10. November 2016

'Die Frau im roten Kleid' von Joachim Widmann

Die Schöne und der Mörder.

Gregor Krätz ist fasziniert von der dunklen Schönheit im roten Kleid, die einen Geschäftspartner auf seine Party begleitet. Laylas Zuhälter verlangt atmberaubend viel Geld für sie – dabei ist die junge Kurdin abweisend, stolz, sie verspannt sich bei jeder Berührung.

Der frühere Diplomat ist gewohnt, für Geld alles zu bekommen. Layla ist an seinem Geld nicht interessiert. Krätz will sie unbedingt gewinnen, gibt jede Vorsicht auf: Letzte Chance für einen alten Mann.

Krätz macht als Waffenhändler Millionen. Er profitiert von Krisen und Kriegen. Flüchtlinge sind für ihn ein weiteres Geschäft – Flüchtlinge wie Layla, verletzlich und schutzlos.

Hauptkommissarin Sibel Schmitt vom Berliner LKA riskiert ihren Job, weil sie Krätz hinter Gitter bringen will. Er hat gute Verbindungen, macht sich nützlich, hat Freunde in der Politik und augenscheinlich auch bei der Staatsanwaltschaft. Auf eine Dienstbeschwerde reagiert Schmitt mit dem Versprechen, eine andere werden zu wollen – und begibt sich in tödliche Gefahr.

„Die Frau im roten Kleid“ zeigt die Berliner Ermittlerin Sibel Schmitt fünf Jahre vor ihrem Debüt im Roman „Schmitts Hölle – Verrat“, der 2015 erschienen ist.

Lesermeinung:
„Unfassbar, was die Kommisarin Sibel Schmitt auf sich nimmt, unendlichen Gefahren ausgesetzt, um den Gangsterboss Krätz endlich zur Strecke zu bringen. Kann diesen Triller nur empfehlen.“

Gleich lesen: Die Frau im roten Kleid (Ein Thriller mit Sibel Schmitt 2)

Leseprobe:

„Dann entschuldigt ihr sicher, wenn ich mich ein wenig abkühle, so lange ihr über euren Zahlen brütet“, sagte Layla leichthin.
„Bitte“, sagte Krätz.
Sie drückte die Kippe in den Aschenbecher, erhob sich und löste mit einer Handbewegung den Kettenverschluss ihres Kleides. Es glitt wie eine zähe Flüssigkeit an ihr zu Boden. Mit laszivem Hüftschwung schritt sie zum Pool, sprang aus der Bewegung ins Wasser.
Scherwandt schaute wie geblendet. Riss sich zusammen, sah seine Frau an. „Das ist gar keine schlechte Idee, oder?“
Die Frau verengte die Augen. Sagte hart, während sie sich Krätz zuwandte: „Warum nicht. Kommst du auch?“
Bodo Scherwandt hatte das Jackett schon abgelegt.
Krätz dachte an seinen welken Körper. Ärgerte sich, dass Layla die Pool-Nummer früher abzog, als sie besprochen hatten. „Ach, ihr jungen Leute. Geht ruhig schwimmen, ich schaue mir eure Zahlen an.“
Karin Scherwandt rang mit sich. Ihr Mann war schon nackt. Mit wippendem Bauch watschelte er zum Pool und sprang ins Wasser, das an die Fensterwand spritzte. Er kraulte diagonal in Laylas Bahn, fing sie ein, die Hand auf ihrer Brust, rief: „Ich hab dich!“
Ehe Layla sich darauf einlassen konnte, sprang Karin Scherwandt in den Pool, direkt neben ihrem Mann. Er ließ Layla prustend los. Die tauchte ab, ließ sich an den Beckenrand gleiten, schwang sich aus dem Becken und war mit ein paar Schritten bei Krätz. Der starrte auf seine Tabelle.
„Du hast es also auch gesehen“, sagte sie.
„Was?“ Er sah sie irritiert an.
Sie zeigte auf das Blatt in seiner Hand. „Die lügen die Kosten hoch.“
Er schaute auf die Tabelle. „W-wieso? Was meinst du?“
Sie warf einen Blick zu den Scherwandts, die sich im Wasser neckten. Griff über den Tisch nach der Mappe. „Ganz rasch: Du musst auf Details schauen. Auf den hinteren Blättern. Alle denken immer, sie könnten sich auf so eine Computertabelle verlassen, weil diese Programme automatisch rechnen. Deshalb schaut jeder nur auf Endsummen. Du kannst aber die Werte manuell verändern.“
„Manuell verändern?“ Er starrte wieder auf die Tabelle.
„Die Einzelposten sind korrekt, aber man ändert die Ergebnisse auf dem Blatt, das oben liegt. Das merkt niemand. Schau …“ Sie zeigte auf einen Posten. „Belegschaft: 48, davon ein Geschäftsführer, neun Ärzte, medizinisches Hilfspersonal, Verwaltung. Teile mal die Gesamt-Personalkosten durch 48.“
Er schaute sie an, dann wieder das Sheet, dann wieder sie.
Sie sagte: „Die müssten jeder im Durchschnitt mehr als 117.000 Euro im Jahr verdienen. In Litauen! 47 Mitarbeiter sogar noch mehr, denn ausgerechnet der Geschäftsführer verdient weniger, wie Bodo zum Besten gab. Du siehst es aber auch auf Seite 4. Nur die Ärzte verdienen so viel, einer mehr, das wird Bodo sein. Das Fußvolk verdient so gut wie nichts.“
Krätz pfiff durch die Zähne.
„Schau mal beim Fuhrpark. Bei den Reisekosten. Unter ‚sonstige Kosten‘.“
Er suchte auf dem Blatt nach dem Wert.
Layla: „Außerdem addieren sich die Monatsumsätze, die einzeln gelistet sind, zu einer höheren Summe, als da steht. Das allein macht fast 110.000 Euro aus. Bist du an dem Laden beteiligt?“
Wie in Trance sagte er: „Ich hab ihn mitfinanziert und will nun meine Beteiligung aufstocken.“
„Dann bestehlen die dich.“ Sie kreuzte die Arme vor der Brust. „Ich bin aber eigentlich aus dem Wasser, um dich zu bitten, Fedor zu sagen, dass wir nachher Handtücher brauchen.“ Drehte sich um, nahm Anlauf, sprang wieder in den Pool. Legte die Hände auf Scherwandts Schultern, rief „Hab dich!“ und tauchte ihn unter.
Beide Scherwandts machten im Pool Jagd auf Layla, berührten sie möglichst oft möglichst intim. Sie ließ die Avancen zu, erwiderte sie nicht. Bat nach einiger Zeit um Gnade. Hinter Atem lehnte sie sich an den Beckenrand.
Karin Scherwandt pickte ihr einen Kuss auf den Mund, der verrutschte, da Layla den Kopf drehte. „Wir wissen, was du bist.“
Layla riss die Augen auf, schluckte. „Und?“
Bodo Scherwandt legte den Arm um ihren Hals, senkte die Hand auf ihre Brust. „Du machst es für Geld. Gregor glaubt, wir denken uns nichts dabei, dass er jedesmal ein anderes junges Ding als seine Freundin vorstellt. Aber ich komme auch rum in Berlin …“
„Wir“, warf seine Frau ein.
„… wir … Zwei der Mädchen kannten wir …“
„… aber du bist neu“, sagte die Frau. „Und du bist sen-sa-tio-nell.“
„Danke“, sagte Layla. Sie wirkte sehr erleichtert.
„Magst du Dreier?“, fragte Karin Scherwandt.
„Ich werde manchmal dafür bezahlt.“
Fedor trat mit einem Stapel Handtücher an den Pool. „Herr Krätz lässt zum Dessert bitten.“
„Wir kommen“, antwortete Bodo Scherwandt. Flüsterte, als Fedor den Rücken drehte: „Sieht er nicht aus wie ein dressierter Affe in seinem Anzug? Feinster Zwirn, und er wirkt, als hätte man ihn da reingeprügelt.“
Karin Scherwandt lachte. Layla tauchte zwischen beiden unter, stieß sich von der Wand ab, glitt dicht über dem Boden durch den Pool, hob sich am anderen Rand aus dem Wasser. Sie wickelte sich locker in ein Handtuch, setzte sich an den Tisch.
Krätz saß da wie versteinert. „Wer bist du?“, zischte er. „Ich bestelle eine Nutte, und ein verdammtes Zahlengenie kommt.“ Seine Augen waren kalt.
Sie warf ihm einen warnenden Blick zu, da war Karin Scherwandt schon an ihrem Stuhl, mit schwingenden Brüsten, das Handtuch nur um die Hüften, das Haar wirr, viel besser gelaunt. „Ich liebe es. So ein Indoor-Pool ist herrlich.“ Sie betrachtete das aus dem Sorbet ragende, kunstvoll filigrane Gebäck auf ihrem Teller, sagte: „Oh, Gregor, dein Dinner ist wieder exquisit.“ Zu Layla: „Wir hatten in Bad Saarow auch einen Pool. Jetzt in Litauen müssen wir uns erst noch nach etwas Passendem umschauen. Erst mal musste eine Wohnung reichen.“
Krätz wirkte abwesend, fahrig. „Kommt dein Mann auch mal?“ Er nahm seine Gabel auf. Karin Scherwandt schien leicht irritiert. Layla sah ihn forschend an. Sein Ton passte nicht.
Scherwandt, Wasserflecken in Hemd und Hose, setzte sich.
„Zeit, übers Geschäft zu reden“, sagte Krätz und rammte seine Gabel durch Karin Scherwandts locker neben ihrem Teller lagernde Hand in die Tischplatte.

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