16. April 2012

'5 Minuten und 4 Sekunden' von Elsa Rieger

Ein Monolog, aber nur beinahe. Eine Frau klettert auf die Plattform eines Kirchturms, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Wird sie springen? Eine Kurzgeschichte.

Leseprobe:
Wie der Wind um die Turmspitze pfeift. Eigentlich ist es mehr ein Singen. Seit Ewigkeiten bläst er durch die Turmluken und brachte damit vermutlich Generationen von Glöcknern zur Raserei.
Heutzutage wird sie ja wohl elektronisch geläutet. Schön ist sie. Ob sie geläutet werden wird, danach? Wohl kaum. So etwas wird nicht an die große Glocke gehängt – wie man so sagt.

Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass es hier so kühl und frisch ist. Eine Wohltat ...
Und es sind nicht mehr als einhundertdreißig Meter, die mich von da unten trennen, einhundertdreißig Meter zwischen mir und der bleiernen Schwüle. Seit Wochen diese Glut über der Stadt. Nicht der leiseste Hauch durchbricht das grausame Flirren. Der Asphalt klebt wie halbgeschmolzener Gummi an den Schuhen – die Hitze durchdringt die Sohlen, bis man meint, über einen Hochofen zu wandeln. Aber hier ist eine andere Welt, ungestüm zerrt der Wind an meinem Kleid, er singt: Komm, so komm doch ... und die klitzekleinen Ameisen da unten schleppen sich schwitzend über den Domplatz, ahnungslos und erschöpft.
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