29. Februar 2012

"Abwärts" von Uwe Kullnick

Eine Groteske mit dem Untertitel: "Es brennt - Na und?" Nachts in Eilat, Israel, und ein Hotel am Roten Meer. Noch ahnt niemand, wie absurd und furchtbar der Film sein wird, den die Menschen durchleben müssen. Lesermeinung: "Uwe Kullnick gelingt es blitzlichtartig, immer neue Mosaikteilchen aus dem flammenden Szenario zusammenzustellen. Im Ergebnis entsteht eine spannungsdichte Beschreibung der Geschehnisse."

Was verbindet die vielen internationalen, jüdischen Reise-Rentner, ein wie unsinnig vögelndes Pärchen, die deutschen Touristen, den Modenschau-Manager und seine Modelle, die konkurrierenden Feuerwehren, die Hotelangestellten und den schlampigen Direktor, ein U-Boot, sterbende Meerschweinchen, Bruce Willis, Ausschwitz-Überlebende, eine Schar Behinderter einschließlich Bus und Betreuern und die Leiche in der Kühlkammer? Nur das Feuer in der Nacht? Und was haben "gestockte Eier" damit zu tun?

Gleich lesen: ABWÄRTS Es brennt - Na und?

Leseprobe:
Er war nur noch der Rest seines Lebens, ein Müllsack biologischer Prozesse, schwer und unbeweglich. Nun ist er richtig alt und das Dasein ist mühsam. Groß, war er früher einmal. Nach dem Schlaganfall standen sein Gesicht und sein Mund schief in der Welt. Dunkel klaffte der schräge Spalt und die bläuliche Zunge hing nach vorn über die Lippen. Ein grauer Hut kauerte auf kahlem Kopf über der wie ein Holzscheit verzogenen Gestalt. Im gestärkten Schlafanzug schlich er, den Sound des Brandalarms summend, guter Dinge treppab. Lange war nicht mehr so viel passiert in seinem bisschen Leben.
„Gestockte Eier“, schrie Ute.
„Was soll das denn sein, gestockte Eier?“, brüllte Gerd zurück.
„Du hast auch gar keine Ahnung.“
„Musst du gerade sagen. Hätte ich nicht gesagt, dass die Rühreier komisch schmecken, hättest du gar nichts gemerkt, mein Schatz.“
Sie schrien gegen die Sirenen an. Feueralarm. Im blassblauen Schlafanzug stürmte Gerd die Treppe runter. Ute war direkt hinter ihm. Sie hielt mit der linken Hand ihre Brüste, die, ohne den Halt ihres XXL-BHs kaum zu bändigen waren. Damit nicht genug, bei jedem Schritt verfluchte sie ihren winzigen Slip und ihr Nachthemd, das, obwohl sie es mit der Rechten verzweifelt zwischen die Schenkel presste, ständig ihren blanken Halbmond aufblitzen ließ. So ging es die Treppe hinab. Einige Stockwerke waren schon an ihnen vorbeigeglitten und nun kam das Erdgeschoß näher. Barfuss, halb nackt, flohen sie eilig und aufgeregt abwärts – auf dem vorgeschriebenen Fluchtweg natürlich. Und nicht nur sie flohen.
Langsam wurde es heiß. Der Kühlturm römisch IV, eines der sechs Kühlelemente des Hotels, war nicht mehr länger zuverlässig. Der Hausmeister hatte ihn schon öfter mit Zureden, dem Austauschen von Sicherungen und kräftigen Tritten wieder in Gang bekommen. Seit dem Jahreswechsel bekniete er den Direktor, „Bitte, ich bitte sie inständig, bestellen sie die Wartung, irgendwann geht nichts mehr.“
„Ach Quatsch, wenn einer ausfällt haben wir noch fünf andere.“
Dieses erste Gespräch war nun drei Jahre her und das Intermezzo wiederholte sich ab und an aber stets mit dem gleichen Ergebnis. Nun hatte Nr. IV endgültig aufgegeben. An dieser speziellen, klitzekleinen Stelle hinter den Sensorkabeln, direkt über dem alten Lappen, den der Hausmeister zum Abwischen des Heizölanzeigestabes benutzte, bis er irgendwann hier liegen geblieben war, knisterte es. Die winzigen weißen Funken, die jemand, wenn er denn im Raum gewesen wäre und kein Licht gemacht hätte, hätte wahrnehmen müssen. Es waren schon eine ganze Menge Konjunktive die da zusammenkamen. Ein weiterer, unbedeutender Konjunktiv murmelte, „Was wäre denn, wenn es jetzt mal ordentlich funkte und den Öllappen entzündete? Da unten liegt ein klasse Brandbeschleuniger und später kommt dann die Wartungsfirma. Was soll großartig passieren?“
Der erste Teil dieses Konjunktivs funktionierte perfekt, aber dann entgleiste ihm die ganze Geschichte. Der Lappen lag auf einer alten Pappe. Diese wiederum erfüllte ihren Nichtzweck und fing ebenfalls an zu brennen. Nun, da schon einmal ein paar Flämmchen beisammen waren, beschlossen sie, ordentlich einen drauf zu machen.
Niemand, der bei Verstand ist, kommt auf die tollkühne Idee einen Eimer mit Teer, der vom Ausbessern des Daches übrig ist, in einen brandgefährdeten Raum zu stellen. Daher stand er auch nicht im Heizungskeller sondern lungerte hier bei den Kühlaggregaten herum, vollgeschmiert und nicht richtig verschlossen. Das Feuerchen sah ihn, runzelte heiße Stirn, machte sich lang und wurde beim Ablecken des Teers zum Halbstarken.
Die Rauchmelder in diesem Raum warteten schon ebenso lange vergeblich auf ein Wartungsteam wie die Kühlung und so schliefen sie fest als die ersten Rauchschwaden aufstiegen. Der fette, schwere Rauch des Teers drang durch die Türritzen und ins Mitteltreppenhaus. Nachdem die Holztür aufgegeben hatte folgten ihm die Flammen in den Flur. Es war kurz vor Mitternacht als das Feuer so richtig Anlauf nahm und sich dämonengleich auf das erste Stockwerk stürzte.

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