6. April 2017

'Träume, Tofu und Arthrose: Lilli übt den Ruhestand' von Anna Oldenburg

Alt werden ist Mist?

Lilli stellt sich der Herausforderung. Sie kämpft sich mit sanften Ellenbogen und saftigen Sprüchen durch den Alltag. Begleiten Sie sie bei ihrer pikanten Partnersuche, beim verschämten Besuch in der Praxis eines Schönheitschirurgen. Gehen Sie mit ihr in die Sauna oder in den Baumarkt. Oder nehmen Sie sie in die Arme und trösten Sie sie, denn „Kurt heiratet eine andere“. Lilli nimmt es nicht krumm, wenn Sie über sie schmunzeln. Ganz im Gegenteil!

Es erwarten Sie humorvoll-satirische Episoden über das Älterwerden.

Gleich lesen: Träume, Tofu und Arthrose: Lilli übt den Ruhestand

Leseprobe:
Zwei Eisen im Feuer
„Du siehst so sexy aus heute“, Ruth stochert mit der Gabel in ihrem Salat, zerquetscht ruckartig eine Olive und stiert mir sekundenlang in die Pupillen, ohne zu blinzeln. „Genau“, findet auch Gitta, „richtig frisch, nicht so mitgenommen wie sonst.“ Jetzt sind es schon zwei Augenpaare, die mich fixieren. „Also gut“, ich ziere mich noch ein wenig, nippe an meinem Chablis, dann bediene ich die Neugier meiner Freundinnen: „Ich hab` eine Anzeige aufgegeben, eine Kontaktanzeige.“ Ohne mein Bekenntnis zu würdigen, schnarrt Sabine: „Das macht man heute mit ´ner Dating-App.“ „Was ist ab?“, Gittas Frage wabert unbeantwortet durch den Raum. Nur Ruth zeigt eine angemessene Reaktion: „Ist ja genial. Und jetzt?“ „Jetzt warte ich auf Antworten!“ Ich winke den Ober herbei und bestelle eine Runde Aperol Spritz.
In den nächsten Tagen trudeln 27 Briefe ein. Vielleicht wären es ein paar mehr gewesen, wenn ich mein Alter und mein Gewicht ein wenig nach unten, dafür meine Größe nach oben korrigiert hätte? Ich sortiere zunächst offensichtliche Massenanschreiben aus (7), dann die Briefe, deren Verfasser pathologische Wünsche anmelden (4), dann die, die nach Verzweiflung riechen (5). Die verbleibenden 11 Schreiben lasse ich mehrere Tage und etliche Wannenbäder lang auf mich wirken.
Meine Wahl fällt auf Bernd-Peter aus Unna. Bernd-Peter ist Staatsanwalt i.R. und sieht auch so aus, im besten Sinne. Er ist groß, fast schlank, mit stechendem Blick und einer markanten Adlernase. An seiner Seite ist frau sicher, er ist der Beschützer par excellence. Vor seiner Aura kuschen böse Buben. Das interpretiere ich mühelos in sein stilvolles Schwarz-Weiß-Foto hinein. Ja, ich stehe dazu, dominante Männer ziehen mich magisch an.
Nach zwei Wochen folge ich seiner Einladung in den Norden. Im Zug male ich mir die verschiedenen Varianten unserer schicksalhaften ersten Begegnung aus, unter anderem auch die, wie ich elegant flüchten würde, falls nicht Dr. Jekyll, sondern Mr. Hyde mich am Bahnhof erwarten sollte. Mein Brainstorming findet ein jähes Ende als kurz hinter Nürnberg ein richtig schwerer Rucksack auf meine Zehen plumpst. „Mann, ey“, entfährt es mir im Jargon meines Enkels. „Oh mein Gott“, stammelt der Rucksackeigner. Er umfasst sanft meine Ellenbogen und ich ertrinke in seegrünen Augen. Damit nimmt die Verwirrung ihren Lauf. Wir plaudern aufeinander ein, wir flirten, lachen.
Bevor Uwe in Frankfurt aussteigt, gibt er mir seine Visitenkarte (Ehe-, Lebens-, Erziehungsberatung) und ich stecke ihm meine fahrig auf Bonbonpapier gekritzelte Telefonnummer zu. Mein Handy, vorausschauend auf stumm geschaltet, vibriert in meiner Jackentasche als ich Bernd-Peter auf dem Bahnsteig in Unna zart umarme. Und Bernd-Peter ist definitiv Dr. Jekyll, kein bisschen Mr. Hyde. Volltreffer!
Es ist phantastisch. Ich genieße mein Leben, wie ich es mit verklemmten zwanzig Jahren versäumt habe zu genießen! Uwe ist der sanfte Frauenversteher, lässiger Freizeitpartner für Sauna und Biergarten, mal tiefgründig, mal witzig, unwesentliche elf Jahre jünger als ich. Bernd-Peter ist der Mann für den großen Auftritt, stilsicher, gewandt, kommunikativ, aber auch zuverlässig zur Stelle bei den Kümmernissen des Lebens. Beide sind großartig! Wie ist es nur möglich, dass sie noch auf dem Markt sind??
Uwe ist ein wenig im Vorteil, weil uns nur läppische 330 Kilometer trennen, während Bernd-Peter mit 610 Bahnkilometern mehr gefordert ist. Mit Uwe treffe ich mich daher hin und wieder „außer der Reihe“. Zum Beispiel heute. Der Tag ist bisher so gnadenlos trist verlaufen, dass ich mir eine Belohnung in Aussicht stellen muss, um psychisch gesund zu bleiben. „Kommst du mich trösten?“, simse ich Uwe. Zwei Minuten später macht mein Handy „Bling“ und kündigt seine Antwort an: „Klar! Komme sofort. Kauf nix zum AE, ich koche!“
Hurtig eile ich in die Stadt, um bei Karstadt einen neuen Bügel-BH in der Farbe Petrol zu erwerben. Mit der Unterwäsche, die ich seit Beginn meines mehrjährigen, unfreiwilligen Zölibats trage, kann ich Uwe nicht in den Wahnsinn treiben. Und genau das habe ich heute vor! Als ich den Traum aus Spitze in meiner fahlen Schlafzimmerbeleuchtung auspacke, befallen mich Zweifel: mein Körper passt irgendwie nicht dazu. Ich würde meine Haut ja nicht runzelig nennen, soviel Respekt vor dem eigenen Körper muss sein, aber von jugendlicher Straffheit ist er ziemlich weit entfernt. Was soll´s, ich werde um so mehr Sinnlichkeit in mein Tun und meine Stimme legen. Ich dimme das Licht in der gesamten Wohnung, stelle Kerzen auf und sprühe ein bisschen zu viel Eau de Toilette über mich. Das hat einen quälenden Hustenreiz zur Folge, der meine gespannte Vorfreude aber nur wenig dämpft.
Uwe kommt kurz vor Mitternacht, beladen mit Tüten. Schon im Flur drängt er mich gegen den Garderobenständer und hüllt mich in leidenschaftliche Küsse. Er kann küssen. Er sabbert nicht und er zerquetscht mir mit der Zunge nicht die Mandeln. Er macht alles richtig. Die Gallonen von Parfum bringen auch ihn zum Husten. Aber das ist kein Nachteil, denn es bremst seine Leidenschaft, sodass er die Tüten leeren und das versprochene Nachtmahl bereiten kann ...

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Mehr über und von Anna Oldenburg auf ihrer Website.



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