2. August 2016

'Fincamond' von Eva-Maria Farohi

Vieles im Leben lässt sich planen – nur die Liebe nicht …

Vergeblich versucht die junge Rechtsanwältin Lisa, die Anerkennung ihrer Eltern zu erlangen. Als sie ihr Verlobter betrügt, beschließt sie, ein Jahr Auszeit zu nehmen, und geht nach Mallorca. Dort trifft sie auf völlig andere Lebensumstände, knüpft neue Freundschaften und begegnet zwei Männern, die ihr Leben für immer verändern werden: da ist der liebenswürdigen Rechtsanwalt Jaime, der sich wie ein Vater um Lisa kümmert - und der charismatische Tierarzt Juan, dessen Familie offenbar ein Geheimnis umgibt. Juan selbst scheint Lisa aus dem Weg zu gehen, doch dann überstürzen sich die Ereignisse …

Gleich lesen: Fincamond



Leseprobe:
Rasend schnell näherte sich der Boden, ein starker Ruck noch, der Lärm schwoll an und Lisa wurde gegen den Haltegurt ihres Sitzes gedrückt.
Während die Maschine ihrer Parkposition entgegenrollte, sah sie aus dem Fenster. Windmühlen huschten vorbei, Palmen. Gelbe und weiße Blumen blühten auf dem Grasstreifen zwischen den Rollbahnen.
Die Durchsage der Flugbegleiterin riss sie aus ihren Gedanken:„… und wünschen Ihnen noch einen schönen Urlaub.“
Wieso Urlaub? Sie war hier nicht in Urlaub. Sie kam nach Hause. Die Vorstellung erschreckte sie.
Sofort rief sie sich zur Ordnung. Alles lief wie geplant. Nur, warum hatte sie dennoch das Gefühl, dass sie die Dinge nicht unter Kontrolle hatte und einen Fehler machte.
Während sie durch die endlos langen Gänge des Flughafens ging, dachte sie an die letzten Tage zurück.
Was tat sie denn so Ungewöhnliches? Sie nahm nur ein Jahr Auszeit, konnte jederzeit wieder zurückkehren. Schließlich gehörte die Rechtsanwaltskanzlei, in der sie arbeitete, schon seit drei Generationen ihrer Familie.
Zum ersten Mal in ihrem Leben durfte sie tun, was sie selbst für richtig hielt.
„Wieso hat Onkel Hans gerade mir dieses Haus vererbt?“, überlegte sie, „und warum wollte er unbedingt, dass ich hier lebe?“
Bei den Gepäckbändern in der großen Halle angekommen, stellte sie sich zu den anderen Wartenden. Einen Moment lang überkam sie ein Gefühl von Furcht. Das Wort „gestrandet“ kam ihr in den Sinn.
Ihre Entscheidung hierherzukommen war auf kein Verständnis gestoßen.
Wieder spürte sie dieses Ziehen im Rücken, wenn sie an den Abschied zurückdachte. Keiner hatte ihr Glück gewünscht, niemand war auf dem Flughafen erschienen. Außer Ilse, der Freundin aus Kindertagen, die jetzt vorübergehend in ihrer Wohnung wohnte.
„Ich wünsche dir, dass du dort endlich glücklich wirst“, hatte sie gesagt und sie fest umarmt.
Auch die Worte ihrer Großmutter kamen ihr in den Sinn: „Sissi, das machst du gut. Fahr hin auf die Insel, schau dir an, wie der Hans gelebt hat. Du bist eine tüchtige Frau, ich war immer stolz auf dich. Aber vergessen, wozu man alles tut, das darf man nie. Genieß die Zeit, und versprich mir, dass das Träumen nicht zu kurz kommt. Lass bald von dir hören.“
Oma Helene, ihre Großmutter aus Wien. Die Einzige, die sie „Sissi“ nannte. Denn eigentlich hieß sie Eliza. Rechtsanwältin Eliza Wernberg, Spezialgebiet Konkursabwicklungen.
„Lisa“, so nannte sie ihr Vater, Professor Wernberg, ihrer Mutter war sogar das zu wienerisch, von „Sissi“ erst gar nicht zu reden. Überhaupt hatte ihre Mutter die Verwandlung von der Gruber Karin aus Wien in die Frau Rechtsanwältin Carina Wernberg mit der ihr eigenen Präzision vollzogen.
So wie alles in ihrem Leben immer perfekt war. Jurastudium, Heirat, Kind, Karriere. Alles makellos. Dazu noch charmant, erfolgreich und tüchtig.
Lisa entsprach so gar nicht den Vorstellungen ihrer Mutter. Hübsch war sie — wenigstens das —, schlank, mittelgroß, mit schulterlangen blonden Haaren und einem aparten Gesicht. Auch an Intelligenz mangelte es ihr nicht. Aber sonst? Lisa liebte die Natur, Bücher, Tiere. Und sie liebte Wien, die Stadt ihrer Großmutter, bei der sie als Kind die Sommer verbringen durfte.
Sehr schnell jedoch war dieser Idylle ein Ende gesetzt worden. Kinder konnten nicht früh genug auf den zukünftigen Beruf vorbereitet werden. Und Lisa würde Jura studieren, wie es die Familientradition vorschrieb. Bücher, Tiere, Natur — reine Zeitverschwendung. Die Besuche bei der Oma wurden gestrichen.
Doch da hatte die sonst so fügsame Lisa aufbegehrt – und wider Erwarten von ihrem Vater Unterstützung erhalten.
Der Professor schätzte seine Wiener Schwiegermutter. Bei den wenigen Besuchen — ganz zu Beginn der Ehe — war er lieber bei Oma in der Küche gesessen, als mit seiner Gattin durch die Stadt zu spazieren.
Die Herzlichkeit, mit der „Schwiegermuttchen“, wie er sie nannte, ihn umsorgte, und nicht zuletzt wohl auch das gute Essen blieben ihm eine kostbare Erinnerung.
Obwohl er sich schon lange nicht mehr in Lisas Erziehung einmischte, vertrat er diesmal den Standpunkt, dass zwei Wochen Sommerurlaub in Wien durchaus wünschenswert seien. So durfte Lisa weiterhin vierzehn Tage lang zur „Sissi“ mutieren, Germknödel, Grammeln und Zwetschkenfleck essen — und über Onkel Hans reden.
Ein quietschendes Geräusch unterbrach ihre Gedanken. Die Gepäckbänder liefen an, und Lisa entdeckte ihren Koffer. Während sie sich auf den Weg zum Ausgang machte, dachte sie weiter über Onkel Hans nach. Hans König, der ältere Bruder von Oma, der mit der Witwe eines Hoteliers zusammenlebte.
Leider wurden die Zimmer in diesem Hotel auch stundenweise vermietet und die Witwe war zwölf Jahre älter als Onkel Hans. Bald schon verkauften die beiden das Hotel und befanden sich meistens auf Reisen.
„Absolut unpassender Umgang für Eliza“, fand Lisas Mutter, und diesmal war ihr Vater derselben Meinung. Lisa durfte nur nach Wien, wenn sie versprach, jeglichen Kontakt mit Onkel Hans zu unterlassen.
Daher war ihre Erinnerung an den Onkel immer mehr verblasst.
Irgendwann starb die Witwe, und Onkel Hans zog aus Österreich fort.
Im Laufe der Jahre wurden die Besuche bei Oma Helene immer seltener. Zuletzt reduzierte sich der Kontakt auf gelegentliche Telefonate und noch seltenere Briefe. Bis zu dem Zeitpunkt, als der Brief der Gestoria4 aus Mallorca in Lisas Postmappe lag.
Johann König war tot, teilte man ihr mit, und hatte sie zur Erbin bestimmt.
Allerdings nur, wenn sie ein volles Jahr auf der Finca verbrachte und seinen Hund versorgte. Nach Ablauf dieser Zeit könnte sie die Finca an einen gewissen Doktor Juan Sera verkaufen und den Hund der Nachbarin Marika Fischer geben.
Lisa wurde aufgefordert, ihr Ankunftsdatum bekanntzugeben, damit man sie vom Flughafen abholen und ihr bei Behördenwegen und allen weiteren Angelegenheiten behilflich sein konnte.
Einfach lächerlich.
Doktor Eliza Wernberg als Hüterin eines Hundes auf einer mallorquinischen Finca. Was für eine Idee!
„Nachricht an Absender — Erbschaft ausschlagen — Dr. EW“, vermerkte sie auf dem Schreiben.
Warum sie dann, als sie mit der Durchsicht der Post längst fertig war, nochmals zurückblätterte, den Brief herausnahm und in ihrem Schreibtisch verwahrte, konnte sie sich selbst nicht erklären.

Im Kindle-Shop: Fincamond

Mehr über und von Eva-Maria Farohi auf ihrer Website.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen