16. Januar 2012

Bücher sind Denkspiele

Was würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen? Das ist auch ein beliebtes Denkspiel. Der praktisch Veranlagte wird möglicherweise an Angel, Axt und Zündhölzer denken, bei mir gehörten schon immer Bücher dazu. Lieblingsbücher, als Teenager auch Schallplatten, die ich nicht missen mochte. Weil jedoch der Platz begrenzt ist, muss man sich entscheiden, und in jeder Lebensphase fällt die Wahl anders aus. Die modernen Zeiten machen es endlich leicht. Mit dem Griff zum eBook-Reader ist die eigene Bibliothek eingepackt und es bleibt noch reichlich Platz in der Tasche für andere nützliche Dinge.

Und schon hat er sich eingeschlichen, der Denkfehler. Genauso, wie damals eine Schallplatte ohne Abspielgerät sinnlos war, wird heute ein Reader mit leerem Akku nicht viel Freude bereiten – von einem Kraftwerk auf der einsamen Insel ist eher nicht auszugehen. Also doch ein richtiges Buch, aus Pappe und Papier. Mit geneigtem Kopf stehe ich unschlüssig vor dem Regal, lasse den Blick über die Buchrücken streifen und halte die Lesebrille fest. Die Brille, fast hätte ich nicht daran gedacht, die muss inzwischen auch mit, wenn ich mich nicht nur am heimeligen Blätterrascheln erfreuen will.

Ich liebe Bücher, halte sie gern in der Hand und blättere immer wieder darin. Dabei ist es mir gleich, ob sie in Leinen gebunden oder Paperback sind. Ich finde es nicht schlimm, wenn der Schutzumschlag eingerissen, das Papier vergilbt oder der Einband abgegriffen ist. Das Buch ist nur ein Behältnis für die Geschichten und das Wissen, die darin aufbewahrt sind. In diese Gedankenwelten will ich versinken, wenn ich mir ein Buch kaufe. Ich will lesen, will Zeile für Zeile zu Denkspielen verführt werden. Es ist egal, ob sich das auf Seiten aus Papier oder auf einem elektronischen Display vollzieht – einem guten Buch, besser gesagt einem guten Autor, gelingt dieses Kunststück mit dem ihm eigenen Material: der Sprache.

Kommt es nicht allein darauf an? Mich verwundern die Bedenken, mit der technischen Entwicklung und der damit einhergehenden Verbreitung von eBooks gerate das Buch als Kulturgut in Gefahr. Ob gedruckt oder digital, es wird künftig beides geben. Jede Form, in der eine Geschichte mich erreicht, hat ihre Berechtigung. Es ist und bleibt der Inhalt, den ich mir erschließen will. Ich habe Klassiker der Weltliteratur in Reclam-Heftchen gelesen, die ich heute noch besitze. Ich habe Prosa in Prachteinbänden gelangweilt zur Seite gelegt. So lang es das Internet gibt, bin ich auf wunderbare Texte gestoßen, die ich mir als Dokument auf der Festplatte aufbewahre. Und nun ist es möglich, fast mehr Bücher im Speicher des eBook-Readers bei sich zu tragen, als ein einzelner Mensch im Leben zu lesen vermag.

Aus der Perspektive der Leser bringt diese Entwicklung nur Vorteile. Er kann noch freier entscheiden, was, wie und wen er lesen will. Auflage vergriffen? Egal, dann hole ich es mir digital. Statt Skepsis zu streuen, steht der Buchmarkt vor der Aufgabe, sich diesen Veränderungen anzupassen. Das Argument, das gebundene Buch in seiner Verarbeitung und Haptik sei als kulturelle Errungenschaft vom Untergang bedroht, ist denkbar schwach. Das Buch darf Papier sein oder Pixel. An den Gedanken, zu denen ein Buch einlädt, ändert sich ganz und gar nichts. Es geht um die Inhalte, die Denkspiele, nicht um das Trägermedium, auf dem sie sich materialisieren.

Um es noch einmal zu sagen: Ich mag gedruckte Bücher. Ich bewundere sie, wenn sie alt und kunstvoll sind. Ich halte ehrfurchtsvoll vor Handschriften und Inkunabeln den Atem an – einerseits, weil sie wunderbare Zeugnisse unserer Kultur sind; andererseits, damit die Scheibe der Vitrine nicht beschlägt, die das verletzliche Original im Museum vor mir schützt. Was in ihnen geschrieben steht, kann ich in modernen Nachdrucken bewundern. So wie all das, was wir von Steintafeln, Palmblättern und Papyrus übertragen haben. Wenn man bedenkt, wie viel im Laufe der Geschichte an Geschriebenem verloren gegangen ist, weil es auf vergänglichem Material gebannt war und leicht der menschlichen Dummheit, Willkür und Zerstörungswut zum Opfer fallen konnte.

Was für eine Innovation war da der Buchdruck, der Wissen vervielfältigen und Ideen verbreiten half. Wie fortschrittlich war es, als sich Bücher in ein kostbares Handelsgut verwandelten. Wie ungeheuerlich muss es angemutet haben, als Bücher nicht mehr nur auf Messen einer elitären, gebildeten Leserschaft, sondern auch auf gewöhnlichen Jahrmärkten feilgeboten wurden. Es ist spannend, diese historische Entwicklung einmal etwas genauer zu betrachten, auch mit Blick auf jene, die sich mit Index und Bücherverbrennungen der Freiheit des Wortes entgegenstemmten. Als Anfang des 18. Jahrhunderts Maschinen die Handarbeit ablösten, wurden Bücher auch für ein breites Publikum erschwinglich und erst jetzt konnten sich Buchhandel und Verlagswesen im modernen Sinne entfalten. Wieder stand eine technische Weiterentwicklung am Anfang und ganz bestimmt wurden Stimmen laut, die den Untergang der abendländischen Kultur nahen sahen. So können wir, mit dem sinnbildlichen Finger auf einem imaginären Zeitstrahl, bis ins Heute verfolgen, wie neue Entwicklungen den Buchmarkt, die Literatur und das Lesen verändert haben. Kino, Fernsehen, Computer und Internet haben dem Buch nicht geschadet. Bei genauer Betrachtung geschah genau das Gegenteil, weil immer auch Barrieren abgebaut, Kommunikation beschleunigt und Interessen genährt wurden.

Mit dem eBook vollzieht sich gerade wieder so ein tiefgreifender Wandel. Die Lesegeräte werden kleiner, leichter und leistungsfähiger. Die Technik ermöglicht es, die Reader den Bedürfnissen und Gewohnheiten der Leser anzupassen. Es wäre doch mehr als töricht, diese Möglichkeiten und Chancen nicht zu nutzen. Mit den eBooks haben sich die Bücher einen neuen Freiraum erobert, sind schneller und näher bei ihren Lesern. Der Zweck eines Buches besteht nicht darin gedruckt, sondern gelesen zu werden. Wenn das Denkspiel zwischen den realen oder virtuellen Seiten fesselnd, spannend und aufregend ist, wird man an das Geräusch des Papiers beim Umblättern ohnehin keinen Gedanken verschwenden.

Und allen Bedenkenträgern zum Trotz: Wie sich mehr und mehr herumspricht, lesen die Besitzer von eBook-Readern heute eifriger als vor dessen Erwerb – sogar 600-Seiten-Romane, mit einer Hand gehalten zwischen Daumen und Zeigefinger, stehend in der U-Bahn, geschlagene 20 Minuten lang.

Lutz Schafstädt


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