paula die vier riesigen, orangefarbenen Schornsteine, die in den Himmel ragten wie Signalfackeln. Eine Herausforderung an die Götter. Der hochaufragende Mast, von dem sich Seile über das ganze Schiff spannten, stand einsam an der Spitze wie ein Leuchtturm.
Zu ihrer Überraschung fröstelte Paula und sie rieb sich die Oberarme. Ihr schien es, als wäre das nicht nur der leichten Brise geschuldet, die mit der Dämmerung einherging. Es lag an der Titanic, die dort draußen ankerte, zu gewaltig, um in den kleinen Hafen einlaufen zu können. In ihrer Mächtigkeit und Unbeweglichkeit erinnerte die hell erleuchtete Silhouette des gewaltigen Dampfers Paula an ein urzeitliches Wesen, das auf sie lauerte. Ein gewaltiges Monster, das Luise und sie verschlingen würde. Mach dich nicht verrückt, rief Paula sich zur Ordnung. Das unheimliche Gefühl, das die Titanic ihr vermittelte, kam sicher durch den Rauch, der aus drei Schornsteinen aufstieg und sich mit dem grauen Himmel vermischte. Die Abenddämmerung legte eine mystische Atmosphäre über die Ankunft des Dampfers. Wäre die Titanic im Licht des Nachmittags in den Hafen eingelaufen, hätte Paula das Schiff sicher nur bewundert.
Aber so, bedingt durch die Verspätung, und auch weil der Hafen das mächtige Schiff nicht aufnehmen konnte, entsprach ihre erste Begegnung mit der Titanic so gar nicht den Vorstellungen, die Paula sich gemacht hatte.
Sie hatte sich sehr darauf gefreut, vom Kai auf die Gangway zu steigen und den dort verbleibenden Menschen zum Abschied zu winken. Bereits im Wartesaal hatten sie aus den Worten der Mitreisenden zu ihrer Enttäuschung erfahren müssen, dass sie das Schiff mit Motorbooten anfahren würden, weil der Hafen von Cherbourg nicht tief genug für die Titanic war. Also stellte sich Paula mit Luise in die Reihe der Wartenden, die auf die kleinen Boote steigen wollten. Zwei Tenderschiffe mit den sprechenden Namen Nomadic und Traffic würden die Passagiere zum großen Dampfer bringen.
Erst jedoch musste das Gepäck an Bord gebracht werden, damit die Passagiere es in ihren Kabinen vorfinden würden und sich frisch machen konnten. Die erneute Wartezeit zerrte an Paulas Nerven und sie verfluchte im Stillen all die Passagiere, die mit so unglaublich viel Gepäck reisten und sie dadurch aufhielten.
„Du mit deinem riesigen Koffer“, schimpfte Paula und musterte Luise mit zusammengezogenen Brauen. Zwei Matrosen schleppten sich unter der Last des Schrankkoffers ab, den Luise allein von Berlin nach Cherbourg transportiert hatte. „Du hältst alle auf.“
„Ach, das ist noch gar nichts“, mischte sich ein Matrose ein. Er grinste breit und zwinkerte Luise freundlich zu. „Ein Ehepaar hat sechzehn Koffer an Bord gebracht. Das war eine Plackerei, sag ich Ihnen. Da ist der Koffer nichts dagegen.“
„Für eine Woche?“, fragte Paula ungläubig und musste schlucken. Mit was für Menschen würde sie auf dem Schiff reisen? Wie sollten Luise und sie sich da nur einfügen, mit den wenigen Kleidern, die sie besaßen? „Oder für eine längere Reise?“
„Tja, das weiß ich nicht“, sagte der Matrose mit einem Achselzucken. „Normalerweise reden die nicht mit unsereins.“ 2

Im Kindle-Shop: So weit uns Träume tragen. Titanic-Roman
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Christiane Lind auf ihrer Website.



18. Juli 2017

'Deckname Nikita' von Eddy Zack

Moskau - Dezember 1990, wenige Wochen nach der Wiedervereinigung. Zufällig erfährt ein Mitarbeiter der Britischen Botschaft von einem geplanten Putsch gegen Gorbatschow. Einer der Putschisten ist Oleg Kirillowitsch. Doch wer ist Oleg? Ist er ein Steinzeit-Stalinist oder tschetschenischer Terrorist? Handelt er im Auftrag eines US-amerikanischen Geheimdienstes?

Paul Bachmann, zwangspensionierter Mitarbeiter des BND, soll nach Moskau reisen und herausfinden, was die Putschisten planen.

Gleich lesen: Deckname Nikita: die Kaukasus-Intrige

Leseprobe:
Moskau 1990
1. Britische Botschaft

Man kann nicht behaupten, Bradley Dixon hätte eine herausragende Position in der Botschaft bekleidet. Er stand am Publikumsschalter, nahm Visaanträge entgegen, prüfte die Vollständigkeit der vorgelegten Unterlagen und, soweit möglich, deren Echtheit. Für russische Verhältnisse hatte er ein fürstliches Einkommen, welches ihm gestattete, in der Moskauer Damenwelt den spendablen Gentleman zu spielen. Zumindest wie Russinnen ihn sich vorstellten. Sein Äußeres war very british, wie er gelegentlich vor sich hin murmelte, wenn er sich abends im Spiegel prüfend musterte, bevor er das Haus verließ und zu seiner Verabredung eilte. Hochgewachsen, schlank, Schnurrbart, immer Anzug mit Weste, oft Fliege, gerollter Regenschirm, notwendiges Attribut des Gentleman in London auf der Bond Street. Auf den Bowler verzichtete er. In den ersten Tagen seines Dienstes in Moskau waren ihm halbwüchsige Kinder gefolgt und hatten Gemeinheiten gerufen, wie er aus ihrem Gelächter schloss.
Seit gut einem Jahr war er in Moskau stationiert. Seine schöne Gattin Carolyne hatte es vorgezogen, in London zu bleiben. Sie entstammte der britischen High Society, ihre familiären Wurzeln reichten bis Heinrich VIII zurück, eher noch weiter, wie ihr Herr Vater sehr herablassend und sehr nebenbei andeutete. Er saß im Unterhaus, ein Hinterbänkler, ohne erkennbares politisches Profil. Er hätte problemlos heute den Torys, morgen der New Labour angehören können, niemand hätte es bemerkt, nicht einmal er selbst. Wohl deshalb hatte er weitreichende Beziehungen zu allen politischen Schattierungen. Ihm hatte Bradley auch seinen lukrativen Job im diplomatischen Dienst zu verdanken, wobei er den Verdacht nicht los wurde, sein geschätzter Herr Schwiegerpapa wollte ihn möglichst schmerzlos und möglichst weit von der britischen Insel fernhalten. Moskau schien ihm geeignet. Bradley bedauerte das nicht, im Gegenteil. Er fühlte sich pudelwohl in Moskau.
Carolyne machte nicht die geringsten Anstalten, ihm in den Hort des Bösen zu folgen, wie Präsident Reagan Moskau einmal genannt hatte. Der wahre Grund, weshalb sie es vorzog in London zu bleiben, war wohl dieser Mann, zu dem sie eine enge Beziehung pflegte, wie der Chef der Security Bradley in verzweifelt um geschäftsmäßige Kühle bemühten Tonfall zu erklären versuchte.
»Wir mischen uns nicht gerne in die familiären Angelegenheiten der Mitarbeiter des diplomatischen Dienstes ein, Bradley, im Gegenteil, ich hasse Gespräche dieser Art. Aber Sie kennen die Vorschriften, ich muss Sie ansprechen. Wir sind keine Moralapostel, es geht ausschließlich um die Sicherheit des Auswärtigen Dienstes, auch um Ihre. Bringen Sie die Sache in Ordnung.«
Zum Szenarium gehörte allerdings auch Irina, Bradleys Geliebte in Moskau. Über bizarre Querverbindungen hatte Carolyne von ihrer Existenz erfahren. Nicht Bradley brachte jetzt die Sache in Ordnung, wie der Mann von der Security gefordert hatte, sondern Carolyne.
An jenem bewussten Tag im Dezember 1990, neun Tage vor Weihnachten, kippte sein Wohlbefinden abrupt ins Gegenteil. Der Trennungsstreit zwischen Carolyne in London und Bradley in Moskau, dieser simple Tatbestand, zog sich jetzt über mehrere Monate hin und heute früh hatte ihm Carolynes Anwalt per Botschaftspost den gerichtlichen Antrag auf Scheidung zugestellt. Der Brief lag geöffnet auf seinem Schreibtisch, als er gegen 8:30 ins Büro kam. Aus unerfindlichen Gründen hatte der Anwalt den Brief an die Botschaft geschickt, nicht an seine Privatanschrift. Trotz des Zusatzes auf dem Umschlag – persönlich und zu Händen von … – wird jeder Brief in der Poststelle der Botschaft erst durchleuchtet und dann geöffnet. Er konnte ja mit Anthrax verseuchtes Papier oder eine Splitterbombe enthalten.
In einem Ausbruch finsterer Entschlossenheit hatte Bradley um 9 Uhr Carolynes Anwalt seine Zustimmung zur Scheidung über den Ticker der Botschaft zukommen lassen. Um 9:30 hatte er dem Anwalt erneut getickert, dass er seine Zustimmung zurückzöge. Wenige Minuten später bekam er die Antwort – einmal zugestimmt ist unwiderruflich. Schließlich sei er Beamter und Jurist und man könne deshalb halbwegs rationales Handeln von ihm erwarten.
Frustriert verzog er sich mit einer Cola Dose, die Whisky enthielt, in den Kopierraum. Auf dem Weg zurück in den Schalterraum roch ein Kollege seine Alkoholfahne und gemeinsam marschierten sie wieder in den Kopierraum. Einige Minuten später schloss sich ihnen ein weiterer Kollege an. Bradley wollte seine Frustrationen hinunter spülen und seine Kollegen unterstützten ihn mitfühlend. Der Kopierraum war häufig Ort vertraulicher Gespräche, weil alle davon ausgingen, dort werde man nicht abgehört. Darüber hinaus war die Abgeschiedenheit geeignet, im Fall einer unerwarteten Magenverstimmung unbeobachtet einen stimulierenden Schluck Whisky zu sich zu nehmen. Anschließend ging man mit einem Pfefferminz unter der Zunge zurück an seinem Arbeitsplatz.
Um 11:30 Uhr machten sie sich zu dritt zu einem verfrühten Lunch in das Restaurant des International auf und Bradley berichtete weitere Details seiner wiedererlangten Freiheit. Völlig überflüssig. Sie hatten es noch vor ihm von einer geschwätzigen Frau der Poststelle erfahren. Informationen dieser Art verbreiten sich ähnlich schnell, wie sich die Nachricht vom Ausbruch des Dritten Weltkrieges verbreitet hätte. Gemeinsam beschlossen sie, aus gesundheitlichen Gründen den Dienst für Merry Old England zu beenden, und nicht in die Botschaft zurückzukehren.
Vom Hotel International wechselten sie mit mehreren Russen des Ministeriums für Kommunalwirtschaft, die den Abschluss eines spektakulären Korruptions-Deals feierten, in die Wohnung eines der Russen, der – wie er wortreich erklärte – größere Mengen Wodka, Whisky und Cognac aus ähnlichen Geschäften bevorratete. Sie kannten den Mann von gelegentlichen Banketts, der russischen Variante eines gigantischen Besäufnisses. Er bewohnte eine winzige Wohnung in einer Seitenstraße der Ulitsa Leninskaya in einem selbst für Moskauer Verhältnisse trüben Bau, dessen Außenfront an die Mauern eines Zuchthauses der deutschen Kaiserzeit erinnerte. Bradley meinte, im achten Stock befand sich die Wohnung, genau wusste er es später nicht mehr. Die sparsam eingerichtete anderthalb Zimmerwohnung des Gastgebers – Gennadi oder Sergej? – so ähnlich jedenfalls, reichte gerade für zwei Personen. Jetzt drängelten sie sich zu acht in der winzigen Bude. Nach Abmessung und Inhalt zu urteilen, war der Kühlschrank das wichtigste Möbelstück.
Irgendwann erwischte Bradley der bei solchen Ereignissen unvermeidliche moralische Kater, und er erzählte seinen Saufkumpanen weitere Einzelheiten dieser verdammten Shlyukha in London, was die russische Variante einer Bordsteinschwalbe ist. Sie hörten aufmerksam zu, obwohl sie es schon wussten, klopften ihm demonstrativ kameradschaftlich auf die Schultern, gaben ihm Ratschläge für die Zukunft. Wie erfreulich – sagten sie -, nun habe er das Joch der Ehe abgeschüttelt. Frei von angestaubten britischen Moralvorstellungen läge ihm jetzt das Moskauer Nachtleben zu Füßen. Der Gastgeber, er hatte tatsächlich enorme Mengen Alkohol bevorratet, füllte immer wieder Bradleys Glas, selbst dann, wenn es noch nahezu voll war. Die Russen schütteten ungefähr die dreifache Menge Schnaps runter, die Bradley schaffte. Was sie für Gründe hatten, sich dermaßen zu besaufen, wusste er nicht, aber ein Russe braucht keinen besonderen Anlass. Die Zustände seines geliebten Mütterchen Russland bieten ausreichende Voraussetzungen für umfängliche Besäufnisse zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Erwähnenswert ist noch, dass Bradley über das Telefon der Garderobiere im International Irina angerufen und ihr wortreich erklärt hatte, er stehe ihr nun vollständig zur Verfügung. Sie war ein großartiges Mädchen mit nur einem Schwachpunkt – ihre Nationalität. Russin – das sah man in der Botschaft nicht so gerne und hatte schon Grund für allerlei unerquickliche Diskussionen geliefert. Eine ferne, wenn auch flatterhafte Gattin mit familiären Wurzeln, die tief in die snobistische Londoner High Society reichten, war ihnen lieber, als eine kleine Russin, die als Verkäuferin im Kaufhaus GUM ihr kärgliches Brot verdiente, und von der man nicht wusste, ob es Querverbindungen zum KGB gab. Bisher hatte Bradley ihre vorgeschriebene Sicherheitsüberprüfung durch den Service verhindern können, zumindest glaubte er das. Er hatte die Adresse einer älteren Frau im selben Wohnblock angegeben, deren Name auch Irina war. Eine billige Lüge, die jederzeit platzen konnte.
Es ging in den Abend. In der Zwischenzeit hatten sie sich mit einer versalzenen Suppe gestärkt, Boretsch, wie Bradley sich später mühsam erinnerte. Irgendwann brach dann doch so etwas wie Selbsterhaltungstrieb bei ihm durch, und er erklärte seinen Saufkumpanen, dass er eine nächtliche Verabredung habe und nun gehen müsse. Sie begleiteten ihn zum Fahrstuhl, bedauerten lautstark die Frau, um die es sich nach ihrer Überzeugung handeln musste, denn er sei ja wohl nicht mehr zu sexuellen Betätigungen auf dem Kanapee in der Lage. Damit lagen sie richtig. Bradley hatte Mühe, halbwegs geradeaus zu laufen.

Im Kindle-Shop: Deckname Nikita: die Kaukasus-Intrige

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17. Juli 2017

'Tödliche Tabus' von Siegfried Langer

Bist du mutig? Mutig genug, dich in ein Leben hineinzuversetzen, das dir fremd und bizarr erscheint? Ein Leben, so viel anders als dein eigenes? Ein Leben jenseits deiner Vorstellungskraft?

'Tödliche Tabus' ist ein Thriller, der im Hier und Heute spielt, mitten in Deutschland. Und dennoch führt er dich in eine parallele Gesellschaft. In eine Gesellschaft der Obsession, der Sucht und des Verlangens. Und doch auch in eine Gemeinschaft voller Vertrauen, Hingabe und Liebe.

'Leben und leben lassen', so lautet hier die Devise. Aber wehe dem, der an den Falschen gerät, denn es geht jemand um, der Leben nimmt.

Ist Björns Bruder Ole diesem Jemand ins Netz gegangen? Seit Wochen hat sich Ole nicht mehr bei Björn gemeldet, sein Briefkasten wurde seit Tagen nicht geleert, die Lebensmittel im Kühlschrank sind verschimmelt. Björn durchstöbert Briefe, Notizen, Visitenkarten. Hilfreich wären die E-Mails seines Bruders; doch wie lautet das Passwort des Accounts? Als er es endlich herausfindet, erfährt er Dinge aus dem Leben seines Bruders, die er nie für möglich gehalten hätte ...

Gleich lesen: Tödliche Tabus: Thriller

Leseprobe:
„Ich möchte, dass du heute nach Feierabend zu mir nach Hause kommst. Es ist wichtig, Björn. Ich mache mir große Sorgen um deinen Bruder: Ich befürchte das Schlimmste!“
Die Dringlichkeit in der Stimme seiner Mutter ließ Björn keine Wahl.
Sie klang so verzweifelt wie damals, als sie ihm verkündet hatte, dass man ihr das zweite Bein ebenfalls abnehmen musste.
Und so machte sich Björn auf den Weg und stand nun vor ihrem Haus in der Lübecker Innenstadt, fuhr sich mit der Hand durch sein allmählich lichter werdendes schwarzes Haar und klingelte. Es verging keine Sekunde, bis das ihm bekannte Summen des Türöffners ertönte. Sie musste die Fernbedienung dazu bereits in den Händen gehalten haben, hatte also schon gewartet - kein gutes Zeichen.
Björn wunderte sich. Was war so dringend, dass sie ihn mit solcher Vehemenz herbeizitierte? Vor allem, da er doch erst gestern bei ihr zu Besuch gewesen war.
„Ich bin im Wohnzimmer“, hörte Björn ihre tiefe Stimme, während er die Haustür hinter sich ins Schloss fallen ließ.
Er schlüpfte aus seiner dunkelblauen Cordjacke, hängte sie an die Garderobe und ging durch den Flur, an der Küche vorbei, in den rückwärtigen Wohnbereich. Seine Mutter saß da, in ihrem Rollstuhl, die Hände im Schoß. Nur für eine Sekunde sah sie ihm in die Augen, dann wanderte ihr Blick wieder zurück auf einen imaginären Punkt vor ihr auf dem Teppich. Ihre dunkelbraun getönten Haare - ansonsten sehr gepflegt frisiert – hatten heute weder Kamm noch Bürste berührt. Björn schritt zu ihr, beugte sich zu ihr hinab und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Setz dich!“
Björn nahm Platz auf dem gemütlichen, altmodischen Sofa, das seine Mutter ihr Eigen nannte, solange er sich zurückerinnern konnte – und er war jetzt achtunddreißig Jahre alt. Erst vor wenigen Wochen hatte es einen neuen dunkelblauen Bezug erhalten, die überdimensionierten Kissen ebenso.
Hier, an diesem Wohnzimmertisch hatten sie gemeinsam Mutters neunundsechzigsten Geburtstag gefeiert, keine vierundzwanzig Stunden waren seitdem vergangen. Björn, seine Schwester Marga und deren drei Kinder. Die Vier waren schon da gewesen, hatten Kuchen gegessen und Kaffee getrunken, als er gegen halb fünf eingetroffen war. Seine Zahnarztpraxis hatte Björn gestern wegen des Geburtstags vorzeitig verlassen. Margas Mann fehlte, wie immer. Mutter mochte ihn nicht; hauptsächlich deswegen, weil er eine Zigarette nach der anderen rauchte. Es erinnerte sie zu sehr daran, dass sie viel zu lange dem gleichen Laster gefrönt hatte. In einem langen, schleichenden Prozess hatte sie dafür ihre Beine eingetauscht. Marga umging den Konflikt und ließ ihren Mann einfach zu Hause. Ein bewährtes Arrangement. Dennoch schien die Situation äußerst angespannt. Ole war die Ursache dafür, Björns vier Jahre jüngerer Bruder.
Das Telefon stand direkt neben Mutters Kuchenteller und jedes Mal, wenn es klingelte, unterbrach Mutter sich mitten im Satz, schluckte schnell hinunter oder ließ die Gabel auf den Teller plumpsen. Und jedes Mal, wenn sie sich mit ihrem Namen meldete, zeichnete sich auf ihren eben noch hoffnungsfrohen Gesichtszügen nach wenigen Sekunden Enttäuschung ab. Ihre Schwester, ihre zwei Brüder, Cousinen, Cousins, ihre alte Tante Hildegard aus Stade, Nachbarn, ehemalige Patienten des Marien-Krankenhauses: Mutter würgte sie alle ab, nahm die Geburtstagsglückwünsche entgegen und beendete die Gespräche, so schnell es die Höflichkeit erlaubte. Nur, um danach erneut auf den nächsten Anruf zu warten, während Marga erzählte, wie es den Kindern in der Schule erging, welche Blumen in ihrem Garten gerade blühten oder welche Liebeleien und Kleinkriege sich draußen in ihrem Dorf abspielten. Mutter hörte nur mit halbem Ohr zu, starrte immer wieder auf das Telefon. Doch der sehnsüchtig erwartete Anruf blieb aus. Als Björn gegen acht als Letzter der Gäste ihr Haus verlassen hatte, war die Stimmung des Geburtstagskindes auf dem Nullpunkt angekommen.
Wie gestern auch, stand die Kaffeekanne auf dem Tisch. Das reichhaltige Angebot einer liebevoll eingedeckten Kaffeetafel hatte sich in eine einzelne Tasse, einen Kuchenteller und eine Platte mit einer überschaubaren Anzahl Kuchenstücke verwandelt, die Reste von gestern.
„Du hast sicher Hunger“, sagte Mutter. „Vom Eierlikörkuchen ist ja zum Glück was übrig geblieben. Den magst du doch so gerne.“
„Neue Kalorien“, sagte Björn und strich sich sein Hemd glatt.
‚Wenn man erstmal über die dreißig ist, darf man auch langsam etwas Bauch bekommen’, pflegte seine Mutter in solchen Situationen regelmäßig zu erwähnen; heute nicht.
„Schenk dir etwas Kaffee ein!“
„Und du?“
„Ich habe den ganzen Tag über Kaffee in mich hineingeschüttet. Für heute lasse ich es besser gut sein. Ist gesünder.“
Sie streckte ihre Hand aus, und Björn bemerkte, dass sie stark zitterte.
„Ja, besser, wenn ich mir selbst einschenke.“
„Ich habe heute deinen Vater angerufen.“
Björn verschluckte sich. Seine Eltern hatten nicht mehr miteinander gesprochen, seit – ja, seit sein Vater ihr damals verkündet hatte, dass er sie verlassen würde. Es war exakt an dem Tag gewesen, als seine Mutter das erste Mal ohne Beine aufgewacht war. Nachdem man sie aus dem Marien-Krankenhaus entlassen hatte, war er aus der gemeinsamen Wohnung bereits verschwunden gewesen, aus ihrem Leben ebenso. Björn und seine Geschwister hatten ihrer Mutter eine kleinere Wohnung besorgt; gelegen in einem malerischen Lübecker Stadthaus, mit ebenerdigem Eingang, sodass sie auf niemanden angewiesen war, wenn sie raus oder rein wollte, in ihrem neuen Rollstuhl.
„Du hast was?“
„Ich habe heute deinen Vater angerufen!“
Acht Jahre waren vergangen seit der Trennung. Acht Jahre, in denen Björns Vater immer wieder versucht hatte, Kontakt aufzunehmen. Er wollte sich zumindest erklären. Doch Mutter war hart geblieben. Und ihre Kinder hatten Verständnis dafür gezeigt, vollstes Verständnis.
„Wie … wie geht es ihm?“
„Danach habe ich nicht gefragt.“

Im Kindle-Shop: Tödliche Tabus: Thriller

Mehr über und von Siegfried Langer auf seiner Website.



14. Juli 2017

'Mordsleben. Ostfrieslandkrimi' von Ulrike Busch

Mit der ostfriesischen Ruhe ist es in Greetsiel vorbei: Die norddeutsche Schauspielerin Leonie Altinga kehrt in ihre Heimat zurück und eines Abends werden Schüsse auf sie abgegeben. Sie bleibt unverletzt, aber bald darauf werden mehrere Bürger des idyllischen Fischerdorfes zum Ziel weiterer perfider Anschläge.

Bei allen beteiligten Personen finden sich Verbindungen zu Leonies Leben. Doch wer ist hier Opfer, wer ist Täter? Vor vielen Jahren hatte Leonie in Greetsiel ihre Tochter und ihren Mann verloren. Führt sie in Wahrheit einen brutalen Rachefeldzug, und die Schüsse auf sie waren nur inszeniert? Die Ermittler Tammo Anders und Fenna Stern stehen vor einem mysteriösen Fall, und das mörderische Spiel in Ostfriesland scheint kein Ende zu nehmen ...

Gleich lesen:
Für Kindle: Mordsleben. Ostfrieslandkrimi (Kripo Greetsiel ermittelt 3)
Für Tolino: Buch bei Weltbild

Leseprobe:
Es war einer dieser Spätsommerabende, die das ganze Leben wie einen Traum erscheinen ließen. Über das Grundstück am Neuen Greetsieler Sieltief wehte ein sanfter Westwind. Er trug den Duft von Meer, Fisch und frisch gemähtem Gras in den Garten mit dem wild wachsenden Rasen und der Terrasse, die von Blumenbeeten umgeben war. Das Wasser der Gracht schimmerte dunkelgrün. Auf seiner Oberfläche spiegelte sich das Laub der Trauerweiden, Birken und Hecken, die an den Ufern zu beiden Seiten des Kanals standen.
Altweibersommer! Für Leonie Altinga die schönste Zeit des Jahres. Symbolisierte sie mit ihrem Zauber und der Pracht ihrer Farbtöne nicht ihre eigene schillernde Persönlichkeit und den Glanz eines facettenreichen fünfundsiebzigjährigen Lebens, das sich über Jahrzehnte im Licht der Öffentlichkeit abgespielt hatte?
Theatralisch lehnte Leonie sich gegen eine der Birken, die am Kanalufer wuchsen. Sie spürte dieses Prickeln in sich, das sie in Augenblicken überkam, in denen sie vor Glück hätte weinen mögen. Dass sie nach all der Zeit, die sie in anderen Städten und Ländern verbracht hatte, wieder da leben durfte, wo sie geboren war: in ihrem geliebten Fischerdorf Greetsiel!
Hier hatte alles angefangen.
Rückblenden liefen vor Leonies geistigem Auge ab. Erinnerungen an ihre Zeit als international gefeierte Schauspielerin. An ihre Erfolge als Autorin mitreißender Liebesromane. An ihren Durchbruch als Kriminalschriftstellerin – für sie die Ära einer fiktiven Revanche, einer indirekten Abrechnung auf dem Papier mit dem Autofahrer, der ihre Tochter auf dem Gewissen hatte. Mit dem Fabrikanten, der ihren Mann als Geschäftspartner in eine brisante Situation gebracht und letztlich in den Selbstmord getrieben hatte. Mit dem Verehrer, der ihr Liebhaber geworden war und sie um einen beträchtlichen Teil ihres Vermögens geprellt hatte.
Leonie lachte bitter. Der Schmerz über das, was sie verloren hatte, würde nie versiegen. Sie lehnte den Kopf gegen den Birkenstamm, betrachtete die Baumkrone mit all ihren Verästelungen und gab sich ihren Gefühlen hin.
In Greetsiel hatte alles angefangen, und hier würde es enden. Aber bevor es zu Ende ging ...
[…]
Durch die Zweige der Bäume beobachtete Leonie die Wolken, die sich gemächlich über den Himmel schoben. In einer Stunde, um Punkt acht Uhr, würden die Teilnehmer des Literaturzirkels, den sie vor ein paar Monaten ins Leben gerufen hatte, bei ihr eintreffen.
In der ersten Zeit nach ihrer Rückkehr in die Heimat hatte sie versucht, alte Kontakte wiederaufleben zu lassen. Doch die meisten früheren Bekannten waren entweder verstorben oder weggezogen. Übrig geblieben waren nur Theda und das Greetsieler Urgestein Frido Anders, wie Theda ein Bekannter aus gemeinsamen Schuljahren. Frido hatte sie bei einer zufälligen Begegnung in der Bäckerei auf die Idee gebracht, einen Literatursalon zu eröffnen. Er meinte, mit ihrer Weltgewandtheit, der Bühnenerfahrung und den Erfolgen als Schriftstellerin wäre sie dafür prädestiniert, das Kulturleben des Ortes zu bereichern.
Sie hatte sich nicht zweimal bitten lassen. Auf ihre Einladung in der Zeitung hin hatten sich innerhalb weniger Tage sechs Interessenten aus der näheren und weiteren Umgebung gemeldet, altersmäßig bunt gemischt. Die Jüngste war siebenundzwanzig, der Älteste, Frido, in ihrem Alter. Er brachte seine neue Partnerin mit, Magda Alves, die ebenfalls erst vor nicht allzu langer Zeit gemeinsam mit ihrer Tochter, der Kriminalkommissarin Fenna Stern, nach Greetsiel zurückgekehrt war.
Der Achte im Bunde mit Leonie und den sechs anderen wurde schließlich Meno Christoffers aus Leer, von Beruf Lektor. Ein äußerst angenehmer Mann von Anfang vierzig, gebildet, kultiviert, charmant. Er hatte großes Interesse an einer Zusammenarbeit mit ihr gezeigt. Sie hatte ihm den Gefallen getan, ihn ihrem Verleger zu empfehlen, auch wenn sie selbst mit ihrer bisherigen Lektorin, die im Verlagshaus in Frankfurt saß, weiter zusammenarbeiten wollte. Seit Leonie den Literatursalon eröffnet hatte, kam Meno jedes Mal eigens aus Leer, um daran teilzunehmen, und sie war stolz auf seine Anwesenheit, war er doch neben ihr der Einzige in diesem Kreis, der beruflich mit Literatur zu tun hatte.
Leonie stapfte durch das hohe Gras zur Terrasse ihres Wohnhauses, das mit seinen verwitterten Backsteinen und den Sprossenfenstern aussah wie das Gemälde eines idyllischen alten Greetsieler Fischerhauses. Sie suchte die Blumenschere aus dem Kasten mit dem Gartenwerkzeug und stellte einen Strauß aus Dahlien und Sommerastern zusammen. Ein schönes Bukett! Sie würde es in die Vase stellen, die zu ihrem Teeservice mit der handgemalten hundertblättrigen Rose gehörte.
Den Tisch wollte sie mit den vergoldeten Kerzenhaltern dekorieren, die in der Familie von Generation zu Generation weitergereicht worden waren. Wenn der Tag der Nacht wich und das warme, flackernde Licht der Kerzen sich Minute für Minute stärker von der Dunkelheit abhob, war die Stimmung für ihren Lesezirkel perfekt. Es würde ein sehr persönlicher, vielleicht sogar etwas heikler Abend werden, denn für heute hatten sie ihre Autobiografie als Thema gewählt.
Vom Kanal her wehte kühle Luft heran. In ein, zwei Stunden würde es zu frisch sein, um draußen zu sitzen. Die Terrassentür konnte noch eine Weile offen stehen bleiben, aber sie würde Neske, ihre Haushaltshilfe, gleich darum bitten, den langen rustikalen Tisch in der Essecke des Wohnraums herzurichten.
Leonie betrat das Wohnzimmer und schaltete das Licht ein. Wenn die Sonne hinter den Bäumen verschwand, wurde es schnell dunkel im Raum. Vorsichtig, beinahe fürsorglich, legte sie den Blumenstrauß auf den Tisch und ging auf die Vitrine zu, in deren Unterschrank die Vasen standen.
Der große Spiegel in dem kunstvoll geschwungenen, vergoldeten Rahmen, der an der Wand zwischen dem Möbelstück und der Tür hing, wirkte wie ein Ölgemälde, dem Leben eingehaucht worden war. In diesem Moment zeigte das Bild die Strahlen der Abendsonne, die zwischen den Baumkronen hindurchfielen. Die Zweige, die leicht im Wind wehten, schienen Leonie zuzuwinken.
Plötzlich pfiff etwas durch den Raum.
Leonie erstarrte. Was war das?
Wie in Zeitlupe zerbarst der Spiegel. Die Scherben fielen klirrend zu Boden und zersplitterten in tausend Fragmente, die über das Parkett schlidderten.
Während Leonie zu begreifen versuchte, was vor sich ging, sauste etwas direkt an ihrem Ohr vorbei.
Das Glas der Vitrine zersprang. Eine bauchige Porzellanvase, die in Augenhöhe in dem Schrank stand, stob in tausend Teilen auseinander wie ein explodierender Ballon.
In Angst um ihr Leben stieß Leonie einen entsetzten Schrei aus. Sie warf sich auf den Boden, kniff die Augen zusammen und legte die Hände schützend über den Kopf. Atemlos horchte sie, was als Nächstes geschehen würde. Doch es blieb mucksmäuschenstill. Kein Laut drang zu ihr durch. Selbst die Vögel hatten aufgehört zu zwitschern. Die Welt schien stehengeblieben zu sein.
Was war geschehen?
Leonie rührte sich nicht. Noch immer wartete sie. Worauf?
»Frau Altinga? Frau Altinga!«
Neske eilte die Treppen hinab. Leonie hörte ihr leichtfüßiges Tapsen näher kommen. Dann ein spitzer Laut. »Frau Altinga! Sind Sie verletzt?«
Thilo, Neskes Mann, stapfte ebenfalls die Treppe hinab. Leonie erkannte ihn an seinem schweren Tritt auf den Holzstufen.
Noch immer wagte sie nicht, sich zu bewegen.
»Leonie?« Das war Theda, die aufgeregt vom Garten her rief.
Leonie antwortete nicht.
Neske beugte sich über sie und berührte ihre Schulter sanft. »Frau Altinga, was ist passiert?«

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Für Tolino: Buch bei Weltbild

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'Tante Fritzi - forever clever' von Brigitte Teufl-Heimhilcher

Ob Chorwettbewerb, Weihnachtsbazar oder Faschingsfest – in Tante Fritzis Pensionistenheim ist immer was los. Außerdem ist da noch Konstantin, der ehemalige Anwalt, mit dem sie sich ganz hervorragend versteht und dessen Sohn Michael. Der wäre genau der Richtige für ihre Nichte Babette, die dummer Weise diesen Stinkstiefel von einem Architekten heiraten will. Aber noch ist das letzte Wort nicht gesprochen, denn der Architekt scheint Frieda – die von ihrer Nichte liebevoll „Tante Fritzi“ genannt wird - ganz und gar nicht vertrauenswürdig. Mit Konstantins Hilfe heftet sie sich an seine Fersen …

Gleich lesen: Tante Fritzi - forever clever

Leseprobe:
Frieda nimmt Abschied
Die Herbstsonne tat ihr Möglichstes und ließ Friedas Haus im besten Licht erscheinen. Es war ein mächtiges Stockhaus im Stil der Sechzigerjahre, mit einem großen Blumenfenster und einer noch größeren Terrasse, und es war nicht zu übersehen, dass es schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hatte. Auch der Garten hatte schon bessere Zeiten gesehen.
Der Teich, in dem früher die Seerosen üppig geblüht hatten, war leer, und zwischen den Steinplatten wuchs Unkraut. Aber der Rasen war kurz geschnitten und die Äpfel auf den Bäumen leuchteten rot und gelb. Auf der südseitigen Terrasse war der Kaffeetisch gedeckt.
Frieda Engel hatte Mühe, die wenigen Stufen zur Terrasse emporzusteigen, ohne vor Schmerzen zu stöhnen. Doch das kam natürlich nicht in Frage. Mit einer eleganten Handbewegung bat sie die Maklerin Platz zu nehmen.
„Sie haben gesehen, was es zu sehen gibt. Wie hoch schätzen Sie den Verkaufspreis?“
Die Maklerin wiegte den Kopf und sah in ihre Notizen. Vermutlich, um Zeit zu gewinnen, dachte Frieda. Endlich antwortete sie: „Eine schöne Lage, aber am Haus ist natürlich einiges zu machen. Warum wollen Sie es verkaufen?“
„Eigentlich will ich es gar nicht verkaufen, aber mein Arzt meint, für meine alten Knochen hätte es zu viele Stufen. Also habe ich mich, schweren Herzens, für ein Seniorenheim entschieden, ganz in der Nähe. Darf ich Ihnen Kaffee einschenken?“
„Gerne, aber Sie hätten sich doch keine Mühe machen müssen.“
„Natürlich nicht, aber ich freue mich, wenn mir jemand beim Kaffeetrinken Gesellschaft leistet. Seit mein Mann tot ist, bin ich viel allein. Meine Haushaltshilfe hat übrigens einen Apfelkuchen gebacken. Ich kann ihn sehr empfehlen.“
Etwa eine Stunde später hatte man sich über Kaufpreis und Vermittlungsauftrag geeinigt.
„Wir werden Ihr Objekt umgehend anbieten“, versprach die Maklerin eifrig. „Möchten Sie bei den Besichtigungen anwesend sein?“
„Nein, das möchte ich keinesfalls und ich kann es auch gar nicht, denn ich werde mich in den nächsten Wochen einer Hüftoperation unterziehen. Danach muss ich zur Kur und nach der Kur werde ich mein Appartement im Seniorenheim beziehen. Lassen Sie mir noch zwei Wochen, um meine Sachen zu packen, dann haben Sie freie Bahn.“
Nachdem die Maklerin gegangen war, räumte Frieda langsam den Kaffeetisch ab, dann setzte sie sich an ihren Schreibtisch und begann, eine Liste jener Gegenstände aufzustellen, die sie ins Seniorenheim mitnehmen wollte.
Haus Sonnenschein – so ein Schwachsinn. Sonnenschein für den Winter des Lebens.
Nun, sie hatte in ihrem Leben Sonnenschein kennengelernt, mehr noch, sie hatte auf der Sonnenseite gelebt. Aber seit Gerds Tod war es aus mit dem Sonnenschein, seither herrschte hoffnungslose Kälte, zumindest in ihrem Inneren. Daran konnten weder Frau Fischer mit ihrem Apfelkuchen noch ihre Nichte Babette etwas ändern., auch nicht, wenn sie sie jetzt wieder Tante Fritzi nannte, so wie damals.
Nun gut, sie hatte ihren Teil gehabt, sie würde den Rest ertragen, so gut es eben ging.
Doktor Weiß hatte ja recht, das Haus war nicht nur viel zu groß für sie allein, es war vor allem viel zu unpraktisch. Fünfzehn Stufen mussten allein bis zum Eingang überwunden werden. Aber dafür hatte man einen herrlichen Ausblick auf die Weinberge. Oft würde sie ihn nicht mehr genießen können. Als sie das Haus gebaut hatten, war sie kaum dreißig gewesen, und zu Gerds vierzigstem Geburtstag hatten sie es eingeweiht. Ans Altsein hatten sie dabei nicht gedacht. Damals schien alles möglich und das Leben noch so unendlich lang. Und dann war alles viel zu schnell vergangen.
Das ist der Preis des glücklichen Lebens, hatte Doktor Weiß neulich gesagt. Nur dem Unglücklichen scheint die Zeit stillzustehen. Wie recht er doch hatte. Seit ihr Mann tot war, schienen Tage und Nächte oft kein Ende zu nehmen. Ächtzend erhob sie sich, um den Fernseher einzuschalten.

Im Kindle-Shop: Tante Fritzi - forever clever

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