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21. August 2017

'Die Moral des Todes' von Mark Franley

Eine Woche lang Weiterbildung in Berlin. Hauptkommissar Lewis Schneider ist sich sicher, dass es sich dabei nur um eine Bestrafung seines Chefs handeln kann. Als am Ende des ersten Seminartages eine schaurig inszenierte Leiche gefunden wird, nutzt er die Chance und versucht an den Ermittlungen beteiligt zu werden.

Ein Mord, ein Unglück ungekannten Ausmaßes und eine Reporterin, die zu viel weiß. Bereits die ersten Erkenntnisse der Mordkommission weisen darauf hin, dass es sich nicht um Zufälle handelt, und bald darauf steht fest, dass der Täter gerade erst mit seinem perfiden Spiel begonnen hat. Sein Ziel ist es, Angst und Schrecken zu verbreiten. Kein Mensch in dieser Stadt soll sich mehr sicher fühlen, sie sollen spüren, wie es ist, wenn man auf der anderen Seite steht.

Die Gründe für Lewis gespaltenes Verhältnis zu Berlin scheinen sich zu bestätigen. Kann er den Psychopathen aufhalten und ein Stück seiner Vergangenheit zum Guten wenden?

Für kurze Zeit zum Einführungspreis von nur 99 Cent.

Gleich lesen: Die Moral des Todes: Psychothriller

Leseprobe:
»Wie geht es Ihnen?«
Der Standardsatz klingt so abgedroschen wie immer. Ich bemühe mich und höre mich selbst sagen: »Ich hatte gute Tage.« Seine Augen zeigen eine erfreute Reaktion, ich habe meine Sache gut gemacht. Er schließt die Tür mit dieser eingeübten Bewegung, die sie alle draufhaben. Die linke Hand drückt die Tür ins Schloss, während die rechte bereits auf den mir zugedachten Stuhl zeigt. Der Boden unter meinen Schuhen fühlt sich weich an. Vielleicht auch einer dieser Tricks, um von vornherein für etwas Entspannung zu sorgen.
Während mir das kalte Kunstleder des Stuhls ein leichtes Frösteln über die Haut jagt, nimmt auch er Platz. Wie erwartet folgt der obligatorische Blick in meine Akte, dann hebt er den Kopf und mustert mich. Alles wie immer, wobei ich mich frage, für was dieser Blick in die Akte gut sein soll. Wir kennen uns inzwischen seit über einem Jahr und die Gespräche drehen sich immer um die gleichen Themen. Auf diesem Papier kann faktisch nichts Neues stehen.
»Sie wirken etwas abwesend, geht es Ihnen wirklich gut?«
Die Frage war gefährlich. Alarmiert schiebe ich meine eigentlichen Gedanken ein wenig zur Seite: »Ja … ja, alles gut. Ich musste nur gerade über Ihren Teppich nachdenken.«
»Über meinen Teppich?«
Ich habe ihn überrascht und damit abgelenkt, das ist gut. Nun vermittelt meine Körperhaltung eine Entspanntheit, die ich nicht habe, zumindest nicht mehr in dem Leben, das gemeinhin als normal bezeichnet wird. Meine Stimmlage trifft exakt den richtigen Plauderton, als ich erkläre: »Ihr Teppich fasziniert mich jedes Mal. Er vermittelt einem das Gefühl zu schweben. Darf ich fragen, wo man so etwas bekommt?«
Für einen kurzen Augenblick glaube ich, er hat mich durchschaut, aber so gut ist er nicht. Wie jeder Mensch, der ein Kompliment bekommt, kann auch er sich der Wirkung nicht entziehen. Mit dem Versuch, nicht auf dieser banalen Ebene zu bleiben, murmelt er wie nebenbei: »Ich gebe Ihnen später die Adresse des Ladens«, und mit einer Geste, die wichtig wirken soll, kehrt er zu dem eigentlichen Grund meines Besuchs zurück: »Sie sagten vorhin, dass Sie sehr gute Tage hatten. Wie darf ich das verstehen?«
Ich kenne deine Fallen, schießt es mir durch den Kopf, und ich antworte ohne jede Aggressivität in der Stimme: »Sehr gut waren sie nicht, das sagte ich auch nicht. Aber ja, ich hatte gute Tage.« Und nach der obligatorischen Pause füge ich hinzu: »Diese Geschichte, die Sie mir das letzte Mal erzählt haben. Wissen Sie noch? Die, in der es um das Kind mit den Alpträumen ging und darum, wie das Kind dagegen ankämpfen konnte. Diese Geschichte ist irgendwie hängen geblieben, und immer wenn es in mir dunkel wurde, konnte ich dem etwas entgegensetzen.«
BAM, das nächste Lob, und ich weiß: In dieser Sitzung kann er mir nichts mehr anhaben.
»Möchten Sie die Geschichte noch einmal hören?«
Ich nicke, denn genau das war der Grund, warum ich ihn gelobt habe. Solange er mir etwas vorliest, kann ich meinen Gedanken freien Lauf lassen und muss nicht ständig auf der Hut sein. Folglich antworte ich fürsorglich: »Haben wir denn noch so viel Zeit?«
Ein schneller Blick zur Uhr, eine Geste der Entspannung, dann greift er zum Buch. »Ja, das schaffen wir noch, und wenn es Ihnen so gut geholfen hat, kommt es auf ein paar Minuten mehr nicht an.«
Lüge, das Wort flammt in mir auf, als hätte jemand einen Scheinwerfer eingeschaltet. Prof. Dr. Gayer hat für einen Pflichtpatienten, wie ich einer bin, noch nie eine Minute mehr als nötig geopfert. Die Krankenkasse zahlt lausig und vor der Tür sitzt mit Sicherheit schon jemand, bei dem er ein Vielfaches abrechnen kann.
Während er das schmale Kinderbuch zur Hand nimmt, mache ich, was er mir bereits beim letzten Mal gesagt hat. Ich lehne mich zurück, schließe die Augen und tue, als würde ich seiner Stimme lauschen.
Natürlich höre ich nicht zu. Erstens ist mir die Geschichte scheißegal und zweitens ist der Mann ein furchtbarer Vorleser. Ob ich ihn vielleicht doch töten sollte, kommt es mir wieder einmal in den Sinn, aber eigentlich habe ich dieses Thema bereits abgehakt. Es wäre einfach nur dumm und schon zu viele sind an ihren dummen Fehlern gescheitert. Außerdem halte ich den Mann für keinen schlechten Psychiater. Im Gegensatz zu manchen anderen lässt er sich nicht zu voreiligen Schlüssen hinreißen und was das Wichtigste ist, er versucht, das Gute in jedem zu sehen. Ein Umstand, der ihm vermutlich gerade das Leben rettet. Prof. Dr. Gayer macht, was er gelernt hat, und bei den meisten seiner Patienten gelingt ihm vielleicht tatsächlich der Blick hinter den Schädelknochen. Dass es bei Menschen wie mir nicht funktioniert, ist nicht seine Schuld. Gegen die Mauern in meinem Geist ist die Chinesische Mauer nicht mehr als ein Blatt Papier. Nein, ich kann ihm wirklich nichts zum Vorwurf machen.

Zurück auf der Straße lobe ich mich selbst für die Abschiedszene. Meine Tränen der Erleichterung waren über jeden Zweifel erhaben und stimmten Prof. Dr. Gayer zuversichtlich, bald einen Abschlussbericht schreiben zu können. Es ist unglaublich, wie viel Zeit ich in meinem alten Leben darauf verschwendet habe, darüber nachzudenken, was andere von mir halten und wie ich es ihnen allen recht machen kann. Doch das ist vorbei, jetzt geht es nur noch um mich und darum, meinen göttlichen Auftrag auszuführen. Ich bin das Zentrum und da dies nicht jeder wahrhaben will, ziehe ich meine Konsequenzen.
»Es waren gute Tage«, sagte ich vor einer Stunde und in der Tat, das waren sie. Wie lange habe ich nach Antworten darauf gesucht, was dieser Dämon in mir eigentlich will? Wie haben mich seine tausend Gesichter malträtiert. Mal als Wutausbruch, mal in tiefer Traurigkeit, mal mit dem Messer über der Haut meiner Pulsadern. Dann las ich sie, diese eine kurze Geschichte. Es war ein plötzliches Begreifen von bestechender Klarheit. Nicht ich bin das Problem, es ist die Gesellschaft, die hinter der Maske aus Moral alles in Schutt und Asche legt.
Schließlich begriff ich, was mit Worten nicht zu vermitteln ist. Auge um Auge, Zahn um Zahn, etwas anderes versteht man damals wie heute nicht.
Er, mein erstes Geschenk an mich selbst, sitzt bereits in meinem Keller und wartet darauf, dem gegenüberzutreten, dessen Worte er mit Füßen getreten hat.
Jahrelang hat er geglaubt, Menschen manipulieren zu können. Im Namen einer falschen Moral hat er hochmütig Lügen erzählt und sein Wort als das einzig Wahre dargestellt.
Heute Nacht, nachdem ich ihm gezeigt habe, was für ein Unglück seine Macht über die Menschen gebracht hat, wird Gott die Hand ausstrecken und sich holen, was ihm gehört … eine weitere kalte Seele.
Noch ist es nicht so weit, bis zu meinem großen Auftritt bleibt mir genügend Zeit, und so beschließe ich, diesen ersten Paukenschlag zu feiern. Es ist ein komischer Gedanke, aber warum eigentlich nicht? Der kleine Supermarkt liegt auf dem Weg. Hier kennen mich die Leute, auch wenn wie immer niemand Notiz von mir nimmt.
Normalerweise liebe ich ein gut gebratenes Steak, ob es mir heute Abend schmecken wird, weiß ich allerdings noch nicht, dazu fehlen mir einfach die Erfahrungswerte. Egal.
Während mir die freundliche Verkäuferin ein zwei Finger dickes Stück Fleisch herunterschneidet, plaudern wir ein wenig über die anderen Kunden. Im Laufe eines Tages hat sie ständig mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun und ich verstehe nur zu gut, was sie über einige von ihnen denkt. Im Gegensatz zu mir steht sie noch immer ganz am Ende der Nahrungskette. Eine alternde, alleinerziehende Verkäuferin mit schmutziger Schürze entlockt den meisten Menschen allerhöchstens einen betroffenen Gedanken. Der großen Masse ist sie schlicht egal.
Mit den Worten »Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und lassen Sie sich nicht mehr ärgern« nehme ich das Bündel mit dem blutigen Fleisch entgegen und verabschiede mich. Sie lächelt, vielleicht das einzige Mal an diesem Tag.
Die weiteren Zutaten für meine kleine Privatfeier sind schnell gefunden und so verlasse ich zehn Minuten später den Laden. Eine gute Flasche Wein, roter natürlich, ein paar Zuckerschoten und ein paar Kroketten zu dem frischen Fleisch. Welch ein Leichenschmaus, denke ich schmunzelnd und gleichzeitig begreife ich, wie gut mir das alles tut. Es gleicht am ehesten einer Transplantation. Als ob man das faulige Stück Seele für eine Weile auslagert … Allerdings ist es auch, und dessen bin ich mir durchaus bewusst, eine Erleichterung auf Zeit. Doch wenn ich alles richtig mache, kann ich es jederzeit wiederholen, denn es gibt noch so viele von ihnen. Der Gedanke daran jagt mir einen wohligen Schauer über den Rücken.
Pünktlich um fünfzehn Uhr betrete ich den kleinen Raum im Keller meines Elternhauses. Früher habe ich hier meine Fotos entwickelt, doch seit es Digitaltechnik gibt, erübrigt sich das. Trotzdem steht alles, was man dazu benötigt, noch fein säuberlich abgedeckt in einer Ecke. Ich mag den Gedanken nicht, aber vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem ich die jetzige Bestimmung dieses Raums leugnen muss.
In Gedanken noch nicht ganz bei der Sache werfe ich zunächst nur einen flüchtigen Blick auf ihn, wobei ich feststelle, dass es nun auch genug ist. Diese schmalen braunen Augen, das inzwischen ungewaschene Haar und der Mund, mit dem er mich einlullen wollte, erzeugen nur noch Ekel in mir. Alles, was ihn noch ein kleines bisschen interessant macht, ist diese Angst, die er ausstrahlt und mit der er mir nur noch mehr Macht verleiht.
Ohne auf das wehleidige Gewinsel einzugehen, klappe ich den mitgebrachten Laptop auf und sage: »Ich werde dir jetzt den Knebel abnehmen und dir etwas zu trinken geben. Anschließend wirst du mir die Passwörter für deine Konten bei den sozialen Netzwerken geben und mir mit deinen Worten einen Text an deine Anhänger diktieren. Hast du das verstanden?«
Er nickt, aber in seinem Blick liegt keine Zustimmung. Ich stelle den Laptop auf den Stuhl, der ihm gegenübersteht, trete hinter ihn und löse den Knoten des Tuchs, das ihn am Reden hindert. Doch bevor ich den Stoff freigebe, beuge ich mich an sein Ohr und flüstere: »Nicht dass wir uns falsch verstehen, dein Leben wird davon abhängen, ob ich mit der Zusammenarbeit zufrieden bin. Du solltest dir also Mühe geben.« Er nickt erneut und ich nehme den Knebel aus seinem Mund. Seine ersten Sprechversuche sind so jämmerlich wie alles an ihm. Er bekommt das versprochene Wasser, trinkt gierig und fragt dann mit rauer Stimme: »Was soll ich tun?«
»Zuerst die Passwörter für Facebook, Twitter und den Zugang für deine Parteien-Website.«
»Warum?«
Der Schlag ins Gesicht trifft ihn völlig unerwartet und hinterlässt eine kleine Platzwunde über dem Auge. Eigentlich kann ich mit dieser Form von Gewalt nichts anfangen, habe aber keine Zeit für Spielchen. Ich setze mich auf den Stuhl, lege den Laptop auf meine Oberschenkel und frage ruhig: »Wie lauten die Passwörter?«
Er räuspert sich, zwinkert das Blut aus seinem linken Auge und sagt widerwillig: »Adolf1939 … bei allen drei Seiten.«
»Hätte ich mir denken können«, murmele ich und tippe die Buchstaben in die entsprechenden Felder der bereits geöffneten Internetseiten

Im Kindle-Shop: Die Moral des Todes: Psychothriller

Mehr über und von Mark Franley auf seiner Website.



18. August 2017

'Sternenreich - Rebellen des Imperiums' von Andreas Kohn

'STERNENREICH – Rebellen des Imperiums' ist eine Science-Fiction-Reihe aus sechs Bänden. Der Umfang von 70-100 Seiten der Print-Versionen entspricht etwas mehr als dem eines klassischen Heftromans und ist exklusiv auf AMAZON als Taschenheft und Kindle-Version erhältlich. Über die Kindle Leihbücherei auch kostenlos.



Die Handlung der klassischen Space-Opera spielt, von Heute aus gesehen, etwa 5000 Jahre in der Zukunft. Der Menschheit ist es gelungen zu den Sternen zu reisen. Ungehemmt breitete sich der Mensch über den Spiralarm der heimatlichen Galaxis aus und besiedelte ein System nach dem anderen. Meistenteils auch ohne Rücksicht auf jene Zivilisationen zu nehmen, die bis dahin noch nicht einmal in der Lage waren, ihren eigenen Planeten zu verlassen. Zur Handlungszeit ist dieser Expansionsdrang jedoch seit einigen hundert Jahren erlahmt und durch ein friedliches miteinander ersetzt.

Die Protagonistin Tanja aka Tanjatabata Penelopa deTiera ist, als designierte Nachfolgerin auf den Kaiserthron ihres Vaters, das Ziel bislang unbekannter Mächte. Gleichzeitig werden am Hof von Imperium Prime die Fäden gesponnen, um den herrschenden Kaiser zu ersetzen und die alte "Herrlichkeit" wieder herzustellen.

Die Bände 1 bis 3 sind zusammengefasst als Sammelband erhältlich.

Gleich lesen: Sternenreich - Rebellen des Imperiums (Reihe in 6 Bänden)

Leseprobe:
»Noch zwei ganze Jahre«, schimpfte Gisbert laut. Hören konnte ihn, außer Lopold im Cockpit vielleicht, niemand. Der Hangar war durch Prallschirme in würfelförmige fünfzig mal fünfzig Meter große Sektionen gegen einen möglichen Druckverlust unterteilt. Man konnte zwar gegen einen gewissen Widerstand hindurchgehen, aber Schallwellen wurden einfach verschluckt.
Dass Lopold ihm über das Headset offenbar zugehört hatte, bewies die Antwort in Form des meckernden Lachens.
Er lag auf einem Rollbrett unter dem hinteren Ende des Backbord-Flügels der Fähre und versuchte kopfüber an einer Stellschraube einen Grünwert auf dem Messgerät, das er neben sich abgestellt hatte, zu erreichen. Wann immer er die Schraube einen Hauch nach rechts oder links drehte, leuchtete für einen Augenblick das grüne Lämpchen auf, um dann sofort wieder auf Rot umzuspringen.
»Wenn du nicht immer so mit deinem Schicksal hadern würdest, Gis, hättest du sicherlich auch viel mehr Spaß in deinem Job!« Wieder ließ der kleine Sympather seinem Lachen über den Funk freien Lauf. Solche Neckereien hatten sie bereits lange bevor sie in die Garde aufgenommen worden waren, getrieben.
»Ihr braucht jetzt nicht wirklich noch zwei Jahre, oder?«
Die Stimme, die Gisbert ’Gis’ Mortens gerade vernehmen konnte, kam nicht über den Funk, sondern von dort wo sich ungefähr seine Füße befanden. Er schaute über seinen Bauch in Richtung seiner Zehen und stieß sofort mit der Stirn gegen die herunterhängende Wartungsklappe über sich. Ungehalten über den Schmerz und die Störung seiner Arbeit, rutschte ihm auch noch der Prüfstift aus der Hand, mit dem er die Stellschraube bearbeitet hatte.
»Wer will das wissen?«, fragte er, während er auf seinem Brett unter der Fähre hervorrollte. Direkt über ihm stand, die Hände in die Hüften gestemmt, Lavina. Er kannte sie nur vom Sehen. Ihr blondes, schulterlanges Haar, der wohlproportionierte Körper und ihr neckisches Lachen hatten sich ihm aber schon lange in die Windungen seines Gehirns gebrannt. Plötzlich waren der Schmerz und die noch nicht abgeschlossene Arbeit vergessen und machten der Freude, seiner Angebeteten endlich etwas näher zu sein, Platz.
Wie oft hatte Lopold ihn aufgefordert, sie anzusprechen, wenn er sie schon so anschmachtete. Aber nie hatte er die Gelegenheit als passend empfunden. Bei dem Versuch, schnell und elegant aufzustehen, um ihr Auge in Auge gegenüberzustehen, stieß er erneut irgendwo dagegen. Dieses Mal war es der Auslassstutzen einer Steuerdüse.
Er ahnte, dass er für sie auf ewig der dumme Trottel sein würde, der seine Gliedmaßen nicht unter Kontrolle hatte. Ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung, nicht einmal einen Hauch von Schadenfreude. Mit zusammengepressten Lippen starrte sie ihn voller Ernst an.
»Das ist dein Schiff?«, stotterte Gisbert. Er wusste, dass sie Pilotin war. Dass sie aber die imperiale Fähre steuerte, war ihm neu. Andererseits hätte sie, wenn nicht, wohl kaum einen Grund gehabt, hier aufzutauchen.
»Was ist nun? Ich muss die Fähre morgen wohl zur REBEL DEFIANCE überführen. Ist der Annäherungssensor nun kalibriert oder nicht?«
»Er ist nahe dran. Funktioniert einwandfrei«, stotterte Gisbert erneut. »Für hundertprozentige Leistung müsste er aber besser irgendwann ausgetauscht werden.«
Lavina wollte erst mürrisch noch einen bösen Spruch nachlegen, entschied sich dann aber für ein eher gemäßigtes Vorgehen. Es ist wie mit Zahnärzten und Friseuren, dachte sie. Mit denen sollte man es sich nie verscherzen, wenn man nicht mit Schmerzen oder einer schiefen Frisur nach Hause gehen wollte. Schließlich hing unter Umständen das eigene Leben von der Fingerfertigkeit eines Wartungstechnikers ab.
»Du bist Gisbert Mertens?«
»Mortens«, korrigierte er sie. »Kannst aber Gis zu mir sagen.«
So richtig interessierte sich Lavina nicht für ihn. Das merkte Gis sofort. Denn ihr suchender Blick ging an ihm vorbei in die offene Schleuse der Fähre.
»Verlässt du denn dann die NOVALIT?«, versuchte Gisbert ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken.
Er wusste wonach, beziehungsweise nach wem sie Ausschau hielt. Alle Sympather hatten bei den Frauen ein Stein im Brett. Und unter normalen Umständen brachte einem die Freundschaft mit einem Sympather ohne Probleme reihenweise Frauenbekanntschaften ein. Leider war Lopold etwas aus der Art geschlagen. Er hatte mittlerweile eine tiefe Abneigung gegen die Avancen menschlicher Frauen entwickelt. Was wiederum umgekehrt proportionale Auswirkungen auf Gisberts Liebesleben hatte. Das komische war, mittlerweile mussten alle Frauen an Bord der NOVALIT wissen, dass Lopold anders war. Trotzdem hielt es sie nicht davon ab, ihn anzuschmachten. Da war irgendetwas Chemisches mit im Spiel.
Lopold hatte gesagt, dass Sympather wohl unbewusst ein Pheromon abgaben, das auf das weibliche Geschlecht eine magische Anziehungskraft ausübte.
Dafür straften sie Gisbert umso mehr und machten ihn mehr oder weniger dafür verantwortlich, dass das so war.
»Lopold ist im Cockpit«, sagte Gisbert resignierend.
Wenn Lopold wenigstens einmal ein Einsehen hätte und wenigstens ihm zuliebe mitspielen würde, dachte er. Aber nein. Der feine Herr drehte förmlich durch, wenn ihm menschliche Weibchen zu dicht auf den Pelz rückten.
Wie zur Bestätigung seiner Annahme drückte sich Lavina an ihm vorbei und trat auf die Rampe, die vom Heck aus in die Fähre führte.
»Ich geh mal schauen, ob an Bord alles in Ordnung ist«, sagte sie und ließ Gisbert links liegen. Gisbert dagegen schüttelte seufzend den Kopf und schaltete sein Headset wieder ein.
»Lo. Du bekommst Besuch.«

Im Kindle-Shop: Sternenreich - Rebellen des Imperiums (Reihe in 6 Bänden)

Mehr über und von Andreas Kohn auf ihrer Website.



17. August 2017

'Angelina: Alles im Zeichen der Liebe' von Monica Bellini

Die 3jährige Angelina Soriano verschwindet im Juli 1984 spurlos aus der Chicagoer Wohnung, in der ihre Eltern kurz zuvor von der Mafia hingerichtet wurden. Im Juni 2007 wird die 25jährige Studentin Angelina Arriola beim Verlassen der Universität entführt – und verschwindet spurlos.

Fünf Jahre später taucht eine bildschöne, unnahbare Frau in Los Angeles auf. Ihre finanziellen Mittel scheinen unendlich, ihre Kontakte zu den Mächtigen der Stadt die allerbesten. Innerhalb kürzester Zeit eröffnet sie einen Nachtclub, der seinesgleichen sucht. Sie wird von Frauen beneidet, von Männern begehrt. Ihr Leben scheint keine Wünsche offen zu lassen – doch sie hasst es. Von Oberflächlichkeit und Gleichgültigkeit umgeben, versucht sie, in einer Scheinwelt ohne Tiefgang und Liebe, die Vergangenheit zu vergessen – was ihr zumindest nachts, in ihrem Club, zu gelingen scheint. Bis zu dem Tag, an dem zwei Männer unbemerkt in das angeblich uneinnehmbare Zentrum ihres Rückzugsortes eindringen. Sie, die stets jeden Annäherungsversuch abblockt, wird plötzlich physisch bedroht.

Wird ihr Securitychef Rodney Carmichael, mit dem sie ein emotional prickelndes, jedoch wortloses Spiel verbindet, die Gefahr erkennen? Kann es für sie, deren Vergangenheit todbringende Geheimnisse birgt, eine Zukunft geben – und womöglich Liebe?

Gleich lesen: Angelina: Alles im Zeichen der Liebe

Leseprobe:
Das Licht im Gang flammt auf. Meine Absätze hallen bei jedem Schritt auf dem marmornen Boden wider. Ich gehe an den Lagerräumen vorbei und nehme die Treppe in den ersten Stock, der um diese Uhrzeit verwaist ist. Tagsüber arbeiten hier die für den reibungslosen Ablauf des Clubs Verantwortlichen. Waren müssen bestellt, die Einnahmen kontrolliert, die Ausgaben bezahlt und verbucht, und die Sicherheit von Mitarbeitern und Gästen garantiert werden. Die betreffenden Räume sind verschlossen, so wie mein Büro, zu dem nur ich Zutritt habe. Ich tippe den Code ein, die Tür entriegelt sich mit dem typischen, leisen Klicken, ich drehe den Türknauf und stoße sie auf. Die stummen Bilder der Überwachungsbildschirme tauchen das geräumige Zimmer in ein schwaches Licht. Wie immer fällt die Tür ins Schloss, während ich, ohne die Deckenbeleuchtung anzumachen, auf meinen Schreibtisch zugehe.
Ich komme nicht weit.
Jemand umfasst mich von hinten und blockiert meine Arme. Die Clutch entgleitet meinen Fingern und ich schreie auf. Laut. Ein sinnloses Unterfangen, da der gesamte Club schalldicht isoliert ist. Niemand wird mich hören. Aber in diesem Moment geht meine Logik flöten und die Angst nimmt von meinem ganzen Körper Besitz wie das Feuer von einem Strohballen.
»Schhhh«, raunt mir der Angreifer zu. »Wenn du tust, was wir wollen, geschieht dir nichts.«
Ich trete mit dem Absatz dorthin, wo ich seinen Fuß vermute. Ein heiseres Lachen antwortet mir. Noch bevor ich einen zweiten Versuch starten kann, blockiert er meinen Widerstand, indem er mich ganz einfach hochhebt und fest an sich drückt. Der Mann ist durchtrainiert und kräftig, aber schlank. Ich kann seine harten Muskeln an meinem Rücken spüren. Mein Herz rast wie wild. In wenigen Zehntelsekunden wäge ich meine Chancen ab.
»Es ist zwecklos, und du weißt es.« Ich erschauere erneut. Wer auch immer jetzt spricht, ist rechts von mir. Ich reiße den Kopf herum, erkenne schemenhaft eine Figur auf dem Sofa.
»Was wollt ihr?«, stoße ich in seine Richtung hervor, als mich der andere, der mich festhält, vorsichtig nach unten gleiten lässt, bis meine High Heels wieder das Parkett berühren. Nun schiebt er mich eng an sich gedrückt vor sich her. Ich spüre seine ausgeprägte Brustmuskulatur an meinem Rücken und eine riesige Beule an meinem Po. Ich schlucke.
»Ich habe kein Geld hier«, keuche ich während des Versuchs, meine Füße in den Boden zu stemmen, was mit den glatten Sohlen meiner Louboutins komplett idiotisch ist. »Wir arbeiten ...«
»... bargeldlos«, fällt mir mein Gegenüber ins Wort und doziert weiter, als ob er eine Vorlesung halten wollte. »Das macht es Übelgesinnten viel einfacher, weil sie dich von überall auf der Welt angreifen können. Um deine Konten leer zu räumen und an die Kundenkartei zu kommen, deren Veröffentlichung einige Lobbys auf den Kopf stellen könnte, müssen sie nur ein paar Firewalls überwinden, ohne dabei deinem Wahnsinnskörper nahezukommen.« Ich schlucke, er spricht mit einem Unterton, der nichts Gutes verheißt, weiter: »Ganz im Gegensatz zu uns, die wir es genau auf diesen abgesehen haben.«
Seine Worte lösen in mir etwas aus, das ich schon ewig nicht mehr verspürt habe. Meine Angst weicht einem undefinierbaren Prickeln. Die Vorstellung, dass zwei Männer in mein Büro eingedrungen sind, weil sie MICH wollen, lässt meine Klit anschwellen. Meine Schamlippen öffnen sich erwartungsvoll wie Blütenblätter vor einem Schwarm Bienen.
Der Typ, der sich gegen meinen Rücken presst, reibt sein Becken an meinem Hintern. Selbst durch den Rock kann ich spüren, wie angespannt sein Körper ist. Ich stöhne auf, als er die harte Wölbung in meine Pospalte drückt. Er knurrt, lockert den Klammergriff, umfasst meine Handgelenke mit nur einer Hand und zieht mit der anderen langsam den Zipp meiner Lederjacke nach unten.
»Was ...« Ich weiß nicht, was mehr zittert. Meine Stimme oder meine Knie.
»Schhhh«, raunt der hinter mir, schiebt die Jacke von meiner Schulter und leckt mit seiner Zunge vom Schlüsselbein zum Hals, weiter zum Kinn. Meine Beine fühlen sich an wie Wackelpudding, aber noch bevor ich zu Boden gehen kann, legen sich von vorne zwei Hände stützend an meine Hüften.
Ich starre in das Halbdunkel, suche das Gesicht, das vor mir sein muss. Sinnliche Lippen, Dreitagebart, breite Nase, helle Haut. Und eine schwarze Augenmaske. Nur das Weiße um seine Iriden ist erkennbar, sonst ist alles dunkel. Er geht vor mir in die Knie, seine rechte Hand gleitet durch den Rockschlitz an die Innenseite meines Schenkels und streicht über die Spitzenbordüre. Sanft gleiten seine Finger höher, berühren die Seide, die meinen Venushügel bedeckt. Ein verräterisches Beben erfasst meinen Köper.

Im Kindle-Shop: Angelina: Alles im Zeichen der Liebe

Mehr über und von Monica Bellini auf ihrer Website.



16. August 2017

'Der Flug der Libellen' von H.C. Scherf

Seit Jahren verschwinden Prostituierte im Ruhrgebiet.
Keine Leichen. Keine Spuren.
Nichts kann den Killer aufhalten.

Die erst 10jährige Andrea Lesbe und ihr gleichaltriger Freund leiden schon in der Schule unter Mobbing. Die Mitschüler machen ihnen das Leben zur Hölle. Was die Kinder zu diesem Zeitpunkt nicht wissen können: Ein Hurenmörder beginnt gleichzeitig sein perfides Werk. Unaufhaltsam verbindet sich ihr Schicksal mit dem des irren Killers. Als Andrea als Erwachsene wieder in ihre Heimatstadt Essen zieht, trifft sie nicht nur auf den einstigen treuen Freund. Sie begegnet auch einem geheimnisvollen Fremden, der sie magisch anzieht.

Hauptkommissar Schlicht ermittelt mit seiner Soko seit 16 Jahren erfolglos im Fall eines vermissten Kindes und der beängstigenden Mordserie. Erst als der Killer die Abstände seiner grausamen Taten verkürzt, finden sich erste Spuren. Damit das Geheimnis um den Serienkiller gelüftet werden kann, müssen die Beteiligten in den Vorhof zur Hölle hinabsteigen. Erst dort begegnen sie der grausamen Wahrheit.

»Ein Thriller, der die schmale Kluft zwischen Normalität und dem menschlichen Wahnsinn spannend beschreibt.«

Gleich lesen: Der Flug der Libellen

Leseprobe:
Da war es wieder, dieses Geräusch. Als würde jemand in einem Nebenraum mit schweren Ketten hantieren, sie sortieren oder verschieben. Die Dunkelheit ließ es nicht zu, dass ich auch nur das Geringste wahrnehmen konnte. Doch hatte sich in den letzten Tagen mein Gehör enorm geschärft. Ich wusste genau, wo sich die schwere Holztür befand, die der Kerl nach jedem Besuch wieder sorgfältig verriegelte. Ich glaubte, den Lichtschalter erkennen zu können, der direkt neben dem Eingang aus dem bröckeligen Putz an einem Kabel herausragte. Immer wenn er an diesem Porzellanschalter drehte, erleuchtete eine elend schwache Glühbirne diesen schrecklichen Raum. Dann konnte ich meine achtbeinigen Mitbewohner schemenhaft erkennen, die sich schon vor langer Zeit ihr Zuhause in dichten Netzen in den Zimmerecken geschaffen hatten.
Den Ekel hatte ich längst überwunden, den der feuchte Modergeruch in meinen Eingeweiden hervorgerufen hatte. Das sorgte sogar dafür, dass ich dieses Etwas, das er mir einmal am Tag als Essen in einer Metallschale servierte, durch die Kehle bekam und im Magen behielt. Das war nicht immer so, was die große Menge an Erbrochenem um mich herum eindrucksvoll bewies. Das hatte sich mittlerweile mit den Exkrementen vermischt, die ich notgedrungen, ohne weiter darüber nachzudenken, unter mich ließ. Der Urin und der Kot brannten auf meiner Haut und hatten zu Entzündungen geführt. Niemals wollte ich wissen, was sich tatsächlich in diesem Napf befand, aus dem er mich wie ein Kind fütterte. Mit wenigen Schlucken des erstaunlich sauberen Wassers schaffte ich es mittlerweile, den gröbsten Hunger und Durst zu stillen. Ich hatte mir geschworen, nicht aufzugeben, dieses Martyrium zu ertragen ... durchzuhalten bis zum bitteren Ende. Man würde mich suchen und finden, da war ich mir sicher, denn es war die letzte Hoffnung, die mich am Leben erhielt.
Die Kälte in den Gliedern spürte ich schon seit längerer Zeit nicht mehr, dafür waren die eng angelegten Kabelbinder verantwortlich, die Hände und Füße zusammenschnürten. Das ausgetretene Blut machte sich nun schmerzhaft bei jeder Bewegung bemerkbar, nachdem es sich pulverisiert unter die Fesseln geschoben hatte. Das ließ sich nicht verhindern, da ich versuchen musste, den Blutkreislauf in Gang zu halten. Meine Position veränderte ich ebenfalls laufend, da die Glieder erste Taubheitsgefühle zeigten. Ich näherte mich unaufhaltsam dem Punkt, an dem ich mir wünschte, dass dieser Wahnsinnige endlich sein perfides Werk beendete und mir die Gnade des Sterbens erwies. Längst war mein Verstand sich darüber im Klaren, dass ich diese Kammer niemals wieder lebend verlassen würde. Dafür wusste ich bereits zu viel über dieses bemitleidenswerte Wesen.
Während aus einem der umliegenden Räume weiter leises Gewinsel zu hören war, lief dieser Film vor meinen Augen ab, der mich an den weit zurückliegenden Punkt in meiner Kindheit führte, an dem eigentlich alles begann ...

Im Kindle-Shop: Der Flug der Libellen

Mehr über und von H.C. Scherf auf seiner Facebook-Seite.



15. August 2017

'Ich schenke dir den Tod' von Ralf Gebhardt

Mit dem Fund der verbrannten Überreste einer weiblichen Leiche beginnt für den halleschen Kriminalhauptkommissar Richard Störmer ein Wettlauf mit einem Entführer und Serienmörder, an dem er zu zerbrechen droht. Nahezu zeitgleich mit dem Fund einer zweiten Leiche werden mehrere Frauen während eines Klassentreffens auf dem Mansfelder Jugendherbergs-Schloss entführt, gefoltert und verbrannt.

Störmer stellt eine Verbindung zwischen den Entführungen und den gefundenen Leichen her. Der Fall sorgt für Unruhe im Privatleben von Störmer. Er verliebt sich in seine neue Nachbarin, eine Krimiautorin. Zeitgleich taucht seine fast volljährige Tochter Verena auf und bittet ihn um Hilfe. Als der Psychopath dann einen Freund von Störmer ermordet, entwickelt sich der Fall zu einem persönlichen Albtraum …

Gleich lesen:
Für Kindle: Ich schenke dir den Tod (Krimi 39)
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
(Vor dreißig Jahren)
Er wollte nicht böse sein.
Im Moment konnte er kaum unterscheiden, was schlimmer war: das Zittern seiner Hände oder die Hungerkrämpfe. Vorsichtig öffnete er die massive Holztür mit der altdeutschen Aufschrift „Luftschutzkeller, geeignet für vier Personen“.
Gierig sog der Junge die Sommerhitze ein, würgte die Vorahnung herunter. Nasskalter Moder umfing ihn schon auf der obersten Treppenstufe, ein fürchterlicher Gestank in einer zähen Mischung aus Früher und Heute. Rasch zog er die Tür hinter sich zu, damit ihm die Fliegen nicht folgten. Sein Rucksack mit der gestern gekauften Desinfektionsmittelflasche war leicht. Für Lebensmittel hatte das Geld nicht mehr gereicht. Der Monatsscheck war noch nicht in der Post gewesen.

Er folgte den ausgetretenen Sandsteinstufen und genoss die Stille des Ortes. Im flackernden Halbdunkel einer fast verbrannten Kerze konnte er ihre Gestalt auf der Liege ausmachen. Bevor er herantrat, stellte er den Rucksack mit der Flasche auf ein Regal. Dann beugte er sich hinab, um zu prüfen, ob sie atmete. Erschrocken zuckte er zurück, als sie die Augen öffnete und ihn gleichzeitig ein Schwall grün-galliger Speichelmasse nur knapp verfehlte. Geduldig wartete er das Ende eines Hustenanfalls ab und rollte ihre fleckige Wolldecke zurück.
Es wird gleich wehtun, dachte er bei sich.
Er nahm seinen alten Walkman, stülpte die Kopfhörer über und schob die Lautstärke fast auf Anschlag. Schließlich drehte er die Flasche mit dem Desinfektionsmittel auf und tränkte ein Geschirrtuch. Dann löste er die Fessel an ihrer linken Hand. Routiniert wischte er in einer schnellen Bewegung unter dem Lederriemen durch. Die klapprige Frau schrie auf. Dank der Musik sah er nur ihr verzerrtes Gesicht. Anschließend befreite er die rechte Hand. Ein Wisch mit dem Geschirrtuch ließ sie erneut das Gesicht verzerren. Jetzt erst sah er, dass sie weinte.
Mit einer Ecke des Tuches tupfte er ihr die Schweißperlen von der Stirn. Zufrieden bemerkte er, dass ihr Fieber gesunken war. Er wischte weiter, schließlich unter der Kleidung, darauf bedacht, jederzeit ausweichen zu können. Einmal, erinnerte er sich, hatte sie ihn mit ihren zahnlosen Kiefern gepackt und mit der Kraft eines Schraubstockes zugebissen, sodass das Fleisch an seinem Arm fast bis zum Knochen zerquetscht wurde. Von da an war er vorsichtig.
Er sah nicht hin, als er ihren Unterleib entblößte. Für einen kurzen Moment hörte er auf zu atmen. Dann griff er mit beiden Händen in die eklige, breiige Masse, die aus aufgequollenen Papier- und Stofffetzen bestand. Hastig stopfte er alles in eine Mülltüte. Mit dem Geschirrtuch wischte er gründlich nach, auch an den Stellen, wo er Entzündungen vermutete. Sie wimmerte. Wenn er wieder Geld hätte, würde er vielleicht richtige Windeln kaufen. Jetzt musste genügen, was da war.

Die Musik wummerte weiter in seinen Ohren, als er die mageren Beine säuberte. Damit sie nicht von der Liege fiel, beließ er die Fesseln an den Fußgelenken, umwischte sie nur mit einem Schwall Desinfektionsmittel. Zum Schluss faltete er das Tuch zu einer provisorischen Windel. Den letzten Rest aus der Flasche brauchte er, um seine eigenen Hände zu reinigen. Manchmal träumte er davon, sich Handschuhe zu kaufen.
Zufrieden schob er den Walkman in den Rucksack zurück.
Körperpflege war wichtig. Außerdem musste sie bei Kräften bleiben. Deshalb griff er nach einem angebrochenen Glas Babynahrung. Er warf zwei Beruhigungstabletten hinein und bückte sich nach der Blechschüssel, mit der er das von den Wänden laufende Wasser aufgefangen hatte. Es war genug Wasser da, um die Babynahrung zu verdünnen.
Er schüttelte das Glas, bis sich eine lockere Masse gebildet hatte. Sie versuchte, ihren Mund geschlossen zu halten. Aber dazu war sie inzwischen zu schwach. Ein kurzer Druck auf ihr Kinn genügte. Schnell schüttete er den Brei hinein, presste seine Hand auf ihren Mund und rieb ihre Kehle so lange, bis sie schluckte.

Später hörte sie auf zu weinen und sah ihn an. Die graugelbe Haut bildete einen scharfen Kontrast zum irren Glanz ihrer Augen, der dem bläulichen Flügelschlag einer schillernden Schmeißfliege ähnelte. Ihm schauderte.
Der Arzt hatte vor einiger Zeit gemeint, dass sie sich in wenigen Tagen erholen würde. Irgendwann verging jeder Anfall, das wusste er. Er hatte Angst um sie und wünschte sich sehr, sie bald wieder mit nach oben zu nehmen. Dann würde er auch wieder für sie tanzen. Er würde ihre lachenden Augen sehen, wenn er die blanken Elektrodrähte zwischen die eigenen Zehen steckte, um sich zuckend im Strom zu bewegen. Dass er danach Turnschuhe statt Sandalen tragen musste, störte ihn nicht. Wichtiger war, dass die anderen Kinder die schwarzen Brandstellen an seinen Füßen nicht sahen.
Er legte seine Stirn an die ihre: Alles wird gut. Du musst gesund werden, ja? Und ich werde tanzen.
Vorsichtig schob er ihre Hände zurück unter die Lederfesseln, sie ließ es geschehen. Kurz strich ihre aufgequollene Zunge über die rissigen Lippen. Ihr Atem wurde gleichmäßiger, sie schlief.
Zuletzt legte er die Wolldecke wieder über den fiebrigen Körper, griff seinen Rucksack, erneuerte die Kerze und stieg nach oben. Auf der letzten Stufe bekreuzigte er sich. Dann betete er leise zur Mutter Gottes.

Im Kindle-Shop: Ich schenke dir den Tod (Krimi 39)
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Ralf Gebhardt auf seiner Website.



14. August 2017

'Die Braut' von Katrin Thiele

Eigentlich ist Felix mit seinem Leben ganz zufrieden. Seit seinem Umzug aufs Land sind die Kneipennächte in Hamburg reduziert und seine beruflichen Ambitionen tendieren unverändert gen Null.

Doch eine Nacht ändert alles. Am Rande der Elbchaussee entdeckt er eine verstörte Braut. Obwohl sie kein Wort spricht und die Flecken auf ihrem Kleid verdächtig nach Blut aussehen, nimmt er sie mit zu sich. Die Braut entpuppt sich als reiche Reederstochter Mara Römberg, deren Bräutigam erschossen wurde. Felix überwindet seine Abneigung gegen geregelte Arbeit und schleicht sich in der Römberg-Familie als Chauffeur ein.

Je tiefer er in die Familiengeheimnisse eintaucht, desto verwirrender wird seine Suche nach der Wahrheit, doch zum ersten Mal im Leben ist Felix entschlossen, eine Sache durchzuziehen. Selbst wenn er dadurch in Lebensgefahr gerät …

Gleich lesen: Die Braut - Kriminalroman

Leseprobe:
Links und rechts der Elbchaussee waberten Nebelschwaden durch die nächtliche Stadt. Die Straße selbst lag wie ein dunkles Tuch vor mir. Die Villen an beiden Seiten wirkten wie stumme Wächter und kein Windhauch bewegte die Zweige der Bäume in den großzügigen Gärten. Neben dem leicht stotternden Geräusch des Motors meiner altersschwachen Corvette, zerriss draußen nichts die watteartige Stille. Außer mir schien kaum jemand unterwegs zu sein in dieser Novembernacht. Es war schon eine Weile her, dass mir das letzte Mal ein Auto entgegengekommen war.
Wie so oft genoss ich die nächtliche Einsamkeit. Bis auf die Kälte, die langsam auch den letzten Winkel meines Körpers erreicht hatte, ging es mir ausgesprochen gut. Der Abend bei Ben und Rica war wie immer toll gewesen. Das warme Gefühl in meinem Magen hing sowohl damit als auch mit dem fantastischen Drei-Gänge-Menü zusammen. Stundenlang haben wir über den Sinn und Unsinn des Lebens im Allgemeinen und meines im Besonderen gequatscht. Mein unerfülltes Liebesleben beschäftigte Ben schon immer mehr als mich und gelegentlich versuchte er, mir erleuchtend in den Arsch zu treten. Ohne Erfolg zwar, aber er bemühte sich. Seine Meinung war klar und drastisch. Er war sich sicher, dass ich die Frau meines Lebens nicht mal dann erkennen würde, wenn sie ein großes Schild hochhielte, auf dem stünde: Ich bin es, Felix. Deine Richtige!
Ben meinte, ich würde schnurstracks das Mädel daneben anhimmeln und das für mich bestimmte gar nicht wahrnehmen. Ich pflegte zu erwidern, dass er mich mal könne, er im Übrigen keine Ahnung habe und dass mir, wenn es soweit wäre, bestimmt meine Schicksalsgöttin einen entsprechenden Hinweis gäbe. Ben lachte dann und schüttelte amüsiert den Kopf. „Kann sein, aber den würdest du auch nicht bemerken.“ Nun, wir würden sehen.
Mangels funktionierender Heizung und weil ich außerdem kein Autoradio besaß, begann ich, laut zu singen. Singen regt den Kreislauf ungemein an und hilft, die Körpertemperatur zu steigern. Einen gegen Kälte wirksamen Alkohol-Schutz gab es heute nicht, ich hatte nur zwei kleine Scotchs intus. Es war allein Ricas Verdienst, dass ich nicht mit mehr Promille hinterm Steuer saß. Von Ben und Rica fuhr ich nie betrunken nach Hause, einfach aus dem Grund, weil Rica spätestens nach dem zweiten Drink entschieden alles Alkoholische aus meiner Nähe verbannte.
„Es würde mich nicht sehr überraschen, wenn Felix eines Tages seine Corvette um einen Baum wickelt und sein derzeit eher sinnloses Leben damit vorzeitig beendet. Aber er wird es nicht tun, nachdem er aus diesem Haus gekommen ist. Ist das klar, Jungs?“ Sie hatte mit ihrer typischen warmen Stimme gesprochen und mich mit einem beinahe zärtlichen Lächeln bedacht, und es gab keinerlei Zweifel, dass jeder Widerstand zwecklos wäre. Für das „derzeit“ liebte ich sie sehr. Diese Begebenheit lag zwar schon Jahre zurück, aber ihre Anordnung würde bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag gelten. Das wussten Ben und ich genau.
Mittlerweile war ich bei der letzten Strophe von Queens „The Show must go on“ angekommen, als ich das Singen abrupt beendete. Nicht etwa, weil ich feststellen musste, dass es vollkommen unmöglich ist, an Mercurys Stimme auch nur annähernd heranzukommen. Nein, das war mir schon lange klar. Ich hatte keine Ahnung, warum mir plötzlich eine Gänsehaut den Rücken herauf kroch. Sehr langsam und sehr unangenehm. Eine nahende Polizeikontrolle konnte es nicht sein, dann hätten sich nur leicht meine Nackenhaare aufgestellt. Ein untrügliches Warnzeichen, das mich noch niemals im Stich gelassen hatte. Meine Gänsehaut verstärkte sich, irgendetwas würde gleich passieren und noch immer hatte ich keine Ahnung, was das sein konnte. Auf das, was dann tatsächlich geschah, wäre ich in meinen verworrensten Träumen nicht gekommen. Ich sah eine Braut.
Ich hätte ihre Erscheinung sofort auf übermäßigen Alkoholkonsum geschoben, wenn ich nicht gewusst hätte, ausnahmsweise stocknüchtern zu sein. Alkoholbedingte Halluzinationen schieden also aus. Dennoch fiel es mir schwer zu glauben, dass das, was ich im Vorbeifahren gesehen hatte, real war. Sie wirkte wie eine Erscheinung aus anderen Sphären.
Selbst der kurze Moment, in dem das Scheinwerferlicht sie gestreift hatte, war ausreichend, mir beim Anblick ihrer überirdischen Schönheit den Atem stocken zu lassen.
Abgesehen von ihrem wundervollen Äußeren war ihre Aufmachung, gelinde gesagt, etwas unpassend für diese unfreundliche Novembernacht. Sie trug ein kurzärmliges, weißes Kleid, das bis auf den Boden reichte und seine besten Zeiten eindeutig hinter sich hatte. Es war zerrissen und schmutzig. Trotzdem war sie die schönste Braut, die ich jemals gesehen hatte.

Im Kindle-Shop: Die Braut - Kriminalroman



11. August 2017

'Iss was!? Zwischen Kuchenlust & Hungerfrust im Modelbiz' von Kate Delore

Der Sommer ist da und viele Frauen träumen von einer Bikinifigur. Wie aber sieht es aus, wenn man das ganze Jahr über gertenschlank sein soll? Wie hält man den Stress und das ständige Hungern aus? Und was passiert, wenn man plötzlich zunimmt ...?

Kate Delore erlebt während ihres Werdegangs als Model Höhen, Tiefen und jede Menge Überraschungen. Immer wieder gilt es, sich neu zu erfinden.

Charmant erzählt Kate vom Casting-Wahnsinn und bunt gestreuten Shootings für Kataloge, Magazine und Werbespots. Ein absoluter Traumberuf, wäre da nicht immer dieses Hungern, um kein Gramm zu viel auf die Waage zu bringen. Irgendwann reicht es ihr! Da sie ihren geliebten Beruf nicht aufgeben will, schlägt sie einen anderen Weg ein und springt auf den Zug der erfolgreichen Plus-Size-Models auf. Doch dann verändert ein persönlicher Schicksalsschlag wieder alles ...

Gleich lesen:
Für Kindle: Iss was!? Zwischen Kuchenlust & Hungerfrust im Modelbiz
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Essen ist Lebensfreude. Essen ist Genuss. Essen ist Entspannung. Das wusste ich nur allzu gut aus meinen gar nicht so weit zurückliegenden Plus-Size-Zeiten. Als Plus-Size-Model hatte ich es leicht gehabt: „Let’s get fat!“, so wie damals eine mollige amerikanische Modelkollegin freudig verkündete, als wir uns zu einem spontanen Dinner in New York trafen.
Nun war ich aber kein Übergrößen-Model mehr und so hatte ich fortan ein „kleines“ Problem: Wie alle anderen untergewichtigen Models musste ich bestimmte Kategorien von Essen wieder als meinen Feind betrachten.
Ich befand mich jetzt in der Kategorie „Size Zero“, musste es mit all den dünnen Models der harten Branche aufnehmen und versuchte, irgendwie mitzuhalten. Sämtliche Kohlenhydrate landeten auf meiner verbotenen Liste, also jegliche Arten von Nudeln und Brot (nur Knäckebrot erlaubte ich mir). Außerdem Käse generell (außer Hüttenkäse und Harzer Käse), jegliche Art von Wurst und Fleisch (Ausnahme: Hühnchen- oder Putenbrust) und leider musste auch mein Glücksfaktor Nummer 1 gestrichen werden: jegliche Art von Süßem! Dabei war ich doch mindestens zwölf Stunden am Tag der totale Chocoholic. Nun gut, das fettfreie süße Zeug, das Heidi Klum einmal genüsslich in der TV-Werbung zwischen ihren Zehen drapierte, kann man sich zwischendurch mal gönnen. Aber wem reichen davon nur zwei oder drei Stück? Ich bin der Typ des Ganz- oder Gar-nicht-Essers: Wenn ich eines probiere, muss ich die ganze Packung haben, so wie beim Verhalten mit einer Chipstüte. Das ist verteufelt und daher versuchte ich, gleich ganz die Finger davon zu lassen! Auch, wenn es mir jeden Tag schwergefallen ist.
Nur wenige Models können „eine Kuh verschlingen“, ohne dass es der Figur schadet – das erwähnte mal das Topmodel Gisele Bündchen beiläufig in einem Interview, womit sie mich ganz schön erstaunte. Diese Models haben einfach Glück mit ihrem Körper und ihrer schlechten Futterverwertung! Aber meiner Meinung nach führen mindestens 99 Prozent der anderen arbeitenden Models einen ähnlichen täglichen Kampf mit dem Essen wie ich. Es gibt nur selten jemand zu!
Es ist nicht so, dass ich je ein Schloss an meinen geliebten wie gehassten Kühlschrank gehängt hätte. Aber ich habe jeden Tag gedanklich meine geschätzten Kalorien gezählt oder sie in eine Liste eingetragen. So notierte ich jede Art von Lebensmittel, die ich zu mir nahm, um meine Maße und mein Gewicht unter Kontrolle zu haben. Der Rechner auf meinem Mobiltelefon glühte ganz schön! Das war beim Modeln eben für mich überlebenswichtig, denn sobald ich keine Übersicht über meine verspeisten Lebensmittel mehr hatte, gab es für mich auch kein Halten mehr, beherzt zuzugreifen.
Auch die Menschen um einen herum, vor allem andere Models, spielen eine Rolle. Einmal fuhr ich zu einem Shooting in den Bergen für einen bekannten Bekleidungshersteller, für den ich wieder frisch und schlank sein musste. Zusammen mit einer sehr, sehr schlanken schwarzhaarigen Modelkollegin, die von derselben Agentur gebucht war, fuhren wir in ihrem feinen, grau schimmernden Smart Cabrio an einem mit zarten Sonnenstrahlen gesegneten frühlingshaften Morgen in die schöne Berg- und Talwelt von Murnau bei Garmisch-Partenkirchen. Am verabredeten Parkplatz wurden wir von einem Mitarbeiter der Firma abgeholt und mussten zunächst eine geschlagene halbe Stunde über steinigen Untergrund wandern, bis wir zu der Location, einer Hütte gelangten. Auf einer Holzbank vor der Hütte wurden wir von einer Visagistin geschminkt und frisiert. Es war ganz schön kalt so früh am Morgen in den Bergen, ich zitterte. Frieren gehört allgemein zum Modeln dazu, wie ich festgestellt habe. Im Bikini im Schnee zu stehen und dabei immer noch gut auszusehen oder in leicht bekleideten Sommerklamotten bei kühlen Temperaturen sein Bestes zu geben und sich ja nicht anmerken zu lassen, wie kalt es wirklich ist – das sind die wahren Künste, die man als Model beherrschen sollte.
Ich riss mich am Riemen und dachte an warme Sonne, die auf meine Haut strahlt und mich wärmt. Nach kurzer Wartezeit ging es mit dem Einkleiden los und sodann mit dem Shooting. „Zieh den Bauch ein, Kate!“, eröffnete der Fotograf unser Zusammenspiel – und mein neues Shootingmotto. Lächelnd und strahlend stand ich vor einer rustikalen Berghütte und nahm in kurzer Zeit verschiedene Posen ein, nicht gekünstelt, sondern ganz im kommerziellen Stil. Ich wurde gefühlte 500 Mal fotografiert und schwupp, war es auch schon wieder vorbei. Das nächste Shooting war geschafft und mein Belohnungssystem setzte schlagartig ein. Noch bevor ich meine Mails auf meinem Handy checkte oder kurz prüfend in den Autospiegel blickte, griff ich bei der Heimfahrt als allererstes in mein mitgenommenes Goodie Bag – und holte zwei große Stücke meiner am Tag zuvor kreierten Kekstorte hervor. Auf diesen Augenblick des Genießens freute ich mich nach Shootings immer ganz besonders. Weil es mich eben so glücklich macht! Ich fühlte mich innerlich schon schlecht und beinahe ertappt, weil meine hübsche Modelkollegin sich nur ein zusammengeschrumpftes Vollkornbrötchen von der Tankstelle gönnte. Vielleicht würde sie mich ja an meine Agentur verpetzen, dass ich einmal nicht auf meinen Körper achtete? Oder vielleicht sogar, weil ich ihr gemeinerweise ein Stückchen meines Kuchens angeboten hatte? „Ihr müsst sofort Kate abmahnen! Sie wollte mich zum Fressen verleiten!“, sah ich in Gedanken schon den Modelprotest in meiner Agentur wie eine Lawine auf mich zurollen. Schließlich müssen Models immer auf ihre Linie achten und einen perfekten Körper haben.

Im Kindle-Shop: Iss was!? Zwischen Kuchenlust & Hungerfrust im Modelbiz
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Kate Delore auf ihrer Website.



10. August 2017

'Schmitts Hölle - Entscheidung' von Joachim Widmann

Dunkle Geschäfte, politische Ambitionen, einflussreiche Partner und Unterstützer im In- und Ausland sowie der absolute Wille zur Macht ergeben bei Ex-Geheimdienstler Ralf Karlbacher, einem hochrangigen Mitarbeiter des Bundeskanzleramts, eine höchst gefährliche Mischung.

BKA-Ermittlerin Sibel Schmitt ist ihm seit Monaten auf der Spur. Doch nach Terroranschlägen in deutschen Großstädten kommt eine gefährliche Dynamik in Gang, der sie kaum gewachsen ist: Karlbacher führt eine Gruppe Männer in hohen und höchsten Regierungsämtern an, die den Stimmungsumschwung mitten im Wahlkampf nutzen wollen, um ihre eigene Agenda durchzusetzen – auch gegen den Willen des Kanzlers.

Um am Ende selbst Spitzenkandidat zu werden, ist Karlbacher jedes Mittel recht, er verfolgt sein Ziel ohne Skrupel. Nur Schmitt könnte ihn aufhalten. Doch sie gerät selbst unter Terrorverdacht. Ein ungleicher Wettlauf zwischen dem Politiker und der vom Dienst suspendierten Polizistin beginnt …

Mit dem abgeschlossenen Politthriller „Schmitts Hölle – Entscheidung“, dem vierten Schmitt-Thriller, endet die „Hölle“-Trilogie mit der Polizistin Sibel Schmitt. Die Schmitt-Reihe wird fortgesetzt.

Lesermeinung:
„Schmitts Hölle – Entscheidung“ „… hat eine sehr eigenwillige und interessante Grundstimmung dauernd scharf gespannter Ruhe oder kurz vor dem großen Ausbruch stehender Hysterie und Gewalt, was auch wegen der vielen Bezüge zur Wirklichkeit unheimlich real wirkt. Das Buch steckt (kein Spruch!) bis zur letzten Seite voller überraschender Enthüllungen und Wendungen. Schmitt balanciert, wie immer, auf Messers Schneide. Das alles ist höchst an- und aufregend.“

Gleich lesen: Schmitts Hölle - Entscheidung. (Ein Thriller mit Sibel Schmitt 4)

Leseprobe:
Berlin, Bundeskanzleramt

„Eingangs erlaube ich mir folgende Frage zu stellen: Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?“, sagt der Bundeskanzler, als die Runde zur Ruhe gekommen ist. Er streckt seinen drahtigen Körper auf dem Eames-Stuhl. Obwohl er keinen Namen genannt hat, wenden sich alle Innenminister Georg Brehmer zu, der am Kopf des Kabinettstischs sitzt und angesichts der plötzlichen Aufmerksamkeit um Haltung ringt.
Brehmer fragt zurück: „Was meinen Sie bitte, Herr Bundeskanzler?“
„Immerhin fragen Sie nicht, wen ich meine. Als wenn die Lage nicht ernst genug wäre, reden Sie von einem Weltkrieg. Ja, gegen wen oder was wollen Sie denn mobil machen, verraten Sie uns das freundlicherweise?“
Der Innenminister strafft sich ebenfalls. „Das ist nicht der Ton für eine Kabinettssitzung. Ich verbitte es mir, hier vorgeführt zu werden. Muss ich an Frankreich erinnern? Der Präsident selbst spricht dort von einem Krieg.“
Die sozialdemokratische Umweltministerin hat die Hände auf dem Tisch gefaltet. Die Knöchel sind weiß von Anspannung. „Mit Verlaub, Herr Brehmer“, fällt sie ihm ins Wort. „Sie zogen es vor, zur Kabinettssitzung vorhin nicht zu erscheinen. Dies ist eine informelle Krisenrunde, und ich gehe davon aus, dass gerade die Herrschaften von der Opposition ein Interesse daran haben, dass diese Frage geklärt wird, die Sie durch Ihre Wortwahl selbst aufgebracht haben. Sie haben zwar Recht, dass wir normalerweise einen anderen Ton pflegen, aber Ihr Ton gegenüber den Medien war nun auch nicht gerade gemäßigt.“
Der Innenminister fixiert sie. „Wie möchten Sie’s, Angelica? Soll ich Buchstaben tanzen? Ich kriege es leider nicht hin, so weichgespült über den Terror zu reden, wie Sie und Ihre Rötlichen es so gern haben.“ Er springt auf, dass sein Stuhl ins Wanken gerät. Wendet sich dem Fenster zu, hebt den Arm: „Haben Sie die Rauchsäule hinter dem Reichstag gesehen? Da brennt unsere Demokratie. Da werden Freunde und Kollegen von uns aus den Trümmern gezogen. Köln, Hamburg, München ... Es hat vielleicht Hunderte Tote gegeben, der Zugverkehr, der Flugverkehr sind eingestellt, die Autobahnen zum großen Teil gesperrt, überall Kontrollposten. Und Sie wollen nicht von Krieg reden? Schauen Sie raus: gepanzerte Polizeifahrzeuge, Wasserwerfer ... Die Mobilmachung ist längst im Gange. Aber, Herr Bundeskanzler ...“ Er stützt sich mit den Fäusten auf den Tisch, buckelt wie ein Bulle. „Wir tun das nicht für die Leute draußen im Lande. Wir tun das, um uns zu verschanzen. Und wir verschanzen uns, um unsere Illusionen zu wahren, und die sind Friede, Freude, Gewaltlosigkeit.“ Er hebt die Rechte, zeigt dem Kanzler mit dem Finger ins Gesicht: „Sie haben die Menschen die ganze Zeit eingelullt, mit Hilfe der Medien, diesem Schweigekartell, das von Einwanderergewalt nichts wissen will. Sie haben mit Islamisten paktieren wollen, Sie haben die Überfremdung unserer Städte geduldet, als wäre nichts. Die Sorgen der Bürger mochten Sie nicht hören und schon gar nicht auch nur einmal artikulieren. Es konnte passieren, was wollte, es hieß weiter nur Multikulti, Verständigung, Willkommenskultur. Die Leute draußen sind längst im Krieg, das zeigen auch die Erfolge der Rechtspopulisten. Direkt vor dem Kanzleramt standen fast zwei Tonnen Sprengstoff. Was muss eigentlich noch geschehen, bis Sie mal aufwachen, Herr ...“
„Jawoll, Deutschland erwache“, ruft Linksfraktionschef Hasibur Islam mit scharfer Stimme in die Runde. „Alle an die Wand stellen. Das wird man wohl noch sagen dürfen.“
Vereinzeltes Klatschen. Alle reden durcheinander.
Der Innenminister steht breit und geduckt mit offenem Mund und offenen Händen, als wollte er sich auf den zierlichen Oppositionsführer stürzen. Er brüllt: „Du Scheiß-Volksfeind hast erst in deinem Land für Unruhe gesorgt, und jetzt ergreifst du in unserem Land Partei für Bombenleger.“
„Hab ich Volksfeind gehört?“ ruft Hasibur Islam. „Ich hab Volksf ...“
Es knallt. Einmal, zweimal schlägt Regierungssprecherin Brandy-Sörensen die Ledermappe mit ihren Unterlagen auf den Tisch. Einige halten die Schläge für Schüsse, ducken sich, schauen mit aufgerissenen Augen zum Panoramafenster. „Es reicht“, ruft sie. „Meine Damen, meine Herren, es reicht, bitte.“ Ihre klare, tragende Radiostimme sorgt für Ruhe. „Setzen Sie sich“, sagt sie. „Alle“, fügt sie hinzu.
Aber Hasibur Islam setzt sich nicht. „Volksfeind hat der gesagt! Da ist ein Rücktritt fällig.“
Auch der Innenminister steht noch. Er will etwas sagen, aber Annett Brandy-Sörensen ist schneller: „Ihr Nazi-Spruch entsprach auch nicht unbedingt dem guten Ton, Herr Dr. Islam. Setzen Sie sich, bitte.“
Der Kanzler bringt Brandy-Sörensen mit einem sanften Griff an ihren Unterarm ihrerseits dazu, sich zu setzen. „Danke, Annett. Das war ein wichtiger Beitrag. Herr Dr. Islam, ich bitte im Namen der Regierung um Entschuldigung für die Ausfälligkeit des Herrn Brehmer. Die Nerven liegen blank, und wir wissen alle, was er für ein Heißsporn ist. Aber es wird natürlich keinen Rücktritt geben in dieser Situation, und ich erinnere noch einmal daran, dass wir für dieses ungewöhnliche Treffen in ungewöhnlicher Lage Stillschweigen vereinbart haben. Vertraulichkeit, werter Herr Dr. Islam, lieber Kollege Brehmer, bedeutet aber nicht, dass wir in dieser Weise aufeinander losgehen können, nur weil es draußen niemand sieht. Ich hoffe, wir haben uns verstanden?“
Der Innenminister und der Fraktionschef setzen sich.
Der Kanzler nickt dem Minister zu. „Sie haben weiterhin das Wort, Herr Brehmer. Ich würde vorschlagen, Sie fassen sich kurz und mäßigen für Ihre weiteren Ausführungen ein wenig den Ton.“ Er lächelt spitz. „Aber nur, wenn Ihnen das nicht das Gefühl vermittelt, Sie lullen uns ein. Ich will Ihre Wahrheiten keineswegs unterdrücken.“
In die beiden Worte „Ihre Wahrheiten“ legt der Kanzler die ganze politische Distanz und die persönliche Abneigung, die ihn seit jeher von dem Spitzenmann des rechten Flügels seiner Partei trennen.
Brehmer zerrt an seinem Krawattenknoten und löst den Kragenknopf. „Das Bundesministerium des Innern schlägt folgende Maßnahmen vor. Erstens: Bundeswehr in die Innenstädte. Die Menschen wollen sich bei dem Thema nicht länger mit verfassungsrechtlichen Bedenken herumschlagen. Israel ist auch nicht undemokratisch, weil Armee an jeder Ecke steht. Zweitens: Mehr Polizei. Ich rede nicht von der üblichen Kosmetik. Ich rede von Milliarden für Personal und Ausstattung. Drittens: Wir müssen die Gefährderdatei endlich um alle Verdachtsmomente erweitern, zentral führen und mit aller Entschlossenheit anwenden …“
Der Wirtschaftsminister lässt ein Grunzen hören. „Wie oft wollen’s dera Schmarrn noch red’n? Ham’s sich noch nicht g’nug blaue Augen geholt mit der Forderung, die Sicherheitsbehörden zu zentralisieren?“
Brehmer ballt eine Faust. „Tausende Gefährder laufen frei herum, das ist eine tickende Bombe. Da interessieren mich Ihre Bestandswahrungskämpfe auf Landesebene wenig, mit denen sie jeden Ansatz zu einer realistischen Sicherheitspolitik unserer Koalition behindern.“
„Mir gehn do ned mit, un mir san ned die Einzigen.“
„Was immer wir an zusätzlichen gesetzlichen Grundlagen brauchen, wird umgehend als Verordnung in Kraft gesetzt. Wir haben monatelang darüber debattiert. Ich finde, das reicht jetzt. Diese Leute müssen von der Straße, und zwar schnell. Viertens ...“
„Polizeistaat“, zischt Hasibur Islam. „Notverordnungen – geht’s noch?“
Kanzleramtsminister Horn wirft ein: „Ob das rechtens ist, werden im Zweifel das Verfassungsgericht oder der Bundesgerichtshof zu klären wissen. Aber wir sind uns doch einig: Es muss etwas geschehen.“
„Das ist Aktionismus“, stellt die Umweltministerin fest. „Eine Einschränkung der Freiheitsrechte für Tausende Menschen bedarf eines anständigen Gesetzgebungsverfahrens. Das können wir nicht übers Knie brechen.“
„Von den rechtlichen Bedenken einmal abgesehen, woher soll ich die Leute nehmen, um Bundeswehr in die Innenstädte zu befehlen?“, fragt der Verteidigungsminister.
„Allgemoane Wehrpflicht, du Zivilist, schonmal g’hört?“, ruft ihm der Wirtschaftsminister in launigem Ton zu. „Des is fei ned so neu.“
„Es darf im Grunde auch kein Tabu mehr sein, dass wir mehr tun als Schulen und Straßen zu bauen in den Herkunftsländern dieser Terroristen“, wirft Kanzleramtsminister Horn ein. „Wir sehen ja, wohin unsere vornehme Zurückhaltung führt.“
Stimmengewirr, aus dem Schlagworte wie „Scheiß-Appeasement“ und „Westentaschen-Rommel“ herausklingen.
„Kollegen“, ruft der Bundeskanzler. „Bitte. Wir werden noch ausgiebig diskutieren können.“
Eine gewisse Unruhe bleibt, aber alle schweigen.
„Bitte“, sagt der Kanzler wieder und nickt dem Innenminister zu.
„Ich weiß nicht, was Sie wollen“, brummt Brehmer. „Schauen Sie ins Grundgesetz. Die Notstandsverfassung korrekt ausgelegt, können wir viele Maßnahmen ergreifen, die unter diesen Umständen notwendig sind. Bis dahin, dass wir bei Gefahr für die Freiheitlich-Demokratische Grundordnung die Freizügigkeit einschränken können – Artikel 11. Da braucht es keine neuen Regeln – nur endlich Konsequenz.“
„Grunzordnung“, murmelt Islam und erregt verhaltene hysterische Heiterkeit.
„Herrschaften“, ruft der Kanzler.
„Viertens“, setzt Brehmer fort und blickt in die Runde. „Wir müssen das Strafrecht reformieren. Es kann nicht sein, dass die Polizei gerade bei Tätern aus dem islamischen Spektrum immer wieder erlebt, dass einer grinsend als freier Mann aus dem Gerichtssaal spaziert ... “
„Hört, hört“, ruft die Justizministerin. „Steile Forderung, aus Social-Media-Posts von Wutbürgern direkt ins Kanzleramt ...“
Hasibur Islam: „Sonderstrafrecht auf der Basis des Bekenntnisses? Da bin ich aber gespannt, was das Verfassungsgericht dazu sagt.“
Der Wirtschaftsminister brummt: „Also wenn mir dös ned irgendwie g’meinsam hinkrian, dann miassen mir Bayern die Führung übernehman.“
Die Justizministerin stellt fest: „Strafrecht ist definitiv Bundessache, mein Lieber.“
Horn: „Es bleibt dabei, dass wir alle Gefährder in gleichem Maße betrachten. Aber niemand kann uns daran hindern, die jeweils aktuelle Gefahrenlage …“
Islam: „Na also! Da haben wir’s doch wieder!“
Horn: „Und die Geheimdienste sind bereit, ihre Daten …“
„Die sind doch auch schon illegal erho …“
Alle reden.
„Hey“, ruft der Kanzler. „Silentium!“ Und sieht dabei aus, als hätte er auf etwas Faules gebissen.
Der Innenminister fährt fort: „Kopftuchverbot, Deutsch-Pflicht in allen Moscheen, hohe Strafen bei Verstößen ...“
Hasibur Islam: „Muslime tragen künftig einen grünen Fleck an der Kleidung.“
„Di kriagn ma a no, Burschi“, knurrt der Wirtschaftsminister, scharf beäugt von der Justizministerin.
„Fünftens und zuletzt – das hat jetzt nichts mit meinem Ministerium zu tun, mehr schon mit persönlicher politischer und staatsbürgerlicher Verantwortung. Unser Land ist stark polarisiert. Nach diesen Anschlägen wird der Wahlkampf erst recht eine Katastrophe. Die Rechten werden triumphieren, und die standen schon vor diesen Anschlägen über achtzehn Prozent. Das dürfen wir nicht zulassen. Wir tragen vor unserer Geschichte die Verantwortung dafür, dass dieses Land nicht in diese Richtung driftet. Und dieser Verantwortung werden wir nicht gerecht, indem wir die Dinge nicht beim Namen nennen. Die Realitätsverweigerung muss ein Ende haben.“ Er holt tief Luft. „Wir sollten ein Zeichen setzen für Glaubwürdigkeit. Die Zeit der Leisetreterei ist vorüber. Wir müssen endlich handeln, statt zu debattieren. Entschlossenheit zeigen. Ich sage nur: Stichwort Kopftuchverbot. Stichwort Vergeltung – keine Tabus. Wir sehen ja, wie weit wir damit kommen, unser Land immer schön aus allen ernsthaften Konflikten rauszuhalten.“
Der Verteidigungsminister schüttelt den Kopf. „Was nicht noch alles“, murmelt er.
„Kurzum“, sagt Brehmer: „Ich finde ganz entschieden, es braucht einen Wechsel.“
Jetzt ist es still bis auf das Hämmern der Hubschrauberrotoren über dem Regierungsviertel.
Der Innenminister blickt in die Runde. Schweiß glänzt auf seinem Gesicht. Seine Augen sind gerötet, feucht. „Es braucht ein neues Gesicht in der ersten Reihe.“

Im Kindle-Shop: Schmitts Hölle - Entscheidung. (Ein Thriller mit Sibel Schmitt 4)

Mehr über und von Joachim Widmann auf seiner Facebook-Seite zur Buchreihe.