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15. Juli 2019

'Bittersüßes Meer: Ostseeliebesroman' von Emily Frederiksson

Kindle (unlimited)
Achtzehn Monate ist es her, seit Maya Hals über Kopf ihr bisheriges Leben hinter sich gelassen hat. Aber weder Zeit noch Entfernung zum Ort der Katastrophe haben dabei geholfen, dass die riesige Welle der Enttäuschung abgeebbt ist. Verbotene Gefühle, unterdrückte Leidenschaft und die überstürzte Flucht in eine andere Stadt – Maya verkriecht sich vor der Realität. Doch traurige Umstände zwingen sie dazu, sich der Vergangenheit zu stellen und an die Ostsee zurückzukehren.

Hannes’ Leben scheint perfekt. Das Studium hat er erfolgreich abgeschlossen, der erste Job wartet und er begegnet der Frau, die vom ersten Moment an sein Herz berührt. Maya. Ihre gemeinsame Traumblase platzt allerdings, als sie sich unerwartet gegenüberstehen – denn er ist der neue Lehrer und sie seine Schülerin.

Sich von ihr fernzuhalten fordert all seine Energie. Hannes ist verzweifelt. Mit einer unüberlegten Aktion zerstört er Mayas Vertrauen binnen weniger Minuten und reißt beide in einen Strudel aus Niedergeschlagenheit und Resignation.

Aber was geschieht, wenn die rote Linie der Moral nicht mehr existiert? Kann Maya verzeihen und bekommt Hannes eine zweite Chance?

Leseprobe:
Als sie realisierte, dass er es war, der ihren Weg in die Abgeschiedenheit eines leeren Klassenzimmers lenkte, brach sie vollends zusammen und ergab sich einem Heulkrampf, wie er im Buche stand. Er sollte ihre Tränen nicht sehen, sollte nicht merken, wie sehr es sie quälte, ihre Gefühle unterdrücken zu müssen. Er sollte verschwinden. Es war nur seine Schuld, dass sie sich in diesem Dilemma befand. Warum hatte er nicht gesagt, dass er Lehrer war? Warum hatte er dieses wichtige Detail vergessen zu erwähnen?
„Geht es dir gut?“, fragte er mit ruhiger, aber besorgter Stimme.
„Sehe ich so aus?!“, herrschte sie ihn an und ignorierte das vertrauliche Du, in das er gewechselt war. Sie wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. „Ich brauche einen Moment für mich.“ Die geflüsterten Worte waren selbst in ihren Ohren nur schwach zu verstehen. Vielleicht blieb er deswegen stumm. „Es ist so schon peinlich genug. Du musst mir nicht auch noch dabei zusehen, wie ich mich zum Affen mache.“ Sie schniefte noch einmal und hob dann ihren Kopf, um ihn anzusehen, obwohl sie letztlich vielmehr auf seine Brust starrte, die sich schneller hob und senkte, als normal gewesen wäre. Augenscheinlich ließ ihn die Situation nicht kalt. Gut so. Warum sollte sie allein leiden?
„Verdammter Mist“, fluchte er ungehalten und legte einen Finger unter ihr Kinn, um ihren Kopf anzuheben. „Maya.“ Seine Stimme klang rau, gequält.
Aufs Neue stiegen ihr Tränen in die Augen. Und dann tat Hannes etwas, mit dem sie nie gerechnet hätte: Er zog sie in eine feste Umarmung. Hielt sie. Hier. In dieser verdammten Schule. Mit dem Wissen, dass jede Sekunde die Tür auffliegen und jemand in den Raum kommen konnte. Es war eine so beschützende Geste, dass Maya sich allmählich beruhigte und sich an seinem Hemd festklammerte, weil die Angst, doch noch den Halt zu verlieren, nicht abklang.

Im Kindle-Shop: Bittersüßes Meer: Ostseeliebesroman.
Mehr über und von Emily Frederiksson auf ihrer Autorenseite bei Amazon.



'Memorabilia' von Manuel Schulte

Kindle | Blutwut-Shop | Taschenbuch
In einer Welt ohne Regeln was für ein Mensch wärst du?
Geschlechtskrankheiten? Kein Problem. Überdosis? Egal. Mord? Immer wieder gern.


Fred ist ein Auftragskiller mit hundertprozentiger Erfolgsquote. Warum? Er kann sich besser als jeder andere auf seinen Job vorbereiten, denn Fred erlebt seit fünf Jahren immer wieder denselben Tag, ohne Grenzen, ohne Sorgen. Allerdings bringt diese Zeitschleife nicht nur Vorteile mit sich. Das Leben wird für Fred unerträglich langweilig.

Selbst div erse Nahtoderfahrungen, sadistische Spielchen oder zwanglose Orgien bringen kaum noch den gewünschten Kick. Fred will ausbrechen aus diesem Hamsterrad, doch sein Auftraggeber, der in diesem Zeitschleifenkonstrukt die Fäden zieht, droht ihm mit Höllenqualen. Außerdem ist da ein geheimnisvoller Unruhestifter und Zoe, die Freds Welt komplett auf den Kopf stellt. Das vermeintliche Paradies hat plötzlich Risse. Kann er entkommen? Und wenn, was kommt danach?

Für kurze Zeit als E-Book zum Einführungspreis von nur 2,49 Euro (statt 4,99 Euro).

Leseprobe:
Alles auf Anfang: Das Dach eines Hochhauses. Bei sämtlicher Komplexität, die diese Welt bietet, ist es doch ein unerwartet übersichtlicher Ort. Eine jämmerliche Metalltür, die hier hinaufführt, der Boden ausgelegt mit Kieselsteinen, die mit jedem Schritt einen widerlich knirschenden Ton erzeugen. Des Weiteren eine Umrandung von hüfthohem Beton – als Sichtschutz für die arroganten Bürohengste, die sich hier auf einen Joint treffen. Punkt 12:37 Uhr, direkt nach dem abscheulichen Kantinenessen im zweiten Stock. Auch wenn es wahrscheinlich einer der trostlosesten Ecken auf der Welt ist, bin ich über den klaren Himmel, die sanfte Sonne und die warmen, aber nicht heißen Temperaturen erstaunt. Selbst nach fünf Jahren genieße ich immer noch, wie angenehm das Wetter ist.

16:28:44 Uhr
Wird Zeit, die Vorbereitungen zu treffen. Ich nehme die vergoldete Quarzuhr vom Handgelenk. Sie sieht zwar ziemlich verbraucht aus, dennoch ist sie der genaueste Gegenstand, den es in meiner Welt gibt - mehr noch, sie ist mein Helfer, der mich vor Verletzungen und Peinlichkeiten schützt. Eines der seltenen Werkzeuge, die für mich beständig sind. Da dieses ranzige Ding auf die eine oder andere Weise auch ein Kumpel wurde, gab ich ihm einen Namen. Es war keine Marke darauf zu erkennen, so musste ich mir etwas einfallen lassen und nun heißt sie James. James, mein treuer Butler und Freund. Aber jetzt genug davon, James muss arbeiten. Ich lege sie vor mir auf die Dachkante, damit ich sie immer im Blick habe. Jetzt ist das Bluetooth-Headset dran. Handy konfigurieren und ... es funktioniert. Was für eine schöne neue Welt. Genau wie James versuche ich, wie ein Uhrwerk zu funktionieren. Ich ziehe einen zerknickten Aktenumschlag aus meiner rechten Manteltasche, in dem alle nötigen Unterlagen gesammelt sind. Darunter viel Unnützes, wie einen Lebenslauf und mehrere Notizen von einem sehr detaillierten Tagesplan. Ich brauche nur seine Telefonnummer. Mehr nicht. Schnell den gelben Zettel aus dem Umschlag heraussuchen und die Ziffern in das Handy tippen. Das grün-leuchtende Feld mit dem Telefonpiktogramm ist nun der Auslöser, der Startknopf. Streng genommen müsste ich die Nummer bereits auswendig kennen, so oft wie ich diese schon gewählt habe. Aber man sollte sich schließlich nicht jeden Scheiß merken. So! Uhrzeit: gecheckt. Telefon: gecheckt. Fehlt nur noch mein geliebtes Stahlrohr. Das habe ich unter meinem Mantel platziert. Es ist ungefähr einen Meter lang und am Ende abgebrochen. Sieht wirklich gruselig aus, das Ding. Wahrscheinlich, weil es mit Rost überzogen ist, dass man schon bei der winzigsten Berührung Angst vor einer Infektion bekommt. Lang, dunkelbraun und widerlich rau. Drauf geschissen! Ich lege es neben meine Uhr und gut ist. Nun ist alles auf das Feinste drapiert. Ein Blick auf James.

16:30:17 Uhr
Ich sehe noch einen Augenblick zu, wie die Sekunden verrinnen, bis es langweilig wird. Die übrige Zeit sollte ich für meine Konzentration nutzen. Also stehe ich einfach nur da und versuche, an nichts zu denken. Konzentriere mich auf die wundervolle Aussicht. Schön. Sehr schön. Aber langweilig. Mein Blick wandert hoffnungsvoll auf meine Uhr.

16:30:45 Uhr
46, 47, 48 ... Ich beobachte den Sekundenzeiger, beuge mich über die Dachkante und schaue nach unten. Hm, warum liegt auf solchen Dächern eigentlich immer der gleiche Kies herum und warum sehen alle gleich aus? Verdammt! Ich mache mir wieder Gedanken über irgendeinen Schwachsinn, dabei habe ich Wichtigeres zu tun.

16:31:05 Uhr
Vielleicht verteilen sie den Kies, damit Leute wie ich hier nicht unbemerkt bleiben. Das könnte man schon fast als böswillig bezeichnen. Oh Mann, bleib aufmerksam! Vor einem Auftrag sollte ich weniger koksen. Beruhige dich! Du hast es schon tausend Mal durchgeplant. Egal, es wird hundertprozentig funktionieren. Aber ich will es perfekt haben. Schade, dass ich es nicht filmen kann. Shit! Die Uhrzeit?

16:31:21 Uhr Die magische Zeit. Jetzt noch schnell das abgebrochene Stahlrohr fest in die Hand nehmen und über den Rand des Daches halten. Verdammt schwer das Ding. Komisches Gefühl auf der Handfläche. Dieser Rost scheint jedes Nervenende meiner Handfläche zu reizen. Irgendwie unangenehm, aber trotzdem vertraut. Jetzt erst einmal die Position prüfen. Ich schaue wieder auf den verfluchten Kiesboden. Direkt an der Spitze meines rechten Lederschuhs, liegt ein ovaler braun getönter Stein und gleich daneben ein recht unförmiger grauer. Ich stehe also perfekt. Liste komplett. Jetzt fängt die Entspannungsphase an und der Puls geht in den Keller. Ich scheine still zu stehen. Als wäre ich die Zeit. Oder James. Nicht nur mein Geist steht still, sondern auch mein Körper und alles, was darin ist. Nur noch mein Mantel bewegt sich im sanften Wind. Die Sekunden verstreichen, ich stehe still, bis ich total entspannt zu mir komme und der Realität gegenüberstehe.
Diesem respekteinflößenden Blick über den Betonrand. Ein Hochhaus mit fünfzig Stockwerken, aber man gewöhnt sich daran. Verdammte Gewohnheit! Fuck, bin ich high! Bin zu unkonzentriert. Schluss jetzt! Tippe zweimal auf den Anrufknopf. Ich liebe die Wahlwiederholung. Es klingelt ...
»Hi!«
Dieser Idiot Martin Scheittmann. Fett, Halbglatze und mit einer Brille, die so groß ist, dass man daraus zwei machen könnte. Sitzt da gemütlich auf einer Holzbank, mit seinem missgebildeten Käsebrot und ist super ätzend angezogen. Trägt eine Hose, die genauso grau ist wie sein Leben und versucht, diese Tristesse mit einem rot-grün-blau gestreiften Poloshirt wettzumachen. Wahrscheinlich haben sich die Fasern schon mit seiner Körperbehaarung verwoben, die er ganz ungeniert aus seiner Spießerkleidung platzen lässt. Besonders eklig sind seine Unterarme. Der hat einen verschissenen Urwald oberhalb des Handrückens. Man stelle sich diesen Nerd vor, und dann meldet er sich mit einem hippen »Hi!«? Dazu noch mit diesem schwuchteligen Unterton, der absolut zu seinem scheußlichen Poloshirt passt.
Ich versuche nicht, über sein nicht verdientes Selbstbewusstsein zu kotzen, sondern antworte mit einem unterkühlten: »Hallo!« Gott, ich will alles tun, um nicht so lächerlich zu klingen wie er.
»Wer spricht?«
Oh, höre ich da ein wenig Aufmüpfigkeit heraus? Nun ja, ich lass ihm den Spaß und antworte monoton.Das lässt mich ein wenig kaltblütiger wirken. Glaube ich zumindest.
»Fred ist mein Name.«
Am Anfang hatte ich noch Probleme damit, meinen wahren Namen zu nennen, bis mir bewusst wurde, dass es egal ist. Der Name ist in ein paar Stunden sowieso Geschichte.
»Wer bist du?«
Jetzt fängt der Spaß an, denn das ist nun der Wendepunkt, an dem es für ihn unheimlich wird.
»Ach, Martin. Du kennst mich nicht, und das ist echt schade. Wenn du wüsstest, wie viel Zeit wir miteinander verbracht haben und wie oft wir uns immer wieder frisch kennenlernten. Und damit meine ich auf einer nicht homoerotischen Ebene. Wenn du nur so verstehen könntest ...«
»Was?«
Fuck you! Niemand unterbricht mich! Erst recht nicht, wenn ich mal so etwas Tiefsinniges sage.
»Jetzt kommt das Schlimmste. Heute ist unser Tag. Unser letzter Tag! Verstehst du? Ein einzigartiger Tag. Zumindest für mich. Ich habe ihn geplant, geplant, geplant, aber heute werde ich es schaffen. Es wird ein Meisterstück für meine Vita. Beispiellos. Leider weiß ich, dass es sich verhält wie beim Vögeln. Man bereitet sich vor, nutzt all seine Energie und Kraft, aber wenn der Höhepunkt erreicht ist, fühlt man sich schlapp. Und man weiß, dass es lange dauern wird, es wieder so intensiv zu spüren. Unfair, oder? Vögeln kann man immer mal wieder, aber, wenn ich hier fertig bin, wirst du weg sein. Es ist nicht reproduzierbar, weil du weg bist. Für immer! Und das ist schade. Zumindest für dich, du ekelhafter Bastard. Deshalb werde ich einen Regenbogen kotzen, wenn ich dich erledige.«
Soviel habe ich noch nie mit ihm geredet. Bin auf seine Antwort gespannt. Die lässt aber eine Weile auf sich warten.
»Ich weiß ja nicht, was für ein Gestörter du bist, Fred. Aber ich glaube, du solltest mich nicht mehr anrufen, denn ich habe gefährliche und einflussreiche Freunde. Und eins sag ich dir: Die lieben es, solche psychotischen Arschlöcher wie dich zu foltern. Das würden die sogar kostenlos machen. Also leg lieber auf, sonst hat dein Hals bald keine Abdeckung mehr.«
Ich liebe so was. Versucht er doch tatsächlich, mit coolen Drohungen seinen Penis zu vergrößern.
»Kann ja sein, Martin. Aber ich denke, du hast eher noch gefährlichere und einflussreichere Feinde. Die wollen nämlich, dass du stirbst. Und das in den nächsten paar Sekunden. Cool, oder?«
Verdammt. Darf die Uhr nicht aus dem Blick verlieren.

Im Kindle-Shop: Memorabilia.
Beim Verlag: Blutwut-Shop
Mehr über und von Manuel Schulte beim Blutwut-Verlag.



12. Juli 2019

'Lost Life' von Sebastian Dobitsch

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Bei einem Kampfeinsatz wird der Scharfschütze Viktor lebensbedrohlich verletzt und erwacht ein Jahr später als Gefangener in einem Versuchslabor. Nach seiner Flucht quälen ihn Gefühlskälte, Alpträume und wirre Erinnerungen.

Viktor findet heraus, dass alle Hinweise auf seine Existenz ausgelöscht wurden und auch die Menschen, die er kannte, verschwunden sind. Vom Geheimdienst gejagt, macht er sich auf die Suche nach seiner Verlobten und stößt auf ein schreckliches Geheimnis.

Leseprobe:
Ganz langsam erwachte Viktor aus seiner Besinnungslosigkeit. Um ihn herum herrschte Stille. Er lag auf dem Rücken, die zitternden Augenlider fest zusammengepresst. Der Schleier, der seine Sinne vernebelt hatte, lichtete sich langsam und an seine Stelle trat ein pulsierendes Stechen in seinem Kopf. Noch nie in seinem Leben hatte ihn ein Schmerz so erleichtert. Er war nicht tot. Sein dröhnender Schädel bewies es ihm eindrucksvoll.
Eine Mischung aus Freude, Müdigkeit und vor allem Verwirrung ergriff ihn. Was war passiert? Er lebte noch, also war er offensichtlich von seinen Leuten gefunden worden. Galt das auch für Oleg? Hatte auch er überlebt? Trotz der lähmenden Erschöpfung schlug Viktor seine Augen auf. Im ersten Moment konnte er außer verschwommenen Lichtpunkten nichts erkennen. Auch nachdem er sich mehrere Male die Augen gerieben hatte, besserte es sich kaum. Mit einem gedehnten Seufzer wälzte er sich auf der überraschend harten Liegefläche und vertraute stattdessen auf seine anderen Sinne. Er hörte ein kontinuierliches Geräusch, wie von einem Tropf. Außerdem roch er den scharfen Geruch von medizinischem Alkohol. Er befand sich also in einem Krankenhaus.
Viktor streckte seine Hand nach dem Patientenruf aus, um eine Schwester kommen zu lassen, als seine Finger den Rand der Liege streiften. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er nicht in einem Bett lag, sondern auf einer Edelstahlbahre. Was hatte das zu bedeuten? Immer noch blind tastete er sich weiter. Auf dem Beistelltisch standen keine Blumen, kein Wasser und keine Lampe. Seine anfängliche Erleichterung schlug in Unbehagen um. Vielleicht hatte er sich getäuscht. Womöglich war er hier weniger Patient als ein Kriegsgefangener?
Wie elektrisiert schoss Viktors Oberkörper in die Höhe. Was bis eben nur ein Verdacht gewesen war, mutierte in einen realen Alptraum. Viktor kämpfte gegen den Schwindel an und versuchte seine Beine von der Bahre zu schwingen, doch etwas hielt seine Füße fest. Völlig entgeistert rieb er sich wieder über die vernebelten Augen. Erst jetzt kehrte die Sehkraft zurück. Sein Blick fiel auf seine Füße, die in zwei an der Bahre festgeschweißten Fesseln steckten. Er war tatsächlich gefangen.
Mit beiden Händen packte er die Fesseln und zerrte an ihnen. Unerwartet öffneten sich die Metallschellen. Perplex starrte Viktor an seinen befreiten Beinen hinab. Dort, an seinem rechten großen Zeh, hing ein Zettel. Mit bebenden Fingern beugte er sich nach vorne und ergriff das Stück Papier. Nr. 199 stand dort säuberlich geschrieben. Augenblicklich stellten sich Viktors Nackenhaare auf.
»Ich wurde nummeriert? Wo zur Hölle bin ich hier?«
Das aufwallende Adrenalin ließ seine Kräfte zurückkehren und er schwang seinen Körper von der Metallbahre. Der Katheter an seiner Vene riss ab und der Schlauch des Infusionsbeutels baumelte tropfend in der Luft. Kaum hatten seine Füße auf dem Fliesenboden aufgesetzt, da bemerkte er, dass er keine Schmerzen spürte. Seine Beine, die in einer weißen Hose steckten, fühlten sich kräftig und gesund an. Mit dem Daumen zog er das Hosenbein in die Höhe. Dort sah er keine Verletzungen, nur verheilte Narben. Er musste längere Zeit an diesem Ort verbracht haben als vermutet. Viktor schauderte und sah sich die Umgebung genauer an. Der Raum war eingerichtet wie eine Mischung aus Pathologie und Labor. Neben zahlreichen medizinischen Gerätschaften entdeckte er auch eine Reihe mit Formaldehyd gefüllter Glaszylinder. In der gelblichen Flüssigkeit schwammen die verschiedensten Organe. Der Anblick versetzte Viktor einen solchen Schreck, dass er mit dem Rücken gegen die Wand prallte. Wo war er hier gelandet? Instinktiv suchten seine Augen nach einem Ausweg. Er war gefangen, wie eine Ratte in der Falle. Der einzige Weg aus diesem Horrorkabinett schien durch eine Tür gegenüber der metallenen Bahre zu führen. Auf Zehenspitzen schlich sich Viktor heran und spähte durch ein niedriges Sichtfenster in den dahinterliegenden Gang. Zu beiden Seiten konnte er nichts außer nackten Wänden und gespenstischer Leere erkennen. Gerade als er den Blick abwenden wollte, bog ein Mann in einem weißen Kittel scharf um die Ecke.
Viktor erschrak und duckte sich unter das Fenster. Durch den Spalt unter der Tür konnte er den Schatten des Mannes sehen.

Im Kindle-Shop: Lost Life.
Mehr über und von Sebastian Dobitsch auf seiner Website.



'22 Wege zu einem Leben voller Glück' von A. Jackson

Kindle (unlimited)
Glück ist keine Glückssache. Wir haben es selbst in der Hand, glücklich zu sein. Wie schaffe ich das? Wie werde ich im Alltag glücklich?

In diesem Buch geht es um die einzelnen Schritte, die man braucht um glücklich zu sein. Denn wahres Glück kommt von innen.

Leseprobe:
Vorwort
Wir alle streben danach, glücklich zu sein, aber wie erreichen wir unser Ziel?
Durch die Erledigung unserer alltäglichen Pflichten vernachlässigen wir schnell unsere Bedürfnisse und unser Leben. Im schlimmsten Falle kann so ein Verhalten zu Depressionen, Ess- und Schlafstörungen sowie einem verminderten Selbstwertgefühl führen. Ganz davon zu schweigen, dass unsere Lebensqualität erheblich abnimmt und das auch Auswirkungen auf unsere Arbeit und unser Familienleben hat.
Ich musste das vor ein paar Jahren auf diese Weise lernen. Meine Beziehungen fingen an, in die Brüche zu gehen, mein Freundeskreis wurde kleiner und ich hatte keine Kraft mehr für normale Aufgaben, weder im privaten noch im sozialen Bereich. Ich fühlte mich machtlos, etwas zu ändern. Es half auch nicht, dass andere Leute versucht haben, mich auf den richtigen Weg zu bringen – nein, das musste ich selber machen.
Aus diesem Grund schreibe ich nun dieses Buch. Es ist natürlich nicht keine Bibel zum glücklichen Leben, vielmehr eine Stütze. Es ist ein Weg von vielen, aber ich hoffe, dass Sie in diesem Buch ein paar gute Anregungen finden, sodass auch Sie bald wieder lächeln können.

Kapitel 1
Achtsamkeit und Achtung
Wir sind im Alltag viel zu sehr mit unseren Routinen beschäftigt und vergessen die Achtsamkeit allzu oft. Aber was ist überhaupt Achtsamkeit? Ich möchte kurz darauf eingehen, was Achtsamkeit bedeutet, bevor wir uns überlegen, wie wir sie im täglichen Leben anwenden können.
Achtsamkeit ist eine besondere Art der Aufmerksamkeit, in der wir innere und äußere Erfahrungen im Moment in uns aufnehmen. Wir erleben das Hier und Jetzt ganz bewusst und mit voller Aufmerksamkeit.
Wie können wir Achtsamkeit ausüben? Wir haben jeden Tag dutzende von Aufgaben und Pflichten zu erledigen und sollen dann in jeder Situation achtsam sein? Ja, das ist möglich. Es ist machbar indem wir versuchen, jede Situation ohne Urteil oder Vorurteil zu erleben Es ist machbar, indem wir gedanklich bei unserer Aufgabe bleiben und nicht abschweifen.
Unser Glück hängt von Situationen ab und wie wir mit ihnen umgehen. Wie aber sollen wir wissen, wie wir mit einer Situation richtig umgehen, wenn wir etwa beim Sport an einen Streit mit einem Freund denken? Oder bei den Hausaufgaben an die Einkaufsliste oder beim Kochen an die freche Kassiererin denken?
Bleiben wir stets gedanklich bei einer Sache, dann ist nicht nur das Resultat besser, wir sind auch entspannter und zufriedener. Folgende Situation dient hier als Beispiel:
Eine Frau ist mit ihrem Mann zum Essen verabredet, und während sie in einem Restaurant sitzen, erinnert sich die Frau an eine Situation, die sie sehr verärgert hat. Es ist ihr anzusehen, und die Stimmung, die eigentlich sehr glücklich und gelassen sein sollte, ist den ganzen Abend so angespannt, dass ihr Ehemann den Abend verärgert frühzeitig beendet.
Diese Situation kennt wohl jeder von uns. Musste es so weit kommen? Die Ehefrau hätte vorher schon von der belastenden Situation loslassen müssen. Dazu gibt es verschiedene Übungen. Am effektivsten ist es, darüber nachzudenken, warum wir ungewollt an den negativen Gedanken festhalten. Dann sollten wir innehalten und tief atmen, um diese Negativität zu verdrängen - ein kleiner Spaziergang könnte helfen. Wenn wir es schaffen, diese negativen Gefühle loszulassen, können wir uns voll und ganz auf die glücklichen Momente konzentrieren und sie in aller Achtsamkeit genießen.
Ohne diese Art von Achtsamkeit verlieren wir die Magie der wunderbaren Momente.

Im Kindle-Shop: 22 Wege zu einem Leben voller Glück.



11. Juli 2019

'Happy Zeitmanagement: In 100 Tagen mehr Zeit zum Leben gewinnen' von Stefanie Glaschke und Ralf Schmidt

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Zeitmanagement ist in aller Munde. Es gibt viele Programme, um Zeit zu sparen und sein Leben besser und vor allem entspannter zu gestalten.

Dieses Buch ist ein besonderer Ratgeber. Es begleitet den Leser durch die ersten 100 Tage des Zeitmanagements. Zu jedem Tag gibt es eine neue Übung, zahlreiche Methoden und Techniken werden verständlich dargestellt. Dieses Buch kann ein Freund werden. Zitate, Affirmationen und viele Tipps zum Durchhalten machen das Besondere dieses Buches aus. Den Verfassern gelingt es, ihrer Leserschaft Empathie und Geduld entgegenzubringen. Wer Zeitmanagement schon oft versucht hat und mit keinem Ergebnis zufrieden war, wird dieses Buch lieben. Er wird durch ein Training geführt, das es in sich hat.

Menschlich, informativ und unterhaltsam wie alle Bücher aus der Serie 100-Tage-Happy.

Leseprobe:
Verlier keine Zeit - leg los!
Es gibt zahlreiche Ratgeber zum Thema „Zeitmanagement“. Sicher fragst du dich, warum du nun noch ein weiteres Buch lesen solltest, um deiner eigenen Vision von dir näher zu kommen. Die Antwort darauf ist ganz leicht zu finden. Dieses Buch ist anders. Dieses Buch ist mehr als ein Ratgeber. Es bietet dir die die zentralsten Informationen und Techniken auf einfache Art und Weise. Kurz gesagt: Dieser Ratgeber bringt es auf den Punkt. Ich verzichte bewusst darauf, nur die Theorie aufzuzeigen. Das haben andere vor mir schon ganz gut gemacht. Mir ist wichtig, dir eine praktische Unterstützung zu bieten. Deshalb findest du nach jedem theoretischen Abschnitt eine ganz konkrete Anleitung, um die Theorie in die Praxis umzusetzen. Dabei greifen wir auch auf unser Fachwissen und auf eigene praktische Erfahrungen zurück. Dieses Buch kann ein Freund werden, der dich mit wertvollen Impulsen versorgt. Wenn du jetzt noch unentschlossen bist, ob du dich auf das Abenteuer „Zeitmanagement“ einlassen willst, solltest du vielleicht bedenken, dass deine Persönlichkeit einen großen Anteil daran hat, ob du deine Wünsche und Träume im Leben umsetzen kannst. Doch ein Leben ist nicht unendlich. Viele beginnen zu spät damit, sich selbst zu entwickeln. Sie schieben alles auf die Rente und die Zeit, in der die Kinder groß sind und alles im Leben scheinbar perfekt ist. Das ist jedoch eine verheerende Zeitverschwendung. Niemand, wirklich niemand weiß, wie lange er lebt. Wer sich erleben will und das Leben führen will, dass zu seiner eigenen Persönlichkeit passt, sollte so schnell wie möglich anfangen. Und das ist JETZT.
Es gibt eine große Anzahl Methoden und Ansätze für das Management deiner wichtigsten Ressource, deiner Zeit. Keine der Methoden kann als die beste bezeichnet werden. Es gibt keine Methode, die für jeden passt. Du musst selbst herausfinden, was für dich richtig ist. Dafür probierst du am besten die unterschiedlichen Methoden aus diesem Buch aus. Alle sind wirksam und geeignet, doch du selbst entscheidest darüber, welche Möglichkeiten dich am besten zu deinem Ziel führen können. Wer dir garantiert, dass er dir die ultimative Lösung für dein Glück, deinen Erfolg oder deinen Seelenfrieden bieten kann, sollte dein Misstrauen wecken.
Wenn du nicht allein mit dem Thema sein willst, suche dir einen Vertrauten. Partner und Freunde sind gute Gefährten auf deinem neuen Weg. Es gibt Teilziele wie körperliche Fitness, die sich zu zweit oder in einer Gruppe leichter erreichen lassen.
Achte nur darauf, dass du frei bleibst und deine eigenen Ziele nicht aus den Augen verlierst. Raff dich auf und entwickle dich durch die Schritte, die du gehst!

Ein paar Worte zum privaten Zeitmanagement
Leider verbinden viele mit Zeitmanagement hauptsächlich den beruflichen Lebensbereich. Doch ein privates Zeitmanagement zu betreiben, ist sehr reizvoll. All die Energiefresser, die an deine Tür klopfen, schlechte Gewohnheiten und der innere Schweinehund können über Zeitmanagement viel besser abgewehrt werden. Wer in der Freizeit keinen Plan hat, wird viel zu leicht Opfer von denen, die ihn gern für ihre eigenen Zwecke einspannen möchten. Wer dagegen genau weiß, was er will, wird sich selbst davor schützen, vor den Karren anderer gespannt zu werden.
Zeige dir, dass du ein wichtiger Mensch in deinem Leben bist.
- Respektiere deine Wünsche.
- Nimm dir Zeit für dich.
- Kümmere dich um deine Angelegenheiten.
- Sei für dich da.
- Erfülle dir deine Bedürfnisse.

Ein paar Worte zum beruflichen Zeitmanagement
Zeitmanagement ist eine Kompetenz, die im Berufsleben immer wichtiger wird. Es ist die einzig mögliche Antwort auf steigende Ansprüche und Personalnot in den Unternehmen. Wenn sich täglich mehr Aufgaben auf deinem Schreibtisch ansammeln, wirst du schnell das Gefühl haben, von Aufgaben erschlagen zu werden. Das löst Stress aus. Du hast das Gefühl, jedes Engagement sei sinnlos und keine Anstrengung kann ausreichen, um den Anforderungen gerecht zu werden. Die Folgeerscheinungen lieben zwischen Frustration, Stress und Burnout. Wenn du die Möglichkeit hast, dir deine Arbeitszeit frei einzuteilen, kannst du dafür sorgen, dass du deine eigenen Prioritäten setzen kannst. Für eine Tätigkeit als Angestellter gelten beim Zeitmanagement die folgenden Grundsätze: [...]

Im Kindle-Shop: Happy Zeitmanagement: In 100 Tagen mehr Zeit zum Leben gewinnen (100 Tage Happy, Band 1).
Mehr über und von Stefanie Glaschke auf ihrer Facebook-Seite.



10. Juli 2019

'Das Kleid der Highlanderin' von Emilia Doyle

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Leah erhält eine geheimnisvolle Nachricht ihrer Großmutter aus den schottischen Highlands. Mit gemischten Gefühlen macht sie sich auf den Weg. Zuletzt war Leah ihr als Kind begegnet. Sie ahnt nicht, dass es kein Zurück gibt.

Kaum schlüpft sie für ein Foto in das Kleid der Highlanderin, wird sie zu ihrem Entsetzen ins achtzehnte Jahrhundert katapultiert.

Ihr Schicksal ruht nun in den Händen von Laird Cedric MacArthur. Trotz ihrer Ängste übt der stolze und charismatische Highlander eine beeindruckende Faszination auf sie aus.

Nach einer Liebesnacht schwebt Leah auf Wolken, doch Cedric verhält sich eigenartig reserviert. Hat sie sich in ihm getäuscht? Zudem muss sie sich fragen, ob Cedric womöglich in Gefahr schwebt. Ein Clansmann setzt Leah unter Druck, welchen Plan verfolgt er?

Leseprobe:
Leah hatte die präsentierten Kleider fast alle durchstöbert und war gewillt, dem Vorschlag der Fotografin zu folgen, als sie in der hinteren Ecke, verdeckt durch einen wollenen Umhang, den Zipfel eines hellen cremefarbenen Stoffes hervorlugen sah. Sie wusste nicht, was sie antrieb, ausgerechnet dieses Kleid hervorzuziehen. Ihre Entscheidung fiel in dem Moment, als sie den Stoff berührte. Zufrieden hielt sie das Gewand vor sich und betrachtete sich eingehend im Spiegel. Ein beinah euphorisches Gefühl erfasste sie. Daniel würde Augen machen, wenn er später das fertige Bild sah, und hoffentlich bereuen, dass seine Eitelkeit ihm im Wege gestanden hatte, sich mit ihr zusammen fotografieren zu lassen.
Das Kleid war auf der Vorderseite mit silbernen, vorwiegend quadratischen Elementen verziert und wirkte wie ein Überwurf auf einem weißen Unterkleid. Die Ärmel, bis zum Ellenbogen eng, fielen danach wie Kaskaden den Unterarm hinab.
Telefonierend kehrte die Frau zurück, zufrieden lächelnd drückte sie die Auflegetaste. »Meine Schwägerin kommt in ein paar Minuten herüber. Sie arbeitet in der Kantine, sie kann eine Weile auf den Laden aufpassen, damit ich mich uneingeschränkt um Sie kümmern kann. Im Augenblick ist dort nicht viel los, sodass ihre Kollegin alleine zurechtkommt.«
»Oh, das ist ja nett.« Leah lächelte und präsentierte freudig die Wahl ihres Kleides. Sie wusste nicht, warum sie in dem Moment so aufgeregt war.
Verwundert kam die Schwarzhaarige näher. »Seltsam, ich habe es noch nie gesehen. Darf ich mal …?« Sie ergriff den Bügel und betrachtete das Kleidungsstück. »Ein sehr schönes Modell, wo haben Sie es denn entdeckt?«
Ein wenig irritiert zeigte Leah ihr, wo es zuvor gehangen hatte.
»Hm ...« Nachdenklich schaute die Frau die anderen Kleider auf dem Ständer an. »Es scheint das Einzige dieser Art zu sein. Ich frage mich, warum mein Vater mir nichts von der Bestellung erzählt hat.«
»Sicher hat er es einfach nur vergessen«, half Leah aus.
»So wird es sein!« Sie lachte. »Ich werde ihn später danach fragen. Möchten Sie schon mal in die Umkleide gehen, ich bereite in der Zwischenzeit die Kamera vor.« Höflich hielt sie den dicken grauen Vorhang zurück und ließ Leah eintreten.
»Wenn Sie Hilfe benötigen sollten, ich bin in wenigen Augenblicken zurück, dann gehöre ich ganz Ihnen«, sagte die Verkäuferin und entfernte sich. Das Bimmeln der Eingangstür hatte weitere Kundschaft angekündigt.
Nachdenklich schälte Leah sich aus der hautengen Jeans. Warum war sie nicht längst aus eigener Initiative in die Highlands gekommen? Sei es, um die Großmutter kennenzulernen, die immerhin ein Teil ihrer Familie war, oder zumindest, um sich an der faszinierenden Landschaft zu erfreuen? Zufrieden lächelnd zog sie ihr Oberteil über den Kopf. Egal, wie der Besuch bei der Großmutter ausfallen sollte, ihren nächsten Urlaub würde sie in Schottland planen. Nach Daniels Andeutung war sie sicher, dass sie ihn von der Idee überzeugen konnte, auch wenn sie sich dafür wieder ausgedehnten Wandertouren aussetzen musste.
Der letzte gemeinsame Trip war ihr unangenehm in Erinnerung geblieben. Sie hatte sich extra teure Wanderschuhe gekauft und sich dennoch Blasen an den Füßen geholt, sodass sie die zweite Tour absagen mussten. Daniel hatte zwar Mitgefühl gezeigt, aber die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Zudem hatte er ihr, in schöne Worte verpackt, unter die Nase gerieben, dass man zum Wandern niemals nagelneue, nicht eingelaufene Schuhe trägt.
Das Kleid der Highlanderin passte wie angegossen. Weich fließend schmiegte es sich ihrer Figur an. Mit den Handflächen fuhr Leah behutsam über den fein gewebten Stoff. Aus einem Impuls heraus griff sie sich an den Hinterkopf und löste den lockeren Knoten, den sie sich am Morgen gemacht hatte, um ihr langes Haar wegen des Windes zu bändigen. Für das Foto erschien es ihr passender, das Haar offen zu tragen. Mit den Fingern fuhr sie hindurch, um es zu entwirren, anschließend schüttelte sie einmal kräftig den Kopf, damit es schön fiel.
Mit einem Schlag verschwamm alles um Leah herum, drehte sich, als würde sie immer noch heftig ihren Kopf schütteln. Dieses Gefühl wollte nicht aufhören. Die Schwingungen schienen ihren gesamten Körper in Mitleidenschaft zu ziehen. Erschrocken wollte sie nach etwas fassen, sich festhalten, doch sie griff ins Leere. Ein Schrei sammelte sich in ihrer Kehle, aber kein Laut kam über die Lippen. Währenddessen nahm das unsichtbare Karussell um sie herum an Geschwindigkeit zu. Formen und Farben lösten sich in diesem Strudel in ein Nichts auf. Leah fühlte die drohende Ohnmacht kommen und hatte dennoch keine Kraft, etwas dagegen auszurichten. Die Welt um sie herum versank in einer tiefen schwarzen Leere.

Im Kindle-Shop: Das Kleid der Highlanderin.
Mehr über und von Emilia Doyle auf ihrer Facebook-Seite.



9. Juli 2019

'Regatta in die Liebe: Ein Sizilien-Roman' von Lisa Torberg

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Sizilien, Sonne, Meer, ihr Ex eine ferne Erinnerung – und keine lästigen Männer in Sicht, bis …

Gina liebt ihr Leben zwischen dem bunten Markttreiben, dem kleinen Lokal an der Küste und den ruhigen Abendstunden beim Leuchtturm. Jetzt will sie nur noch den Traum ihres verstorbenen Vaters verwirklichen und mit seiner alten Segeljacht an der historischen Regatta teilnehmen. Das Einzige, was ihr weiterhin fehlt, ist ein Segelpartner ...

Leonardo arbeitet die Überfahrt von Tunis in seine alte Heimat auf einem Fischkutter ab. Nach dreizehn Jahren will er seinen Ziehvater wiedersehen, in dessen Bootswerkstatt arbeiten – und die Vergangenheit vergessen. In der Werft stolpert er über eine aufgebockte Holzjacht, die ihn sofort fasziniert. Und dann lernt er die Frau kennen, der sie gehört ...

Der Roman ist in sich abgeschlossen und gehört nicht zu einer Serie. Weitere Bücher von Lisa Torberg auf ihrer Autorenseite.

Leseprobe:
Sie hatte immer gedacht, dass es im Leben auf die großen Dinge ankommt. Ein Haus mit so vielen Zimmern, dass der Platz nie knapp wird, eine Limousine, in der man auf der Rückbank sitzen kann, ohne mit den Knien an den Vordersitz zu stoßen, und ein gut gefülltes Bankkonto. Eines, das sich wie von selbst ständig füllt, sodass man nie darüber nachdenken muss, was und ob man es sich leisten kann.
Das alles hatte sie gehabt – und wieder verloren.
Und trotzdem spürte sie jetzt den inneren Frieden, der sie erfüllte, obwohl sie an dem Ort war, den sie viele Jahre lang so sehr gehasst hatte.

Gina konnte sich nicht genau erinnern, wann sie dieses Ekelgefühl entwickelt hatte, aber es war irgendwann zwischen dem vierten und letzten Grundschuljahr gewesen. Sobald die Sommerferien begannen, fuhr sie mit ihrer Mutter jeden Tag auf einen anderen Wochenmarkt in den umliegenden Gemeinden. In ihrem Stand verkauften sie das auf ihrem Land angebaute Gemüse, allem voran Artischocken, selbst gemachte Konserven, Oliven, den Honig ihrer Bienen und manchmal auch Fisch, den ihr Vater im Morgengrauen vor der Küste ihres Heimatorts Torretta Granitola fing, wenn er nicht schlafen konnte. Es war ein strahlend blauer Sommertag gewesen, als dieses Mädchen, das kaum älter war als sie selbst, vor ihrem Marktstand stehen geblieben war und sie von oben bis unten musterte, bevor sie ihrer Mutter etwas ins Ohr flüsterte. Die elegant gekleidete Frau hatte in ihre schicke Handtasche gegriffen und einen Geldschein hervorgeholt. Mit einem Blick, der irgendwo zwischen Mitleid und Abscheu angesiedelt war, hatte sie ihr die zwanzig Euro hingehalten. »Kauf dir was zu essen, mein Kind«, hatte sie in unsicherem Italienisch mit starkem Akzent gesagt – und Gina in einen emotionalen Abgrund gestürzt.
Ihre Mamma war mit den Kunden beschäftigt und hatte nichts mitbekommen. Als Melina ihre Tochter in den darauffolgenden Wochen, Monaten und Jahren immer wieder fragte, was denn mit ihr los sei, erhielt sie keine Antwort. Versuchte sie zu verstehen, warum Gina nur stumm vor sich hinstarrte und um nichts in der Welt sonntags mit ihr und dem Vater nach Mazara fahren wollte, wo sie früher stets Eisessen waren, antwortete sie nicht. Sie zog sich immer mehr zurück, wurde einsilbig und unnahbar und saß stundenlang unter dem riesigen Olivenbaum, um aufs Meer zu starren und ihren Träumen nachzuhängen.
Gina wollte weg von dieser Insel – so rasch wie möglich und egal wie. Mit jedem Jahr, das verging, wurde ihr Wunsch übermächtiger, bis er sich erfüllte. Mit wehenden Fahnen und ohne zurückzuschauen, verließ sie mit Roberto und seinem Ring an ihrem Finger am Tag nach ihrem achtzehnten Geburtstag, der auch der Tag ihrer Hochzeit gewesen war, ihre Heimat und ihr Elternhaus und begann in Mailand das Leben, das sie sich immer gewünscht hatte.
Allein der Gedanke an die Durchschnittlichkeit der Menschen in Sizilien, die jeden Tag der Woche dem Festmahl nach dem sonntäglichen Kirchgang voller Vorfreude entgegenblickten und dieses als Höhepunkt ihres Lebens ansahen – sofern man von Weihnachten und Ostern absah –, ließ sie damals schaudern. Nie, nachdem sie weggegangen war, hatte sie das Bedürfnis verspürt, auch nur für wenige Tage hierher zurückzukehren.
Roberto hatte ihre Entscheidung nie hinterfragt, im Gegenteil, er war froh darüber. Hätte Gina den Entschluss nicht von selbst getroffen, hätte er es für sie getan. Doch das wurde ihr erst nach einiger Zeit klar, als sich ihre anfängliche Verliebtheit legte und sie seinen wahren Charakter erkannte. Um sein Gewissen zu beruhigen, hatte ihr Mann ihren Eltern Flugtickets geschickt, damit sie Weihnachten miteinander verbringen konnten, aber die beiden hatten sich weder in der riesigen Stadt noch in der elegant eingerichteten Wohnung wohlgefühlt. Wie Fische, die von der rauen See auf den Strand geworfen wurden, hatten sie gewirkt – und waren nie wiedergekommen. Die sonntäglichen Telefonate blieben jahrelang Ginas einziger Kontakt mit den Eltern und ihrer Heimat. Sprachen die Geschäftsfreunde ihres Mannes und deren Frauen begeistert von ihren luxuriösen Aufenthalten in Taormina oder einem der eleganten Golfresorts Siziliens, machte sie sich noch kleiner und unsichtbarer, als sie war. Obwohl sie sich die Mühe hätte sparen können – sie bemerkten sie bei solchen Gelegenheiten ohnehin nicht.
Für Roberto war sie sowieso nicht mehr als ein hübsches Mitbringsel aus dem Urlaub, das er geheiratet und ganz nach seinen Wünschen geformt hatte. Dass sie vierzehn Jahre jünger und »eine heiße Südländerin« war, machte ihn in den Augen seiner überheblichen und oberflächlichen Freunde zu einem Glückspilz. Sobald sie sich von ihren Begleiterinnen unbeobachtet fühlten, glitten ihre gierigen Blicke von Ginas dunklen Locken zu ihrer beachtlichen Oberweite, die sich ihre Frauen und Geliebten von plastischen Chirurgen vergrößern ließen, und weiter zu den gerundeten Hüften – und manchmal verirrte sich eine Hand an ihren Po. Anstatt sie zurechtzuweisen, lachte ihr Mann in solchen Momenten und meinte: »Jetzt stell dich doch nicht so an, Gina!«

Bei dem Gedanken, der so real wirkt, als ob es soeben erst wieder passiert wäre, grub Gina unwillkürlich die Fingernägel durch den Stoff der Jeans in ihre Oberschenkel, bis der Schmerz sie zusammenzucken ließ. Sie lockerte den Griff und legte den Kopf ein wenig zurück, um nach oben zu schauen. Mit dem Rücken lehnte sie gegen die Rinde des knorrigen Olivenbaums, den bereits der Urgroßvater ihres Urgroßvaters gepflanzt hatte. Seine Äste bildeten ein schützendes Dach und zwischen seinen Blättern säuselte der Libeccio, der warm aus Afrika über das Mittelmeer herüberwehte und den Frühlingsabend zum ersten angenehmen des Jahres machte.
»Wusste ich’s doch, dass du vor dem Schlafengehen wieder hier sitzt, sobald die Temperatur es zulässt.« Sie hatte Rosa gar nicht kommen sehen, die jetzt mit einem tiefen Seufzer zu Boden sank und sich neben ihr an den ausladenden Baumstamm lehnte. Die Dunkelheit wurde nur noch von den Sternen am wolkenlosen Himmel und dem nahen Leuchtturm von Capo Granitola, dessen Lichtstrahl in regelmäßigen Abständen aufblinkte, erleuchtet.
»Du solltest doch schon längst im Bett sein.« Gina griff nach Rosas Hand und strich über die Schwiele an ihrem Zeigefinger, die von dem Messer herrührte, mit dem sie heute wieder stundenlang die bald letzten Artischocken der Saison, die sie liebevoll nur mit der sizilianischen Bezeichnung cacocciuli nannte, geputzt hatte – neben all der Arbeit, die im Lokal anfiel.
»Und du nicht? Wenn mich nicht alles täuscht, bist du auch schon seit fünf Uhr auf den Beinen und sitzt immer noch da.«
»Das ist doch ganz etwas anderes«, wiegelte sie ab und zog ihre Hand zurück. Blitzschnell griff Rosa danach und drückte ihre Finger so fest zusammen, bis sie ihren Blick erwiderte.
»Findest du? Ich wusste nicht, dass wir mit zweierlei Maß messen. Liegt das daran, dass ich deine Mutter sein könnte?« Die Worte sprudelten einfach so aus Rosas Mund, und als sie bemerkte, was sie gesagt hatte, war es bereits zu spät.
Tränen traten in Ginas Augen. Hektisch sprang sie auf, wischte mit den Händen die verräterischen Spuren aus ihrem Gesicht und versuchte sich in einem Lächeln.
»Komm, es ist spät. Lass uns schlafen gehen.«
Ohne sich noch einmal umzudrehen, lief sie auf den ehemaligen aus Stein erbauten, renovierten Stall zu, in dem sie lebte. Seit gut vier Jahren – und allein. Und soeben war ihr wieder klar geworden, dass sie daran nichts ändern wollte, obwohl Rosa sie nahezu täglich darauf ansprach, zu ihr in das Doppelhaus zu ziehen. Sie war froh, dass sie den Teil davon, in dem sie aufgewachsen waren und wo ihre Eltern gelebt hatten, als Lager und für ihre Arbeit verwendete und nicht zwischen erdrückenden Erinnerungen leben musste.
Ohne das Licht anzumachen, hängte sie die Jacke auf, streifte ihre Kleidung Schicht für Schicht ab und ging ins Bad. In der geräumigen Duschkabine legte sie den Hebel um und griff nach der Handbrause, damit die Haare nicht nass wurden. Wenige Minuten später lag sie im Bett. Damals, in Mailand, brauchte sie abends allein zum Abschminken länger als heute für ihre gesamte Abendtoilette. Die Vorstellung, wie entsetzt Roberto wäre, wenn er das wüsste, ließ sie in der Dunkelheit kichern und vertrieb den schmerzlichen Gedanken an ihre Eltern allerdings nicht lange, denn als sie die Augen schloss, sah sie ihre Gesichter plötzlich vor sich. Sie waren beide abgearbeitet und müde, aber sie lächelten ihr zu. »Mi dispiace tanto, Mamma. Es tut mir so leid, Papà«, flüsterte sie und schluckte den Kloß, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, hinunter. Dann umklammerte sie das Kissen und rollte sich wie ein Embryo zusammen – wie jeden Abend.

Im Kindle-Shop: Regatta in die Liebe: Ein Sizilien-Roman.
Mehr über und von Lisa Torberg auf ihrer Website.



'Im Reich der Mondsonne' von V. Yve P. Roman

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Im Elfenreich Gwanfaar mit seiner sphärischen Hauptstadt Marandola entstehen Bündnisse für die Ewigkeit. Die Zeitmessung unterliegt Atouh, dem Herrscher der Magie und zeremoniellen Ordnung. Er ist der Hüter und Wächter zum Portal der Quelle.

Die Waldelfen haben jedoch seit vielen Jahren keinen König mehr und die Tore zum Jenseits sind verschlossen. Gandolin, der Sohn des letzten Führers, nähert sich seiner Krönungseinweihung, doch hütet er ein Geheimnis, das nicht einmal seinen engsten Vertrauten bekannt ist. Auch nicht Madinan, seiner besten Freundin und Wegbegleiterin seit Kindheitstagen.

Madinan ist keine Elfin und ihre Herkunft ist ebenfalls ein Rätsel, das sie schmerzlich umtreibt und zu ausgiebigen Ausflügen ins Umland veranlasst. An die Grenzen Gwanfaars, wo dunkle Schatten lauern und sich eine düstere Bedrohung stark macht.

Kann Gandolin die schwierige Prüfung durch höhere Mächte bestehen und seinem Volk der lang ersehnte neue Herrscher sein?

Es wird sich zeigen, ob die Elfen der gierigen Macht im Westen standhalten - doch sind sie auf die Hilfe von Madinan angewiesen. Als sie kurz vor Gandolins Einweihungsritualen spurlos verschwindet, scheint auf einmal alles in Frage gestellt und ein gutes Ende zweifelhaft ...

Im Kindle-Shop: Im Reich der Mondsonne.
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8. Juli 2019

'Auf Goldener Schaukel: Eine wahre Geschichte' von P.G. Zeidler

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Mit zwei Pappkoffern, einigen hundert Franken aus dem mütterlichen Erbe und dem mütterlichen Segen gingen die Zwillingsbrüder Louis und François Blanc ins Leben hinaus. Ihre Pläne, ihr Tatendurst und ihr Mut standen in keinem Verhältnis zu dem bisherigen Verlauf ihres Daseins.

Sie waren bescheiden erzogen, frühreif, kühl und nüchtern. Die Ängste vor dem Monatsende hatten sie hinlänglich kennengelernt. Dann wurde das ohnehin früh gealterte Gesicht der Mutter noch müder, ihr Blick auf die Kinder ratloser, die Brotschnitten dünner. Dass der Vater, der Steuereinnehmer Claude Blanc, als Ernährer der Familie auch am Monatsende Vollkost zu beanspruchen hatte, galt als Gesetz. Ihr Heimatdorf Courthezon war ihnen zu eng geworden. Sie wollten ihr Glück in Avignon versuchen. In beiden Brüdern war der Wunsch am stärksten, möglichst bald reich zu werden. Sie träumten nicht nur vom Reichtum, sie forderten ihn unablässig im Morgen- und Abendgebet. In der Schule waren sie hervorragende Rechner gewesen. Sie schienen noch einen besonderen Sinn zu besitzen, den Sinn für Geld und Geldeswert.

In Avignon und in Lyon hielten sie sich nicht lange auf; Paris lockte sie stärker. Dort, in der riesigen Seinestadt, hofften sie einen gewaltigen Antrieb ihrer ehrgeizigen Pläne finden zu können ...

Eine verblüffende Geschichte zweier Männer, die mit ihrem erbarmungslosen Ehrgeiz Großes erreichen wollen. Ihr Antrieb lässt keine Ablenkungen zu. Für die Schönheiten des Lebens ist wenn sie erst mal ganz oben stehen schließlich noch genug Zeit. Wie hoch und weit sie mit dieser Willensstärke wohl kommen mögen?

Leseprobe:
Mit zwei Pappkoffern, einigen hundert Franken aus dem mütterlichen Erbe und dem mütterlichen Segen gingen die Zwillingsbrüder Louis und François Blanc ins Leben hinaus.
Ihre Pläne, ihr Tatendurst und ihr Mut standen in keinem Verhältnis zu dem bisherigen Verlauf ihres Daseins.
Sie waren bescheiden erzogen, frühreif, kühl und nüchtern. Die Ängste vor dem Monatsende hatten sie hinlänglich kennengelernt. Dann wurde das ohnehin früh gealterte Gesicht der Mutter noch müder, ihr Blick auf die Kinder ratloser, die Brotschnitten dünner. Dass der Vater, der Steuereinnehmer Claude Blanc, als Ernährer der Familie auch am Monatsende Vollkost zu beanspruchen hatte, galt als Gesetz.
Ihr Heimatdorf Courthezon war ihnen zu eng geworden. Sie wollen ihr Glück in Avignon versuchen. In beiden Brüdern war der Wunsch am stärksten, möglichst bald reich zu werden. Sie träumten nicht nur vom Reichtum, sie forderten ihn unablässig im Morgen- und Abendgebet. In der Schule waren sie hervorragende Rechner gewesen. Sie schienen noch einen besonderen Sinn zu besitzen, den Sinn für Geld und Geldeswert.
In Avignon und in Lyon hielten sie sich nicht lange auf; Paris lockte sie stärker. Dort, in der riesigen Seinestadt, hofften sie einen gewaltigen Antrieb ihrer ehrgeizigen Pläne finden zu können.
In kleinlich provinzmäßiger Kleidung landeten Louis und François in Paris. Nichts von den äußeren Eindrücken überwältigte sie. Wohl wurde François in der ersten Zeit vorrübergehend traurig. Er klagte auch einmal:
»Ich möchte nur für einen Tag zurück nach Courthezon; dann käme ich gleich wieder.«
»Du musst nicht kindlich werden, François! Was haben wir uns fest vorgenommen? Bist du so feige?«
Trotz der überraschenden Ähnlichkeit der beiden Brüder, ihrer starken Blutnähe in kleinsten Charakterzügen, war François bisher stets der führende gewesen. Umso tiefer war Louis von seiner Schwäche überrascht.
»Willst du arm bleiben, François?«
»Ich hasse die Armut, sie ekelt mich an, sie ist mir widerlich.«
»Dann also müssen wir weiter!«
Sie bewohnten in Rue de la Pépinière eine winzige Stube, eine graue, lichtarme Kammer mit fleckigen Wänden, schmuddeligen Gardinen und wackeligen Stühlen. Nur das Bett hinter ausgeblassten Vorhängen war lediglich sauber. Ihre Koffer hatten sie übereinandergelegt und darüber ein riesiges Taschentuch gebreitet. An diesem Tisch aßen sie. Sie aßen mit viel Anstand und einem sicheren Gefühl für Ordnung und Schönheit. Bald duldeten sie nicht einen Staubflecken in ihrem Zimmer mehr. Da sie von Haus aus gut beraten waren, machte es ihnen keine Mühe, diese Reinigung gründlich und wirkungsvoll durchzuführen.
Louis, körperlich niemals kräftig, ertrug im ersten Jahr das fremde, neue Tempo der Riesenstadt schwer.
»Paris erdrückt mich. Hier spannen sie Geist und Körper wie in Maschinen ein. Werde ich das aushalten, François?«
»Paris ist Durchgang, Louis. Was sollen wir auch hier? Kleinere Städte bieten uns mehr Chancen. Wie viel hast du übrigens gestern den Dummköpfen abgenommen?«
»Sechs Gulden.«
Sie lachten ausgelassen. Im Geist sahen sie die Bauern vor sich: pfiffig dreiste Gesichter, Prahlsucht in jeder Bewegung der schweren Körper. Doch beim Spiel hatten sie sich dumm und plump gezeigt. Es war kein Kunststück gewesen, ihnen sechs Gulden abzunehmen.
»Du, die haben nicht schlecht geflucht.«
»Stört uns nicht. – Hast du das Geld auch gut verwahrt?«
Sie hatten beschlossen, jeden Gewinn aus dem Glücksspiel zu dem mütterlichen Geld zu legen, das nicht angetastet werden durfte. Was sie zum Leben brauchten, verdienten sie sich auf andere Weise. In dieser Weltstadt gab es so viele Erwerbsmöglichkeiten. Überall wurde gebaut, Paris an allen Ecken und Enden verschönert. Das Geld lag auf der Straße.
Auf den glänzenden Boulevards stauten sich prunkvolle Karossen. In unaufhörlichem Korso fuhren reich geschmückte, kostbar gepflegte Frauen an bewundernden Männeraugen vorüber.
Kalt und prüfend hielten die Brüder Blanc diese verwirrenden Bilder des Luxus im Geiste fest.
So reich wollen sie selbst werden. Von ihrem Reichtum sollte alle Welt sprechen. Ein ehrgeiziger Plan für so viel unerfahrener Jugend.
»Wir werden später, wenn wir was geworden sind, diese herrliche Stadt kennenlernen. Jetzt müssen wir nur ans Verdienen denken.«
François hatte diese Worte von sich gegeben, wie ein Feldherr seine Parole. Louis stimmte ihm zu. Obgleich sie noch jung waren, knapp zwanzig Jahre alt, verfügten sie über eine erstaunliche Selbstzucht. Sie kontrollierten sich unerbittlich, hart und scharf.
»Wir müssen uns tadellos einkleiden. Alles andere kommt von selbst. Dieses Zimmer genügt uns vorläufig. Es wäre töricht, jetzt nicht das Geld zusammenzuhalten.«
In der Folge waren die Brüder abends ständig in Cafés zu sehen, wo in stillen Hinterstuben für die Stammkunden Spieltische bereitstanden. Die Brüder, einfach, aber gut gekleidet, hielten sich klug zurück. Sie konnten warten. Was tat´s, wenn mal eine Nacht ohne Schlaf blieb. Das Leben war ja so lang.
Bald wechselten sie ihre Tätigkeit zur Börse hin. Ihr wacher Instinkt war ihr bester Ratgeber. Sie freundeten sich ebenso gut mit dem Türsteher der Börse an wie mit dem bekanntesten Makler.
Manchmal dämmerte schon der neue Tag, wenn sie nach Hause kamen. Noch ehe sie schlafen gingen, ordneten sie ihre Geldgeschäfte. Der Gewinn kam in den Sparkasten, den sie sorgfältig im Bett versteckt hielten. Oft, während der Tagesarbeit, irgendwo, überfiel sie glühende Angst um ihren Sparschatz. Wie gelähmt verrichteten sie dann ihre Arbeit und eilten im Salopp nach Hause. Oben, in der winzigen Mansarde, lachten sie sich aus. Wer sollte wohl in diesem Loch Schätze vermuten?
Der Portier an der Börse grinste breit, so oft er die Brüder Blanc sah. Ihr Trinkgeld steckte er gern ein. Louis wollte auch da sparen, aber François sagte bestimmt:
»Was willst du? Den Mann könnten wir eines Tages brauchen, dann wird er sich gern unseres Trinkgeldes erinnern.«
Dieser Tag kam schnell. Ein Wink des dicken, behaglichen Mannes spielte den Brüdern die erste gelungene Spekulation in die Hände.
François jubelte: »Es geht aufwärts, Louis. Wir kommen hoch. Verlass dich auf mich! Bleibe mir nur treu, dann habe ich das richtige Gefühl für unsere Arbeit.«
Von dieser Stunde an hätten die beiden sorgloser leben können. Sie dachten nicht daran. Kühl wägend machten sie neue Geschäfte. Gewinn und Verlust, beides trugen sie nun ungerührt. In ihrer äußeren Lebensführung änderte sich nichts. Nur kleideten sie sich jetzt sorgfältiger, hielten peinlich auf saubere Wäsche und tadelloses Schuhwerk; auf ihren Zylindern duldeten sie kein Stäubchen. Wenn sie durch den schmutzigen Torweg ihr Haus betraten, hatte jeder für sich Ekel zu überwinden; sie zeigten es nicht. Sie sahen nicht die rissigen Treppen ohne Anstrich, das stellenweise ausgebrochene Geländer, die Löcher und Schmierereien an den Flurwänden. Diese unsaubere, düstere Umgebung wollten sie eines Tages vergessen.
Einmal lachte Louis belustigt auf: »Nun sind wir schon einige Jährchen in dieser Stadt und kennen weder deren Schönheiten noch ihre Frauen!«
François blieb völlig ernst. Seine kleinen, stets wachen und lauernden Augen überprüfen rasch des Bruders Gesicht. Hatte er etwa Dummheiten gemacht und sich an eine Frau gehängt? Vorsichtig fragte er.
»Was sollten wir jetzt schon damit? Frauen? Gewiss, alles zu seiner Zeit. Aber dann solide, mit Ring und Altar. Wir dürfen uns nicht verzetteln, Louis.«
»Du spricht wie ein Großvater. Wir sind noch jung, François. Hast du denn niemals das Bedürfnis, fidel zu sein, zu leben und zu lachen mit jungen Menschen?«
François horchte auf. Aha, man wurde unzufrieden. Er trat zu dem Bruder und maß ihn kalt.
Das Naturspiel war verblüffend; die Brüder glichen einander so haargenau, dass es für einen Fremden unmöglich gewesen wäre, sie auseinanderzuhalten.
»Lässt du mich im Stich, Louis?«
»Ich dich? Keine Spur. Wie kommst du darauf?«
»Ich meinte nur. Sieh mal, Junge, wir wissen doch, was wir wollen. Es geht ja auch bergauf. Willst du mal ein Vergnügen, na schön. Aber mit Maß! Paris ist Durchgang. Ich sage es immer wieder. Wenn wir hier weggehen, darf uns nichts halten, fesseln können. Du verstehst? Aber du sollst deinen Willen haben; wir werden zu einem Vergnügen gehen, und zwar in den Zirkus. Wenn du noch mehr willst, steht uns ja noch vieles zur Verfügung.«
Louis wehrte verlegen ab.
»Ach, lass doch, es war nur so ein Gedanke von mir. Du hast Recht. Wir kommen ja zu allem noch früh genug. Vergiss meine Worte, François!«
Der nickte schweigend.
Am nächsten Abend überraschte er Louis mit Karten für den Zirkus. Neben der kindlichen Freude des Bruders fühlte sich François fast alt. Gewiss, er ging gern in den Zirkus, aber viel wichtiger waren doch die Nummern am Toto in Auteuil, die am Abend um 6 Uhr beim Pferderennen herauskommen würden.
Sie saßen im Zirkus, langweilten sich und bedauerten das verschwendete Geld.
In den Jahren des Aufstiegs schien François Blanc sich an eine Frau aus den höchsten Kreisen verlieren zu wollen.
Die beiden Brüder schlenderten die Allee von Longchamp entlang. Das Rennen lockte. Es blieb ihnen noch Zeit bis zum Start. In unaufhörlichem Strom glitten glänzende Equipagen und Reiter an ihnen vorüber. Wie ein blassblaues, zartes Zelt spannte sich der Himmel über der weiten Fläche.
Das Panorama war sinnverwirrend. Sie sahen unwirklich schöne Frauen, von Kavalieren umgeben. Diese Luxusgeschöpfe waren bereit, mit eigenem oder fremdem Geld beim Rennen zu wetten.
Niemand achtete auf die unauffällig gekleideten Blancs. François war, wie stets bei der Arbeit, konzentrierter Ernst. Louis blickte interessiert umher; ihn fesselte vieles. Vor allem der Hauch der großen Welt, der über dem weiten Felde lag. So hoch wollte er selbst hinauf, rücksichtslos, ohne kleinliche Bedenken. Gemeinsam mit François wusste er sich stark genug, jedes Hindernis zu nehmen. Aus kleinen und größeren Erfolgen hatten sie sich schon ein nettes Sümmchen erspart. Es war noch nichts im Hinblick auf ihre Pläne. Es war nur der Anfang einer großen Entwicklung.
»Sieh mal dort, die Rothaarige, François!«
Eine Frau lenkte ein Cap. Sie wurde von vielen Händen aus dem Wagen gehoben. Nun stand sie da, glühend, berückend, ganz in schwarze Spitzen gehüllt, eine Toque mit riesigem Reiher auf dem Kopf. Aus Rüschen und Flitter flatterte ihr Händchen hoch, eine Kinderhand, beschwert mit kostbarem Schmuck. Die Schönheit des blutjungen Gesichts wurde durch eine zu starke Puderschicht entstellt.
Einige Gestalten näherten sich in unverhohlener Neugier der kleinen Gruppe.
Die Brüder erkannten nach Bildern in illustrierten Zeitungen diese Frau sofort, die trotz ihrer Jugend Skandale entfesselte. Die Verschwendungssucht der Prinzessin wurde bereits im Rate der adligen Familie mit der Entziehung ihrer Vormundschaft bedroht. Wo immer sie sich zeigte, war die Stimmung sofort heiter. Eine sieghafte Lebensfreude, eine nahezu kindliche Fröhlichkeit an allen Dingen, riss alle Menschen zu ihr hin.
Später sah François die Frau noch einmal. War es Zufall, dass sie beide allein waren? Um ihren Mund lag der Ausdruck eines sehr verwöhnten Kindes. Sie sah nicht den kleinbürgerlich wirkenden François Blanc, sie sah in ihm nur einen Mann, der ihr vielleicht helfen könnte. Bei alledem entging ihr allerdings der überlegene Ausdruck in seinen kühlen kleinen Augen.
»Oh, würden Sie mich begleiten? Jetzt gleich? Sofort! In der Nähe der Comédie Française ist ein Klub. Führen Sie mich sogleich dorthin! Aber schnell. Es darf mich keiner erwischen!«
Blanc blieb gelassen. Ruhig, als habe er niemals etwas anderes getan, als schöne Frauen ritterlich zu beschützen, ging er ihr voran auf eine Droschke zu. Fragend blickte er zurück:
»Recht so?«
»Natürlich. Mag Philipp mit meinem Cab heimfahren, wann er will; dann hat er etwas zu tun.«
Sie stiegen schnell ein. Der Wagen fuhr durch eine Woge neugieriger Gaffer davon. Die Prinzessin schwieg; Blanc ebenfalls. – Aber er dachte viel. Was wollte sie im Klub? Warum ging sie ihrer Suite auf und davon? War keiner in ihrer glänzenden Gesellschaft, der freudig ihre Rennverluste wettgemacht hätte? Was sollte Louis denken? Zum Teufel, Louis würde ihn jetzt suchen! Eine derartige Rücksichtslosigkeit, sich einfach zu drücken, war zwischen ihnen nicht üblich.
»Ihr treuer Bruder wird Sie suchen?«
»Mein Bruder?« Er blickte sie erstaunt an. Woher kannte sie ihn?
Die Prinzessin lachte. Dieses Lachen war allein schon bezaubernd. Es brach in quellender Freude aus ihr, glücklich und beseligend. François ahnte stärker ihre gefährliche Nähe. Er wollte auf der Hut sein; er eignete sich nicht zum Schleppenträger einer hochgeborenen Dame.
»Mann, ich kenne jeden, der irgendwie mit Geld zu tun hat! ... Das bringt meine Lebensweise mit sich. Nadelgeld reicht nicht! Mein Herr Papa – ein König – ist knauserig! Meine Frau Mama bekommt nichts in die Finger, meine Schwestern sind ehrgeizig und voll wilder Zukunftspläne. Und mein Gemahl?«
Sie stockte, blickte anklagend zur Decke der Droschke, und sprach dann schnell, noch immer lachend, weiter:
»Lassen wir ihn! Er gibt und gibt immer wieder! Sehen Sie, als Frau bin ich ihm so grenzenlos bequem. Das verpflichtet ihn. Wenn der König das ahnen würde! Ich käme in ein Kloster – auf Lebenszeit. Aber ich will mein Leben genießen, völlig auskosten! Alle Freuden sollen mir blühen. Die schönsten Stätten der Welt muss ich sehen. Meine größte Leidenschaft ist das Glückspiel!«
»Weiß Ihr Herr Gemahl, wo Sie heute sind, Frau Prinzessin?«
»Sie sprechen wunderbar genau, fast wie ein deutscher Schullehrer. Dabei sind Sie doch Franzose?«
Er verbeugte sich knapp: »Südfranzose.«
»Sehen Sie, nur ein Franzose ist so ritterlich einer Dame gegenüber, dass er sich ohne viele Fragen in eine heikle Lage hineinziehen lässt. Haben Sie etwa doch Angst?«
Blanc sah im Halbdunkel des Wagens ihre weit geöffneten Augen. Es waren Augen, die weich und klug, töricht und hart blicken konnten; gefährliche Augen.
Er dachte an Louis. Er wird mich suchen. Was wird er von mir denken? Es war blöd, sich von dieser Frau übertölpeln zu lassen. Ärgerlich, doch äußerlich vollkommen beherrscht, lehnt er ihre Frage ab:
»Warum Angst? Ich denke, Sie wollen etwas von mir, Frau Prinzessin. Nun gut, ich bin bereit. Was soll es sein?«
Im Augenblick wurde sie sachlich und kühl. Ihr Gesicht hatte sich in der Weichheit des Lachens so schnell gelöst, dass es schien, als habe sie eine Maske vorgelegt.
»Geld!«
»Wieviel?«
»So viel, wie Sie im Augenblick flüssig machen können. Ich brauche sofort hunderttausend Franken. Natürlich gegen hohe Zinsen. Der Schwerpunkt liegt auf dem SOFORT!«
»Sicherheit?«
»Meine Juwelen.«

Im Kindle-Shop: Auf Goldener Schaukel: Eine wahre Geschichte.



5. Juli 2019

'USA 2084' von Pjotr X

Kindle | Tolino | Taschenbuch
USA 2084: Die Zukunft Amerikas sieht rosig aus. Eine frivole Wohlstandwelt voll sexueller Exzesse, in der es sich angenehm leben lässt. Wäre da nicht das Relikt der weltweiten Hungerkrise aus den 2040ern: Die Schlachtquote. Ein Prozent jedes Jahrgangs wird im Alter von neunzehn geschlachtet und als Delikatesse zum Verzehr freigegeben.

Die lebenslustige Jessica isst gern Menschenfleisch. Mit ihrer Klasse besichtigt sie einen der vier amerikanischen Human-Schlachthöfe in San Francisco und erhält eine Ahnung davon, was die »Auserwählten« erwartet. Für sie und ihre Mitschüler ist das normal. Keiner der Teenager glaubt daran, zu dem einen Prozent zu gehören. Die Realität ist grausam aber längst nicht das Schlimmste. Die wahren Geheimnisse der Schlachthöfe offenbaren sich Jessica erst, als sie selbst auserwählt wird ...

Leseprobe:
2083 CHICKEN
Die Stimmung war gut, wie bei einem normalen Schulausflug. Im Grunde war es das auch. Heute würde nichts Dramatisches passieren. Die Schüler in dem Bus des Jahrgangs 2065 der Highschool aus Sacramento waren bestens gelaunt. Auf dem Programm stand die Besichtigung des Human-Schlachthofes San Francisco mit der obligatorischen Tauglichkeitsuntersuchung und am Nachmittag Freizeit in der City. Keiner der Teenager rechnete damit, zu dem einen Prozent seines Jahrganges zu gehören, das die Ehre hatte, Schlachtteens zu werden. Aber es war aufregend, einen dieser mystischen Menschenschlachthöfe von innen zu sehen und lebend wieder herauszukommen - ein Privileg, das nur wenigen zuteil wurde.
Seit den 2050ern wurden in den USA jedes Jahr fünfzigtausend amerikanische Teenager geschlachtet und zum Verzehr freigegeben. Das Gesetz entstand aus Solidarität zu den Drittweltländern. Dort hatte sich der Verzehr von Menschen als hervorragende Lösung der Hungerkrise erwiesen, die aufgrund der globalen Erwärmung entstanden war. In Nordamerika hatte es nie Hunger gegeben, lediglich diverse Versorgungsengpässe, aber Menschenfleisch erfreute sich als Delikatesse rasch großer Beliebtheit. Als Mitverursacher des CO2-Problems und Großimporteur humanoider Nahrungsmittel sah man sich gezwungen, 2049 das Gesetz zur Weltnahrungssolidarität zu erlassen. Seitdem wurde jeweils ein Prozent von dem Jahrgang der Neunzehnjährigen zum Schlachten ausgelost, der sogenannte Chickenjahrgang. Man entschied sich für ein relativ junges Alter, bevor die Auserwählten eigene Familien gründen konnten, damit Lebensplanungen nicht unter dem gewissen Ein-Prozent-Risiko standen. Außerdem lag es im Interesse der Wirtschaft, dass keine ausgebildeten Mitarbeiter aus Unternehmen gezogen wurden. Und das Fleisch junger Menschen schmeckte am besten.
Der Bus bog auf den Gästeparkplatz der Schlachtfabrik. Neugierig hüpften die Chicken heraus und betrachteten eine der unheilvollsten Einrichtungen ihres Landes. Von außen sah alles eher langweilig aus, wie eine normale Fabrik. Es war auch nicht direkt zu erkennen, dass es sich um eine Einrichtung des Militärs handelte. Die Organisation des Schlachtprogramms lag aus naheliegenden Gründen unter der Aufsicht der Regierung. Natürlich gab es auffallend gut gesicherte Zäune und uniformiertes Wachpersonal, aber das war in anderen Fabriken genauso. Dagegen wirkte das Eingangsgebäude, zu dem sie vom Parkplatz über eine Brücke über die Anfahrtsstraße gelangten, sehr nobel und luxuriös, überhaupt nicht militärisch, geschweige denn erschreckend.
Im Foyer lauschten die Schüler mehr schlecht als recht einem Vortrag, in dem es um die Wichtigkeit des Solidaritätsgesetzes und die große Ehre der Auserwählten ging. Der Kommandant der Anlage, Colonel Nicholson, ein hochdekorierter Veteran des Marine Corps, sprach persönlich. Für die Schüler war es das reinste Blabla, das alles hatten sie tausend Mal gehört. Sie waren scharf darauf, die vermeintlichen Gruselkammern zu sehen, die sie aus der täglichen Fernsehsendung Schlachtkid der Woche kannten.
Dieses Vergnügen hatten zuerst die Mädchen. Nach dem Vortrag wurde nach Geschlechtern aufgeteilt, die Jungen mussten zum Medizincheck, während die Mädchen durch die Anlage geführt wurden.
Jessica, die alle Jes nannten, hatte viel Zeit bis zu ihrer kritischen Phase. Es war März 2083, und ihr neunzehnter Geburtstag war nächstes Jahr im April 2084, wonach sie im folgenden Mai mit Post von der Schlachtbehörde rechnen musste. Wie alle ihre Freundinnen war sie ein unbeschwerter Teenager und vertrödelte selten Zeit mit Gedanken an die Zukunft. Auserwählt wurden die anderen, das war weit weg.
Sie war ein freundliches Mädchen mit neugierigen grauen Augen und bereits ausgeprägten Brüsten. Ihr dunkles Haar und die sanft gebräunte Haut strahlten Latina-Flair aus. Sie liebte die Jungs und die Jungs liebten sie.

Im Kindle-Shop: USA 2084.
Für Tolino: Buch bei Thalia
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