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24. Juni 2021

'Schicksalspfad des Tempelritters 3 - Flammende Himmel' von Olivièr Declear

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Buchreihe | Autorenseite
Im Spätherbst 1290 verzehren lodernde Flammen das Marktviertel von Accon. Unzufriedene Söldner verwüsten die Stadt. Brände bedrohen das Marktviertel. Erst das beherzte Eingreifen der Ritterorden beendet das Massaker unter der Bevölkerung.

Der Tempelritter Gernòd de Loen gerät mit seinen Freunden in Gefangenschaft. Auf einem Sklavenmarkt werden sie an den mächtigen Schriftgelehrten des Sultans, Abu I-Fada, verkauft und nur ihr unbeugsamer Wille, die Stadt Accon vor der erneut drohenden Gefahr zu warnen, lässt sie überleben. Als sie endlich die Mauern von Accon erreichen, bereiten sie sich mit den Bewohnern der Stadt auf den herannahenden Krieg vor.

Lesermeinung: "Ein sehr gelungenes Buch. Der Autor lässt einen an der Gefühlswelt der Menschen jener Zeit, ihrer Lebensweise, Gebräuche, Urteile und Vorurteile teilhaben."

Anleser:
Neugierig spähte Gernòd über die Dächer des Marktviertels der Stadt. Er betrachtete die Rauchsäulen, welche sich dunkel in den klaren Himmel erhoben. Die Glocken der Stadt sandten ihren mahnenden Klang bis zu ihm auf dem äußersten Winkel des Wehrwalls. Eine Gruppe Wachsoldaten eilte über das grobe Steinpflaster der Straße und warf ihm fragende Blicke zu. Gernòds Augen streiften sie, während sich sein linker Arm in Richtung Rauchsäulen erhob. »Im Marktviertel!«, rief er hinunter. Ohne ihn weiter zu beachten, hasteten sie durch die enge Gasse. Der Klang ihrer Schilde auf der schweren Rüstung, der bei jedem ihrer Schritte ertönte, verlor sich mit ihnen hinter der nächsten Wegbiegung. Sorgenvoll richteten sich seine Augen erneut auf die Rauchsäulen.
Das Marktviertel mit seinen zahlreichen Holzverschlägen bot einer Feuersbrunst ein fruchtbares Ziel. Erste Flammen stiegen bereits züngelnd an einem Dach empor, als dienten ihnen die Lehmziegel als Nahrung. Accon, die letzte befestigte Stadt des einstmals mächtigen Kreuzfahrerheeres, war in größter Gefahr. Gernòds Herz schlug heftig in seiner Brust. Nicht durch die Hand der verhassten Sarazenen, sondern durch die Unachtsamkeit eines Händlers, vermutete er, sei dieser Brand entstanden.
Erneut kam ein Trupp Männer in seine Sicht. Schon von weitem erkannte er die weißen und braunen Mäntel seiner Brüder mit dem blutroten Kreuz des Templerordens über den Herzen. Ihr Anführer, Bruder Durmonte, wies mit wenigen, herrischen Armbewegungen drei dienende Brüder auf den Wehrwall hinauf und Gernòd zu sich herab. »Aufruhr im Marktviertel!«, rief er ihm entgegen und eilte mit wehendem Mantel an der Spitze seiner Männer in Richtung des Marktes. Gernòd hastete über den schmalen Stieg des Walls hinunter und eilte seinen Brüdern nach. »Aufruhr«, dachte er. Vermutlich waren es wieder einmal Söldner, denen der hohe Preis der Händler nicht gefiel, oder die keinen weiteren Kredit erhielten.
Gernòd spürte das unebene Pflaster der Straße unter den dünnen Ledersohlen, während er seinem Trupp hinterherhetzte. Einige Türen der Häuser öffneten sich einen Spalt breit, um neugierigen Augenpaaren den Blick auf die lärmenden Brüder zu bieten. Kaum hatte Gernòd seine Kameraden eingeholt, bog der Trupp in einen der Hauptwege ein. Vor ihnen strömten Soldaten der anderen Wachen aus den Seitengassen. Hospitaliter, Deutschritter und Söldnertruppen stürmten auf die Straße. Die Glocken aller Kirchen und Wachen erhoben sich über dem Lärm, drangen von allen Seiten auf die Soldaten ein und mahnten sie zur Eile. Verständigende Blicke trafen sich auf ihrem Weg, ernste Gesichter nickten sich grüßend zu. In jedem Antlitz las man die Spannung auf die vor ihnen liegende Bedrohung.
Ohne den hastigen Schritt aufzugeben, löste Gernòd den Schildgurt und führte seine Faust durch die Armriemen. Mit der freien Hand tastete er sich am Waffengurt entlang, bis er den Kopf seiner Axt spürte. Er schob die Schlaufe über dem Axtkopf mit dem Daumen beiseite und zog die Waffe aus dem Gurt. Mit einer Aufwärtsbewegung ließ er den Griff in seine Hand gleiten. Er war für den Kampf bereit.
Vor ihnen erhob sich das Holztor des Marktviertels. Es stand weit geöffnet und die Wachen wiesen mit ausladenden Bewegungen den Weg. »Die Lombarden und Toskaner!«, scholl es ihnen entgegen. Brandgeruch lag in den engen Gassen und Rauchschwaden minderten die Sicht. Gellende Schreie und Kampfeslärm drang aus den Seitenwegen. Um sie herum lagen die Leichen einheimischer Händler auf dem Weg – zwischen ihnen ihre Frauen und Kinder. Gernòds Weg führte durch breite Blutlachen. Er war gezwungen über umherliegende Körper zu springen. Laut klagende Menschen hockten bei den reglosen Körpern und hoben ihre verzweifelten, tränenüberströmten Gesichter den herbeieilenden Truppen entgegen.

Blick ins Buch (Leseprobe)

'Die letzte Prophezeiung des Isaac Newton' von Darius Quinn

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Darius Quinn
»Wisst ihr, was das bedeutet?«, schoss Frank ein Gedanke durch den Kopf. Lena und Cooper blickten ihn fragend an. »Die Prophezeiung: Newton hatte recht!«

Vor mehr als 300 Jahren sagte Isaac Newton das Ende der Welt voraus. Jetzt berechnet die fortschrittlichste KI der Welt, dass am Freitag, den 13. April, der Asteroid Apophis die Erde treffen wird. Erneut sieht sich Frank Fischer mit einer ausweglosen Lage konfrontiert. Und er ahnt nicht einmal im Ansatz, mit welchen Mächten er es zu tun hat …

Fortsetzung des Bestsellers »Die letzte Prophezeiung des Nostradamus«. Für Fans von Michael Crichton, Dan Brown, M.C. Roberts, R.F. Maclay, Joshua Tree, Alex Lukeman und Ian Caldwell.

Anleser:
Bleierne Stille lag über dem gewaltigen Raum. Er spürte sie förmlich in der Magengrube. Sie übte eine physische Macht auf ihn aus, als wolle sie ihn lähmen und so von seinem frevelhaften Vorhaben abhalten. Eine falsche Bewegung, nur das geringste Geräusch – und seine Anwesenheit wäre so offenkundig wie das Silvesterfeuerwerk, mit dem ein neues Jahr eingeläutet wurde. Er durfte sich nicht den kleinsten Fehler erlauben.
Sakis schlich durch das Halbdunkel wie in Zeitlupe, als traue er sich kaum, den heiligen Boden mit seinen Füßen zu beflecken. Behutsam setzte er zuerst die Zehen auf und ließ dann den Ballen folgen, die Ferse aber behielt er in luftiger Höhe. Er war fit, gerade einmal 28 Jahre, athletisch gebaut und hätte kilometerweit auf Zehenspitzen laufen können. Trotzdem war er froh, dass sein Ziel lediglich 30 Meter entfernt lag. Je kürzer die Distanz, desto weniger konnte schiefgehen.
Schritt um Schritt glitt er lautlos von seinem Versteck in der Kreuzigungskapelle, deren Altar aus versilberter Bronze auf der Rückseite einen nur wenigen Eingeweihten bekannten Hohlraum besaß, in Richtung Hauptschiff. Tagsüber tummelten sich hier viele Tausende Gläubige. Denn für gleich drei Weltreligionen stellte das Bauwerk einen der heiligsten Orte auf Erden dar: für Christen, Juden und Muslime. Jetzt aber, mitten in der Nacht, war er allein in dem weitläufigen Gebäude. Allein mit sich und den Geistern einer zweitausendjährigen, ereignisreichen Geschichte.
Vorsichtig bewegte sich Sakis im schwachen Schein der vereinzelten Öllampen, die niemals verloschen und den allgegenwärtigen Odor von Weihrauch und Myrrhe verströmten, den selbst der Stein ringsum aufgesogen hatte. Geschwind nahm er die sechs Stufen zum Katholikon, wobei seine engstehenden, dunkelbraunen Augen von links nach rechts huschten. Sie verliehen ihm, zusammen mit der langen, stark gekrümmten Nase, das Aussehen eines Adlers. Seine langen, rabenschwarzen Haare hatte er wie immer am Hinterkopf zusammengebunden. Seine gesamte Erscheinung wirkte, als stamme er direkt aus dem antiken Olympia.
Jetzt lag die schwierigste Etappe vor ihm, eine gerade Linie ohne jegliche Deckung, mitten durch das Hauptschiff zur Rotunde. Noch gut 20 Meter bis zum Ziel, dem Zentrum von allem, über dem sich die 20 Meter breite und 50 Meter hohe Hauptkuppel der Basilika erhob. Durch das verglaste Opaion in der Mitte ergoss sich silbern schimmerndes Mondlicht auf das Ziel und markierte es, wie ein Schauspieler auf der Bühne von gleißenden Profilscheinwerfern hervorgehoben wurde.
Plötzlich hallte ein unheimliches Fauchen durch das Gebäude und ließ ihn aufschrecken. In einer geschmeidigen Bewegung drückte sich Sakis an die südliche Wand. Im sanften Licht erspähte er die Ursache des Lärms: Zwei Katzen trugen einen kurzen, aber heftigen Kampf aus. Nicht nur die Menschen mussten sich diese heilige Stätte teilen. Wie er wusste, waren die Mönche äußerst froh um die Vierbeiner, dämmten sie doch die Mäuse- und Rattenplage in dem uralten, verwinkelten Gemäuer im Herzen der Jerusalemer Altstadt auf ein halbwegs erträgliches Maß ein.
Sakis wartete eine Weile, bis das Echo der Streitigkeit verklungen war, und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Schon nach halb drei, er musste sich beeilen. Kurz vor drei würden die armenischen Mönche ihren nächsten Gottesdienst beginnen, und um vier öffneten sich schon wieder die Pforten der Grabeskirche für das Publikum. Ihm blieben nur die nächsten 18 Minuten. Maximal.
So schnell er es auf Zehenspitzen vermochte, setzte er seinen Weg fort.
Schließlich hatte er sein Ziel erreicht, den Eingang zur Grabkapelle. Nach einem letzten prüfenden Blick in die Runde schlüpfte er durch das Portal in die Engelskapelle. Er umrundete den so genannten Engelsstein, der die Mitte des lediglich drei Meter langen Vorraums einnahm. Der Überlieferung zufolge handelte es sich um ein Bruchstück desjenigen Felsens, der das Grab Jesu versiegelt hatte und am dritten Tag von einem Engel beiseitegeschoben worden war.
Doch Sakis ignorierte die Reliquie ebenso wie alle anderen. Er wollte in die nächste Kammer, die allein durch einen niedrigen schmalen Durchgang zu erreichen war.
Die Grabstelle von Jesus Christus.

Blick ins Buch (Leseprobe)

23. Juni 2021

'Erben wollen sie alle' von Tessa Hennig

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Tessa Hennig
Wer erben will, muss leiden

Bianca will es noch mal wissen: In ihrer Finca auf Mallorca auf den Tod warten? Kommt nicht in Frage! Zusammen mit dem liebenswerten Rentner Wolfgang will die rüstige 75-Jährige die Welt bereisen und dabei ihr Vermögen verjubeln. Doch Bianca hat die Rechnung ohne die bucklige Verwandtschaft gemacht. Sohn Steffen und Tochter Anja glauben, ihre Mutter sei auf einen Heiratsschwindler reingefallen und sehen ihr Erbe zerrinnen. Mit Kind und Kegel reisen sie nach Sóller, um ihre Mutter umzustimmen. Doch die denkt gar nicht daran, das Erbe einfach so den Nachkommen zu überlassen. Nur wer sie wirklich liebt, soll etwas bekommen, und sie weiß auch schon, wie sie die Familie auf die Probe stellen kann ...

Anleser:
Bianca klappte ihr Notebook entschlossen zu und trank den letzten Schluck ihrer zweiten Tasse Kaffee. Mit nur einer waren Albträume kaumzu vertreiben. Ein Hirnputzer, dieser spanische Lösliche. Und der Kreislauf kam dabei auch noch in Schwung. Biancas Blick fiel auf die Uhr über ihrem Sekretär. Schon halb neun, und sie saß immer noch im Schlabber-T-Shirt vor der Schlafzimmerkommode. An sich kein Problem, wennman allein lebte, doch solche Dinge durften gar nicht erst einreißen. Disziplin ist das halbe Leben! Bianca betrachtete sich bei diesem Gedanken im Spiegel und erschrak über ihren Gesichtsausdruck, die schmalen, zusammengekniffenen Lippen, aber auch über ihr Haar, das noch kreuz und quer abstand. Keine gute Idee, diese Kurzhaarfrisur. Gib’s zu! Haste dir doch nur so machen lassen, weil Wolfi die Beimer aus der Lindenstraße so toll findet. Der bloße Gedanke an ihn zauberte die erschreckende Strenge ihres Spiegelbilds sofort weg und belebte es mit einem Lächeln. Das verschwand aber, als sie die Haustür ins Schloss fallen hörte. Teresa!
Bianca stand auf und huschte hinüber zum begehbaren Kleiderschrank, in dem nun, seitdem Ernsts Sachen entsorgt waren, alles viel übersichtlicher auf den Stangen hing. Obwohl Bianca sich eigentlich nur ihre bequemen Leggings herausholen wollte, schnappte sie sich gleich noch ihr blaues Kleid und legte es sich für später auf dem Bett zurecht. Wolfi liebte Blau, das gefiel ihm auch an ihren Augen so, und früher hatte die Farbe sowieso perfekt zu ihren naturblonden Haaren gepasst. Zu Friedhofsblond passte gottlob alles. Einer der Vorzüge des Alters. Hinein in die Hose. Das T-Shirt ließ sie gleich an. Für eine Zugehfrau musste man sich schließlich nicht schick machen.

Leseprobe bei Thalia

22. Juni 2021

'Wellenglanz und Inselträume' von Christine Jaeggi

Kindle | Tolino | Ullstein (ePub)
Website | Autorenseite
Eine Liebe auf Mauritius

Die ehrgeizige Aurélie rechnet fest damit, zur Vizedirektorin ihres Traumhotels befördert zu werden. Stattdessen wird sie in das älteste und heruntergekommenste Hotel der Kette versetzt und bekommt den Auftrag, es wieder auf Vordermann zu bringen. Doch das ist alles andere als leicht.

Die Mitarbeiter sind faul, unmotiviert und nicht gewillt, Aurélie als neue Vorgesetzte zu akzeptieren. Allen voran der zynische Engländer und Golflehrer Jasper, der zwar attraktiv ist, aber Aurélie fast in den Wahnsinn treibt. Dann sorgt auch noch eine trächtige Riesenschildkröte für Aufregung. Bei ihren nächtlichen Besuchen der Schildkröte kommen sich Aurélie und Jasper näher. Auch im Hotel geht es langsam bergauf. Schließlich erhält Aurélie ein verlockendes Angebot. Doch um ihren Traum zu verwirklichen, muss sie sich zwischen Karriere und Liebe entscheiden …

Anleser:
Wie jeden Morgen bei Tagesanbruch ging Aurélie am Strand entlang und genoss es, ihn noch so unberührt und in seiner vollen Schönheit erleben zu können. Keine Sonnenanbeter, keine Schnorchler, keine Kite- oder Windsurfer. Nur ein Fischerboot am Horizont und Möwen, die ihre Runden drehten. Es war fast halb sieben, und allmählich ging die Sonne auf, färbte den Himmel in den unterschiedlichsten Orange- und Gelbtönen. Die Luft war erfüllt von Salz und Seetang, und Aurélie fühlte sich durch diesen Duftcocktail wie gestärkt, vergaß sogar für einen Moment das deprimierende Gespräch mit dem General Manager von gestern Abend. Sie ließ den gepflegten Hotelstrand mit seinen Strohschirmen und Liegestühlen hinter sich. Anstelle von Kokospalmen – die nur gepflanzt worden waren, weil sie der Idealvorstellung eines Paradieses entsprachen – säumten nun Filaos den Strand. Ihre benadelten Zweige wippten im Wind. Aurélie wusste, dass Touristen die Filaos, die auch Kasuarinenbäume genannt wurden, oft mit Pinien oder Lärchen verglichen.
Sie blieb stehen und atmete tief durch. Ein Gefühl tiefen Friedens breitete sich in ihr aus. Hier kam das wahre Mauritius zum Vorschein, sogar der Sand war rauer und wilder durch das vermehrte Schwemmholz und Korallengestein. Sie setzte sich in den Sand und betrachtete das Meer, dessen schäumendes Wasser über das Ufer und wieder zurück schwappte und unzählige Muscheln und Gestein zurückließ.
Plötzlich überfiel sie wieder eine bleierne Schwere, und auch wenn sie sich noch so sehr dagegen wehrte, kreisten ihre Gedanken erneut um das Gespräch von gestern Abend. Enttäuschung, aber auch Wut überkamen sie. Sie hätte diesen Posten als Vizedirektorin bekommen sollen, sie! Als sie erfahren hatte, dass Divash Gungaphul in Rente gehen würde, hatte sie sich gleich beworben und war zuversichtlich gewesen, als seine Nachfolgerin auserwählt zu werden. Tja, so konnte man sich täuschen.
Energisch ergriff sie etwas Sand und warf ihn weg. Dann sprang sie auf, zog ihre Tunika über den Kopf und rannte ins Meer hinein, tauchte ins Wasser und kraulte hinaus. Sie liebte dieses Gefühl der Schwerelosigkeit und Befreiung, wie wenn alles Negative von ihr abgewischt würde.
Als sie sich mit den sanften Wellen wieder ans Land spülen ließ wie eine gestrandete Meerjungfrau, sah sie drei Jeeps mit Surfbrettern auf den Dächern heranfahren, die hinter den Bäumen parkten und mehrere Leute in Neoprenanzügen ausspuckten. Aurélie seufzte. Die Windsurfer kamen auch immer früher. Aber kein Wunder, denn der Le Morne Public Beach gehörte zu den beliebtesten Surf Hotspots der Welt. Eigentlich umgab ein Korallengürtel die Insel – bis auf den Süden – und hielt Wellen und gefährliche Fische von den Stränden fern. Hinter dem Riff jedoch befand sich ein Surferparadies, welches sich von der Flachwasserlagune über das Little Reef entlang des Platin Rouge bis nach Manawa, Chameau und den berühmten Wellenspot »One Eye« erstreckte.
Aurélie hatte es auch schon versucht, aber leider war sie mehr im Wasser gewesen als auf dem Brett und musste irgendwann aufgeben. Bis auf das Schwimmen war sie leider vollkommen unsportlich.
Sie beobachtete, wie die Surfer mit erwartungsvollen Gesichtern auf das Meer schauten, und entschied sich zu gehen. Auf dem Weg zurück fiel ihr auf, dass über den Le Morne Brabant ein paar orange gefärbte Wölkchen zogen, die aussahen wie eine Schäfchenfamilie. Der 556 Meter hohe Berg, zu dessen Fuße die weißen Korallenstrände lagen und um den herum sich viele Hotels angesiedelt hatten, war das Wahrzeichen der Halbinsel Le Morne im Südwesten der Insel, wenn nicht sogar von ganz Mauritius. Seine Vergangenheit war jedoch überschattet von einem Drama, über das Aurélies Großvater oft sprach. Nach der Abschaffung der Sklaverei 1835 schickten die Briten eine Armee auf den Berg, um die versteckten Sklaven von ihrer neu gewonnenen Freiheit in Kenntnis zu setzen. Die Sklaven jedoch – überzeugt, man würde sie zurückholen – stürzten sich den Berg hinunter in den Tod, um einer erneuten Versklavung zu entgehen. Aurélies Großvater erzählte jeweils von einem Vorfahren namens Nouel, der den Tod gewählt hatte und seine schwangere Frau Gaelle zurückließ. Es existierte sogar eine Aufzeichnung von Gaelle, die Aurélies Großvater hütete wie einen Schatz. Trotz dieser Tragödie fühlte sich Aurélie durch Le Morne Brabant auf eine besondere Art beschützt, und für die Kreolen war er ein heiliger Berg.

Blick ins Buch (Leseprobe)

21. Juni 2021

'Summerlove: Als die Delfine Amor spielten' von Lisa Torberg

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website | Autorenseite
Wenn Liebe das ist, woran du gar nicht denkst … und sie dich einer Welle gleich überrollt.

Stella verschlägt es den Atem, als nach Jahren plötzlich Romeo vor ihr steht – und sie nach ihrem Namen fragt. "Nicht interessiert", faucht sie und lässt ihn stehen. Und das meint sie so. Denn nichts ist ihr wichtiger, als endlich die beiden Meeresschildkröten ans Meer zu bringen, die sie aus dem Unilabor entführt hat.

Romeo ist Wissenschaftler mit Leib und Seele. Sein Denken und Tun gelten der marinen Forschung und seiner Zukunft im Miami Seaquarium an der Seite seines Großvaters Nino. Doch als ein geplantes Luxusresort die unberührte Natur in ihrer alten Heimat zu zerstören droht, überlegt er nicht lange und fliegt nach Sizilien. Nur erwarten ihn nicht kalte Fakten, sondern Delfine, die ihn in einer lauen Sommernacht ins Wasser locken – und eine Frau, die im silbrigen Schein des Vollmonds seine Gefühle anheizt.

Achtung, die Lektüre fördert Urlaubssehnsucht! Romantischer Liebesroman mit Kuschelfaktor und Happy-End-Garantie.

Anleser:
Die Beifahrertür wird aufgerissen und ich schrecke auf.
»Ist ja nur gut, dass du erst eingeschlafen bist, als du schon hier warst!« Meine Schwester Luna schüttelt den Kopf und ihre geglätteten Haare, die von himbeerfarbenen Strähnen durchzogen sind, fliegen wie Spaghetti hin und her. »Du hast den Abdruck des Lenkrads auf der Wange, pesciolino.«
»Nenn mich nicht pesciolino, nanerottolo.«
Wir grinsen uns an und beginnen zu lachen. Mio Dio, fühlt sich das gut an! Zwar bin ich kein Fischchen und sie ist längst kein Zwerglein mehr, obwohl sie größenmäßig die Kleinste von uns dreien ist, aber dieses geschwisterliche Foppen ist es, was mir fehlt, wenn ich fort bin. Denn dass ich mich vor dem Haus befinde, in dem ich aufgewachsen bin, erkenne ich nach einem Blick aus der Windschutzscheibe sofort.
»Weißt du zufällig, wann ich angekommen bin? Ich hab irgendwie einen Filmriss, Luna.«
»Vor fünf Minuten, hat Mamma gesagt. Ich hab dich nicht gehört, weil ich oben in meinem Zimmer war. Aber ich bin selbst erst vor zehn Minuten zurückgekommen und da stand dein Auto noch nicht da.«
»Eigenartig. Mir scheint, ich werde alt.«
»Red keinen Quatsch, du Küken. Was soll denn dann ich sagen? Ich bin eindeutig alt geworden. Mir tut nämlich das Kreuz weh, weil ich in dieser gebeugten Haltung stehen muss, um dir ins Gesicht zu schauen, während du gemütlich in deinem Auto sitzt.«
»Steig halt auch ein.«
»Steig du lieber aus, sorellina. Du hast ja das ganze Auto vollgestopft, da pass ich nicht mehr rein.« Sie deutet auf den Rücksitz und in den Fußraum vor dem Beifahrersitz. Plötzlich runzelt sie die Stirn und zeigt mit dem Zeigefinger auf die Styroporbox. »Hast du tatsächlich Eis aus Palermo mitgebracht? Wenn Papà das sieht und es sich nicht um eine absolut innovative Geschmacksrichtung handelt, bekommst du von ihm Hausverbot im Sunset.«
Ich verdrehe die Augen. Ich hasse diesen idiotischen Namen für unser Tramonto, das Lokal, das es als Trattoria bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gab. Sole, die schon seit Jahren im Ausland lebt und in ihrem Job vorwiegend mit Millionären und arabischen Scheichs zu tun hat, die untereinander auf Englisch kommunizieren, hat unseren Vater davon überzeugt, den Namen des Lokals zu ändern. Sie ist nämlich der Meinung, dass wir uns hier anpassen müssen, wenn wir ein Stück vom Kuchen abbekommen wollen. Aber welcher normale Mensch will das? Wir brauchen diese Schickimicki-Urlauber nicht, die mit ihren übertriebenen Ansprüchen und nicht selten spleenigen Wünschen ihren Reisezielen die Natürlichkeit und Identität rauben, aber das ist ihr offenbar nicht bewusst.
»Hat Papà den Namen immer noch nicht zurückgeändert?« Meine Stimme klingt genauso traurig, wie ich mich fühle.
Luna verneint mit den Augen und legt sich den Zeigefinger senkrecht an die Lippen. Ich seufze auf. Das wird diesen Sommer eine meiner Missionen. Wäre doch gelacht, wenn ich unseren Vater nicht zur Vernunft bringen könnte, vor allem, da Sole in einem dieser schrecklichen Wolkenkratzerhotels in Dubai arbeitet und frühestens im Oktober eine Woche Urlaub nehmen kann.
Luna stupst meinen Oberarm an. »Steigst du jetzt endlich aus, Stella? Wäre vielleicht sinnvoll, bevor das Eis komplett geschmolzen ist.«
Irgendwie ist mein Gehirn heute überfordert, denn ich versuche zu begreifen, wovon sie spricht, als sie die Arme ausstreckt und nach der Styroporbox greift.
»Vorsicht!«, schreie ich laut.
Sie dreht ruckartig den Kopf in meine Richtung. »Sag, ist alles in Ordnung mit dir?«
»Mit mir schon. Aber mit den beiden nicht, wenn du sie durchschüttelst.«
Jetzt ist es Luna, die nicht begreift. Allerdings dauert der Zustand maximal zwei Sekunden. Kein Wunder. Sie ist ja meine Schwester und somit nicht dumm, denn sonst wäre ich es auch.
Prompt stellt sie also mit zwei Worten die einzig mögliche Frage: »Welche Tiere?«
»Caretta caretta.«
»Warum wundere ich mich nicht?« Murmelnd greift Luna nach der Box und stellt sie vorsichtig auf den Beifahrersitz. Dann hebt sie den Deckel ein wenig an und schaut hinein. Ein Lächeln zupft an ihren Mundwinkeln, bevor sie den behelfsmäßigen Transportbehälter wieder schließt und den Kopf anhebt.
»Hast du die aus Favignana mitgebracht?«
»Nein. Die habe ich gestern Abend aus dem Labor der Fakultät mitgenommen.«
Sie schaut mich stirnrunzelnd an. Wahrscheinlich überlegt sie, ob ich scherze. Das dauert aber nur den Bruchteil einer Sekunde.
»Du bist ja verrückt, Stella. Das ist Diebstahl!«
Na bitte. Sie hat die richtige Schlussfolgerung gezogen, was ja nicht anders zu erwarten war. Immerhin ist sie meine Schwester.
»Bin ich nicht!« Ich würde mit dem Fuß aufstampfen, geht aber nicht, da ich ja immer noch im Auto sitze. »Wenn man es genau nimmt, kann es sich nicht um Diebstahl handeln, da die beiden keine Inventarnummern aufweisen. Bestenfalls könnte man von Entführung sprechen. Da ich jedoch weder vorhabe, ein Lösegeld einzufordern, noch daran denke, sie wieder in das schrecklich kleine Aquarium zurückzubringen, gibt es keinen benennbaren Tatbestand.«
»Entweder hast du zu viel Sonne erwischt oder deine juristisch ausgebildeten WG-Mitbewohner haben dich mit irgendeinem Virus infiziert.« Luna schaut von mir zur Box und wieder zurück, bevor sie mich neugierig fragt: »Und was hast du mit den beiden jetzt vor?«
»Freilassen natürlich, was denkst du denn?«

Blick ins Buch (Leseprobe)

18. Juni 2021

'Nordseeglück: Die Trilogie in einem Band' von Frida Luise Sommerkorn

Kindle | Tolino
Website | Autorenseite
Alle drei Teile der Nordseeglückreihe jetzt in einem Band:

Insel wider Willen
Als Sibille mit ihrer Tochter Tuuli und ihrem Stiefvater Peter die Insel betritt, möchte sie am liebsten sofort wieder umkehren. Hat sie Langeoog doch vor langer Zeit verlassen und nie wieder zurückkommen wollen. Doch nun ist Oma Greta gestorben und Sibille will das Haus so schnell wie möglich verkaufen, das einst ihr Zuhause war. Niemals hat sie damit gerechnet, dass Oma Greta noch überall präsent scheint und auch die Insel hat nichts von ihrer magischen Anziehungskraft von damals verloren. Und dann ist da noch Morten, der Nachbarsjunge von damals, der ihr Herz zum Schwingen bringt. Wohin mit diesen ganzen Gefühlen? Doch gerade als sie die Lösung all ihrer Probleme sieht, begegnet sie dem einzigen Menschen, der alles wieder ins Wanken bringt.

Träume sind wie Wellen
Kaum haben sich Sibille, ihre Tochter Tuuli und ihr Stiefvater Peter auf Langeoog eingelebt, tauchen die ersten Probleme auf. Sibille braucht einen Job, Tuulis Lust auf die neue Schule hält sich in Grenzen und Piets Verwandlung in einen verantwortungsbewussten Mann ist kaum auszuhalten. Und dann ist da noch Rune, Tuulis Vater und der Mensch, den Sibille niemals wieder hatte sehen wollen, doch der wie selbstverständlich die Beziehung von damals aufleben lässt. Und natürlich Morten, den Sibille nicht so einfach vergessen kann. Das alles tritt jedoch in den Hintergrund, als Tuulis erste große Liebe zu scheitern droht und sie plötzlich verschwunden scheint. Können Sibille und Rune ihrer Tochter helfen, obwohl sie Teil des Unglücks sind? Und warum verhält sich Piet plötzlich so eigenartig und treibt damit alle in den Wahnsinn?

Liebe dank Turbulenzen
Dass Piet sich in seinem Alter noch mit Herzschmerzen in Sachen Liebe rumschlagen muss, hätte er nie gedacht. Tuuli schließt sich gemeinsam mit Simon einer Umweltorganisation an, bei der es unter anderem um den Schutz ihrer neuen Heimat geht. Als dann ein heftiges Sturmtief auf Langeoog zurollt, geraten die beiden in eine gefährliche Rettungsaktion. Nur Sibille scheint nicht auf ihrer Insel ankommen zu können. Zwar läuft der Job und ihrer Familie geht es gut, aber die Liebe fährt Achterbahn. Warum kann sie sich nicht endgültig auf Rune einlassen? Und wer ist die Frau, die Morten so verliebt umgarnt? Erst ein drohendes Unglück lässt sie die Wahrheit erkennen. Doch ist es für eine Umkehr nicht schon längst zu spät?

Für kurze Zeit zum Aktionspreis von nur 2,99 Euro (statt 7,99 Euro) zu haben.

Anleser:
Aus: 'Insel wider Willen: Nordseeglück 1'
„Ich hab hier überhaupt kein Netz“, motzte Tuuli und hielt ihre Hand nebst Smartphone in die Luft, als ob es dort besser werden würde.
Wenn sie nicht aufpasste, würde das Ding gleich im Wasser landen, dachte Sibille. Auf solche Gefühlsausbrüche ihrer Tochter ging sie schon lange nicht mehr ein. Schließlich war es ihrer Meinung nach nicht so schlimm, wenn ihre Freundinnen die furchtbar wichtigen Nachrichten ein paar Minuten später erhielten. Spätestens am Hafen würde Tuuli wieder Empfang haben.
„Ich hole mir eine Wurst“, verkündete jetzt Sibilles Stiefvater. „Will noch jemand was?“
Sibille schüttelte den Kopf. Peter sah Tuuli an, aber die reagierte nicht. Achselzuckend machte er sich auf den Weg und kam kurz darauf mit einem Paar Wiener und einer Flasche Bier zurück.
„Peter, wir sind nicht stundenlang unterwegs“, sagte Sibille schmunzelnd. Sie hätte es sich denken können, dass der Hopfensaft nicht fehlen durfte. Peter war ein Genussmensch. Und wenn er sich hier auf der Fähre eine Wurst gönnte, dann gehörte das Bier eben dazu.
Sibille sah aus dem Fenster. Passend zu ihrer Stimmung lag die See in trübem Licht. Sie hatte ihre Tochter damit locken können, dass ein Kurzurlaub am Meer doch reizvoll sein konnte. Strahlender Sonnenschein, salziges Wasser, das in leichten Wellen heranrollte, wenn sie an der Wasserkante saß und den Weitblick über das Meer genoss. Bei so viel Pathetik hatte sogar Tuuli grinsen müssen. Natürlich hatte sie ihrer Tochter nicht sagen wollen, dass an einem Nordseestrand kein Südseefeeling aufkommen würde. So viel Wissen traute sie ihr zu. Aber nachdem sie heimlich Tuulis Reisetasche überflogen hatte, war sie sich nicht mehr so sicher. Schnell hatte sie ein paar von Tuulis Pullis und die Regenjacke in ihren eigenen Koffer gepackt. Auch wenn Tuuli diese nur unter Protest anziehen würde. Besser das Meckern ertragen, als das Kind frieren sehen.
Sibille schluckte. Den Kloß, den sie seit Tagen im Magen verspürte, versuchte sie zu ignorieren. Aber bald würden sie am Hafen von Langeoog anlegen und dann musste sie sich dem Ganzen stellen.
Sie konnte noch immer nicht fassen, dass Oma Greta tot war. Ihr Nachbar Herbert hatte sie vermeintlich schlafend auf dem Sofa gefunden. Die beiden waren unzertrennlich, seitdem Opa Gustav gestorben war. Das war schon fast zwanzig Jahre her. Und nun hatte es Oma Greta getroffen. Obwohl es überhaupt keinen Grund gab. Sie war fit, ging jeden Tag im Meer schwimmen. Selbst bei kalten Temperaturen. Nur wenn sich allmählich Eis bilden wollte, hielt Herbert sie zurück und überredete sie jedes Mal zu einem ausgiebigen Spaziergang mit Einkehr in der Bäckerei, um einen Kaffee zu genießen. Aber ihr Herz war einfach stehen geblieben.
Nun war sie die älteste der Lüders-Frauen. Ihre Mutter war vor sechs Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ihren Vater hatte sie nie gekannt. Peter, ihr Stiefvater, lebte schon lange bei ihnen in einem Vorort von Mainz. Sie hatten vor einigen Jahren gemeinsam einen Dreiseitenhof gemietet und Sibille hatte daraus ein idyllisches Zuhause gezaubert. Da ihre Mutter beruflich bedingt viel unterwegs gewesen war, lebten sie die meiste Zeit zu dritt zusammen: Peter, Tuuli und sie. Was für ein Gespann.

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17. Juni 2021

'Nebelmönche' von Sabine Lettau

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Sabine Lettau auf Facebook
Legenden haben einen wahren Kern. Und der kann lebensgefährlich sein …

Luise hält es in ihrem Job nicht mehr aus. Da kommt das Erbe ihres Onkels gerade recht. Doch das ist an eine Bedingung geknüpft: Sie soll für die Stiftung auf seiner Burg arbeiten.

Einmal dort angekommen, verliebt sich Luise in das alte Gemäuer und die Landschaft. Es ist, als lebe sie in einem Märchen! Dann ist da noch der Technikchef Tilman.

Aber überall trifft sie auf Verbote: Nicht zum See, nicht zu den Klosterruinen! Was verbirgt sich hinter der Legende um die Nebelmönche? Ein Alter aus dem Dorf warnt sie eindringlich vor ihren Nachforschungen. Als sie dem Rätsel um den Tod ihrer Tante Estella auf die Spur kommt und die Verwaltungsleiterin tot aufgefunden wird, ahnt Luise, dass mehr dahinter steckt …

Anleser:
Luise starrte auf den See, der sanft vom Mond beleuchtet wurde. Eine dicke Nebelwolke schwebte darüber. Sie wirkte lebendig, kroch weiter auf das Ufer zu, griff nach der Wiese. Luise fühlte Druck in ihrer Brust. Sie legte die Hand auf ihren Brustkorb und atmete tief ein und aus, spähte zum Wald.
Über den Bäumen bewegte sich etwas. Oder bildete sie sich das ein? Es war schon dunkel. Der Rabe? Dafür war der Schatten zu groß. Irgendetwas an dem Wald zog sie magisch an und hielt sie gleichzeitig auf Distanz. Da, wieder der Schatten! Er stieg höher und senkte sich in einer wellenförmigen Bewegung zum Wald hinab. Sie lauschte. Die Stille war unheimlich.
Ein Luftzug streifte sie. Sie vernahm einen Flügelschlag in ihrer Nähe und wich vom Fenster zurück, als das Rabenpaar nur knapp an ihr vorbeiglitt. Die Vögel flogen über den Park Richtung Wald. Zu dem Schatten! ...
Alle ihre Sinne waren auf das da draußen fokussiert. Plötzlich ertönte ein tiefes „Krack, krack, krack“. Wie auf Befehl stieg der Schatten über dem Wald auf. Er bewegte sich auf die Wolke über dem See zu. Luise konnte nun erkennen, dass es ein Vogelschwarm war. Sie tanzten über dem Dunst, umkreisten sich, stürzten hinab, stiegen wieder empor. Dann flogen die Vögel mitten in den Nebel hinein.

Blick ins Buch (Leseprobe)

16. Juni 2021

'Naglfar: Das Schiff der toten Götter' von Mikael Lundt

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Auf der arktischen Inselgruppe Svalbard machen Minenarbeiter eine unheilvolle Entdeckung. In einer Höhle stoßen sie auf mysteriöse Felszeichnungen und ein uraltes Schiff. Als einer der Männer es berührt, läuft er wie im Wahn Amok und tötet mehrere Arbeiter.

Ein internationales Forscherteam soll nun ergründen, was es mit dem Artefakt auf sich hat. Doch die Zwischenfälle nehmen kein Ende. Die Archäologin Anika Wahlgren wird hinzugezogen, um das Rätsel zu lüften. Bald wird klar, in dem Schiff steckt weit mehr als gedacht. Und seine geheimnisvollen Kräfte wecken Begehrlichkeiten. Längst sind die Forscher nicht mehr die Einzigen, die seinem Geheimnis hinterherjagen und dabei sogar über Leichen gehen.

Ein packendes Abenteuer im ewigen Eis, das die nordische Mythologie in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt.

Anleser:
Bergbaukomplex Svea II, Spitzbergen, Norwegen,
1.400 Kilometer nördlich des Polarkreises
19. August


Der Rauch der letzten Explosion hatte sich verzogen. Nur ein fauler Geruch hing noch in der Luft – wie eine Mischung aus Ammoniak und verbranntem Papier. Wassili Petrov trat in den Stollen und knipste seine Stirnlampe an. Er winkte seinem Kollegen Leif Gulbrandsen, ihm nachzukommen. Dann schaltete er die an seinem Overall befestigte Bodycam ein und startete die Aufzeichnung. Er hörte, wie Gulbrandsen hinter ihm das Handfunkgerät vom Gürtel nahm und Meldung machte.
„Wir gehen rein“, sagte er knapp und ließ die Sprechtaste mit einem Knacken wieder los.
Der Stollen vor ihnen schien stabil und weitgehend frei von grobem Geröll. Petrov war immer noch erstaunt über die Präzision der Sprengung. Der neue Emulsionssprengstoff Fluktan C hatte den Grad der Perfektion noch einmal deutlich gesteigert. Er verursachte 40 Prozent weniger Rauch und Staub, konnte auf ein Zehntelgramm genau dosiert werden und er ließ sich im Mischungsverhältnis individuell auf das zu sprengende Gestein abstimmen. Petrov wusste, die Geologie Svalbards war äußerst vielfältig, es gab Granit, Gneis, Schiefer, Sandstein und Lava in den merkwürdigsten Kombinationen. Da war es eine bedeutende Erleichterung, wenn man flexibel sprengen konnte. Und es funktionierte, sie kamen schneller voran denn je. Der Bergbau hier am nördlichsten Zipfel Norwegens, auf der arktischen Inselgruppe Svalbard, war ohnehin schon aufwändig genug. Da musste das Material einwandfrei sein, sonst wurde es schnell mühsam. Und nach Gold zu schürfen war etwas anderes, als nach Kohle zu graben, wie man es früher hier intensiv getan hatte.
Petrov schritt bis ans Ende des zuletzt gegrabenen Stollens und begutachtete das Loch, das nun im Fels klaffte. „Das ist ja merkwürdig“, brummte er und steckte den Kopf hinein. Es war nicht viel zu erkennen, aber offenbar lag eine große Höhle jenseits des Loches. Das war nicht das, was sie erwartet hatten. Aber das hieß nicht, dass es weniger interessant war.
Gulbrandsen trat mit einer leistungsstarken Handlampe an seine Seite. Die gegenüberliegende Höhlenwand wurde sichtbar. „Das ist aber keine Mine“, stellte er fest.
„Nein, schau mal da drüben!“ Petrov deutete auf Ritzungen im Fels, die sich über einen großen Teil der Wand erstreckten. „Das sieht aus wie Höhlenmalerei oder so etwas.“
Gulbrandsen griff wieder zum Funkgerät. „Hier ist ne Höhle“, sagte er knapp.
Petrov schüttelte den Kopf. Der Kerl war sogar für einen Nordnorweger erstaunlich wortkarg.
Aus dem Funkgerät drangen Rauschen und Knistern. Dann ein abgehackter Funkspruch. „Wiederholen. Höhle?“
„Hier ist ne Höhle“, sagte Gulbrandsen stoisch und ließ die Sprechtaste wieder los.
Petrov warf ihm einen skeptischen Blick zu.
Gulbrandsen drückte noch einmal die Sprechtaste. „Da sind Zeichnungen. Wir schauen sie uns an.“
Petrov nickte. „Geht doch. Jetzt komm, wir gehen mal rein und suchen die Höhle ab.“ Er trat durch das Loch und Gulbrandsen folgte ihm mit dem Scheinwerfer.
Die Höhle war unzweifelhaft natürlichen Ursprungs. Es gab keine Spuren von Grabwerkzeugen, Bohrern oder Sprengungen. Petrov kannte sich mit Geologie aus, er war kein einfacher Bergmann, er hatte eine Ausbildung als Erkundungsspezialist. Dieses Gestein war ursprünglich, unberührt. Bis auf die Felsbilder an der Wand. Sie waren eindeutig in den Fels geritzt. In den Vertiefungen war ein Rest rötlicher Farbe zu erkennen. Die Bilder mussten uralt sein, womöglich tausende Jahre. Petrov hatte schon ähnliche Bilder gesehen, man fand sie in Schweden und Norwegen an vielen Orten, meist im Süden. Doch diese Bilder hier schienen noch im Urzustand zu sein. Waren er und der dröge Kollege Gulbrandsen die ersten Menschen, die sie seit Jahrtausenden zu Gesicht bekamen?
„Was ist denn jetzt?“, maulte Gulbrandsen und wedelte mit dem Scheinwerfer in der Hand. „Machen wir Mittag?“
Petrov wandte sich von den Ritzungen ab, die offenbar Szenen altnordischer Mythologie zeigten, und sah seinen Kollegen gnädig an. „Ja, gleich. Ich will noch da rüber.“ Er zeigte auf einen Stollen links der Wand mit den Ritzungen. „Da geht ein Gang ab, den will ich mir ansehen. Gib mir mal die Funke.“
Gulbrandsen stieß ein unwilliges Grunzen aus, übergab das Handfunkgerät und und trottete hinter Petrov her.
„Hier Petrov, wir haben eine Höhle mit alten Felszeichnungen entdeckt und erkunden jetzt einen weiteren natürlichen Stollen, der von der Höhle wegführt. Ich melde mich gleich mit Einzelheiten.“ Er ließ die Taste los und wartete auf eine Bestätigung. Doch es drang nur Zischen und Rauschen aus dem Lautsprecher des Geräts. „Vermutlich ist etwas im Gestein, das die Signale stört. Wir sollten später Funkverstärker aufbauen.“
„Jo“, sagte Gulbrandsen und nahm das Funkgerät wieder an sich.
„Okay, dann schauen wir mal, was dort hinten ist. Schließlich sind wir immer noch der Erkundungstrupp. Willst du mit der Lampe vorgehen?“
Gulbrandsen zuckte mit den Schultern und ging stumm an Petrov vorbei.
Der Stollen war etwas zu niedrig, um darin aufrecht gehen zu können, aber hoch genug, um nicht kriechen zu müssen. Ein kalter Hauch kam ihnen entgegen, es war deutlich kühler als in der großen Höhle. Der Stollen führte leicht bergan und es gab praktisch keine größeren Abzweigungen, nur einige Ausbuchtungen links und rechts des Gangs. Daher erübrigte es sich, Markierungen auf dem Weg zu setzten.
Nach etwa 50 Metern fiel der Weg wieder leicht bergab und sie bemerkten zunehmend Eis, das Wände und Boden bedeckte.

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