14. November 2016

'Vergelte!' von Siegfried Langer

Was tust du, wenn du die Wahrheit über entsetzliche Dinge weißt, die ungesühnt sind? Nimmst du das Recht selbst in die Hand?

Dominik Weiß ist auf grausame Art zu Tode gekommen. Wie es aussieht, ist der Mörder mehrfach zwischen dem Toten und der Wand hin- und hergelaufen, um seine Fingerspitzen in Blut zu tauchen. Dann hat er sie über die geweißte Strukturtapete geführt, um sich dort zu verewigen.

Zu Beginn der Ermittlungen ahnt Kriminalhauptkommissar Niklas Steg noch nicht, dass dieser Mord der Auftakt zu einer ganzen Serie ist. Beim Täter verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen »Recht« und »Rache«, seine Hemmschwelle wird immer geringer. Und die Zeit arbeitet gegen Steg ...

Gleich lesen: Vergelte! (Privatdetektivin Sabrina Lampe 2)

Leseprobe:
Als das Mädchen nach Hause kam, fand es seine Mutter tot und von der Decke hängend vor.
Voller Stolz und Elan war es – immer zwei Stufen auf einmal nehmend – die Treppen des Mietshauses nach oben geeilt. Eine Eins und eine Zwei hatte es heute Vormittag in der Schule erhalten und sich darauf gefreut, seiner Mutter von den Noten zu berichten. Bei der Wohnungstür angekommen, zog es den Schlüssel aus der Hosentasche und wog ihn in der Rechten hin und her. Zum ersten Mal sperrte es heute die Tür eigenhändig auf. Endlich war gestern das Vertrauen der Eltern groß genug gewesen, dem Mädchen einen eigenen Schlüssel zu geben.
Im Beisein seiner Mutter hatte es sogleich mehrfach geübt, und das Aufsperren klappte jetzt auf Anhieb. Freudestrahlend betrat es die Wohnung. Das Mädchen stellte seinen schweren Ranzen an der Garderobe ab und rief nach der Mutter.
»Mama! Ich bin zu Hause!«
Keine Antwort.
Und keine Mama, die dem Mädchen entgegenkam und die Fröhlichkeit erwiderte.
»Mama?«
Die Stimme des Mädchens wurde leiser, die Schritte zögerlicher, während es den langen Flur der Altbauwohnung entlangging.
Zur Rechten stand die Tür des elterlichen Schlafzimmers offen, doch es war leer.
»Mama?«
Das Mädchen klopfte verhalten an die Badezimmertür.
»Bist du da drin?«
Die Stille ängstigte das Mädchen.
Langsam näherte es sich der Küche und trat durch den Türrahmen.
In Augenhöhe sah es die weißen Socken seiner Mutter. Der Blick des Mädchens glitt nach oben. Seine Mutter trug das fliederfarbene Sommerkleid, das das Mädchen so gern mochte. Die langen blonden Haare umspielten in gewohnter Weise ihre Schultern. Doch die Augen der Mutter waren nicht mehr die, die es kannte. Sie schienen aus den Augenhöhlen hervorgetreten zu sein und starrten ausdruckslos nach vorn; sie wirkten stumpf und fixierten einen Punkt über dem Kopf des Mädchens. Der Kiefer der Mutter war geöffnet, die Zungenspitze lugte hervor. Das Gesicht wirkte aufgedunsen und schimmerte leicht violett.
Ein unangenehmer Geruch ließ das Mädchen seine Nase rümpfen.
»Mama?«
Das Mädchen dachte, es hätte die Frage erneut ausgesprochen, aber es konnte sich nicht hören.
Es blickte zu Boden. Ein Küchenstuhl lag umgefallen unter der Mutter, daneben ein Paar rote Lackschuhe, einer davon zur Seite gekippt.
Das Mädchen sah auf seine eigenen Füße, es trug die gleichen Schuhe, nur kleiner.
Als es den Blick wieder hob, erinnerte es sich daran, wie seine Mutter heute Morgen noch ausgesehen und gesprochen hatte.
»Du musst stark sein, Püppi!«
Dann hatte sich die Mutter zu dem Mädchen hinabgebeugt und zärtlich über seine Wange gestreichelt.
»Du musst lernen zu unterscheiden: zwischen Gut und Böse.«
Ganz leise hatte sie diese Worte zu ihrer Tochter gesagt, als könnten die Wände der Wohnung sie belauschen.
»Manchmal ist es wichtig, Dinge zu tun, die getan werden müssen.«
Die Worte klangen noch in ihr nach.
Ein letzter liebevoller Kuss auf die Lippen, ehe das Mädchen losgegangen war zur Schule. Ein Kuss, wie es ihn all die Schultage zuvor zum Abschied erhalten hatte.
Jetzt fiel dem Mädchen auf, dass er sich anders angefühlt, anders geschmeckt hatte. Irgendwie salziger.
Das Mädchen verharrte unschlüssig. Dann verdrängte es.
»Ich habe heute eine Eins in Deutsch bekommen«, sagte es, »und im Rechnen eine Zwei!«
Dabei vermied es das Mädchen, der Mutter ein weiteres Mal ins Gesicht zu sehen.
Sein Magen knurrte.
Ihm fiel ein, dass die Mutter eigentlich die Überreste des Eintopfs vom Vorabend hatte warm machen wollen.
Es machte einen großen Bogen um den Stuhl, die Lackschuhe und die Mutter, ging zum Kühlschrank und holte den schwarzen Emailletopf heraus.
Den Gasherd zu bedienen, war dem Mädchen verboten worden, und es hielt sich daran.
So stellte es den Eintopf kalt auf den Küchentisch.
»Ich decke uns mal den Tisch, ja?«
Aus dem Küchenschrank nahm es drei Teller, einen für sich selbst, einen für den Vater, und einen für die Mutter; aus der Besteckschublade eine Schöpfkelle und drei Esslöffel.
Aus einer anderen Schublade holte es drei Servietten und faltete sie so, wie es die Handarbeitslehrerin im Unterricht gezeigt hatte.
Ordentlich – wie man es ihm beigebracht hatte – drapierte es alles auf dem Tisch.
Dann stellte es fest, dass nur zwei Leute würden sitzen können, und stellte den umgekippten Stuhl zurück auf seine Beine.
Jetzt war alles perfekt.
Das Mädchen nahm Platz.
Erneut meldete sich sein Magen, aber das Mädchen aß nicht.
Minutenlang starrte es auf den Emailletopf, dann drehte es langsam den Kopf zurück zur Mutter. Es sah die Tote nun von hinten, doch seine Augen starrten durch den leblosen Körper hindurch.
So verharrte das Mädchen – bis es ein Geräusch vernahm.
Ein Schlüssel.
Er drehte sich im Schloss und die Wohnungstür klackte auf.
Papa.
Wenn er da war, würden sie endlich essen können.
Die gewohnt langsamen und schweren Schritte näherten sich und der Vater tauchte im Türrahmen auf. Das Mädchen hatte nun beide Elternteile im Blick.
Der Vater erschrak, seine Aktentasche fiel zu Boden.
Seine Pupillen weiteten sich; aus dem geöffneten Mund kam kein Schrei.
»Ich hab das Essen schon auf den Tisch gestellt, Papa.«
Der Vater musterte den leblosen Körper der Mutter, dann wanderte sein Blick wieder zu den Füßen, anschließend zu seiner Tochter. Das Mädchen schenkte ihm ein Lächeln.
»Es gibt Eintopf«, sagte das Mädchen und zeigte auf den Emailletopf.
Die Gesichtsfarbe des Vaters wich und kehrte nach ein paar Sekunden wieder zurück.
Neugierig betrachtete er das Gesicht seiner Frau. Er kniff die Augen zusammen, seine buschigen Brauen wanderten kaum merklich nach oben. Vorsichtig stupste er mit dem Zeigefinger der Linken an den rechten Fuß der Frau.
Der Körper begann leicht zu pendeln.
»Leider kalt«, kommentierte das Mädchen das Mittagessen.
Seine linke Hand strich sanft über die weiße Socke, dann über die Wade; seine rechte Hand zuckte.
Das Mädchen beobachtete, wie er die Lippen aufeinanderpresste, während er weiter auf das Gesicht der Toten starrte. Seine Finger verkrampften sich um die Fußfessel seiner Frau. Gleichzeitig näherte sich seine Rechte seinem Schritt. Das Mädchen erkannte, wie sich langsam eine Beule in der Hose des Vaters bildete. Es erschrak, denn es kannte dieses Zeichen.
»Mmmm«, machte der Vater und blinzelte.
Seine Finger trommelten nun sanft auf der Beule.
»Du musst stark sein, Püppi«, hörte das Mädchen die Stimme seiner Mutter.
Das Mädchen rutschte vom Stuhl und entfernte sich rückwärtsgehend vom Vater.
Jetzt wanderte dessen Blick vom Gesicht der Mutter zu dem der Tochter.
»Du musst lernen zu unterscheiden: zwischen Gut und Böse.«
Nach zwei Schritten war der Weg des Mädchens bereits zu Ende. Es spürte die Tür des Küchenschranks in seinem Rücken.
Der Vater ließ den Fuß der Mutter los und ging langsam an der Toten vorbei. Sein Blick blieb unablässig auf das Mädchen gerichtet.
Er fingerte an seinem Reißverschluss herum.
»Manchmal ist es wichtig, Dinge zu tun, die getan werden müssen.«
»Bitte nicht«, sagte das Mädchen.
»Mmmm.«
Dann schloss das Mädchen die Augen.

Im Kindle-Shop: Vergelte! (Privatdetektivin Sabrina Lampe 2)

Mehr über und von Siegfried Langer auf seiner Website.



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